Zum Hauptinhalt springen

Lang lebe der Kochkäs!

Von Hasnain Kazim - Hessische Köstlichkeit / Elfenbeinküste / Fußball-WM / E-Auto

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein guter, alter Freund hat mir kürzlich, als ich in Bad König gelesen habe, Kochkäse mitgebracht. Bislang kannte ich Kochkäse nicht. Das ist ein ziemlich (zäh)flüssiger Käse, den man aufs Brot oder Brötchen streicht. Und ich muss Ihnen sagen: Dass ich das erst jetzt kennenlerne, bedauere ich! Kein Leben mehr ohne Kochkäse! Ich habe eine Variante mit Kümmel bekommen; offensichtlich gehört das dazu. Und obwohl ich kein allzu großer Freund von Kümmel bin, schmeckt er hier ganz fantastisch.

Streichkäse und Schmelzkäse kenne ich natürlich, aber Kochkäse dieser Art ist etwas wirklich Feines. Ich habe gelesen, dass es diese Art von fast flüssigem Käse auch in Frankreich und Luxemburg gibt – und was mein Herz hüpfen ließ: auch in Oberösterreich! Wahrscheinlich auch noch in anderen Ländern. Jedenfalls werde ich bei künftigen Besuchen im Odenwald und drum herum nun Kochkäse kaufen! Es lebe der hessische Kochkäs!

Wie sag ich’s richtig?

Diese Woche schrieb jemand in der „taz“, es sei falsch, den Namen „Elfenbeinküste“ für dieses Land zu verwenden (Öffnet in neuem Fenster). Der richtige Name laute: Côte d’Ivoire. Man habe die Weltgemeinschaft bereits 1985 gebeten, nur noch diesen Namen für das Land zu verwenden.

Was Fridolin nicht schreibt: Es war Félix Houphouët-Boigny, ein Autokrat, der jahrzehntelang in einem autokratischen System die Elfenbeinküste regierte, der diese Forderung stellte.

Man müsse das „respektieren“, schreibt eine Abgeordnete der österreichischen Neos – und reagiert sofort beleidigend, als ich erwidere, dass ich Forderungen von Autokraten niemals respektiere.

Der türkische Autokrat Recep Tayyip Erdoğan fordert, dass niemand mehr Türkei sage oder, schlimmer noch, im Englischen Turkey; Letzteres sei schließlich das Wort für „Truthahn“. Nein, alle, wirklich alle sollen „Türkiye“ sagen.

So weit kommt es noch, dass dauerbeleidigte Leberwürste unsere Sprache bestimmen.

Manche sagen, man solle „Mumbai“ sagen und nicht mehr Bombay, weil Letzteres „kolonialistisch“ sei. Ach, aber dass „Mumbai“ von Hindunationalisten stammt, ist jetzt also besser? Forget it. Ich bin froh, dass Salman Rushdie, der eng mit Bombay verbunden ist, ein Plädoyer dafür gehalten hat, Bombay zu sagen und nicht „Mumbai“.

Manche sagen, man dürfe Indianer nicht einmal mehr aussprechen oder ausschreiben, sondern müsse „I-Wort“ sagen … Und überhaupt seien das „Native Americans“. Klar, Amerika ist ja auch deren Eigenbezeichnung und keine von gewalttätigen Eroberern aufgedrückte Bezeichnung …

Manche werden sagen: „Alberne Debatte!!!“ Oder: „Sommerlochthema!!!!!“ Ja, ist es, gewiss. Nur wird es eben doch zum Problem, wenn dabei mitschwingt, man sei ein moralisch schlechterer Mensch, jemand ohne Benehmen, wie die Neos-Abgeordnete mir vorwirft, eine Person, die „(noch) nicht verstanden habe“ und „rassistisch“ oder „kolonialistisch“ sei, weil man Elfenbeinküste sage.

Und da denke ich mir: Geht’s noch?

Übrigens ist Elfenbeinküste die wörtliche Übersetzung von Côte d’Ivoire. Das wiederum ist, richtig: Französisch. Also schon ziemlich kolonialistisch. Aber das begreifen die Fridolins und Henrikes nicht.

