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Enfant terrible des schwulen Sex | Zu Todd Verows Dokumenation über Cum Dumps

Im Rahmen des 20. Pornfilmfestivals Berlin 2025, feierte die neueste dokumentarische Arbeit des unbändig produktiven US-amerikanischen Filmemachers Todd Verow ihre Weltpremiere. BEHIND THE OPEN DOOR zeigt sich als faszinierend unerschrockene (Wieder-)Annäherung an eine deviante Nische schwuler Sexualität: Cum Dumping.

Cum Dump. Im schwulen Sex war dies lange Zeit die Nische in der Nische – aus viralen Gründen. Technisch betrachtet hält hier ein Arsch über Stunden für beliebig viele anonyme Penisse hin. Es ist Sex, der unter der Prämisse des „Mehr ist mehr“ lebt und in der Quantität die größte Qualität darstellt. Es ist ein Fetisch. Und: Ausdauersport.

Corey Hudsonn (mit doppeltem N) ist solch ein besonderer Ausdauersportler und der Protagonist in BEHIND THE OPEN DOOR, einer dokumentarischen Arbeit von Todd Verow, die ihre Weltpremiere im Dokfilm-Programm des Pornfilmfestivals 2025 feierte.

Obsessives Sammeln von Sperma

Anonymität bildet hier die Basis für alles, also ist auch Corey Hudsonn nur ein Synonym und der Twitter-Name des Mannes vor der Kamera. Des Mannes ohne Gesicht, denn auch dies bleibt bis zum Schluss unsichtbar. Wir sehen dafür häufig seinen Arsch, seinen wohltrainierten Körper, seinen Hinterkopf und sein schwarzes Leder-Basecap. Corey arbeitet, wie er es sagt, in einem gewöhnlichen Job in irgendeinem US-Konzern. Ein Job mit Reiseverpflichtungen – die er wiederum für seine Sessions nutzen kann. Würde öffentlich, wer er ist, er wäre seinen Job sofort los.

Hier begegnet uns ein enorm reflektierter Mensch, der sein Tun präzise geplant und faszinierend tief durchdacht hat. So sehr, dass BEHIND THE OPEN DOOR stellenweise wie ein Handbuch des Cum-Dumpings gelesen werden könnte (einige von Coreys Tipps lesen Sie weiter unten).

Filmplakat zu BEHIND THE OPEN DOOR
Filmplakat zu BEHIND THE OPEN DOOR

Es ist nicht der erste Ausflug Todd Verows in dieses abseitige Metier des schwulen Sex. Bereits 2011 untersuchte der US-amerikanische Filmemacher das Phänomen Cum Dumping und das obsessive Sammeln von Sperma in seiner dokumentarischen Arbeit BOTTOM.

Unverstellter Blick

Verow ist ein zurückhaltender dokumentarischer Beobachter, der sich von den üblichen Formen dokumentarischen Erzählens im US-amerikanischen Film erfreulich und erfrischend stark abgrenzt. Ihn interessiert ein möglichst unverstellter Blick.

Dokumentarisches Filmen ist – in seinem Versuch, Realität wiederzuspiegeln – immer auch ein starker Eingriff in eben jene Realität. Eine Inszenierung. Letztendlich. Dem begegnet Todd Verow mit einer maximal heruntergedimmten Vorgehensweise beim filmischen Arbeiten, die seinen Spielfilmen ebenfalls innewohnt. Kleine Kamera, etwas Licht, mehr braucht es hier nicht. Ein Gespräch, das offenkundig jenseits der Bildaufnahmen enstand, bildet das Material für die Tonspur.

In BOTTOM wie BEHIND THE OPEN DOOR ist die Kamera immer in Bewegung und stets mittendrin wie auch nah dran. Wortwörtlich. Sprechende Köpfe, die vor der Kamera Dinge schildern oder erinnern, gibt es nicht. Wie sollte es auch, wenn Anonymität die Grundlage ist? Trotzdem erfahren wir durch die Bilder und die Tonspur eine Menge über die Motive, Gedanken und Handlungen der Männer.

Enfant terrible schwuler Sexualität

Wir erleben hier kein klassisches Interview. Es ist eher ein erkundendes Befragen und nicht notwendigerweise hören wir dabei die Fragen des Filmemachers. Müssen wir auch nicht, denn durch die Antworten der Protagonisten lernen wir ebenso einiges über den Fragesteller.

Todd Verow scheint diesen schwulen Männern sehr offen, sehr unvoreingenommen begegnet zu sein. Ehrliches Interesse. Keine Vorverurteilung.

Gleichwohl lässt sich – gerade in BEHIND THE OPEN DOOR, wo Verow eigentlich noch stärker zurücktritt als in BOTTOM – rekonstruieren, dass er die Extremität des Ganzen sehr genau abzuschätzen weiß und deshalb Corey all die Fragen gestellt hat, die auch das Publikum umtreiben.

Was soll das? Warum tun sie das? Wie geht so was überhaupt – über Stunden zahllosen Schwänzen hinzuhalten, also allein schon rein technisch? Und nicht zuletzt: Ist das nicht einfach auch ziemlich gefährlich auf fast allen Ebenen? Ja, und: Nein (s. Coreys Tipps).

Die (filmische) Kunst, die Todd Verow hier praktiziert, ist die des radikalen Respekts. Cum Dumping, als Spielart des schwulen Sex, steht selbst in der schwulen Community als Singularität da. Viele empfinden es als extrem und zu riskant. Es ist ihnen unverständlich, und nicht selten wird es sogar als schwules Porno-Klischee abwertend belächelt. Zugleich birgt es ein enorm anziehendes Element in sich und ist Trigger für Fantasien. Ein enfant terrible der schwulen Sexualität. Noch.

Methode der Extremität

Der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft – obwohl sie sexuell stark ums Sperma kreist – ist es wohl weitgehend unzugänglich. Daraus jedoch eine Verurteilung oder moralisches Entsetzen zu entwickeln, liefe fehl.

Todd Verow sieht diese Reflexe klar – und ebenso das Element der Glorifizierung. Er aber tut nichts dergleichen. Nein. Er operiert im Modus des aufrichtigen Verstehen-Wollens. Er zeigt Körper ohne Gesichter und findet trotzdem Persönlichkeit. Er dokumentiert Extremität und entdeckt darin Methode und Reflexion. Ja sogar: Routine.

Selbst in der extremsten (konsensuellen) sexuellen Praxis organisiert sich der Mensch. Er denkt nach, setzt Grenzen, sucht Sinn. Corey Hudsonn, der Twitter-User, der vor 14 Jahren eine dokumentarische Arbeit über einen Cum Dump entdeckte – BOTTOM – und darin eines seiner vielleicht wichtigsten sexuellen Bedürfnisse fand, ist ein solcher Mensch.

BEHIND THE OPEN DOOR ist ein Film über die conditio humana. Ein Dokument von seltener Klarheit über das, was Menschen in ihren intimsten Momenten zu sich selbst macht. ▪︎

BEHIND THE OPEN DOOR

Todd Verow, USA 2025, 71 Minuten, digital, dokumentarische Form

Erstveröffentlichung dieses Textes am 28.10.25 und im Rahmen der Berichterstattung zum Pornfilmfestival (Öffnet in neuem Fenster) Berlin 2025.

PS: Nachfolgend einige Ratschläge von Corey Hudsonn – falls Sie es ihm gleichtun und sich ebenfalls von einer Todd-Verow-Arbeit inspirieren lassen wollen. Kino als Lernort, sozusagen.

Cum Dump – Ein Handbuch

Wie gelingt es, binnen einiger Stunden dutzende Penisse aufzutreiben und sie im eigenen Loch zum Orgasmus zu treiben? Der Cum Dump Corey Hudsonn liefert dazu in der dokumentarischen Arbeit BEHIND THE OPEN DOOR einige, wenn man(n) so will, hilfreiche Handreichungen. Nachfolgend die Mitschrift seiner Tipps und Tricks. Gebrauch auf eigene Verantwortung.

Das Hotel

Keine Frage, Sie wollen eine Cum-Dump-Session nicht zu Hause abhalten – Sie nehmen ein Hotel. Aber es sollte kein hochklassiges Innenstadt-Hotel sein. Wählen Sie lieber einen unscheinbaren Laden, am besten eine dieser Irgendwas-Hotelketten am Stadtrand oder an der Schnellstraße, in denen man problemlos unsichtbar werden kann. Und besonders wichtig: Das Hotel sollte ohne Sicherheits-Türkarten funktionieren. Ihre Penisse müssen von allein in das Hotel hinein und in Ihr Zimmer kommen können.

Ihr Hotelzimmer

Wählen Sie ein Zimmer, das möglichst abseits gelegen ist, denn während Ihrer Session kann es zu gewissem Lärm kommen. Und Sie wollen definitiv nicht auffliegen, denn dann fliegen Sie nur noch raus.

Inspizieren Sie die Zimmertür. Macht diese Lärm beim Öffnen und Schließen? Klickt das Schloss laut? Ist die Tür schwer? Quietscht etwas? Das ständige Öffnen der Zimmertür darf nicht auffallen. Dem Schloss gewöhnen Sie seinen Lärm mit Gaffer-Tape ab, und das Quietschen lässt sich mit etwas Gleitgel beseitigen.

Das Bett

Wie hoch ist das Bett? Hat es eine angenehme Fickhöhe? Ist es zu niedrig, kann man mit Kissen nachhelfen. Aber es darf keinesfalls zu hoch sein. Sie wollen schließlich einen problemlosen Eintritt des Penis sicherstellen.

