Von Hasnain Kazim - Karlheinz in Südtirol / Gespräch mit Michael Kyrath / Film über Anja Niedringhaus
Liebe Leserin, lieber Leser,
in der zurückliegenden Woche war ich in Südtirol. Das Metropoltheater München hatte dort an drei Abenden hintereinander Aufführungen von “Post von Karlheinz”: in Schlanders, Meran und Sterzing. Mich freut natürlich sehr, dass das Stück nun schon seit Dezember 2023 in München gespielt wird, dazu kommen immer wieder mal Gastspiele.
Dass es das Stück, eine “szenische Lesung”, überhaupt gibt, ist nicht mein Verdienst - sondern das des Metropoltheaters, und dort vor allem von Thomas Flach, der überhaupt auf die Idee gekommen ist vor ein paar Jahren, und von Regisseur Jochen Schölch, der das Ganze ermöglicht und gemeinsam mit Thomas in Form gebracht hat. Vorgetragen wird der Text von wirklich wunderbaren Schauspielern: die “Hater” von Thorsten Krohn, Lucca Zürcher und Thomas Schweiberer, mich spielt Bijan Zamani.

“Post von Karlheinz” ist bereits 2018 erschienen, Jahre später erst hörte Thomas Flach das Hörbuch im Auto - und kam so überhaupt erst darauf, daraus ein Bühnenstück zu machen. Er fragte mich, ob ich damit einverstanden wäre, wenn sie das Buch als szenische Lesung in den Spielplan nehmen. Ich war natürlich erfreut, und der Verlag stimmte ebenfalls zu.
An der Bühnenfassung war ich dann nicht beteiligt. Ich finde, Profis sollen Profiarbeit machen, und das Schreiben von Drehbüchern und Bühnenstücken ist nicht mein Metier. Ich war zuversichtlich, dass die Metropolleute das schon gut machen würden.
Entsprechend gespannt, vielleicht auch ein bisschen nervös war ich bei der Premiere am 11. Dezember 2023. Und was soll ich sagen? Ich war und bin nach wie vor begeistert. Wie gut sie es gemacht haben! Und wie toll Bijan, Lucca, Thomas und Thorsten es spielen! Sie sprechen die Texte durchaus anders, als ich sie bei meinen Lesungen vortrage. Im Hörbuch machen es Bjarne Mädel, Cathlen Gawlich und Bernhard Schütz noch einmal anders. Aber da es ja meine schriftliche Korrespondenz ist, ist der Spielraum, wie man sich diese Leute vorstellt, natürlich gegeben.
Über die Jahre hat das Publikum des Stückes sich ein wenig verändert, höre ich. Immer mal wieder ist es so mitgerissen und lacht herzlich wie noch vor ein paar Jahren. Aber immer häufiger denken sich wohl manche: ‘Was ist an diesen Beschimpfungen so schlimm?’ Das hat damit zu tun, dass es leider normal geworden ist, im alltäglichen Diskurs einen bösen Ton anzuschlagen, zu pöbeln und zu schimpfen und seine Misslaune vor sich her zu tragen und Wut als Normalzustand zu empfinden.
Ich lese ständig Artikel, in denen alle möglichen Gruppen ermutigt werden, ihrer Wut Ausdruck zu verschaffen. Nun ja, Wut ist sicher hier und da berechtigt. Aber manchmal wirkt das so, als sei Wut die treibende Kraft. Ich bin dagegen! Und dann haben wir mittlerweile Wutbürger in höchsten Staats- und Regierungsämtern; in den USA sitzt Wutbünzli Nummer eins im Weißen Haus, da wirken dann die Beschimpfungen der Karlheinze dieser Welt vielleicht gar nicht mal mehr so schlimm. Tja.
Inzwischen habe ich die Aufführungen des Metropoltheaters ein paar Mal gesehen und freue mich jedes Mal wieder darüber. Das Thema ist ja - leider, leider - immer noch aktuell. Es wird auch in Zukunft immer mal wieder Aufführungen geben, Infos finden Sie auf der Seite des Metropoltheaters. (Öffnet in neuem Fenster)