Ein bisschen Fußball, ein bisschen Menschelndes

Mich interessiert Fußball nicht, hat mich noch nie interessiert. Als Kind habe ich höchstens mal auf dem Schulhof gekickt, Bundesliga habe ich mir nie angeschaut, bei der Weltmeisterschaft schaue ich hin und wieder dann doch zu. Anfang der Achtzigerjahre war ich mal Mitglied im TSV Hollern-Twielenfleth. Ein einziges Spiel habe ich mitgespielt, gegen den Angstgegner VfL Stade, und ich erinnere mich, dass ich während der gesamten Partie den Ball kein einziges Mal auch nur berührt habe. Eigentlich war ich die ganze Zeit damit beschäftigt, so auszusehen, als wüsste ich, was ich tue. Ich hatte allerdings keinen blassen Schimmer. Und meine Mitspieler wussten: Wenn sie mir den Ball zuspielen, können sie ihn auch gleich direkt dem Gegner geben.

Jahre später, im Volontariat bei der „Heilbronner Stimme“, musste ich während der journalistischen Ausbildung auch ins Sportressort. Es ist das Ressort, das mich prinzipiell am wenigsten interessiert. Die Redaktion schickte mich zu einem Fußballspiel, ich sollte einen Spielbericht abliefern. Ich hatte keine Ahnung, was ich schreiben sollte. Zweiundzwanzig Typen rennen hinter einem Ball her, elf wollen, dass er in das eine Tor geschossen wird, die anderen elf favorisieren das andere Tor – was gibt es dazu mehr zu sagen? Die Redaktion war verzweifelt. Wie schlecht mein Text war, fiel dann aber niemandem auf, weil es am 11. September 2001 war, da waren dann alle, selbst die Sportredaktion, woanders im Kopf. Mich schickte man fortan lieber zu Veranstaltungen wie der Gewichtheber-WM, die damals zufällig in der Region stattfand. Das fand ich ohnehin viel spannender.

Was ich aber dann doch spannend finde: die Geschichten dahinter, das Menschliche, auch die Abgründe, das wirtschaftliche System, die Korruption, die Freundschaften, die Biografien. Hin und wieder lese ich seit einiger Zeit doch mal einen Artikel im Sportteil. Besonders spannend finde ich diesen hier über Deniz Undav (Bezahlartikel):

https://www.spiegel.de/sport/fussball/deniz-undav-warum-der-dfb-stuermer-von-vielen-fans-so-geliebt-wird-a-e8a1357a-c258-4244-a22e-6ec6486736e5 (Öffnet in neuem Fenster)

Von Undav bin ich angetan. Deutscher Nationalspieler. Kurdisch-jesidische Wurzeln. Er hat natürlich auch einen Bezug zur Türkei. Er spielt hervorragend. Er schießt Tore. Er sieht nicht so perfekt aus wie die meisten anderen Spieler heutzutage, sondern „gedrungen, bullig“, wie Peter Ahrens in seinem „Spiegel“-Porträt schreibt. „So einen hätte man sich auch in den Achtzigerjahren bei einem Ruhrgebietsclub vorstellen können. Als Werbefigur für eine Vermögensberatung kann man ihn sich hingegen nur schwer denken.“ Man liest, er halte sich nicht an die strikten Ernährungsvorgaben, esse auch mal einen Döner und trinke, was er wolle. Außerdem habe er erst spät mit dem Fußball angefangen und hatte auch nicht das typische Fußballernetzwerk, gehörte nicht dem Fußballestablishment an.

Das macht mir Hoffnung, dass ich bei der WM 2030 auch noch für die deutsche Nationalmannschaft spielen kann. Gut, dazu müsste ich vielleicht erst einmal anfangen, Fußball zu spielen, ansonsten stimmen die Eigenschaften mit Undav aber überein: keine typische Fußballerfigur, ich esse und trinke, was ich mag, und über ein Netzwerk in der Fußballwelt verfüge ich ebenfalls nicht. Ich rechne mir dank Undav gute Chancen aus. Er macht mir Hoffnung.

Aber im Ernst: Ich mag die Geschichten hinter den Spielern. Beim Spiel Deutschland gegen die Elfenbeinküste erwähnte der Kommentator einen Spieler namens Yan Diomande, der für RB Leipzig spielt und ivorischer Nationalspieler ist. Ich hatte natürlich noch nie zuvor von ihm gehört. Der Reporter erwähnte, Diomande habe einen Brief an seine verstorbene Schwester geschrieben.

Auf diesen Text stieß ich dann zufällig im Netz: ein Brief an Roxane, der, als sie nur 15 Jahre alt war, jemand etwas in ein Getränk gekippt hat, woraufhin sie gestorben ist. „Somebody put something in her drink at a party, and she never woke up. She is gone.“ Ein Satz, der einen umhaut. So wie dieser Text viele Sätze enthält, die einen umhauen. Ein sehr schöner, sehr trauriger, berührender, liebevoller, emotionaler Brief. Ich empfehle ihn sehr:

https://www.theplayerstribune.com/yan-diomande-soccer-bundesliga-rb-leipzig-ivory-coast (Öffnet in neuem Fenster)

Aus die Maus?

Diese Woche ließ Volkswagen wissen, dass der Autokonzern plane, etwa 100.000 Stellen abzubauen und vier Werke in Deutschland zu schließen. Das ist wirklich eine schlimme Nachricht.

Ein Freund, der sein ganzes Autofahrerleben lang Diesel gefahren ist, hat sich vor vier Jahren ein E-Auto gekauft – einen Tesla. Zunächst war er skeptisch, inzwischen wäre es untertrieben zu sagen, dass er begeistert ist. Technisch, sagt er – und er ist Ingenieur –, sei das Auto Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor haushoch überlegen. Früher mussten in regelmäßigen Abständen neue Zündkerzen her, mal war der Vergaser kaputt, mal der Auspufftopf im Eimer. Heute, sagt er: nichts. Nur die üblichen Verschleißteile – Bremsen, Reifen und so.

Natürlich verdienen an solchen Autos dann viele weniger: die Werkstätten, die Hersteller. Andererseits ist das Auto ein Verkehrsmittel, das technisch so gut sein sollte wie möglich, und keine rollende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Wer den Anschluss verpasst, wer nicht mitfahren will, der bleibt eben zurück. So einfach ist das. Und so bitter. Ein Journalistenfreund, der über die Autowirtschaft schreibt, sagt, dass der deutschen Autoindustrie massive Umbrüche bevorstünden, wisse man schon seit Jahren. Die Frage und die Sorge sei vielmehr, ob ihr das Aus drohe. Man denke da nur an Grundig, Blaupunkt, Telefunken, SABA, Nordmende, Schneider, Dual, Loewe …

Ich bin ja begeistert, wie manche französischen, italienischen et cetera Autohersteller sich auf frühere Modelle besinnen und sie als E-Autos neu interpretieren. Ikonen leben neu auf. Seit vielen Jahren haben wir gar kein Auto, in der Großstadt braucht man kaum eins und das öffentliche Verkehrssystem in Wien ist, finde ich, eines der besten der Welt. Aber so ein Auto könnte mich schon verleiten … Ich habe mal geschaut, bei Volkswagen gibt's da: nichts. Und das günstigste Modell, ein biederes Polo-ähnliches E-Auto, geht erst bei Mitte dreißigtausend Euro los. „Volks“wagen? Für wenig mehr Geld gibt’s einen deutlich besseren Tesla, für sehr viel weniger Geld einen ebenfalls deutlich besseren BYD.

Manchmal wundert man sich.

Es ist sehr heiß – in Wien, in Deutschland, in vielen Teilen der Welt. Trinken Sie viel, achten Sie auf sich, aber genießen Sie den Sommer auch! Frau Dr. Bohne verbringt gern Zeit vor dem Ventilator.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Sonntag und eine schöne Woche! (Soeben erfahre ich, dass Österreich 3:3 gegen Algerien gespielt hat und weiterkommt! Der nächste Gegner heißt allerdings Spanien …)

Herzliche Grüße aus Wien,

Ihr Hasnain Kazim

P. S.: Die „Erbaulichen Unterredungen“ erscheinen nur dank der Unterstützung ihrer Leser. Wenn auch Sie dazu beitragen möchten, dass ich mir die Zeit nehmen kann, sie neben meinen übrigen Verpflichtungen zu schreiben, können Sie das hier tun:

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Erbauliche Unterredungen und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden