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Do it for the money! Finanzen regeln in der Academia

„Wenn ich an Geld interessiert wäre, hätte ich andere Lebensentscheidungen getroffen!“ So oder so ähnlich habe ich halb lachend, halb ernst schon häufiger in Diskussionen meinen Weg in die Wissenschaft kommentiert. Erst mit meiner Entscheidung für den Weg aus der Wissenschaft heraus habe ich ernsthaft begonnen, mich mit dem Thema Finanzen auseinanderzusetzen — das hatte ich im letzten Newsletter schon kurz erwähnt. Weil es dazu aber noch einiges mehr zu sagen gibt, möchte ich in der heutigen Ausgabe noch einmal ausführlicher auf den Umgang mit Geld zu sprechen kommen. Dabei greife ich Punkte aus einem Bluesky-Thread (Öffnet in neuem Fenster) auf, den ich vergangene Woche dazu verfasst habe, und erweitere sie um ergänzende Überlegungen. Auch hilfreiche Hinweise aus der Community in Reaktion auf meinen Thread werde ich berücksichtigen.

Warum eine Auseinandersetzung mit Finanzen sich immer lohnt — besonders für befristete Wissenschaftler_innen

Das Thema Finanzen blenden viele Wissenschaftler_innen gern aus. Ich selbst gehörte auch lange dazu. Es gibt vielfältige Gründe dafür, dass Finanzen in der Wissenschaft oft kein Thema sind: weil das Geld in Teilzeit gerade zum Leben reicht, zumal in teuren Uni-Städten und angesichts steigender Mieten. Wiederholte Ausgaben durch regelmäßige Umzüge an neue Arbeitsorte, jahrelanges Pendeln etc. erschweren das Bilden substanzieller Rücklagen massiv — etwas, das wir oft lieber verdrängen, als uns damit zu konfrontieren. Hinzu kommt: Wer zwischendurch arbeitslos ist und mit Arbeitslosen- oder gar Bürgergeld versucht, den eigenen Lebensstandard in dieser Phase einigermaßen zu halten sowie weiter am wissenschaftlichen Austausch mitsamt seinen Workshops, Konferenzen inklusive Conference Dinners, Article Processing Charges und Druckkostenzuschüssen teilzuhaben, ist rasch gezwungen, die spärlichen Rücklagen dafür weiter zu minimieren.

Ein weiterer zentraler Faktor soll zudem nicht unerwähnt bleiben: Das Thema Finanzen blenden viele von uns möglicherweise auch deshalb beständig aus, weil sie insgeheim doch noch die Hoffnung hegen, eine rettende Lebenszeitprofessur zu ergattern, inklusive der damit regelmäßig verbundenen Verbeamtung und entsprechenden Pensionsansprüchen. Die Idee dahinter: All das soll dann die ganzen finanziell überschaubaren Jahre des bisherigen Erwerbslebens in der Wissenschaft kompensieren. Das Problem ist jedoch bekanntermaßen dies: Die meisten von uns bekommen nie eine solche Professur. Stattdessen muss das Gros der Wissenschaftler_innen in Deutschland sich im Alter von Anfang/Mitte 40 beruflich umorientieren. Ein nahtloser Übergang in eine neue Beschäftigung ist dabei keineswegs garantiert. Unsere gesetzlichen Rentenansprüche sind durch den studiumsbedingt späten Berufseinstieg, Teilzeitbeschäftigung und Phasen der Erwerbsarbeitslosigkeit überdies oft sehr überschaubar; ob sie sich im neuen Beruf mit über 40 noch signifikant anheben lassen, ist eher fraglich.

Wissenschaft als Beruf erweist sich damit für viele von uns auch finanziell als Verlustgeschäft, für das wir einen hohen persönlichen Preis gezahlt haben (unbezahlte Überstunden, massive Arbeitsbelastung teils bis hin zum Burnout, soziale Beziehungen unter Dauerstress etc.). Um das zu ändern, braucht es endlich faire Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft: angemessene Vertragslaufzeiten in der Promotionsphase, die vor Erwerbsarbeitslosigkeit schützen, sowie die unbefristete Beschäftigung als Regelfall nach der Promotion. Außerdem bedarf es der Abschaffung von Zwangsteilzeit, bei der in der Wissenschaft regelmäßig auch noch Vollzeit-Arbeit und mehr erwartet wird (dass durch derartige, nach wie vor verbreitete Praktiken tarifvertragliche Regelungen unterwandert werden, wird seit Langem immer wieder bemängelt).

Bis diese Ziele politisch umgesetzt worden sind, wird es jedoch wohl noch eine Weile dauern. Daher stellt sich die Frage, wie wir bis dahin bestmöglich mit der Situation umgehen können, um die durch die wissenschaftliche ‚Karriere‘ erlittenen finanziellen Verluste so gering wie möglich zu halten. Mein Appell an alle, ob mit oder ohne Ausstiegspläne: Beschäftigt Euch mit Euren Finanzen! Das ist grundsätzlich hilfreich, denn es macht Euch unabhängiger von Academia. Das hilft auch dann, wenn Ihr nicht aussteigen wollt, denn je größer die finanzielle Unabhängigkeit, desto besser gelingt es, sich nicht alles gefallen zu lassen. Aber auch für Ausstiegserwägungen ist es entlastend: Je älter man wird, desto größer wird der Druck, in der Wissenschaft zu bleiben, denn die finanziellen Einbußen durch die Karriere summieren sich ja von Jahr zu Jahr auf. Das führt dazu, dass Leute trotz Ausstiegsabsichten im System bleiben, weil sie fürchten, sonst finanziell in Not zu geraten. (Das kann ich aktuell auch wieder einigen persönlichen Zuschriften entnehmen, die mich als Reaktion auf meine Ausstiegsankündigung erreicht haben.) Die Auseinandersetzung mit den eigenen Finanzen ist ein erster Schritt, um das Armutsrisiko einzudämmen, auch im Hinblick aufs Alter. Das ist vor allem für Frauen wichtig, die von Altersarmut besonders bedroht sind: 2024 war in Deutschland mehr als ein Fünftel der Frauen über 65 armutsgefährdet (Öffnet in neuem Fenster).

Wer mir jetzt schreibt, dass es zynisch sei, vor allem befristet beschäftigten Wissenschaftler_innen zu raten, dass sie sich mit ihrer finanziellen Lage auseinandersetzen sollen, weil man schon jetzt kaum über die Runden kommt: Ich fühle das. Mir ging es früher genauso — und meine aktuelle finanzielle Lage bleibt sicherlich auch weit zurück hinter der vieler anderer Hochschulabsolvent_innen in meinem Alter. Aber es wird Zeit, dass wir Wissenschaftler_innen gerade deshalb nicht mehr so tun, als machten wir Wissenschaft nicht fürs Geld und dieses sei uns gänzlich gleichgültig! Nur: Was lässt sich überhaupt tun, um die eigenen Finanzen unter den erschwerten Bedingungen einer akademischen Laufbahn möglichst gut zu regeln?

Wo anfangen? Ein paar Impulse für die Auseinandersetzung mit Finanzen

Es klingt vorhersehbar und wenig überraschend, und das ist es auch — aber ich wünschte trotzdem, ich könnte es meinem Ich der letzten 14 Jahre zurufen: „Spar zumindest ein bisschen Geld!“ Selbst kleinere, ein- oder zweistellige Summen im Monat zur Seite legen hilft schon. Angenommen, ich hätte während der Promotion 10 Euro im Monat gespart, als Postdoc 20 Euro im Monat und als Juniorprof 30 Euro im Monat, dann hätte ich allein damit schon über 3.000 Euro zusammen. Das ist nicht viel? Mag sein. Aber es ist besser als nichts, und selbst in finanziell angespannten Phasen hätte ich diese kleineren Summen wahrscheinlich irgendwie entbehren können.

Sparen ist aber nicht der einzige Ansatzpunkt. Es geht auch darum, die eigene Arbeit nicht unter Wert zu verkaufen — zum Beispiel, wenn wir Vorträge halten. Es ist bislang eher nicht üblich, für Fachvorträge in der eigenen Community vergütet zu werden (bei Konferenzen usw. zahlt man im Gegenteil oft noch drauf), wobei ich es immerhin zunehmend erlebe, dass etwa auch für Vorträge in Kolloquien und Ringvorlesungen im eigenen Fach kleinere Honorare gezahlt werden. Und: Insbesondere bei Vorträgen und sonstigen Serviceleistungen außerhalb der eigenen Community (Gutachten, Vermittlung von Inhalten und Skills an Dritte außerhalb der Hochschule oder Einrichtung, Verfassen von Beiträgen für Medien usw.) bietet es sich an, Honorare zu erfragen und dafür eine angemessene Höhe auszuhandeln. Was dabei angemessen ist, darf und sollte offen mit Kolleg_innen besprochen werden, die Ähnliches tun. Das nützt nicht nur Euch selbst, sondern auch besagten Kolleg_innen — vor allem denen, die selbständig arbeiten, die als Privatdozent_innen gerade ohne Einkommen sind, die lächerlich vergütete Lehraufträge haben o.ä. und denen es noch gravierender schadet, wenn Leute mit regulärem Einkommen dieselbe Arbeitsleistung kostenlos oder zu Dumping-Preisen anbieten, nur, weil sie zum Bestreiten ihres Lebensunterhalts nicht zwingend auf entsprechende Einkünfte angewiesen sind. Also: Verkauft Euch und Eure Arbeit nicht unter Wert, um Euretwillen und im Interesse anderer!

Ah, und apropos Vergütung Eurer Arbeit: Denkt daran, Eure Ansprüche auch über die VG Wort geltend zu machen! Man kann dort u.a. wissenschaftliche Publikationen melden (besonders für Bücher lohnt es sich, aber auch Aufsätze läppern sich zusammen), genauso wie Blogbeiträge und andere digital erschienene Texte. Was Ihr über die VG Wort, Honorare usw. erhaltet, müsst Ihr natürlich in der Steuererklärung angeben. Aber die solltet Ihr ohnehin in Angriff nehmen, denn:

Eine Steuererklärung machen kann sich richtig lohnen!

Bei mir zählt sie zu den verhasstesten Tätigkeiten überhaupt, aber ich mache sie trotzdem mit Vergnügen, weil ich bislang jedes Mal eine ordentliche Rückzahlung erhalten habe: die Steuererklärung. Ich selbst finde das Portal Elster dafür inzwischen okay, andere raten (auch unter meinem Bluesky-Thread) zur Verwendung von Steuer-Programmen. Wer pendelt, kann ggf. doppelte Haushaltsführung geltend machen. Wer den Tipp oben längst beherzigt oder das zukünftig tut und so zusätzliches Geld mit Vorträgen, Lehre o.ä. verdient: Prüft, ob Ihr in der Steuererklärung von der Übungsleiterpauschale Gebrauch machen könnt. Die beträgt derzeit 3.300 Euro — alles, was darunter fällt, muss bis zu diesem Betrag nicht versteuert werden.

Liebe Frauen, ein besonderer Appell richtet sich an Euch (und das aus eigener Erfahrung)! Es gibt sicher einige von Euch, die das Genannte schon alles selber machen (inkl. Kampf mit Elster). Falls das jedoch auf Euch bislang nicht zutrifft: Fangt jetzt an, Euch selbst darum zu kümmern! Wenn diese Dinge derzeit Eure Partnerperson übernimmt, gilt es stets zu bedenken: Diese Person ist vielleicht nicht für immer an Eurer Seite. Es ist grundsätzlich gut, sich eigenverantwortlich um die eigenen Finanzen zu kümmern — es macht Euch auch in Beziehungen unabhängiger, was vor allem im Trennungsfall oder in problematischen Situationen wichtig ist.

Aktuelle Ausgaben prüfen: Abos, Verträge usw.

