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Vier Tage wie vier Wochen

Hessentour-Mail #01: Zwischen Bürokratie und dem inneren Feuer

Hallo ihr Lieben,

wann hattet ihr zuletzt das Gefühl, dass sich vier Tage wie vier Wochen anfühlten? In den letzten Schultagen vor den großen Ferien? Im langweiligen Praktikum? Im Job? Oder im Urlaub?

Seit vier Tagen bin ich nun unterwegs, Hessen zu entdecken. Alle Städte, alle Gemeinden. Und ich bin dabei, jeden Tag Menschen zu treffen, die Zuversicht haben. Ich habe mich im Trainingscamp Diemelstadt, einem “Boot Camp” als Jugendhilfeeinrichtung, mit straffälligen Jugendlichen unterhalten. Ich durfte den Vorsitzenden der Karnevalsgesellschaft treffen, der die Amokfahrt auf den Volkmarser Karnevalsumzug miterlebt hat - 2020, viele erinnern sich. Ich habe die Geschichte von Massenhausen und ihrem Spielzeugmuseum erfahren. Das Dorf wollte schöner werden, sich zur 700-Jahrfeier herausputzen. Also begannen sie, das Spielzeug der Leute zu sammeln und es auszustellen. Heute ist daraus das “Waldecker Spielzeugmuseum” geworden, mit zwei Stockwerken, einem Audioguide, wechselnden Sonderausstellungen und ganz vielen Erinnerungen aus zwei Jahrhunderten Spielgeschichte. Das dritte ist bereits in Planung, und auch ein Aufzug soll rein. Vielleicht ist es passend, an dieser Stelle die Einwohnerzahl von Massenhausen zu nennen: 420. Geschätzt.

Was all diese Menschen eint: man muss etwas tun, um sich ein besseres Leben, um sich schöne Momente, und damit auch: um sich Hoffnung und Zuversicht leisten zu können. Die straffälligen Jugendlichen, die Drogen und Waffen schmuggelten, Menschen verletzten - sie müssen ihre zweite Chance im Boot Camp annehmen, Ehrgeiz und Teamgeist bewahren. Die Karnevalisten mussten sich zusammenraufen, damit sie drei Jahre nach dem Anschlag, nach Corona weitermachen konnten. Und das haben sie: genau so groß, genau so fröhlich, nur mit mehr Polizeischutz. Und die Massenhäuser, von Windrädern, einem Umspannwerk und bald auch Solarflächen geplagt - sie suchen in ihrem Dorf das Glück, die Zufriedenheit. Dafür braucht es nicht viel. Manchmal reichen schon ein paar Bänke, eine Bratwurst – oder eben Spielzeug.

Mir, der sich mit voller Kraft auf die Hoffnung stürzen will, ein Jahr lang, jeden Tag, immer woanders, geben mir diese Geschichten Kraft. Es gibt aber auch die Kehrseite. Erst hestern sprach ich mit Nina Aumüller. Sie will mit ihrem Verlobten eine Dorfkneipe zu Wohnraum ausbauen. Problem: die Kneipe ist ein Fachwerkbau und die Denkmalbehörde stellt ihnen schier unschaffbare Anforderungen. Oder Harald Hensel. Der Landwirt kommt jede Woche auf den Wochenmarkt in Bad Arolsen. Sehr gerne würde er seine regionalen Produkte nach St. Peter Oerding vermarkten, wo sie die nordhessische Wurst lieben. Doch da St. Peter Oerding zu weit weg liegt, ist ihm das nicht erlaubt: es widerspricht der 100-Kilometer-Regionalgrenze. Schierer Unfug. Oder Stefan Koch. Jahrzehntelang betrieb er seine MS Muffert. Ein kleines Schiff, mit dem er Touristen über den Diemelsee beförderte. Doch da der Diemelsee offiziell als Bundeswasserstraße gilt, kam es zu einer neuen EU-Verordnung. Zum Schiffsführer - mit drei Jahren Ausbildung - muss jetzt ein Matrose mit nautischer Ausbildung an Bord sein. Der wirtschaftliche Tod für die “Muffi”.

Recht und Gesetz sollen Menschen schützen, ihnen helfen, ein sicheres, lebenswertes, weil gerechtes Leben ermöglichen. In der Realität kettet das Recht die Menschen zunehmend an, erdrückt sie die Last immer höherer Auflagen. Zuversicht muss von innen kommen. Aber sie kann auch von außen, vom Staat erdrückt werden.

Noch gibt es Menschen, die das nicht zulassen. Die weitermachen, sich zwar beklagen, aber unermüdlich an ihren Zielen arbeiten. Nina Aumüller baut mit ihrem Verlobten im vierten Jahr an der Dorfkneipe - Ausgang ungewiss, aber der Feuereifer ist ungebrochen. Harald Hensel engagiert sich noch immer, bittet Politiker zu Tisch, um in den Austausch zu treten. “Man muss miteinander reden, reden reden”, sagt er mir auf dem Arolser Wochenmarkt. Und Stefan Koch ist voll auf Bootsverleih umgestiegen, und steht im Sommer neun Stunden auf seinem Steg am Diemelsee. Sie alle machen weiter. Und doch ist da bei aller Zuversicht die Suche nach dem Knall. Der die Ketten sprengt, die Auflagen lockert, der Menschenverstand walten lässt. Kurz: die Suche nach echtem Bürokratieabbau in diesem Land.

Immer weiter gehen

Euer Hendrik