Krebs als Stigma | Warum Gesundheitstipps Scham und Angst auslösen können | Kindheitstraumata erschweren es, gesundes Verhalten umzusetzen | Übergriffige Bemerkungen verletzen Erkrankte
Gegen neun haben die meisten das Haus verlassen. Ich bin allein in der Wohnung. Es ist still, der Altbau fast leer. Ein Auto fährt vorbei und das Baby über mir schreit, jemand beruhigt es. Wieder Stille. Die Nachbarn haben Termine oder müssen arbeiten. Ich bleibe seit meiner Diagnose zuhause. Meine einzige Aufgabe besteht darin, jeden Tag fünf Tabletten einzunehmen und alle paar Wochen Blut und Herzschlag kontrollieren zu lassen. Der Krebs lässt mich den Alltag meines Vaters imitieren, in seinen letzten Jahren, als sein Lebenswille verschwand. Genauso gewissenhaft wie er verwahre ich meine Tabletten in einer Wochenbox und warte geduldig auf Nebenwirkungen. Angst machen mir: chronische Erschöpfung, ein nicht funktionierendes Immunsystem, das mich mit einer Erkältung ins Krankenhaus bringen könnte, Haarausfall, Kiefernekrose. Die anderen Nebenwirkungen nehme ich nicht ernst oder blende sie aus, was auf die gleiche Bewältigungsstrategie hinausläuft. Mein Immunsystem bleibt stabil, die Kieferschmerzen kommen von Verspannungen und der Haarausfall beschränkt sich auf die Augenbrauen. Gegen die Erschöpfung hilft Bewegung, aber an manchen Tagen fehlt mir die Energie für den ersten Schritt. Heute ist dieser Tag, nichts geht, alles ist zu anstrengend. Kein morgendliches Yoga, kein Smoothie aus roter Beete und Leinsamen. Ich verlasse mich darauf, dass die Medikamente mich retten werden. Mein neuer, gesunder, aber anstrengend durchzuhaltender Lebensstil ist nur ein netter Zusatz. Also: Kaffee, Wärmedecke, Sofa und gegen die Langeweile scrolle ich durch soziale Medien.
Das, was nicht gesagt wird, macht Angst
Die Algorithmen durchschauen sofort, dass ich in die Welt der Kranken gewechselt bin. Sie zeigen mir seltener Wanderrouten an, stattdessen erklärt mir jeder zweite Beitrag, wie ich vielleicht gesund geblieben wäre. Eine gesund wirkende Frau berichtet sehr ernst, warum die billigen Blaubeeren aus dem Discounter nichts taugen. Nur echte Wildheidelbeeren enthalten irgendwelche Superstoffe. Tausende folgen ihrem Konto. Nächster Beitrag. Ein Drittel aller Krebserkrankungen ließe sich vermeiden durch mehr Gemüse, mehr Bewegung, weniger Zigaretten, weniger Alkohol, ein Leben ohne Stress. Ich möchte den Beitrag melden, lasse es aber, die Aussage stimmt ja. Die immer gleichen Binsenweisheiten über gesundes Verhalten, gepaart mit Angstszenarien bei Nichtbeachtung, wiederholen sich auf meiner Startseite. Ich schaffe es erst nach einer langen Weile, das Handy wegzulegen. Der Konsum der kurzen Videos zieht mich in einen Bann, obwohl sie nichts Gutes mit mir machen. Ich spüre einen Zwang, mich für die Metastase zu rechtfertigen – hey, ich mache Sport und esse genug Gemüse - ich leiste mir sogar diese Wildheidelbeeren! Gleichzeitig schäme ich mich, denn ich kann eine Tüte Gummibärchen in unter zehn Minuten aufessen und habe bis vor einigen Jahren Alkohol getrunken. Kurz: Die Beiträge befeuern meine Ängste, die mir einreden, dass ich die Metastase hätte verhindern können. Ich fühle mich an den Pranger gestellt, weil ich zu geizig war für die teuren Wildheidelbeeren, damals, als es noch genutzt hätte. Ein Stigma wuchert unter meiner Achsel und in meiner fünften Rippe. Ich muss an ein Gespräch vor ein paar Jahren denken. Das letzte Ritual zwischen meiner Schulfreundin Annika und mir bestand bis dahin aus einem Telefonat an Weihnachten. Mit 15 begleitete ich Annika zum Jugendamt, weil ihre Mutter ihr alles verbot, was andere Mädchen durften. Die Sozialarbeiterin schickte uns weg. Mit Ende vierzig wollte Annika wissen, warum ich meine Mutter seit Jahren nicht mehr besucht hätte. Ihre sei mittlerweile wie eine Freundin und sie verstehe nicht, warum mir das nicht auch gelinge. Ich rechtfertigte mich vor ihr. Nach dem Telefonat schwankte ich zwischen Scham, Angst, Schuldgefühlen, Wut und Zynismus hin und her. Die gleiche Mischung aus Gefühlen wie heute. Andere sagen mir, was richtig und was falsch ist, und obwohl ich weiß, dass mein Richtig ein anderes ist, stelle ich meine Wahrnehmung in Frage. Manchmal ist Distanz das einzig Richtige.
Komplexe Erklärungen sind unbeliebt
Weder Annika noch die Influencerin erklären, wie ich das mit dem gesunden Verhalten oder der liebevollen Mutter erreichen kann. Annika ignoriert, dass ich meine Mutter immer wieder angebettelt habe um Liebe. Stattdessen ist sie mitten in einer Untersuchung weggelaufen, zu der sie mich während meiner ersten Erkrankung begleitet hatte. Sie musste ihren Zug in die Heimat erreichen und hatte vergessen, das zu erwähnen. Erwähnt hatte sie, dass sie noch zwei Tage bleiben würde. Im Wartebereich zum CT organisierte ich, wie mein Mann unser Kind darauf vorbereiten könne, dass Oma weg ist. Die Influencerin verschweigt, dass es ein Privileg ist, genug Geld für Wildheidelbeeren zu besitzen. Die interessante Frage zu ihrem Thema finde ich bei ihr ohnehin nicht: Warum verhält sich nicht jeder Mensch so, dass er möglichst lange fit und zufrieden bleibt? Vielleicht, weil die Erklärungen dafür ohne schnelle Lösungen daherkommen. Eine gesunde Person mit liebevoller Kindheit, ohne Traumaerfahrung oder neurodivergentem Gehirn, mit ausreichend Geld und Bildung stemmt (oft) leichter, was den weniger Privilegierten fehlt: ein nährendes soziales Umfeld, ein erfüllender Beruf, ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung, die Fähigkeiten, sich zu entspannen und Grenzen zu setzen. Für Defizite beschämt zu werden, löst keine Probleme. Prävention auf gesamtgesellschaftlicher Ebene könnte helfen. Mehr Sozialarbeitende in Schulen, einfacherer Zugang zu Psychotherapien, Warnhinweise auf Süßigkeiten, hohe Alkoholsteuer… mir fallen so viele Hebel ein, dass sie den Text unleserlich lang machen und das Thema sprengen würden.
Übergriffige bis absurde Ratschläge
Einen Hebel kann jeder ganz einfach selbst bedienen. Der Krebsinformationsdienst hat kürzlich eine Umfrage durchgeführt: Krebsbetroffene sollen aufzählen, welche verletzenden Sprüche sie erlebt haben. Vorschläge für Smalltalk mit uns: schön, dass du da bist//ich denke oft an dich//ich komme nachher mit Essen vorbei. Aber der längst widerlegte Mythos der Krebspersönlichkeit, die erkrankt, weil sie Wut unterdrückt und sich nicht durchsetzen kann, scheint einen gewissen Reiz auszuüben. Ich vermute, dass es am verständlichen Bedürfnis liegt, sich von den unangenehmen Themen Krankheit und Tod zu distanzieren. Ein Bedürfnis nach dem Gefühl von Unverletzbarkeit, das stärker werden kann als das nach einer warmherzigen Begegnung. Und manchmal ist alles zu absurd, um in eine Kategorie zu passen: Nach meiner ersten Erkrankung besuchte ich einen Yogakurs. Die Lehrerin forderte uns körperlich heraus, bei ihr fühlte ich mich unbeschadet und sportlich. Irgendwann fing sie an, meine Chemotherapie in Frage zu stellen, behauptete, diese hätte meinen Körper nachhaltig geschwächt und sei für meinen Krebs unnötig gewesen. Sie borgte mir ein Buch, in dem stand, dass Krebs nicht aus körpereigenen Zellen, sondern aus Hefepilzen entsteht. Sie war keine Medizinerin, sondern Grafikdesignerin. Noch über ein Jahrzehnt später möchte ich gleichzeitig weinen, schreien und sie auslachen, während ich mich daran erinnere. Die sozialen Medien trösten mich diesmal. Der Algorithmus hat schnell verstanden, dass ich Gesundheitstipps nicht mag. Er vermutet jetzt, dass ich Beiträge von anderen Betroffenen brauche, und ich fühle mich beim Scrollen weniger allein mit meinem fortgeschrittenen Krebs. So viele in meiner neuen Bubble beschreiben unbedachte, übergriffige Bemerkungen. „Ich könnte das alles nicht“, hören viele. Wir Betroffenen sind uns einig. Wir können das alle nicht, wir müssen.
Ab sofort erscheint mein Newsletter jeden zweiten Freitag. In der nächsten Ausgabe gehe ich der Frage nach, ob es für mich hilfreich oder schädlich war, nach den Ursachen für meine Krebserkrankung zu suchen. Wenn du das nicht verpassen willst, abonniere am besten meinen kostenlosen Newsletter: