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Katastrophisieren (Part 2)

Im Bild ist mein Hinterkopf vor dem Friseurbesuch zu sehen. Eine gestretchte, gelbe Schrift sagt: "I am very concerned about stuff"

Dear fellow Backhead-Owners,
Liebe kollegiale Hinterkopfbesitzende,

Letztens war ich bei einer Veranstaltung mit Bestuhlung. Kurz bevor ich ummantelt und beschuht das Haus verließ, zögerte ich. Ich überlegte, ob es mich störte, dass ich mich nur von vorne frisiert hatte und daher nicht wusste, wie mein Hinterkopf aussah.

Vor allem beschäftigte mich sein Status Quo unter dem Gesichtspunkt, dass ich gerade dabei war, abends auszugehen. Also was Introvertierte darunter verstehen: still auf einem Sessel sitzen, während auf einer Bühne Programm vonstattengeht. Nach einer kurzen Selbstberatung ging ich schließlich, die Schuhe anbehaltend, ins Bad zurück und entschied:“Der Hinterkopf zählt heut’ doch!”

Als ich ein paar Stunden später wieder nach Hause kam, sinnierte ich ein zweites Mal über meine tagesspezifische Hinterkopffixierung und überlegte, in welchen Situationen mir das 360°-Erscheinungsbild meines Schädels wichtig war und warum:

Szenario 1: Auf Veranstaltungen mit Sitzplatz

Wenn ich bei bestuhlten Events zwei Stunden lang mit anderen aufgereiht gen Bühne starre, möchte ich, dass sich die Person, die mir an diesem Tag im Rücken sitzt, ungestört auf die Vorgänge auf der Bühne konzentrieren kann. Denn gelingt es mir nicht, meinen Hinterkopf unspektakulär symmetrisch zu halten, ist die eigentliche Show schnell gestohlen und die Person hat keine andere Wahl, als den Rest des Abends aufgrund meiner irgendwie komisch herausgefallenen Strähnen Rückschließe auf meinen Charakter, Job oder Kontostand zu ziehen.

Szenario 2: Beim ersten Kennenlernen

Treffe ich jemanden zum ersten Mal im echten Leben (IRL), ist es mir wichtig, dass mein Gegenüber bewusst oder unbewusst nur für diesen Moment – von mir aus danach nie wieder – exakt folgende Gedanken denkt: „Ah, das ist eine, die ihr Haar in- und auswendig kennt. Nicht nur von vorne. Die hat ihr Leben rundum im Griff.“

Szenario 3: Beim Friseur

Den Besuch beim Friseur gilt es so oft wie möglich zu vermeiden, als Mensch, der es hasst, außerhalb des Badezimmers stundenlang in das eigene Spiegelbild zu starren. Aber ein bis zwei Mal im Jahr passiert es dann doch, dass ich in einem Salon den Eindruck versprühen möchte, dass ich mit vorsätzlicher Frisur durch die Welt gehe und dabei auf den Moment hinbange, in dem die Mechanik meiner gezackten Haarklammer von der Fachkraft gelöst wird. Erst nach dem vollständigen Entfernen soll sich der echte Ist-Zustand offenbaren. Nämlich, dass ich zumindest haartechnisch abermals die Kontrolle über mein Leben verloren habe.


P.S.:
https://bsky.app/profile/oberconcerned.bsky.social/post/3ll2lbvlmyc2e (Öffnet in neuem Fenster)
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