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Schneller als gedacht

Liebe Leserinnen und Leser,

zunächst muss ich mich entschuldigen. Dieses CT Briefing sollte bereits am Freitag veröffentlicht werden - aber die Rückreise vom Future Cleantech Festival nach Remscheid mit der Bahn gestaltete sich schwieriger als gedacht - und so fehlte Bildschirmzeit, um das Briefing zu tippen. Kudos, ab jetzt wieder pünktlich!

Das Warten hat sich allerdings gelohnt - denn das CT Briefing ist gespickt mit positiven Indizien, die dafür sprechen, dass das zweite Halbjahr 2026 entscheidende Weichenstellungen in Richtung Elektrifizierung bringen wird. Kann die fossile Übermacht gebrochen werden?

Denkfabrik entwickelt Dekabonisierungsideen für Dirostahl

in Remscheid, meiner alten Abitur-Stadt im Bergischen Land, erlebte ich in einer Werkshalle hautnah, wie der schwerste Dampfhammer Europas im schnellen Tempp auf 1.200 Grad heißen Stahl einprügelte und die Erde zum Beben brachte.

https://www.linkedin.com/posts/dirostahl-karl-diederichs-kg_hammerschmieden-weissbiertrinken-siehabendiewahl-activity-7458053407463858176-Gs9S?utm_source=share&utm_medium=member_desktop&rcm=ACoAAAB7EzUBlwQDO0t5n9KivilosEJHDa1DE_c (Öffnet in neuem Fenster)

Das Unternehmen Dirostahl (Öffnet in neuem Fenster)(Karl Diederichs GmbH & Co. KG) schmiedet hier seit 400 Jahren in höchster Qualität. Heute entstehen hier unter anderem Teile für die Getriebe von Windkraftanlagen. 380 Beschäftigte, 100 Millionen Euro Umsatz.

Nachhaltigkeit wird in diesem energieintensiven Familienbetrieb gelebt. Dirostahl hat bereits vieles getan, was innerhalb des bestehenden Systems möglich ist: Photovoltaik aufs Dach, Abwärme zum Heizen, 100 Prozent Grünstrom, 500 Messstellen fürs Energiecontrolling.

Die Energiekosten tragen entscheidend dazu bei, dass Dirostahl aktuell Verluste macht. Die CO2-Kosten drücken: 1,1 Millionen Euro CO₂-Kosten pro Jahr, die Wettbewerber in Spanien oder Italien heute nicht haben. Ohne Erdgas laufen die Öfen und der Dampfhammer nicht.

Beim Future Cleantech Festivals zeigen die Analysten Antoine Koen und James Lazenby der Denkfabrik Future Cleantech Architects, welche weiteren Maßnahmen identifiziert wurden. Ihr Strategiepapier zur Dekarbonisierung (Öffnet in neuem Fenster) von Eisen und Stahl legt insbesondere drei Pfade offen.

  • Erstens: Direktreduktion mit Wasserstoff, die 70 bis 80 Prozent der Stahl-Emissionen beseitigt.

  • Zweitens: Direkte Elektrifizierung durch Schmelzflusselektrolyse, die Wasserstoff komplett umgeht.

  • Drittens: Materialeffizienz, die den europäischen Eisenerzbedarf um 27 Prozent senken könnte.

Was Unternehmen wie Dirostahl dafür brauchen, ist Planungssicherheit. Der Industriestrompreis der Bundesregierung läuft zwei Jahre und senkt die Stromkosten ein wenig. Auch die sogenannte Strompreiskompensation hilft ein wenig. Wer aber eine Schmiedemaschine für 20 Jahre anschafft, kann darauf keine Investitionsentscheidung gründen.

Mindestens ebenso wichtig: gleiche Regeln in Europa. Dirostahls Konkurrenten in Spanien und Italien zahlen die nationale CO₂-Abgabe nicht. Der europäische Emissionshandel ETS 2 würde das ändern. Aber der wurde verschoben, während das nationale BEHG-System weit höher ist als in den anderen Ländern. Für (europäische) Chancengleichheit fordert das Industrieunternehmen daher die schnellere CO₂-Bepreisung.