Vor drei Jahren…
Heute vor drei Jahren, am 25. Januar 2023, ermordete ein Mann eine junge Frau und ihren Freund in einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg. Der Täter ist ein staatenloser Palästinenser, und nun kann man lange über diesen Fall - wie auch über andere - diskutieren, darüber, ob man die Herkunft des Mannes nennen solle, ob sie überhaupt eine Rolle spiele, welche Vorwürfe man der Politik machen kann und so weiter. Ist ja oft geschehen und geschieht nach jeder Tat wieder.
Der Vater der ermordeten Ann-Marie, Michael Kyrath, hat sich immer wieder zu dem Verlust seiner Tochter, zu dem Fall, zur Politik geäußert. Der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” hat er jetzt ein Interview gegeben, das ich Ihnen ans Herz lege. Es ist schwer auszuhalten, aber ich finde, es sollte von vielen gelesen werden.
Ich bewundere seine sachliche, klare, nicht von Hass oder Wut, sondern von Kritik und Forderungen, aber auch von Zugewandtheit geprägte Sichtweise. Mögen wir als Gesellschaft die richtigen Konsequenzen ziehen, so sachlich und klar wie Kyrath.
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/vater-von-brokstedt-opfer-ueber-migrationspoltik-accg-110823487.html (Öffnet in neuem Fenster)Doku über Anja Niedringhaus
Kürzlich ist in der ARD eine Dokumentation über die Kriegsfotografin Anja Niedringhaus erschienen, die im April 2014 in Afghanistan von einem Extremisten erschossen wurde. Auch dieser Film: beklemmend. Schwer auszuhalten. Aber auch diese Doku möchte ich Ihnen empfehlen.
Ich habe gezögert, sie mir anzuschauen. Im Laufe meines Berufslebens habe ich viele Kolleginnen und Kollegen durch Terroranschläge und im Krieg verloren. Der Tod Anjas ist sicher der, der mich am meisten getroffen hat. Meine Sorge, nein, Angst war, dass Wunden wieder aufreißen.
Ich habe vor dem Anschauen Kontakt zu einer Schwester von Anja aufgenommen, die mir sagte, sie finde die Doku sehenswert und würde sich freuen, meine Meinung dazu zu hören. Nun habe ich ihn also gesehen. Es schmerzt mich immer wieder, dass Anja nicht mehr da ist.
Ihren Namen hatte ich, als ich noch Korrespondent in Südasien war, immer wieder in der Fotodatenbank bei Associated Press (AP) gelesen. Er klang so deutsch, wahrscheinlich war sie Deutsche, dachte ich. Dann traf ich die AP-Korrespondentin Kathy Gannon in Islamabad, in einem Café. Ich kannte sie, wir grüßten einander und kamen ins Gespräch. Bei ihr: eine mir nicht bekannte Frau. “Das ist übrigens Anja Niedringhaus”, stellte Kathy sie mir vor.
Einige Zeit später, bei einem Abendessen in Islamabad, fragte ich Anja, wie sie es aushalte: diese schrecklichen Bilder von Krieg und Verletzten und Toten, die sie ja nicht nur auf Film beziehungsweise Chip banne, sondern die sich ja auch im Kopf festbrennen. Ich erzählte ihr davon, wie mich die Besuche an Tatorten von Terroranschlägen und Angriffen verfolgten und belasteten. Sie fragte zurück: “Hast du ein Hobby?” Ich erzählte ihr, dass ich Schreibgeräte sammele, insbesondere Füllfederhalter. “Das ist super”, antwortete sie. “Du musst das pflegen und intensivieren. Du musst viel Zeit damit verbringen.” Sie erzählte mir, wie sie neben der Kriegsfotografie auch regelmäßig nach Wimbledon reise, um dort das Tennisturnier zu fotografieren. Sie brauche das als Ausgleich. “Du musst dir einen Ausgleich schaffen, mit einem Hobby oder indem du auch über etwas ganz anderes schreibst.” Diesen Rat habe ich mir zu Herzen genommen.
Oft frage ich mich bei den aktuellen politischen Ereignissen in der Welt, wie Anja das wohl sehen würde. Was sie wohl sagen würde zu Trump? Zur Machtübernahme der Taliban in Afghanistan? Zum Nahostkonflikt und zu Russland? Sie konnte sehr deutlich sein, sehr derb - und dann konnten wir gemeinsam über die Idioten dieser Welt lachen.
Ich lebte ein paar Monate in Istanbul, hatte Anja zuletzt bei meiner Abschiedsparty in Islamabad gesehen, da bekam ich im April 2014, einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in Afghanistan, die Nachricht, dass ein afghanischer Polizist auf Kathy und Anja geschossen hatte. Und dass Kathy schwer verletzt überlebt habe und Anja gestorben sei.
Man möge es mir nachsehen, aber ich kann diesem Typen nicht verzeihen. Dass er trotz Verurteilung aus der Haft entlassen wurde und wieder frei herumrennt, ist für mich unerträglich.
https://www.ardmediathek.de/video/dokumentation-und-reportage/anja-niedringhaus-die-fotografin-und-der-krieg/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyOTE4NDY (Öffnet in neuem Fenster)Jetzt sind das wieder schwere Themen am Sonntag, dabei sollte es doch “erbaulich” zugehen in den “Erbaulichen Unterredungen”...
Manchmal, denke ich mir, sollte ich mir ein Beispiel nehmen an meiner Hündin Frau Dr. Bohne: Sie schert sich nicht um die Abgründe und Makel dieser Welt. Gut, Fressen könnte es ihrer Ansicht nach mehr und häufiger geben. Ansonsten schläft sie, wann sie will, macht Party, wann sie will, spielt, wann sie will, und ist eh immer gut gelaunt und erfreut sich an jeder Kleinigkeit des Lebens und steckt uns mit ihrer Lebensfreude an. Es ist ihr egal, was andere von ihr halten (außer wir Rudelmitglieder), sie selbst unterstellt anderen nichts Böses (außer allen anderen Hunden…) und überhaupt: Trotz allem ist das Leben schön!

Wir wünschen Ihnen einen geruhsamen Sonntag und eine schöne Woche und senden herzliche Grüße aus Wien,
Ihr Hasnain Kazim und Ihre Frau Dr. Bohne
P. S.: Dank einiger Menschen, die eine “Mitgliedschaft” gewählt haben, kann ich mir die Zeit von anderen Aufträgen freihalten und die “Erbaulichen Unterredungen” schreiben. Ich würde mich freuen, wenn sich Sie sich, sollten Sie das noch nicht tun, auch dazu entschlössen. Das geht hier: