Hinweis: Dieser Text ist ein Meinungsbeitrag und gibt die persönliche Sicht des Autors Martin Jendrischik wieder.
Es ist ein Morgen wie viele in Berlin. Die Sonne scheint auf die gläsernen Fassaden des Regierungsviertels, drinnen werden neue Weichen gestellt. Die neue Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche tritt vor die Presse. Sie spricht von einem „Realitätscheck“ für die Energiewende. Doch während sie noch von Offenheit und Prüfung spricht, ist der politische Kurs längst vorgezeichnet: 20 Gigawatt neue Gaskraftwerke sollen so schnell wie möglich ausgeschrieben werden.
Ich kann kaum glauben, wie still es bleibt. Kein Aufschrei, keine ernsthafte Debatte. Dabei geht es hier nicht um einen nüchternen Realitätscheck. Es geht um ein Festhalten an der alten Ordnung – und um das Zementieren fossiler Strukturen im Namen der Versorgungssicherheit.
Wenn Netzwerke entscheiden
Wer genauer hinschaut, erkennt: Hinter den Kulissen wirken alte Netzwerke fort. Katherina Reiche war zuvor Chefin beim Energiekonzern E.ON (Tochter Westenergie), dem größten Verteilnetzbetreiber Deutschlands. Nun verantwortet sie als Ministerin die strategische Ausrichtung der Energiepolitik – inklusive der Frage, welche Rolle Gasverteilnetze künftig noch spielen sollen.
Robert Habeck hatte das Ziel formuliert, diese Netze mittelfristig stillzulegen – aus Gründen der Effizienz, Kosten und des Klimaschutzes. Doch mit der neuen Ministerin dürfte diese Idee kaum weiterverfolgt werden.
Auch andere Personalien werfen Fragen auf: Die CDU-Politikerin Gitta Connemann, bislang durch Kritik an der Windkraft aufgefallen (Öffnet in neuem Fenster), wird Staatssekretärin im selben Haus. Insider berichten von einem engen Verhältnis zwischen Politik und wirtschaftlichen Interessen. Verbraucherschutz oder Klimapolitik geraten dabei schnell ins Hintertreffen.
Die große Illusion vom „Realitätscheck“
Was als notwendiger Realismus verkauft wird, ist in Wahrheit eine Rückkehr zu alten Rezepten. Die Logik lautet: Versorgungssicherheit nur mit fossiler Infrastruktur. Dabei fehlt oft die Diskussion darüber, dass neu gebaute Gaskraftwerke innerhalb weniger Jahre zu sogenannten „stranded assets“ werden könnten – also Investitionen, die sich nicht mehr rechnen.
Dabei liegt der eigentliche Denkfehler tiefer. Wir müssten endlich akzeptieren, dass sich die Energiewelt grundlegend verändert hat. Das alte, zentrale System funktioniert nicht mehr. Die neuen Technologien erfordern neue Strukturen.
Klaus Mindrup, langjähriger Bundestagsabgeordneter der SPD, bringt es im Klimalabor von ntv auf den Punkt:
"Ein großes Stromnetz für Erneuerbare? Das geht nicht. Nie"
Vielmehr braucht es ein zellulares Netz, das aus vielen kleinen Zellen besteht. Doch genau diese Strukturen werden blockiert – nicht technisch, sondern politisch. Statt neue Geschäftsmodelle zu fördern, schützt die Bundesregierung alte Interessen.
Systemisch denken – von unten nach oben
Was fehlt, ist der Mut zum systemischen Denken. Die Wärmepumpe ist heute oft günstiger als die Gasheizung – und sie kann nicht nur effizient heizen, sondern auch das Netz stabilisieren. Elektroautos sind nicht nur sauberer, sie könnten mit bidirektionalem Laden ein aktiver Teil des Stromsystems werden.
Aber das alles verlangt ein neues Denken – nicht von oben nach unten, sondern vernetzt, lokal, flexibel. Medien und Politik tun sich schwer damit. Die Narrative der Vergangenheit halten sich hartnäckig.
Ich glaube: Wir müssen das durchbrechen. Wir müssen zeigen, dass das Neue nicht nur denkbar ist – es ist längst da. Es funktioniert. Und es braucht endlich politischen Rückenwind.
Was jetzt zu tun ist
Der Befund ist klar – und ernüchternd. Die Politik hält das Alte künstlich am Leben, statt das Neue zu ermöglichen. Die Grünen? Sie stehen vor der Herausforderung, nicht bloß zu verwalten, sondern systemisch zu gestalten.
Die Wahrheit ist: Das fossile Energiesystem ist bereits gekippt. Die Technologien, das Wissen und die gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine erneuerbare, gerechte und dezentrale Energiezukunft sind vorhanden.
Jetzt braucht es den Willen, genau diesen Weg zu gehen.
„Wir erleben eine weltweite Energie-Revolution. Im vergangenen Jahr wurden 600 Gigawatt PV zugebaut. Das entspricht der Leistung von 600 Atomkraftwerken. Aber in Deutschland versuchen wir, die Vergangenheit zu retten.“
— Klaus Mindrup, ntv Klimalabor
Weiterlesen:
👉 Klaus Mindrup im Klimalabor von ntv (Öffnet in neuem Fenster): „Ein großes Stromnetz für Erneuerbare? Das geht nicht? Nie!“