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“Ich weiß nicht, was mein Kind braucht - und mein Kind kann es nicht selbst benennen”

Bild: Anne Richard

Hier auf Steady teile ich anonymisiert einige eurer langen E-Mails und meine ausführlichen, empathischen und recherchierten Antworten. Ich bin kein Coach und keine Psychotherapeutin und würde euch bei entsprechenden Fragen bitten, Fachpersonal zu konsultieren. Wenn es bei euch im Alltag an kleinen Dingen hakt und ihr gern meine Einschätzung hättet, schreibt mir gern an anna [punkt] brachetti [at] posteo [punkt| de.

Hallo liebe Anna,

Wir haben zwei wunderbare Töchter (beide im April 4 und 2 Jahre alt geworden) und zum Umgang mit unserer älteren Tochter habe ich eine Frage. Sie hat früh angefangen zu sprechen und kann sich mit ihren 4 Jahren wirklich gut ausdrücken. Sie ist ein sensibles und zurückhaltendes Mädchen.
Ich kann mich in vielen Situationen gut in sie hineinversetzen - auch ich war eher ein schüchternes und ruhiges Kind. Vor allem in fremder Umgebung und mit vielen Menschen um mich herum. So ähnlich geht es ihr auch.

Ein Beispiel: Am Samstag waren wir auf einem Kindergeburtstag eingeladen. Mit den meisten anwesenden Kindern und Erwachsenen hat sie regelmäßig Kontakt und einige hat sie bisher erst einmal gesehen. Es war eine kleine Runde. Vor solchen Treffen sprechen wir immer mit ihr und erklären ihr wer und was sie erwartet. So weiß sie wo wir hingehen, was sie in etwa erwartet und wer da sein wird. Das gibt ihr Sicherheit und das merken wir auch. Wir besprechen, dass sie erstmal ankommen kann und nicht sofort mit allen sprechen oder antworten muss. Die meisten unserer Freunde wissen das und lassen sie erst ankommen bevor sie mit ihr direkt sprechen. Wir bleiben in den ersten Minuten an ihrer Seite und halten ihre Hand solange sie es braucht. Nach einiger Zeit fühlt sie sich wohl genug und erkundet Spielsachen und die Wohnung. Sprechen vor den anderen (eher den Erwachsenen) fällt ihr trotzdem schwer. So kommt es zu Situationen in denen sie einen Keks vom Tisch nehmen möchte, sich aber nicht traut weil zu viele am Tisch drum herum sitzen. Meistens kommt sie dann und fragt mich oder meinen Mann nach Unterstützung - das finde ich ok. Wir gehen dann zusammen und sie nimmt sich den Keks.

An diesem Nachmittag war es aber auch oft so, dass sie sich einfach stumm und wütend auf den Boden setzt und "dicht" macht. Sprechen wir sie dann an, wird sie richtig sauer und wütend. In dieser akuten Situation hab ich mich zu ihr gesetzt und einfach gewartet. Es kam aber nichts mehr von ihr. Ich bin dann mit ihr ins Bad gegangen und habe in aller Ruhe nochmal mit ihr sprechen wollen. Ich sage ihr dann, dass es mir und ihrem Papa schwerfällt immer zu wissen, wie es ihr geht und was sie braucht. Und das sie mit uns reden kann - immer und wir ihr dann besser helfen können. Daraufhin hat sie aber wieder wütend dicht gemacht und wollte nichts mehr davon hören. Es kommen dann Dinge wie "Ich höre gar nicht mehr zu" und "Ich will nicht reden". Das ist sehr deutlich und dann beende ich das auch und respektiere das.

Mit ihrer Erzieherin im Kindergarten (sehr sehr toller Kindergarten) haben wir das auch bereits mal besprochen. Wir sind dabei verblieben mit ihr viel zu üben. Also das sie formuliert, was sie gerade braucht oder sich wünscht. Denn auch im Kindergarten ist das eine Hürde und da hat sie nicht uns Eltern dabei, die mittlerweile darauf geschult sind (ohne Worte) zu erkennen, was sie braucht oder will. Die Bezugserzieherin erkennt es auch gut aber hat natürlich diese Ressourcen gar nicht darauf immer so lange und intensiv einzugehen. Wir haben diese Situationen auch daheim wo nur wir vier dann zusammen sind. Das etwas nicht passt oder sie ärgert und sie dann nicht sagen kann oder will was denn los ist. Ehrlich gesagt, macht uns das manchmal wahnsinnig. Sie "grunzt" dann nur noch wütend zurück oder schreit so laut sie kann. Dann sagen wir ihr, dass wir sie dann erstmal in Ruhe lassen und sie mit uns reden kann, wenn sie bereit ist. Das passiert natürlich nach dem 5. Urschrei von ihr auch nicht mehr sehr nett. Oft erfahren wir dann trotzdem nichts weiter.

Wir stellen uns seit diesem Nachmittag wieder viele Fragen. Nehmen wir ihr vielleicht zu viel ab? Sollten wir sie in dieser Situation mal länger belassen? Also dass sie etwas möchte oder braucht und wir quasi wissen was aber es sie formulieren lassen? Also natürlich erstmal nur uns gegenüber, nicht jetzt dass sie vor "Fremden" zum sprechen gezwungen ist. Ich glaube wir sind halt beide total darauf geschult, zu erkennen was los ist oder los sein könnte. Wir machen ja nichts anderes seitdem sie bei uns ist:) Wir versuchen herauszufinden, was sie hat und braucht - schon immer. Wie können wir sie besser in dieser Situation unterstützen? Also so dass sie sich dahin weiterentwickeln kann und ihr Selbstbewusstsein wächst. Wir haben beide einfach gerade keine Handlungsalternative. Sie hat die Sätze von uns ja schon hundertmal gehört und weiß es bestimmt auch. Aber umgesetzt bekommen wir es einfach in diesen Situationen nicht immer. Entweder spricht sie und wir helfen oder es herrscht erst Schweigen auf Nachfrage und dann viel Wut. Wir haben in der Vergangenheit schon ein paar Erfolge gesehen, haben aber das Gefühl gerade bildet es sich eher zurück. Also wir versuchen es vorzuleben und sie zu ermutigen, befinden uns aber gerade in einer Sackgasse. Ihre kleine Schwester ist da komplett gegenteilig. Sie weiß genau was sie will und formuliert dass schon einwandfrei und quasi ständig. Die kleine Schwester formuliert auch so Dinge bereits wie "Ich bin sauer mit dir" wenn sie sauer ist und ihr nicht gefällt was wir gesagt haben. Das ist so wertvoll und hilfreich. Vielleicht hast du ja da einen anderen Blick auf diese Situation und kannst uns einen wertvollen Tipp geben.

Liebe Grüße,

Juleika*

Kategorie Neurodivergenz

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