Ich habe mich diese Woche wieder sehr schwergetan, einen Text zu schreiben. Das lag nicht daran, dass nicht genug passiert und dass die Themen fehlen. Es lag daran, dass es zu viele Themen gibt (Gaza, Westbank, Iran, Merz, Imperialismus, Gejammer der Privilegierten…) und das ich völlig überfordert bin (mental, emotional, rational), diese auch nur ansatzweise zu ver-/bearbeiten oder auszuhalten, Gedanken zu Ende zu bringen und logisch-konstruierte Texte zu schreiben, die irgendeinen Punkt machen, während alles in mir eigentlich nur schreit, tobt und ausrastet und ich das gerne im wahrsten Sinne des Wortes rausschreien möchte. Mit dem Schreiben dieses Textes habe ich mich dann genau dazu entschieden, weil…

Dieses Gefühl des „ich explodiere gleich“, was ausgelöst wird durch all die verschiedenen Kollapsszenarien, die sich live und in Farbe vor uns entfalten und der Ohnmacht, mit der ich ihnen gegenüberstehe, wird aber verstärkt durch Schlagzeilen, Nachrichten und Texte wie diese hier, die ich exemplarisch nutze.
Luisa Neubauer:

Fridays for Future Berlin:

Ihr lasst es nicht zu? Es ist aber schon geschehen! Was genau tut ihr also nun?
Und zu guter Letzt Raphael Thelen:
„Wir stellen Gewaltfreiheit in den Mittelpunkt unseres Tuns, denn sie ist die wahrhaft radikale Haltung: Der Gewalt nicht mit Gewalt begegnen, sondern mit Schönheit und Liebe.“
Ja, mich greift der Nazi an und ich antworte mit Sonnenschein und Liebe! Diese privilegierte Sicht kotzt mich an. Euer Sitzen auf dem moralisch hohen Ross kotzt mich an. Es ist kein Wunder, dass unseren Bewegungen die Türen nicht von migrantischen Menschen, Indigenen und anderweitig marginalisierten Menschen eingerannt werden. Genau diese Arroganz der Privilegien und der moralische Zeigefinger der „absoluten Gewaltfreiheit“ (die eine Illusion ist) stehen dem entgegen. Solche Aussagen sind meiner Meinung nach inzwischen sogar gefährlich, denn sie bringen Menschen in Situationen, in denen sie nicht vorbereitet sind auf die Realität und deren Gewalt in unzähligen Varianten.
„Um das in politische Wirksamkeit zu übersetzen, braucht es viele, viele Menschen, die auf die Straße gehen.“
Hatten wir schon. Erfolge? Kohlepäckchen, Grüne in Regierungen und trotzdem Lützi weg, Danni weg, unzählige neue Polizeiaufgabengesetze, unendlich mehr Gewalt und Strafverfolgung nach §129, Nazis so gut wie in Regierungsverantwortung, bewaffnete Fascho-Gruppen, mehr Autobahnen, GEAS und ganz aktuell eine Studie, die zeigt, dass immer mehr Menschen rechtsradikalen Ideen sehr offen gegenüberstehen…
„Zusätzlich müssen wir anfangen, unsere eigenen Institutionen aufzubauen – Parlamente, in denen nicht das Recht des Stärkeren gilt, sondern Verständnis, Ausgleich und Kooperation im Mittelpunkt stehen. Bürgerräte sind solche Orte, und sie produzieren so radikale Ergebnisse, weil die meisten Menschen pro-sozial eingestellt sind, und diese Einstellung dann hervorkommen und wirksam werden kann.“
Eigene Parlamente, die woher ihren Einfluss bekommen und wann und wie genau die bestehenden Parlamente ablösen, gewaltfrei natürlich!? Wie setzt ihr die radikalen Ergebnisse eurer eigenen Institutionen um, nachdem ihr vorm Bundestag gezeltet und „radikale Beschlüsse“ gefasst habt? Das ist eine ganz ernst gemeinte Frage, denn ich würde mich freuen, wenn der Feenstaub wirken würde und es funktioniert, noch dazu in angemessenem Zeitrahmen.
„Drittens reicht es nicht, draußen auf der Straße an den Toren der Macht zu rütteln.“
Ihr rüttelt nicht, ihr bettelt.
„Wir müssen rein in das System. Das funktioniert, indem wir entweder massenhaft die Linkspartei und die Grünen dahingehend lobbyieren, dass sie einen Systems Change-Ansatz verfolgen, oder aber wir gründen eine eigene Partei.“
Are you f*cking kidding me?
Wir brauchen nicht mehr Hoffnung und luftleere Versprechen! Wir brauchen Mut! Und mutig ist es nicht, die ewig gleichen Phrasen zu dreschen von der Systemveränderung von innen, dem xten Versuch Richtung Partei & Parlament. Piraten, Klimaliste, Grüne, Linke….been there, done that, funktioniert nicht und vor knapp 3 Jahren habe ich auch noch nicht geglaubt, dass Parteieintritte und der Weg durch die parlamentarischen Institutionen Verlust an handelnden Aktivist:innen bedeutet. Aber es ist genau das, denn wir alle haben nur begrenzt Kraft, Zeit und Nerven. Aber ja, lass ne eigene Partei gründen, die dann natürlich in absehbarer Zeit in der Position ist, irgendwas zu tun! Mit Mut hat es nichts zu tun, die ausgetretenen Pfade noch weiter zu benutzen, sondern mit Ideenlosigkeit, Angst und Lügen! Sich selbst belügen, was das eine ist und letztendlich eine persönliche Entscheidung. Aber es ist auch ein Belügen von all den Menschen, die mit solchen Texten und Appellen zu irgendetwas bewegt werden sollen (oder in wesentlich mehr Fällen vermutlich tatenlos bleiben, weil es schon jemand richten wird). Es sind diese Menschen, die sich dann in Parteien den Hintern aufreißen und NICHTS erreichen werden. Das sind Menschen, die grundsätzlich bereit sind, etwas zu tun und sie werden verheizt in einem sinnlosen Unsinn! Sie werden verheizt in Parteien, in den immer wieder selben Aktionen, die ihre selbst gesteckten Ziele eben nicht erreichen (können), siehe „wir verhindern die Neugründung der AfD-Jugend.