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Was junge Mädchen über Gewalt wissen sollten

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN / Tina Steiger

Mütter, Tanten, Großmütter und natürlich auch gerne Väter aufgepasst. Dieses Wissen sollten junge Mädchen kennen, um Gewalt frühzeitig benennen und verlassen zu können.

Was ist überhaupt Gewalt? Diese Frage stellt oftmals die Grundlage dafür dar, warum Frauen zu lange in der Beziehung bleiben. Wir sprechen gesellschaftlich nicht ausreichend über Gewalt. In filmischen Darstellungen ist Gewalt extrem, brutal, mit Blut und Verletzungen. Gewalt in Worten, Zwischentönen und kontrollierenden Handlungen? Findet so gut wie keine Benennung.

Junge Frauen in Deutschland wachsen heute überwiegend mit dem Selbstverständnis auf, dass sie keinen Einschränkungen ausgesetzt sind. Sie können alles werden, alles wählen und frei bestimmen, wie sie ihr Leben gestalten. Diese, im Selbstverständnis, selbstbestimmten jungen Frauen treffen bei Dates und in ersten Beziehungen auf junge Männer, die in ihrer Sozialisierung nicht gleich weit sind. Jungs und Männer, die eine tiefgreifende feministische Erziehung genossen haben, sind bis heute selten. Stattdessen wachsen sie in konservativen und zum Teil offen patriarchalen Familienstrukturen auf, in denen die Rollen klar verteilt sind.

Zwar wirken diese Strukturen in den Elternhäusern der Jungen auf den ersten Blick gleichberechtigt, doch im Kern sind sie es nicht. Beide arbeiten, beide verdienen Geld, beide entscheiden bei Ausgaben und Kindern gemeinsam. Und doch gibt es Unterschiede. Im Streitverhalten. In der finanziellen Dominanz. In der Altersvorsorge. In der Verteilung von Freizeit und Care-Arbeit.
In der mentalen Belastung und in der Sichtbarkeit von Arbeit. Nuancen vermeintlich zum Thema Was steht wem zu?

Während er auch während die Kinder klein sind, voll arbeitet und damit für seine Rente vorsorgt, bleibt sie zuhause, verzichtet auf Stunden und erhält keinen Ausgleich für verlorenen Rentenpunke. Schließlich muss die Miete bezahlt werden. Oder ein Kredit fürs Haus. Ihre Absicherung fällt hinten runter. Ähnlich ist es bei Freizeit und Haushalt. Die Wäsche, die Mittagsbetreuung, die mentale Arbeit rund um Kita- und Schultermine, Elternabende, Geschenke für Erzieher:innen und Lehrkräfte oder für den Kindergeburtstag – in den meisten deutschen Familien fällt das in ihren Bereich. Vor 20 Jahren war das noch häufiger so. Junge Männer aus diesen Strukturen sind mit einem Selbstverständnis aufgewachsen, dass bestimmte Aufgaben nun mal Frauen gehören. Und bestimmte Freiheiten Männern.

Natürlich stammen auch Frauen aus Familien wie diesen. Das ist ein Grund, warum sie grenzüberschreitendes Verhalten normalisieren und nicht als Gewalt benennen würden, auch wenn sie sich sonst für emanzipiert und selbstbestimmt halten.

Hinzu kommen bei jungen Männern Faktoren wie offener Sexismus in Peer-Groups, aber auch durch männliche Vorbilder. Der sexistische Onkel mit dem Schenkelklopfer-Humor. Der Kumpel, der Frauen als Objekte behandelt. Der Influencer, der Männlichkeit als Kontrolle über Frauen definiert. Für junge Männer ist die Eigenständigkeit von Frauen keine gelebte Selbstverständlichkeit. Wenigstens dann nicht mehr, wenn es sich um ihre Partnerinnen handelt. Was bei Mitschülerinnen, Kommolitoninnen, Kolleginnen noch neutral gewertet wird, verwandelt sich bei der eigenen Freundin schnell zum Problem.

Männer wachsen früh mit der Idee auf, dass sie sich über die Frau an ihrer Seite definieren. Maskulisten-Influencer propagieren dieses Bild davon, wie sich Frauen zu verhalten haben, um ihre Männer nicht zu beschämen. Keine freizügige Kleidung, keine männlichen Freunde, keine Club-Besuche, keine Treffen mit Kollegen nach der Arbeit.
Junge Männer haben erschreckend oft ein klares Bild davon im Kopf, was eine gute Frau tun darf und was nicht. Und welche Form von Gewalt als Reaktion akzeptabel sein soll.

Wenn diese Männer nun auf junge Frauen treffen in ersten Beziehungen, dann zeigt sich das Gefälle nicht immer sofort als Gewalt, sondern als Kontrolle. Kontrolle, die junge Frauen oft als Liebe fehldeuten. Weil die romantische Idee von Beziehungen ihnen seit den Disney-Filmen ihrer Kindheit genau dieses Bild zeichnet und weil niemand wirklich benennt, was kontrollierende Gewalt aka Coercive Control wirklich ist.

Wenn das Liebe ist, warum bringt sie dich um den Schlaf?

Was also ist Kontrolle und wo beginnt sie bereits? Beziehungsgewalt beginnt nie mit dem ersten Schlag. Sie beginnt mit der ersten Machtverschiebung, der ersten Kränkung und Bloßstellung, der subtilen Einschränkung und der unterschwelligen Drohung. Viele Frauen sagen nach Gewalt, sie hätten nicht bemerkt, wann die Gewalt wirklich zu bedrohlicher Gewalt wurde, beziehungsweise erst dann, als es zu spät war. Die Grenzüberschreitungen zuvor waren irgendwie anders. Nicht greifbar. Nicht das, was man einer Polizistin selbstbewusst als Gewaltvorfall schildern würde. Eher etwas wofür man sich schämt und das man besser verheimlichen möchte.

Hier liegt das Problem, das sich Täter zunutze machen. Ihre Gewalt erzeugt in den Opfern den Druck und die Scham, die Vorfälle geheim zu halten. Gesellschaftlich entspricht das zudem der Norm. Privates gehört nicht nach außen, heißt es. Das muss unter uns bleiben. Schmutzige Wäsche waschen …Wer mit dieser Idee von Privatsphäre aufwächst, hat ein Problem damit, Beziehungsgewalt als solche zu benennen.

Täter erklären Frauen zudem, dass sei gar keine Gewalt, sie hätten es provoziert und keiner würde ihnen glauben oder zur Seite stehen. Junge Frauen glauben das. Und junge Männer mit geringem Selbstwert und tradierten Vorstellungen von Männlichkeit wenden erstaunlich oft die immer gleichen Methoden und Strategien an, wenn es um die Normalisierung von Gewalt geht.

Anzeichen von Kontrolle

Wann also sollten junge Frauen hellhörig werden? Was deutet auf Kontrolle hin und wo zeichnet sich missbräuchliches Verhalten ab? Hier kommen fünf Beispiele, die junge Frauen kennen sollten:

  1. Love Bombing – sie ist sofort sein Ein und Alles. Er lebt für sie. Schon nach Tagen sind die Chats stundenlang. Freundinnen sagt sie ab, weil er sie jeden Tag sehen muss oder versprochen hat, anzurufen. Er überhäuft sie mit Liebesbekundungen, noch bevor er weiß, wer sie als Person ist. Seine Liebe wirkt wie ein One-fits-all, das er ihr überstülpt, noch bevor er sie wirklich kennt. Seine Idee von ihr ist sein ausgedachtes Ideal, das mit ihr als Mensch nichts zu tun hat. Meist setzt die Gewalt dann brüsk ein, wenn er bemerkt, dass die Frau an seiner Seite real ist und echte Bedürfnisse, Eigenheiten und eine eigene Meinung mitbringt. Seine Liebe gilt einer Illusion. Und wenn sie die nicht liefert, dann soll sie seine Wut darüber zu spüren bekommen.

  2. Eifersucht. Schon kleinen Mädchen wird vermittelt, dass Besitzdenken mit Liebe gleichzusetzen ist. Der Prinz, der für die Prinzessin die anderen Männer bezwingt. Erstaunlich viele junge Frauen finden Eifersucht schmeichelhaft und verpassen den Fakt, dass sie mit Kontrolle einhergeht. Wenn er eifersüchtig ist, zeugt das von Unsicherheit und fehlendem Selbstwert. Das wäre normalerweise sein Thema, aber dank patriarchaler Prägung ist ihm erlaubt, es zu ihrem zu machen. Sie soll sich weniger sexy anziehen, den Kollegen meiden, nicht ohne ihn ausgehen, ihm jederzeit sagen, wo sie ist. Er verkauft es als ihren Schutz. Sie wird zu seinem Besitz. Eifersucht ist nicht harmlos, sondern deutet früh an, dass jemand bei einer Trennung wahrscheinlich bereit ist, seinen Besitz zu überwachen, zurückzuholen oder gewaltsam zu verteidigen. Eifersucht ist ein Warnsignal.

  3. Isolation. Er mag diese oder jene Freundin nicht. Oder – subtiler: Er weist seine Partnerin darauf hin, dass diese oder jene Freundin, die Schwester oder eine andere nahe stehende Person, es schlecht mit ihr meint. Sie insgeheim nicht mag, beneidet, über sie lästert. Diesen Unfrieden schüren Täter nicht ohne Grund, denn sie planen früh, ihre Partnerin von ihrem sozialen Umfeld zu isolieren. Isoliert ist sie deutlich leichter zu beeinflussen und was er tut, wird nicht mit Freundinnen oder der Familie besprochen. Stattdessen arbeitet er früh darauf hin, sich selbst zu ihrer engsten Vertrauensperson zu machen. Er wird der Ersatz für die besten Freundinnen. Familientreffen will er nicht, die macht er schlecht, so dass sie auch nur noch selten und weniger gern ihre Familie trifft. Er wird wichtiger, während ihr Umfeld an Bedeutung verliert. Für Täter genau die Position, wo sie ihre Partnerinnen haben wollen.

