In der Gruppentherapie stand diese Woche mal wieder eine Hausaufgabe an. Die Aufgabenstellung lautete wie folgt:
Setzen Sie sich gedanklich mit dem Begriff Selbstwert auseinander. Was bedeutet Selbstwert für Sie? Was zeichnet ihn aus?
Selbstwert bleibt für mich auch nach zwei Jahren Therapie schwer greifbar. Ich verstehe die Logik hinter den theoretischen Modellen, dennoch fällt mir die Anwendung auf mich selbst enorm schwer. Neben der Depressionen meine große psychische Baustelle.
Während ich anderer Personen anhand ihrer Beziehung zu mir problemlos einen subjektiven Wert zuordnen kann, wobei Faktoren wie Sympathie, Liebe oder Vertrauen eine Rolle spielen, gelten bei der Wahrnehmung meiner Selbst andere Spielregeln.
Finde ich mich unsympathisch? Keineswegs, und im direkten Vergleich zu jüngeren Versionen meines Ichs schneide ich aus der Egoperspektive von Jahr zu Jahr besser ab. Ich lerne aus in der Vergangenheit gemachten Fehlern und wachse daran, soviel steht fest.
Ich liebe mein Leben wie es ist, auch da bin ich mir sicher. Und vertrauen kann ich mir ebenfalls. Immerhin habe ich meine Zeit bisher beinahe unfallfrei hinter mich gebracht, und zwar dumme Sachen getan, aber eben verhältnismäßig selten völlig fahrlässig mir selbst gegenüber gehandelt.
Trotzdem lege ich bei der Bewertung meiner Selbst zumeist komplett unrealistische Maßstäbe an. Statt wie bei anderen moralische und emotionale Werte gelten zu lassen, und mit mir und meiner liebenswerten Persönlichkeit im Reinen zu sein, ziehe ich die unfairsten Vergleiche, bei denen ich nur verlieren kann.
Ich denke plötzlich in Kategorien wie Erfolg und Karriere, die mir ansonsten zutiefst zuwider sind. Statt individuelle Interessen zu fördern und daraus neue Stärken zu entwickeln, suche ich stets das bestmögliche Ergebnis als Vergleichswert, und werte mein Können bereits ab, bevor ich überhaupt mit etwas begonnen habe.
Dabei ist mir durchaus bewusst, wie massiv destruktiv diese Denkweise ist. Auch käme ich niemals auf die Idee, einen anderen Menschen derart negativ zu bewerten. Warum ich es mir selbst gegenüber zulasse, bleibt die Frage. Ein objektiverer Blick wäre in puncto Selbstwert durchaus wünschenswert.
An Skills und Fähigkeiten, mit denen sich allerhand Säulen auf Arbeitsblättern zur Verhaltenstherapie füllen lassen mangelt es jedenfalls nicht, und mein soziales Netz hat sich schon öfter als tragfähig erwiesen. Die Botschaft hör´ ich wohl, allein mir fehlt (bislang) der Glaube, um es mal mit ollen Goethe zu sagen.
Die volle Packung Pathos zum Ende: Alles Gold der Welt sollte unseren Selbstwert nicht aufwiegen können. Schließlich pflegen wir zu niemandem eine derart enge Beziehung, wie zu uns selbst.
(Abreißkalender geht in Produktion sobald mir 364 weitere solcher Perlen aus dem Hirn purzeln.)
*Disclaimer: Alle Artikel auf diesem Blog sind aus Perspektive einer von mittelgradig rezidivierenden Depressionen betroffenen Person verfasst. Sie zeichnen ein persönliches Bild und erheben dabei weder Anspruch auf korrekte Darstellung komplexer medizinischer Zusammenhänge, noch können sie eine professionelle Diagnose oder Therapie ersetzen.
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