Nur sehr wenige Menschen überlebten den nuklearen Holocaust. Zwei Millionen Jahre später ist die Erde bevölkert von Mutanten, Feen, Elfen und Zwergen. Zwei dieser magischen Wesen haben die Welt unter sich aufgeteilt. Auf der einen Seite steht der gute Zauberer Avatar aus dem Lande Montagar, wo die Elfen, Feen und Zwerge leben. Auf der anderen Seite befindet sich Blackwolf, der das Land Scortch beherrscht und mit Hilfe von Kriegstechnologie und Nazipropaganda Tod und Zerstörung über die Erde bringen will. Um die Welt zu retten, müssen sich Avatar und seine Gefährten, die Fee Elinore, der Roboter Frieden und der Elf Weehawk, in das düstere Scortch begeben und versuchen, Blackwolfs Pläne zu verhindern.
Die Welt in 10 Millionen Jahren (Originaltitel: Wizards) aus dem Jahr 1977 ist ein Zeichentrickfilm des berühmten Regisseurs Ralph Bakshi. Bekannt für den schlüpfrigen Kultfilm Fritz the Cat (1972), schuf Bakshi mit den Originalstimmen von Mark Hamill, Bob Holt, David Proval, Jesse Welles, Richard Romanus und Peter Hobbs ein außergewöhnliches Werk. Noch bevor der Kultregisseur die Fantasy-Filme Der Herr der Ringe (1978) und Feuer und Eis (1983) drehte, entstand dieses legendäre Werk und war richtungsweisend für das Fantasy-Genre, das dann in den 80er-Jahren zu seiner Höchstform fand.
Bakshis vierter Film kann als Persiflage auf das Fantasy-Genre gelesen werden und war ein wichtiger Wendepunkt in der Karriere des Regisseurs, da er sich hier erstmals vom urbanen Milieu seiner früheren Werke löste und sich der Fantasy zuwandte. Das experimentierfreudige Werk ist dennoch ebenso subversiv wie seine Vorgängerfilme und gilt als Anti-Version zu den bekannten Disney-Produktionen. Das erkennt man vor allem an der derberen Sprache, dem Zynismus und der kritischen Message.
Der Film entstand zu einer Zeit, als die Bürgerrechtsbewegung in Amerika ihren Elan verloren hatte und die subversiven Underground-Comix zur Speerspitze der sexuellen und politischen Emanzipation gehörten. So greift Bakshi in dem Film auf NS-Symbolik wie dem Hakenkreuz zurück, um zu zeigen, dass die primäre Waffe der Faschisten die Propaganda ist. Daher kann sich Blackwolf auch nur durch einen Filmapparat, der Szenen aus den Propagandafilmen des NS-Regimes abspielt, einen Vorteil gegenüber den guten Völkern verschaffen. Ralph Bakshi wurde vorgeworfen, er habe für die Figur des Zauberers Avatar Vaughn Bodēs "Cheech Wizard" plagiiert. Bakshi und andere sahen darin vielmehr eine Hommage an die Comics des legendären Zeichners. Vaughn Bodē war ein US-amerikanischer Comiczeichner und Autor. Seine Art zu Zeichnen hatte großen Einfluss auf die Graffitiszene.
Die Welt in 10 Millionen Jahren vereint kunstvoll Elemente des Comics sowie des Zeichentrickfilms und verwendet historische Filmaufnahmen und verfremdete Realfilmausschnitte. Diese wurden durch die sogenannte Rotoskopietechnik zeichnerisch bearbeitet und verleihen dem Film einen psychedelisch anmutenden Anstrich. Die Filmmusik von Andrew Belling vereint ebenso verschiedene Stile zu einer interessanten Klangcollage. Neben Jazz- und Funk-Elementen sowie folkloristischen Panflöten dominieren vor allem die stimmungsvollen Analog-Synthesizer-Sounds aus jener Zeit.
Völlig ohne Computereinsatz zeigt die Trickfilmlegende Ralph Bakshi hier in beeindruckender Weise seine visuelle Kreativität und seinen subversiven Geist. Herr der Ringe mit Nazis auf LSD: Die Welt in 10 Millionen Jahren konnte mich durch seine psychedelische Ästhetik, die spannende Story und die skurrilen Figuren restlos begeistern.
https://www.imdb.com/de/title/tt0076929/ (Öffnet in neuem Fenster)