
Der Sternenhimmel als Symbol in der Freimaurerei — mit besonderer Betrachtung der Johannismaurerei
I. Einleitung: Das Gewölbe der Unendlichkeit
Immanuel Kant hielt in seiner Kritik der praktischen Vernunft eine Beobachtung fest, die seither zu den meistzitierten Sätzen der abendländischen Philosophie gehört: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.« Was Kant am Ende des 18. Jahrhunderts in die Sprache der kritischen Vernunft übersetzte, hat die Freimaurerei — als Kind eben jenes Aufklärungszeitalters, das sie hervorbrachte — längst in Stein, Ritual und Symbol gebannt. Der Sternenhimmel ist kein dekoratives Motiv im maurerischen Tempel. Er ist ein konstitutives Element des geistigen Raumes, den die Loge für ihre Arbeit schafft.
Der vorliegende Aufsatz unternimmt eine mehrstufige Erkundung dieses Symbols. Er beginnt mit der universalhistorischen Einbettung des Sternenhimmels in die Kosmologien und Initiationsreligionen, aus denen die Freimaurerei ihre Bilderwelt schöpfte. Er entwickelt danach die allgemeine freimaurerische Sternensymbolik — ihre ikonographischen Bestandteile, ihre rituellen Träger, ihre philosophischen Konnotationen. Im Zentrum aber steht die Johannismaurerei: jenes System der drei Blauen Grade — Lehrling, Geselle, Meister —, das die Grundlage aller regulären Großlogensysteme der Welt bildet und dem der Sternenhimmel als Raum- und Erkenntnismetapher in besonderer Weise eingeschrieben ist. Abschließend wird die Frage gestellt, welche Bedeutung dieses kosmische Symbol im 21. Jahrhundert besitzt — in einer Zeit, in der Lichtverschmutzung und urbane Entfremdung den physischen Sternenhimmel zunehmend aus dem menschlichen Erfahrungsraum verdrängen.