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Die Good-Girl-Falle. Warum Frauen, die alles richtig machen, so oft in Beziehungen mit Coercive Control landen

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN | Tina Steiger

Das Internet ist voll mit Tipps für Frauen, wie sie alles richtig machen.
Doch Vorsicht: Zu gut zu sein ist für Frauen manchmal genau der Grund, warum sie später Coercive Control in Beziehungen erleben.

TikToks, Reels, eine unendliche Anzahl von Posts und Stories darüber, wie Frauen perfekt werden könnten. Das perfekte Mindset, die imposante Businessfrau, die bewundernswerte Single Lady, die anbetungswürdige Partnerin, die liebende Mutter. Selbst für das Leben nach der Trennung gibt es eine Vielzahl von Guidelines, wie sie perfekt in der Rolle aufgeht. Diese Tipps versprechen Freiheit und Selbstbestimmung. Doch was sie eigentlich schaffen, sind neue Grenzen, Regeln und von fremder Hand geschaffene, mentale Gefängnisse. Perfektion kommt nie. Und das Nahe-dran schafft es, die Ziellinie für Frauen immer neu ein Stück weit nach hinten zu verschieben.

Wer alles richtig machen will, will auch in der Beziehung so gerne perfekt sein. Die ideale Partnerin. Und das muss ganz und gar nicht immer die Tradwife-Ideologie sein, die wir bei diesen Worten vor Augen haben. Die ideale Partnerin ist … Wer das googelt, findet Ratgeber über Ratgeber zu Verhaltensweisen, die Frauen in Beziehungen mitbringen sollen. Reflektiert und selbstkritisch, annehmend und verständnisvoll. Seine Sprache sprechen, ihn entziffern. Der Familie zuspielen, allen Rollen entsprechen – von der Mutter über die eigenständige Person, bis hin zur Partnerin. Und so sollen Frauen zunächst anderen nützen. Ihm, der Familie, der Außenwirkung, der Gemeinschaft.

Dass auch selbstbewusste, emanzipierte Frauen in diese Rolle rutschen, hat seinen Ursprung in der Prägung. In Märchen, in Familienfilmen, in der gesellschaftlichen Zuschreibung von Rollen. Wir alle wissen genau, wie wir uns eine gute Partnerin und Mutter vorstellen. Es ist verdammt schwer, sich diesem Narrativ in Aktion zu widersetzen, wenn Alltag und Umfeld immer wieder mitteilen, wie es die Norm zu sein hat.

Das Gefährliche ist, wie gesagt: Es betrifft nicht nur die Familien, die wie aus der Reklame aussehen. Auch die vermeintlich coole, reflektierte, selbstbestimmte Partnerin folgt manchmal Rollenbildern, wie sie denn cool und reflektiert ist. Gut sein wollen, hat viele Dimensionen, die nicht immer auf den ersten Blick naiv, devot oder auch abhängig wirken.

People pleasing. Der Begriff war um 2020 in aller Munde, gerade verwäscht er sich wieder. Angeblich, weil Frauen gelernt haben, dass sie gar nicht mehr pleasant sein wollen. Ich glaube vielmehr, weil wir die Richtwerte verschoben haben, die People Pleasing definieren.

Gefallen sollen Frauen weiterhin.

Doch wer gefallen will, lebt gefährlich. Coercive Control, also das Leben in Zwangskontrolle durch (meist) den Partner, ist hier noch weitgehend unbekannt als Begriff. Die Gewalt dahinter kennen wir alle, doch wenn es dafür kein Wort gibt, bleibt die Gewalterfahrung nur ein diffuses Gefühl. Eines, das Täter normalisieren können und für das Betroffene sich schämen. Wer gefallen will, gibt die Deutungshoheit ab. Darüber, was richtig ist und darüber, was gut ist.

Wenn wir uns als Frauen dann daran ausrichten, was uns als gute Partnerinnen oder auch Mütter ausmacht, dann verlieren wir den eigenen Kompass. Für die meisten ist gut, was irgendwo gut ankommt. Wer will schon anecken? Aber die Frage, ob dieses Gut auch den eigenen Regeln von Selbstwirksamkeit, Integrität und dem eigenen Lebensentwurf entspricht, stellen sich viele zu spät und andere nie.
Doch wenn sozialer Rahmen, der eigene Partner und ein übernommenes Skript die eigene Einschätzung verstummen lassen, dann ist der Schritt zur Kontrolle nicht weit.

Egal, was sie will, er wird sagen, so gehört sich das nicht. Gute Frauen tun das nicht. Seine Mutter, Schwester, Tante, beste Freundin, der Nachbar, im Zweifel sein ganzer Fussballverein sagt das auch. Richtige Frauen nehmen das hin. Gute Frauen fordern das nicht.

Wir alle wollen gar nicht mehr gut sein? Ok. Aber was ist mit unabhängig, entspannt? Nicht so anstrengend? Therapiepraxen sind voll mit aufgeklärten, lässigen Partnerinnen, die Jahre ihres Lebens investieren, um mit ihm gemeinsam an seinen Fehltritten zu arbeiten. Fehler, für die er oft weder die Verantwortung, noch die Folgen übernimmt.