Dirostahl zeigt symbolisch, wie gigantisch die Herausforderungen rund um Klimaneutralität 2045 sind. Sauberen Strom erzeugen ist die Basis. Die industrielle Kette dahinter sauber zu machen - die Teile für Windräder, den Stahl für Elektroautos, den Zement für Stromleitungen - das steht erst am Anfang. In Remscheid, in einer 400 Jahre alten Schmiede, arbeiten sie daran.

Kein Verbrenner in den Top Ten

Ein weiteres Indiz für das Kippen in Richtung beschleunigte Elektrifizierung, kommt aus China: Im Mai war zum ersten Mal kein einziges Auto mit reinem Verbrennungsmotor unter den zehn meistverkauften Modellen in China. 62,9 Prozent aller Neuzulassungen hatten einen Stecker. Die Verbrennerverkäufe brachen um 39 Prozent ein.

Im April hatten Elektroautos die Verbrenner bei den Zulassungen erstmals überholt: 580.000 gegen 560.000. Das war der Monat, in dem es hieß, der Elektroauto-Boom in China breche ein. Mehr dazu bei ntv (Öffnet in neuem Fenster).

BMW hat am vergangenen Dienstag eine Gewinnwarnung veröffentlicht: Marge im Automobilgeschäft auf 1 bis 3 Prozent. Der Konzern schreibt wörtlich, die Schwäche beschleunige sich bei „Nicht-Elektroautos".

Einen Tag später, bei der VW-Hauptversammlung, verteidigt Oliver Blume den Abbau von 50.000 Stellen bis 2030 und kündigt 30 Elektromodelle für China bis 2027 an. Analysten fragen: Warum so spät?

Chinas Markt hat entschieden. Die deutschen Hersteller haben dort mit Verbrennern so viel Geld verdient wie nirgends sonst. Jetzt ist dieses Geschäft im freien Fall. Verbrenner werden in China zum Ladenhüter.

Die deutsche Industriepolitik will derweil in Brüssel die CO₂-Flottengrenzwerte aufweichen. Für eine Technologie, die auf dem größten Automarkt der Welt gerade aus den Top Ten fliegt.

Eine Schiffsladung Elektroautos verdrängt 840.000 Barrel Rohöl über 15 Jahre - 56.000 Barrel jedes einzelne Jahr. Was in China passiert, ist keine Konjunkturschwankung. Es ist ein permanenter Ölverdrängungseffekt, der sich mit jeder Lieferung aufaddiert.

Geld gegen die Öl-Lobby

In London läuft seit Samstag die Climate Action Week, eine der größten Klimakonferenzen der Welt. Zehntausende Beamte, Unternehmensvertreter und Fachleute sind in der Stadt. Mittendrin: Michael Bloomberg mit 285 Millionen Dollar für Branchenverbände erneuerbarer Energien (Öffnet in neuem Fenster), Teil eines 590-Millionen-Dollar-Pakets. Die Finanzierung wird die Gesamtbudgets der meisten Zielverbände verdoppeln oder verdreifachen.

Das Geld fließt dorthin, wo der Großteil des weltweiten Energiewachstums stattfindet: Indien, Indonesien, Vietnam, Südafrika, Kenia, Nigeria, Ghana, Brasilien, Philippinen, Kolumbien, Mexiko. Die Philippinen sind dieses Jahr zum zweitgrößten Importeur chinesischer Solarmodule aufgestiegen. Nigeria und Pakistan erleben Solarbooms.

Eine Schiffsladung Solarmodule erzeugt 10 TWh Strom über 20 Jahre. Erdgas braucht dafür jedes einzelne Jahr einen neuen LNG-Tanker. Jedes Schiff, das in Manila oder Lagos anlegt, produziert zwei Jahrzehnte lang sauberen Strom.

Das Problem in diesen Märkten ist nicht die Technologie. Dave Jones, Mitgründer des Thinktanks Ember, beschreibt es so: strukturelle Hürden, vor allem fehlende Daten und Analysen, um politische Entscheidungen voranzutreiben.

„Der Großteil des weltweiten Energiewachstums findet in Schwellenländern statt, und zwar im Bereich Elektrizität." Dave Jones, Mitgründer Ember

Die fossile Lobby ist in diesen Ländern institutionell verankert, die Erneuerbaren haben dort keine Stimme. Saliem Fakir von der African Climate Foundation fasst es zusammen: Was in Afrika fehle, sei nicht das Potenzial, sondern die institutionelle Infrastruktur, es freizusetzen.

Bloombergs Kalkül: Wer diese Infrastruktur aufbaut, verschiebt die Machtverhältnisse dauerhaft. 285 Millionen Dollar für Verbände klingen unspektakulär. Aber es sind diese Verbände, die Daten und Analysen liefern, auf deren Basis Parlamente und Regierungen Gesetze machen.

Der Hintergrund ist bekannt: Erneuerbare haben die Kohle als größte Stromquelle der Welt überholt. Was jetzt zählt, ist die Frage, ob die Länder mit dem größten Wachstum auch die Strukturen bekommen, um den Ausbau zu verstetigen.

In Bonn hat die COP31-Präsidentschaft beim Vorgipfel ein globales Elektrifizierungsziel vorgestellt (Öffnet in neuem Fenster). In Brüssel arbeitet die EU-Kommission am Elektrifizierungspaket, das im Juli kommen soll.

Europaparlamentarier Michael Bloss kündigt das Paket mit ungewöhnlich starken Worten an. Wer Bloss kennt, weiß: Mehr Sachlichkeit gibt es in der europäischen Energiepolitik kaum.

Kurz notiert: Kipppunkt oder Lernkurve?

Daniel Wetzel hat in der WELT den neuen REN21-Report zum „Kipppunkt des grünen Energiebooms" umgedeutet. Der Report dokumentiert 741 Gigawatt Rekordzubau bei neun Prozent weniger Investitionen.

Der Grund: Solarmodule sind 90 Prozent billiger geworden. Weniger Dollar, mehr Leistung. Warum Wetzel die entscheidenden Zahlen weglässt, steht bei Cleanthinking (Öffnet in neuem Fenster).

Nächste Woche: Wie Deutschland sich rund um die Uhr versorgt

Und es geht munter weiter mit den positiven Nachrichten. Am Dienstag stellt Dr. Christoph Kost vom Fraunhofer ISE eine neue Systemstudie vor: Wie kann sich Deutschland rund um die Uhr zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom versorgen? Im Webinar diskutieren Europaabgeordnete Jutta Paulus und Grünen-Bundesvize Sven Giegold die Ergebnisse.

Für zahlende Unterstützer gibt es die detaillierte Cleanthinking-Analyse exklusiv am Dienstag - hier gibt es alle Infos zu Mitgliedschaften (Öffnet in neuem Fenster). Was bedeuten die Ergebnisse für Kommunen, Unternehmen, Prosumer? Wer das vorab lesen will, wird hier Mitglied.

1 bis 3 Prozent Marge bei BMW. Null Verbrenner in Chinas Top Ten. 34 Prozent erneuerbare Energie am Weltstrom. 285 Millionen Dollar gegen die Öl-Lobby. Und eine 400 Jahre alte Schmiede in Remscheid, die schnelleren Emissionshandel fordert.

„Die Segel setzen" hieß es letzte Woche in diesem Briefing. Diese Woche wird klarer, wie stark der Wind bereits weht. Im Juli kommt das EU-Elektrifizierungspaket. Bleibt die EU - im Gegensatz zur Bundesregierung - auf Kurs “beschleunigte Elektrifizierung”? Wir werden es erleben.

In diesem Sinne,
Ihr Martin Jendrischik

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