“ Sie werden der Polizei und oft auch juristischen Konsequenzen quasi zum Fraß vorgeworfen! Das ist eine fahrlässige Gefährdung von Aktivist:innen und es ist an der Zeit, das auch endlich zu benennen! Polizeigewalt ist eine Katastrophe, Polizeigewalt traumatisiert, juristische Konsequenzen können Dein Leben auf lange Sicht komplett belasten und verändern. All das kommt aber inzwischen nicht mehr überraschend. Wir wissen, dass es passiert und wir mobilisieren Menschen trotzdem immer wieder genau in diese Situationen, obwohl wir ebenfalls wissen, dass wir die gewünschten Ziele damit nicht erreichen.
Mich macht das nur noch wütend! Hört auf damit, Menschen für nichts und wieder nichts zu verheizen! Hört auf mit all dem Gefasel von Hoffnung, Vogelgezwitscher und Bäumen. Die Vogelpopulationen sinken, Bäume werden gerodet und viele sehen im Enrstfall eben doch größtenteils tatenlos zu, sonst wären bei Räumungen und Rodungen die Zahlen derer, die sich dagegenstellen größer. Ich war im Laufe der letzten Rodungssaison bei zwei Räumungen und Rodungen vor Ort, wurde re-traumatisiert und habe viel zu wenige Menschen gesehen, die etwas getan haben, um weiterhin den Vögeln und den Wind in Bäumen lauschen zu können.
Es gibt sie doch, die Parteien, die NGOs, die Menschen, die auf Großdemos gehen. Es ist gut, dass es das alles gibt. Aber es ist notwendig, Aktivist:innen nicht länger in diesen Kreis eingliedern zu wollen mit Heilsversprechen, die nicht erfüllbar sind. Lasst Aktivist:innen vielfältig radikal radikale Gegenmacht aufbauen und diese liegt eben nicht auf den ausgetretenen Pfaden. Lasst Menschen selbst entscheiden, ob sie mit Sonnenschein und Liebe auf Gewalt reagiern oder doch lieber einen queeren Selbstverteisigungskurs besuchen. Lasst Menschen eigene autonome Aktionen machen, die nicht in einen Aktionskonsens gepresst werden. Lasst Menschen sich vorbereiten auf das, was von ihnen persönlich als Gefahr wahrgenommen wird – sei es den Ausfall von Kommunikation, den Verlust des Zugangs zu Medikamenten, Gewalt durch Nazis oder was auch immer sonst auf uns zukommt. Es müssen nicht alle diese Entscheidungen treffen, aber ich habe es satt, dass Menschen, die sich für bestimmte Dinge entscheiden, angegriffen und inzwischen oft auch diffamiert und teilweise beinahe zwanghaft in Diskussionen gezogen werden über Gewaltfreiheit, Parteieintritte usw. Es gibt tatsächliche viele Wege für viele unterschiedliche Menschen und wir sollten frei entscheiden, welchen Weg wir wann gehen, ohne uns schuldig fühlen zu müssen und aus den eigenen Reihen angegriffen zu werden.
Ich sage all das nicht und ignoriere die potenziellen Risiken. Aber ich sage es in dem Bewusstsein, dass die Risiken inzwischen überall vorhanden sind, denn es wird mit absolut unverhältnismäßigen Mitteln gegen uns agiert und reagiert. Wir haben kaum mehr Einfluss darauf und es ist (inzwischen) absurd, Menschen in großer Zahl für Demos und im Endeffekt wirkungslose Blockaden dem Risiko von Haft und Polizeigewalt auszusetzen. Die Bilder wirken nicht mehr, weil sie schon zu oft zu sehen waren. Das ist erschreckend, aber es ist eine Tatsache, von der selbst schreckliche Bilder aus Kriegen und Völkermorden keine Ausnahme mehr bilden. Es gibt einen Gewöhnungseffekt, der auch bei Grausamkeit und Gewalt eintritt.
Menschen, die sich entschließen, andere Wege zu gehen und damit bewusst entsprechende Risiken einzugehen, sind sich dieser in der Regel weitaus mehr bewusst und sie sind oft wesentlich besser vorbereitet und abgesichert als Menschen, die auf Demos gehen oder Wahlkampfstände von Parteien betreuen. Wenn Risiken offen kommuniziert werden, kann ich entsprechend handeln und eine Entscheidung treffen, die auf Wissen basiert. Wenn mir aber gesagt wird, dass Risiken nicht vorhanden sind, wenn ich nach gewissen Regeln spiele, ist das unter aktuellen Gesichtspunkten eine Lüge, die Menschen im schlimmsten Fall gefährdet.
Ich finde, es ist an der Zeit, Hoffnung durch Mut und Ehrlichkeit wieder entstehen zu lassen, statt sie reflexartig herbeireden zu wollen mit Phrasen und unhaltbaren Versprechungen. Es gibt keinen Weg, sich ohne Risiken für etwas einzusetzen. Wir müssen es schaffen, dass sich das inzwischen beinahe unvermeidbare Risiko wenigstens wieder lohnt, weil wir etwas erreichen können. Von diesem Zustand sind wir meilenweit entfernt.