Roxanne Phillips hat unter meinem Bluesky-Thread eine weitere hilfreiche Maßnahme benannt, um die eigene finanzielle Situation zu verbessern, nämlich das Überprüfen und ggf. auch das Wechseln aktueller Verträge und Versicherungen. Ein Beispiel von mir: Jahrelang habe ich 35 Euro im Monat für meinen Handyvertrag gezahlt, denn ich hatte eine Flatrate für mobiles Internet. Einerseits, weil ich für meine politische Arbeit und meine Wissenschaftskommunikation viel online bin, Soziale Medien verfolge und bespiele usw. Andererseits, da ich in meiner Stuttgarter Pendelwohnung keinen Internetanschluss habe und dort meinen Hotspot nutze. Jetzt habe ich aber den Vertrag gekündigt und gegen einen monatlich kündbaren Vertrag getauscht, bei dem ich nur 10 Euro zahle und der genügend Gigabite enthält, um damit auszukommen, sofern ich in der Uni, im Zug usw. vom W-LAN Gebrauch mache (dass das problemlos klappt, hat sich direkt im ersten Monat gezeigt). Allein damit spare ich 300 Euro im Jahr. Mein teures Adobe-Cloud-Abo habe ich auch gekündigt (und lustigerweise wenige Tage später ein viermonatiges Probeabo abschließen können, mit dem ich vorerst alles weiter nutzen kann wie gehabt; läuft das aus, werde ich ein abgespecktes Abo abschließen, in dem nur die wirklich regelmäßig genutzten Apps enthalten sind).

Erspartes vor Wertverlust durch die Inflation schützen und gleichzeitig flexibel bleiben

Wer Geld zurücklegen möchte, und seien es kleinere Summen, stellt sich rasch die Frage, wie das gelingen kann, ohne dass die Rücklagen durch die Inflation beständig an Wert verlieren. Vielleicht habt Ihr längst Geld angelegt und für Euch eine gute Lösung gefunden, vielleicht handelt Ihr seit Jahren mit Aktien (ich erinnere mich an einen Kollegen, der das während der Promotion recht erfolgreich betrieben hat, vermutlich macht er es immer noch). Aber keine Sorge: Niemand muss mit Aktien handeln, auf ETFs setzen o.ä. (Warum letztere auch Probleme bergen, erklärt Leonhard Dobusch nachvollziehbar in diesem Video (Öffnet in neuem Fenster).) Wer sein Geld nicht in Festgeldkonten stecken und damit unflexibel sein will, kann z.B. über Tagesgeldkonten nachdenken; auch darüber hatte ich im letzten Newsletter schon kurz geschrieben. Diese Konten geben oft für einen begrenzten Zeitraum gute Zinsen. Es gibt Leute, die im Anschluss an diesen Zeitraum zu einem anderen Anbieter wechseln, erneut die Zeit mit guten Zinsen nutzen usw.

So wird der Wert Eures Geldes immerhin nicht durch die Inflation gefressen — und wenn Ihr es kurzfristig braucht, könnt Ihr trotzdem darauf zugreifen. Das ist bei Festgeldkonten nicht so, weil das Geld dort für einen längeren Zeitraum fest angelegt ist, und auch bei Aktien und ETFs muss man mitunter sein Geld länger entbehren können, um Einbrüche auf den Märkten auszusitzen. Wer das nicht möchte oder kann, ist mit Tagesgeldkonten vermutlich oft besser beraten. Für mich war Folgendes in diesem Zusammenhang noch gut zu wissen: Tagesgeldkonten sind schufafrei. Die Zinsen, die Ihr dort erhaltet, müssen dank Sparerpauschbetrag bis 1.000 Euro (Einzelveranlagung) bzw. 2000 Euro (Zusammenveranlagung) nicht versteuert werden. (Bis man diese Summen erreicht, muss man schon größere Beträge auf diesen Konten haben, selbst bei guten Zinssätzen.)

Grundsätzlich gilt: Jeder Euro Rücklage, egal, wo er liegt, macht Euch unabhängiger. Deshalb: Lassen wir uns nicht beschämen, wenn wir uns mit Finanzen auseinandersetzen und versuchen, sie zu vermehren! Denn wer behauptet, dass wir damit angeblich zu stark aufs Geld schauen und zu wenig intrinsisch motiviert sind, nutzt eine solche Beschämung nicht selten als mächtiges Instrument, um uns in Verhältnissen zu halten, die unfair und schädlich für uns sind. Wer Rücklagen bildet, und seien sie zunächst noch so klein, kann es sich zukünftig eher leisten, in toxischen Arbeitsverhältnissen Grenzen zu setzen oder ihnen sogar den Rücken zu kehren. Das allein ist ein Grund dafür, warum ich allen im Wissenschaftssystem ans Herz legen möchte, nicht dieselben Fehler zu machen wie ich viele Jahre lang: Befasst Euch mit Euren Finanzen — es ist nie zu spät, damit anzufangen!

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