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Le Chat

Anfang der 1970er ist halb Paris eine Baustelle. Überall sprießen Hochhäuser aus dem Boden, während die alte Stadt allmählich im Baulärm und im Schutt der Umbaumaßnahmen verschwindet. Am Rande dieser Szenerie harrt ein altes Ehepaar in ihrem kleinen Häuschen aus und lebt aneinander vorbei. Die guten Zeiten liegen lange zurück und so, wie sich ihr altes Viertel langsam auflöst, so löst sich auch die Ehe der beiden auf. Kleine Eifersüchteleien und kindische Racheaktionen stehen auf der Tagesordnung, vor allem als Julien eines Tages eine kleine Katze von einem seiner langen Spaziergänge mitbringt, kippt das Verhältnis zu seiner Frau Clèmence entgültig. Denn Julien scheint diese Katze weitaus mehr zu lieben als seine Frau.

Die Verfilmung einer Buchvorlage von Georges Simenon aus dem Jahre 1971 zeigt uns zwei Menschen, die zu lange miteinander auskommen mussten und deren einstmalige Romance inzwischen vom grauen Alltag und den Problemen des Rentenlebens ausgebleicht und zersetzt wurde. Wie zwei Geister wabern sie in ihrem kleinen abbruchreifen Haus aneinander vorbei und keiner wagt den letzten logischen Schritt: die Scheidung. Man ist aneinander gewöhnt und Veränderungen sind für beide eher beängstigend. Mit dem Einzug der Katze wird aus dem Nebeinander ein von Missgunst und Vorwürfen angetriebenes Voneinanderweg.

In verschleierten, grau getrübten Bildern erzählt uns Regisseur Pierre Granier-Deferre (“Adieu Bulle”) ein trostloses Leben zweier Menschen, die längst aufgegeben haben. Trübsinnig und verschlossen ergeben sie sich ihrer Existenz und blenden das Veränderliche konsequent aus. Simone Signoret und Jean Gabin spielen sich ohne viel Wirbel die Seelen wund. Es schmerzt bis ins Mark ihnen beim eigenen inneren und äußerlichen Verfall zuzusehen, während sich um sie herum die Stadt erneuert. Der traurig schöne Soundtrack von Philippe Sarde (“Endstation Schafott”) unterstreicht dabei noch das Gefühl des Verlorenseins in einer zu groß gewordenen Welt.

Ein nachdenklich machendes Werk, das in seiner Einfachheit überzeugt und mit wenig Kraftaufwand starke Gefühle beim Betrachten auslöst. Ein Klassiker des französischen Kinos. Eine eindringliche Erzählung von Verfall und Desillusionierung, die mit einer konsequenten Hoffnungslosigkeit und endloser Melancholie besticht.

4,5 von 5 Zeitungen