
In diesem „Lagebild” geht es um Trikots, die von Politikern vereinnahmt werden, Besuche von Regierungsmitgliedern bei WM-Spielen und den bisher besten Fangesang der WM.
Von dem G7-Gipfel in der vergangenen Woche, den Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron in Évian ausgerichtet hatte, blieben mir vor allem zwei Dinge in Erinnerung. Während des Gipfels hatte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor einer weiteren Gesprächsrunde mit Staats- und Regierungschefs sowie Vertretern der EU ziemlich strebsam und geflissentlich US-Präsident Donald Trump angenähert, um ihm als nachträgliches Geburtstagsgeschenk ein DFB-Trikot zu überreichen – versehen mit Trumps Namen und der Rückennummer 47. Trump ist der 47. Präsident der USA.
Trump selbst schien sich nicht sonderlich dafür zu interessieren, er blieb sitzen und nahm das Trikot relativ emotionslos entgegen. Die Szene war wieder einmal ein Beispiel dafür, dass es für die europäischen Staatschefs fast schon zur Hauptaufgabe geworden ist, Trump nicht zu verprellen, ihn zu umschmeicheln, damit er nicht das Interesse oder die Lust an den prägenden Krisen unserer Zeit verliert.
Die Ukraine braucht zum Schutz ihres Landes und Europas weiterhin Unterstützung, der sinnlose Krieg, den Trump vor vier Monaten gegen Iran vom Zaun gebrochen hat, bringt die Weltwirtschaft ins Wanken. Wegen Trumps notorisch erratischer Art gilt Besänftigen mittlerweile schon als diplomatisches Geschick. Im vergangenen Jahr hatte Trump einen G7-Gipfel in Kanada plötzlich verlassen, weil er den kanadischen Premier Mark Carney nicht leiden kann.
Auf der Rückreise aus Frankreich hatte Friedrich Merz dann wiederum mit zwei Zitaten Aufsehen erregt. Der Presse hatte er Folgendes gesagt:
„Ich fahre zurück mit dem Gefühl, dass ich mit dem amerikanischen Präsidenten jemanden gewonnen habe, mit dem ich auf einer persönlichen Ebene gut sprechen kann.”
Auf Social Media legte er nach, sein Team postete ein Foto (Öffnet in neuem Fenster) von der Übergabe des Trikots und versah es mit einer Caption:
„After all, we’re on the same team.”
Im selben Team mit einem Autokraten, der sein Land mit faschistischen Mitteln umbaut und dessen engster Zirkel sich finanziell bereichert, dessen brutale Migrationspolitik das Land immer mehr abschottet und einen Krieg führt, den er nicht mehr gewinnen kann?
Merz scheint offenbar wieder den Kurs des Appeasement obwohl der Sauerländer schon vor Wochen gesagt hatte, dass die USA „ganz offensichtlich ohne jede Strategie in diesen Krieg gegangen” seien, weswegen dieser schwer zu lösen sei. Das hatte im Weißen Haus für Entrüstung gesorgt, jetzt scheint Merz das Verhältnis wieder kitten zu wollen.
https://youtu.be/b_r74iC3hFg?si=uGeniFXEzY_mkPik (Öffnet in neuem Fenster)Doch ob dafür ein Fußballtrikot ausreicht, ist fraglich. Und bekannt ist, so das Mantra von Bundesregierung und DFB in den vergangenen Monaten, dass Fußball und Politik doch nichts miteinander zu tun haben, dass der Fußball nicht instrumentalisiert werden sollte. Und irgendwie fühlen wir uns an 2018 erinnert, als der damalige Nationalspieler Mesut Özil ein Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gepostet hatte.
Es ist fraglich, ob Merz das Bild von der Trikotübergabe wirklich geholfen hat. Vielleicht war es eher ein anderer Termin, der dem mittlerweile 80-Jährigen in Erinnerung bleibt. Emmanuel Macron hatte kurz darauf nach Versailles eingeladen, damit Trump dort eine Absichtserklärung zur Beendigung der Kriegshandlungen mit Iran unterzeichnen konnte. Versailles steht, so dürfte es Trump lieben, für Prunk und Glanz.
Bis zu seinem Amtsende im kommenden Jahr sitzt Macron seine Zeit nur noch aus, innenpolitisch erreicht er nichts mehr, aber ein Gespür für das richtige Bild haben er und sein Team schon.
Doch die politische Realität ist meistens anders, denn trotz der Unterzeichnung des Abkommens griff Israel erneut Ziele im Libanon an, Iran drohte mit Vergeltung. Die Straße von Hormus ist wieder geschlossen, der Ölpreis schwankt weiter. Doch zurück zum Sport.