  4. Finanzielle Kontrolle und Beeinflussung der Karriere. Männer mit kleinen Egos zieht es zu Frauen mit großen Ambitionen. Um sie anschließend auf ihr Level zu degradieren und einzuschränken. Oft passiert das über die Sabotage ihrer Karrierentscheidungen. Ihre Erfolge zählen weniger als seine, ihre Ziele sind (Familienplanung sei dank) gar nicht so wichtig wie seine. Ihre Weiterentwicklung, ein Auslandspraktikum oder ein Studium in einer entfernten Stadt sind für ihn bedrohliche Szenarien, die er zu sabotieren weiß. Es geht um ihn, niemals jedoch um sie. Genauso verhält es sich mit finanzieller Kontrolle. Junge Frauen sollten hellhörig werden, wenn er ihr Geld will, er will, dass sie ihm finanziell aushilft, für ihn mit Konten eröffnet oder Verträge unterschreibt. Auch die Sabotage ihrer Finanzen sollten junge Frauen erkennen. Er bewertet, wofür sie ihr Geld ausgeben sollte und wofür nicht. Wird patzig und aggressiv bei Ausgaben. Er ist beleidigt, wenn sie ihr Geld selbst verplant, er bezahlt beim Ausgehen und holt sich danach wütend von ihr Geld zurück oder fordert eine Gegenleistung? Diese Männer halten nichts von Gleichberechtigung. Wer hier nicht rennt, landet in einer Ehe, in der finanzielle Gewalt und physische Gewalt sich die Klinke in die Hand geben.

  5. Gaslighting. Gaslighting ist wie Lügen, nur krasser. Lügner verdrehen die Wahrheit komplett. Gaslighter verdrehen die Wahrheit gerade genug, dass noch Wahres erhalten bleibt und das Opfer zweifeln lässt. Gaslighting ist eine Form der psychischen Gewalt, die den Opfern nach und nach die eigene Erinnerung abspricht. Menschen, die Gaslighten sorgen dafür, dass das Opfer an sich selbst und seiner Wahrnehmung zweifelt. Irgendwann führt Gaslighting so weit, dass schier alle Beweise auf dem Tisch liegen und wenn er es dann abstreitet, zweifelt sie an sich selbst. Gaslighting ist deshalb so effektiv, weil es so subtil beginnt. Hier ein Hauch Unwahrheit, hier eine Auslassung. Und wenn sie es anspricht, dann wird er wütend. Wie kann sie es wagen, ihm zu misstrauen? Dieser Mix aus Einschüchterung und Unwahrheit verschafft ihm Macht. Er kann kontrollieren, was sie glauben darf und was nicht. Frauen, die über einen längeren Zeitraum Gaslighting erfahren haben, beschreiben, dass sie auch bei Gewaltvorfällen irgendwann an sich selbst gezweifelt haben. Dass sie sich nicht getraut haben, Dritte zu involvieren, weil sie auch Angst hatten, bloßgestellt und als Lügnerinnen entlarvt zu werden. Gaslighter sorgen dafür, dass Opfer denken, ihnen wird niemand glauben. Ein Grund dafür, warum Frauen Straftaten nicht anzeigen.

Machen diese Männer das bewusst? Ist das nicht eigentlich egal? Die meisten von ihnen würden sich nicht selbst als Täter bezeichnen. Dennoch zeigen sie früh Kontroll- und Dominanzverhalten. Der Grund ist fast immer ein kleines Ego zusammen mit einem konservativen Anspruchsdenken. Ein selbstsicherer und unabhängiger Mensch wird Freiraum über Kontrolle stellen und sich eine Person wünschen, die aus freien Stücken bleibt und eine faire Beziehung führen will. Zeigt er also früh ungesundes Verhalten ist Vorsicht geboten, denn all das Gute will er nicht. Er will Kontrolle und Macht und sie ist die Statistin in seiner Vision von der perfekten Beziehung. Wer das erkennt, kann gehen, bevor es sehr schwierig wird.

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Niemand muss sich schämen, wenn er Grenzüberschreitungen nicht direkt als solche erkennt. Niemand muss sich schlecht fühlen, mit Außenstehenden über die eigene Beziehung zu sprechen, wenn sie sich irgendwie nicht richtig anfühlt.

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Kategorie Gewalt gegen Frauen

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