Das Good Girl in Beziehungen sein, kann heißen, keine allzu großen Ansprüche zu stellen, entspannt über alles hinwegzusehen und kein Drama zu starten. Viele Frauen definieren das für sich als gut und unabhängig. Was sie nicht wissen ist, dass genau das ein Türöffner für Coercive Control sein kann. Denn Männer, die diese Gewaltform von Machtausübung, Kontrolle, Gaslighting und Schuldumkehr betreiben, lieben Frauen, die sich in Partnerschaften zurücknehmen. Sich in Beziehungen gegenseitig achten, schützen, wertschätzen – das alles gilt für Partner nicht, die Coercive Control ausüben. Was sie wollen ist Macht. Über ihr Leben, ihre Entscheidungen, vor allem aber über ihre Emotionen. Geraten Frauen, die den Partner an erste Stelle und über sich selbst stellen, an diese Art von Männer, finden sie sich in einem Abgrund aus kontrollierender psychischer Gewalt wieder, die zusätzlich ein, mit jedem Tag wachsendes, Potential für physische Gewalt birgt.

Wenn Aushalten nicht gut ist

Frauen müssen für sich selbst definieren, was es heißt, gut zu sein. Als Partnerin, als Mutter, als Mensch. Und je weniger diese Deutungshoheit anderen Menschen Mitsprache erlaubt, desto schwerer fällt es Tätern, Frauen trotz Gewalt zu binden. Frauen, die gut und richtig selbst für sich einordnen, stellen sich selbst auf ein Podest und ziehen Grenzen. Werden diese Grenzen überschritten, nehmen sie das wahr und können häufiger rechtzeitig reagieren. Frauen, die bei missbräuchlichen Männern bleiben, erzählen oft, dass sie so geprägt wurden, dass sie bei Problemen nicht einfach gehen, die Beziehung nicht einfach so wegwerfen. Wer um jeden Preis bleibt, weil das die Definition einer guten Partnerin ist, ermöglicht einem Täter jede Form von Missbrauch.

Schon junge Mädchen müssen lernen, dass Aushalten, Hinnehmen und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurückzunehmen, nichts damit zu tun hat, gut für jemand anderen zu sein. Frauen müssen den Kreislauf aus Aufopferung und Schuld durchbrechen, um sich selbst zu schützen. Das ist dann jedoch besonders schwer, wenn das eigene Umfeld, Familie, Freunde und eben der (missbräuchliche) Partner genau das als gut propagieren.

Wie schon junge Frauen sich die Deutungshoheit zurückholen

Die nachfolgenden fünf Punkte helfen jungen Frauen, sich zu entscheiden, ob sich die Beziehung sicher und richtig anfühlt. Oder einfach nur nach den Vorstellungen anderer so zu sein hat.

  1. Kann ich jederzeit Nein sagen? Wird mein Nein respektiert oder mir ausgeredet? Sorgt mein Nein für Streit, beleidigtes Schmollen oder tagelanges Schweigen? Sorgt mein Nein sogar für Gewaltausbrüche? Dann ist diese Beziehung zum

    Scheitern verurteilt. Frauen sind mit Männern, die ihr Nein nicht akzeptieren grundsätzlich in Gefahr.

  2. Muss ich ein bestimmtes Bild von Frau erfüllen oder eine bestimmte Rolle spielen? Sind alle meine Emotionen, Bedürfnisse und Versionen von mir hier akzeptiert? Oder nur die polierte, sanfte, leise oder besonders attraktive Version? Was passiert, wenn ich diese Rolle verlasse? Wenn dann emotionaler Missbrauch folgt, ist das ein Warnsignal.

  3. Triangulation – Werden immer wieder Dritte einbezogen, die mein Gut und Richtig angeblich infrage stellen? Freunde und Familie, die meinem Partner angeblich Recht geben oder auch ein fiktives Umfeld nach dem Motto Alle finden, dass du dich unmöglich benimmst. Wenn ein Partner, Dinge über Dritte zu manipulieren versucht und damit Druck aufbaut, ist das bereits Machtausübung und Kontrolle.

  4. Mag ich mich an der Seite dieses Menschen? Die meisten fragen sich ständig, ob der andere sie auch genug mag. Viel zu selten fragen wir uns, ob wir uns eigentlich selbst gut leiden können, wenn wir mit diesem Menschen zusammen sind. Mit Freundinnen bin ich gelöster, lustiger, mehr ich selbst? Das ist ein erstes Signal dafür, dass diese Beziehung Zwänge auferlegt.

  5. Habe ich Angst? Angst, dass die Stimmung kippt, dass er schlechte Laune bekommt. Angst, dass er sich tagelang nicht meldet? Angst, wenn ich für mich einstehe, Angst, wenn ich Freunde und Familie treffen will, Angst, mein Geld für mich auszugeben? Habe ich Angst, dass er fremdgeht oder mich belügt? Habe ich Angst, dass er mein Nein zum Sex nicht respektiert? Habe ich Angst vor dem nächsten Gewaltausbruch? Angst ist ein Indikator für Gewalt. Wer Gewalt ausübt, lebt davon, dass den anderen die Angst lähmt und einschränkt, eigene, schützende Entscheidungen zu treffen. Angst ist die Sprache deines Nervensystems und heißt übersetzt: Du musst hier weg.

Kategorie Gewalt gegen Frauen

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