Um die Bedeutung politischer Kommunikation wieder in den Kontext des Fußballs zu rücken, lohnt ein Blick auf Macron und sein Verhältnis zur französischen Nationalmannschaft. Anfang Juni, kurz vor der Abreise in die USA, besuchte der Staatspräsident das Team rund um Didier Deschamps, schüttelte jedem Spieler die Hand, machte Scherze und posierte für Fotos. Beim Mittagessen saß er neben Frankreichs Kapitän Kylian Mbappé.
Politische Instrumentalisierung kann also auch anders aussehen.
Friedrich Merz hatte sich ebenfalls an dieser Disziplin versucht und auf Instagram ein Video gepostet, wie er mit der deutschen Nationalmannschaft telefoniert – die Reaktion der Öffentlichkeit fiel hier allerdings eher spöttisch aus.
https://www.t-online.de/video/sport/fussball-wm/id_101294776/wm-2026-friedrich-merz-telefoniert-mit-kimmich-und-nagelsmann.html (Öffnet in neuem Fenster)Fußball als Projektionsfläche, als Hebel in der politischen Kommunikation, um die Bevölkerung zu animieren, sedieren, hinter sich oder gegen sich aufzubringen. Dafür, so haben wir es aus der Vergangenheit gelernt, ist die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer der perfekte Rahmen, das gilt nicht nur für Donald Trump und dessen Instrumentalisierung des Sports für seine eigenen Interessen.
Die deutsche Bundesregierung tritt hingegen defensiver auf, gerade weil das transatlantische Verhältnis seit Trumps zweitem Amtsantritt viele Risse bekommen hat. Eine Reise zur Weltmeisterschaft wird Merz nur dann antreten, wenn die deutsche Nationalmannschaft ins Finale einzieht. Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) plant, bei einem möglichen Viertelfinale vor Ort zu sein. Aydan Özoğuz, ebenfalls SPD und Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, möchte aus der Ferne die Daumen drücken.
Als Mitglied aus der zweiten Reihe des Kabinetts hatte Staatsministerin für Sport Christiane Schenderlein (CDU) angekündigt, zum zweiten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste in Toronto ein DFB-Spiel live vor Ort verfolgen zu wollen. Auf ihrem Instagram-Account war jedoch nur zu sehen, wie sie das Fan-Festival dort besuchte, im Stadion selber war sie nicht.
Auf ihrem Kanal hatte sie ein Video (Öffnet in neuem Fenster) gepostet, auf dem zu sehen war, wie sie das Spiel auf dem Sofa verfolgte und der Nationalmannschaft danach zum Sieg gratulierte. Dafür gab es immerhin 230 Likes. So viel also zu WM-Reisen des Kabinetts und wichtiger sportpolitischer Figuren.
Als Frau mit dem zweithöchstem Amt des Staates reist Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) in die USA, um das dritte Vorrundenspiel der Nationalmannschaft gegen Ecuador zu sehen. Sie übt ihr Amt überparteilich aus.
Claudia Sheinbaum als Präsidentin Mexikos hatte schon lange vor der WM angekündigt, kein Spiel ihrer Mannschaft im Stadion verfolgen zu wollen, sondern eher im Beisein von Fans auf öffentlichen Veranstaltungen. Ihr Ticket für das Eröffnungsspiel in Mexiko-Stadt gegen Südafrika hatte sie an Yolett Cervantes, eine junge indigene Frau, verschenkt.
Mark Carney hatte das erste Gruppenspiel der Kanadier gegen Bosnien (Öffnet in neuem Fenster) verpasst, weil er zu diesem Zeitpunkt noch beim G7-Gipfel in Frankreich weilte. Nach dem 6:0-Sieg gegen Katar hielt Carney dann eine flammende Rede in der Kabine – hier erinnern wir uns an Helmut Kohl in der Kabine nach dem WM-Titel 1990 oder Angela Merkel zwischen verschwitzten Nationalspielern nach dem Sieg im Viertelfinale gegen Argentinien 2010.
https://www.youtube.com/watch?v=qnLa9HtWRJA (Öffnet in neuem Fenster)Im Vorfeld der WM hatte US-Präsident Donald Trump mehrfach sehr deutlich angekündigt, Spiele der US-amerikanischen Nationalmannschaft verfolgen zu wollen. Beim Eröffnungsspiel der USA gegen Paraguay fehlte er, weil er im Rahmen seiner Geburtstagsfeier andere Verpflichtungen hatte. Auf dem Gelände des Weißen Hauses richtete er einen Käfig-Kampf am Tag danach aus, sodass die US Boys auf seine Unterstützung verzichten mussten.
Beim zweiten Spiel gegen Australien, bei dem sich das US-Team durch einen Sieg für das Sechzehntelfinale qualifizierte, fehlte Trump ebenfalls. Auch hier ging es wieder um seinen Geburtstag.
Die katarische Regierung hatte ihm im vergangenen Jahr versprochen, mit einer 400 Millionen Dollar teuren Boeing 747 eine neue „Air Force One” zu schenken. Trump hatte Korruptionsvorwürfe immer zurückgewiesen, bei der Übergabe zeigte er sich begeistert und betonte, dass es ein ganz normales Geschenk an das US-Verteidigungsministerien gewesen sei – und der US-Steuerzahler damit Geld einspare.
Ob Trump im nächsten Spiel gegen die Türkei am Donnerstag vor Ort sein wird, ist Stand heute unklar. Für ihn ist es möglicherweise kein High-Level-Spiel, weil das US-Team schon weiter und die türkische Nationalmannschaft schon ausgeschieden ist. Vor dem ersten Gruppenspiel hatte Trump aber, ähnlich wie sein Pendant Merz, bei Nationaltrainer Mauricio Pochettino angerufen. Kapitän Tim Ream saß betroffen daneben und schaute zu Boden.
https://www.youtube.com/watch?v=kfFbzKzXUuI (Öffnet in neuem Fenster)Während der WM waren aus Trumps Kabinett Außenminister Marco Rubio gegen Paraguay und Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. gegen Australien auf den Tribünen zu sehen, dasselbe gilt für Markwayne Mullin als Minister für Innere Sicherheit.
Doch es ist nicht immer die physische Präsenz, sondern auch die digitale Kommunikation, auf deren Grundlage Bilder entstehen, die die Politik der US-Administration konkret machen.
Die Social-Media-Abteilung des Department of Homeland Security (DHS) hatte vor dem Australien-Spiel eine Grafik auf X (Öffnet in neuem Fenster) gepostet, auf der geschrieben stand: „Defend our Homeland: One Nation, One Homeland, One Team.” Kurz nach dem Sieg folgte ein Post (Öffnet in neuem Fenster) mit einer von KI-generierten Grafik, auf der die Startelf zu sehen ist. Sie steht vor einer Mauer, dahinter ist ein Tor. Auf dem Bild zu lesen: „Built the Wall.” Die Caption: „Total Domination. Nothing is getting past Team USA.” Der Post wurde später gelöscht.
Es ist offenbar Teil der Strategie der US-Administration unter Donald Trump, die MAGA-Ideologie des „America First” mithilfe von KI-Grafiken zu verbreiten, wobei das inhaltlich nicht ganz schlüssig ist. Im US-Team spielen viele Fußballer mit migrantischer Geschichte oder einer doppelten Staatsbürgerschaft, es bietet damit ein umfassendes Abbild der vielen verschiedenen Menschen in diesem Land, die Präsident Donald Trump und seine Regierung systematisch bestrafen und angreifen.
Ob Trump jetzt wirklich Fußballfan ist, ob die Republikaner den einst als zu liberal verspotteten Fußball für sich entdecken oder alles nur Trollen ist – wir wissen es nicht. Was wir allerdings wissen: Fußballfans kreieren Gesänge auf kreative Weise. Bei besagtem Spiel zwischen den USA und Australien sangen die Fans der Gäste: „Aussie boys, are on a bender, Donald Trump is a sex offender.”
https://www.youtube.com/shorts/FEV-zK06fUA (Öffnet in neuem Fenster)Kommen wir zurück zum Einstieg in diesen Text – Politiker nutzen ein Trikot der Fußballnationalmannschaft für ihre eigenen Zwecke. Während Friedrich Merz versucht, damit Donald Trump zu besänftigen, nutzte der rechte Hardliner Abelardo de la Espriella als kolumbianischer Präsidentschaftskandidat im Wahlkampf das gelbe Trikot der eigenen Nationalmannschaft. Er überschwemmte das Internet mit KI-Videos, in denen er mit dem Nationaltrikot sein Wahlkampfsymbol trägt.
Der linke Oppositionspolitiker Iván Cepeda kritisierte den Millionär scharf und erklärte, dieser missbrauche das Trikot für seine politische Selbstdarstellung. Ein Gericht untersagte daraufhin die weitere politische Verwendung des Symbols mit sofortiger Wirkung. Zudem mahnte der Fußballverband, die Nationalelf aus dem politischen Streit herauszuhalten.
Abelardo de la Espriella gewann hauchdünn die Wahl. Donald Trump feierte das Ergebnis. Ob er jetzt auch ein kolumbianisches Trikot hat, ist nicht überliefert.