Bringen Sie Ihre eigene Überdecke mit – eine Decke, die angenehm zu Ihren Knien und Ellbogen ist, denn darauf werden Sie viel Zeit verbringen. Außerdem schützt die Überdecke Ihr Bettzeug, in dem Sie später noch schlafen wollen.

Licht & Musik

Licht ist wichtig. Sie wollen den Raum keinesfalls zu hell ausleuchten – das behindert Ihre Penisse. Häufig ist Hotelzimmerbeleuchtung zu hell; bringen Sie also eine LED-Lichterkette mit, die es Ihnen ermöglicht, eine angenehme und intime Lichtstimmung zu erzeugen.

Musik ist okay, doch diese Musik darf niemals im Zentrum stehen. Sie muss sich einfügen wie eine Tapete: Sie ist da, aber eben auch nicht mehr.

Untenrum frei leer

Der vielleicht wichtigste Aspekt: Etwa zwei Tage vor Ihrer Session sollten Sie beginnen, genau auf Ihre Ernährung zu achten. Sie wollen für Ihre Session untenrum komplett leer sein und zu keinem Zeitpunkt befürchten müssen, dass ungewünschte Verdauungsreste den Fortgang der Dinge sprengen. Mit guter Vorbereitung können Sie diesen Gedanken komplett aus Ihrem Kopf tilgen und sich dem Spiel hingeben.

Spätestens drei Stunden vor der Session sollten Sie beginnen, sich zu spülen. Restlos. Benutzen Sie unbedingt einen Spülaufsatz – das schont Ihr Loch. Ihr Loch ist in den kommenden Stunden das Zentrum aller Aufmerksamkeit; Sie möchten nicht, dass es irgendwie irritiert ist. Das gilt übrigens auch später in der Session. Verneinen Sie allzu viel Rimming, gerade durch Männer mit kratzigem Bart.

Rausch & Mittel

Verzichten Sie unbedingt auf Rauschmittel – außer Poppers, falls gewünscht. Sie brauchen bei aller Geilheit, Vertiefung und Ekstase immer die Fähigkeit, die Situation um Sie herum kontrollieren zu können. Das dient Ihrer Sicherheit, denn Sie wissen nie, was für ein Mensch in dem Penis steckt, der Sie da gerade fickt. Sie können extrem tolle Menschen treffen, die vielleicht sogar Ihre Freunde werden. Doch das Gegenteil davon ist genauso möglich.

Ein wenig Alkohol ist übrigens okay, aber bitte wirklich nur wenig. Ansonsten gilt, was immer gilt: Trinken Sie ausreichend Wasser. Und ganz ehrlich, Sie haben zahllose Schwänze und deren Sperma im Arsch – wenn Ihnen das allein nicht Droge genug ist, sollten Sie eine Therapie dringend in Betracht ziehen.

Notizen

Falls Sie interessiert daran sind, eine Strichliste zu führen, legen Sie sich einen Notizblock und Stift immer griffbereit neben sich.

Die Gesundheit

Das Sperma von Dutzenden Schwänzen aufzunehmen, ist natürlich nicht ohne Gesundheitsrisiken. Stellen Sie sicher, dass Ihre TasP (HIV-Therapie als Prävention) oder PrEP (HIV-Präexpositionsprophylaxe) gut funktioniert – und ebenso Ihre DoxyPEP (Doxycyclin-PrEP gegen andere STDs als HIV). Es kann klug sein, auch eine Pille danach bereitzuhalten, um STDs wirklich effektiv abzublocken. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, denn gerade Doxycyclin steht im Verdacht, bakterielle Resistenzen hervor zu rufen. Natürlich sind regelmäßige Kontrollen auf alle STDs unerlässlich.

Achten Sie auch auf Ihre psychische Gesundheit. Cum Dumping sollte niemals ein Werkzeug zur Verdrängung sein. Auch sollten Sie darüber keinesfalls die Verbindung und den Zugang zu den etwas gewöhnlicheren sexuellen Spielarten verlieren.

Booking

Laden Sie viel und weiträumig ein – je mehr Männer, desto besser. Denn Sie müssen eigentlich immer mit 60–80 Prozent No-Show-Quote rechnen. Zu viele Kerle wollen sich einfach nur auf die Fantasie einen runterholen und Ihren Arsch niemals wirklich besuchen.

Bottoms

Nicht zuletzt: Halten Sie sich von den örtlichen Bottoms fern. Deren Eifersucht kann zutiefst toxische Züge annehmen und Ihnen einiges an Hassposts und Schikane einbringen.

Falls Sie weitere Fragen haben: Corey Hudsonn finden Sie auf Twitter, und er hilft gerne – wie er in BEHIND THE OPEN DOOR zu Protokoll gibt. Denn längst, so seine Beobachtung, sei Cum Dumping keine Nische mehr, sondern Mainstream.

Na dann – auf ins Getümmel. ▪︎

Kategorie Pornfilmfestival