Der Deutsche Presserat hat entschieden (Öffnet in neuem Fenster). Keine generelle Pflicht, Texte zu kennzeichnen, die mit Künstlicher Intelligenz entstehen. Auslöser war der Fall beim Tagesspiegel (Öffnet in neuem Fenster): Ein renommierter Journalist ließ Meinungstexte von einer KI schreiben, ohne das offenzulegen. Er wurde freigestellt und entschuldigte sich. Und Deutschland diskutiert.
Für mich stellt sich eine andere Frage.
Hätten wir vor 30 Jahren Briefe markieren müssen, deren Rechtschreibung und Grammatik ein Programm geprüft hat?
Niemand kam damals auf die Idee. Und wer kennzeichnet heute eigentlich seinen Taschenrechner? Heute hat jeder Mensch mit Internetzugang ein KI-Werkzeug auf dem Bildschirm. Er formuliert, kürzt, übersetzt, schärft damit. Millionenfach.
Und trotzdem lohnt ein differenzierter Blick auf beide Lager.
Was für eine Kennzeichnung spricht
Der DJV und die dju in ver.di fordern sie mit nachvollziehbaren Gründen.
Glaubwürdigkeit. DJV-Chef Mika Beuster sagt (Öffnet in neuem Fenster), die Glaubwürdigkeit des Journalismus stehe auf dem Spiel. Leser sollen wissen, woran sie sind.
Verantwortung. Am Ende soll ein Mensch für Auswahl, Gewichtung und Wahrheit geradestehen. Die dju in ver.di (Öffnet in neuem Fenster) legt dazu einen Fünf-Punkte-Plan vor. Eine Maschine kennt keine Ethik.
Gleichbehandlung. Für KI-generierte Bilder gibt es die Kennzeichnung im Pressekodex längst. Warum dann beim Text die Ausnahme?
Das sind ernste Argumente. Ich nehme sie ernst.
Was dagegen spricht
Der Presserat hält mit der Praxis dagegen.
Definition. Ab wann gilt ein Text als überwiegend KI-generiert? Bei der Recherche? Bei der Gliederung? Beim Feinschliff? Sprecher Moritz Döbler nennt diese Grenze schwer zu ziehen. Er hat recht.
Sorgfalt zählt. Der Pressekodex bindet die Redaktion an Sorgfalt und Wahrheit. Wie der Text entstanden ist, ändert daran nichts.
Technik bewertet niemand. Es ist keine Aufgabe eines Presserats, über Schreibmaschine, Textverarbeitung oder Sprachmodell zu urteilen.
So weit die Debatte, wie sie gerade läuft.
Und jetzt der Punkt, den alle übersehen
Text ist Kommunikation. Mehr nicht. Das Werkzeug dahinter ist für den Leser so wichtig wie die Marke meines Kugelschreibers.
Die eigentliche Frage lautet: Welche Wirkung hat mein Text bei den Menschen, die ihn lesen? Und was tue ich, um genau diese Wirkung zu erzeugen?
Ein Text informiert, bewegt, überzeugt oder lässt kalt. Daran misst sich Qualität. Ein schwacher Gedanke wird durch ein menschliches Hirn nicht besser und durch eine Maschine nicht schlechter. Verantwortung trägt immer der Mensch, der auf "Veröffentlichen" drückt. Diese Verantwortung lässt sich mit keinem Etikett delegieren.
Während wir in Deutschland über Etiketten streiten, arbeitet die halbe Welt längst mit diesen Werkzeugen. Wir beschäftigen uns mal wieder vor allem mit uns selbst.
Die Frage, die wirklich zählt
Drehen wir die Sache um. Wenn eine Redaktion mit KI schneller und günstiger produziert, sinken ihre Kosten. Diese Ersparnis kann beim Leser ankommen, in bezahlbaren Angeboten für eine breite Masse, die sich Qualitätsjournalismus heute kaum noch leistet.
Den Journalismus bedrohen alte Geschäftsmodelle, gebaut für eine Welt, in der Papier knapp und Information teuer war. Die KI gehört zu seinen möglichen Rettern.
Die wirklich spannende Frage liegt also woanders: Wie bauen wir mit diesen Werkzeugen ein Geschäftsmodell, das guten Journalismus für viele Menschen wieder bezahlbar macht? Das wäre eine Debatte, die nach vorn zeigt.
Wirkung schlägt Werkzeug. Immer.
Die Glaubwürdigkeit des Journalismus hängt an der Wahrheit, die er liefert. Nicht am Pinsel, mit dem er gemalt wird.
Quellen:
Presserat lehnt Kennzeichnungspflicht ab (Horizont): https://www.horizont.net/medien/nachrichten/diskussion-um-ki-presserat-lehnt-kennzeichnungspflicht-fuer-ki-texte-ab-234752 (Öffnet in neuem Fenster)
Ausgangsfall und Überblick (Golem): https://www.golem.de/news/medien-presserat-lehnt-kennzeichnungspflicht-fuer-ki-texte-ab-2606-209902.html (Öffnet in neuem Fenster)
DJV-Forderung nach Kennzeichnung: https://www.djv.de/news/pressemitteilungen/press-detail/kuenstliche-intelligenz-kennzeichnen (Öffnet in neuem Fenster)
DJV und dju, Fünf-Punkte-Plan (turi2): https://www.turi2.de/aktuell/djv-und-dju-fordern-ki-kennzeichnungspflicht/ (Öffnet in neuem Fenster)