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#3 Narrative

Inner Writing Newsletter – Header mit dem Slogan "Schreiben. Reflektieren. Verstehen. Und verändern."

Reden hilft – aber nicht das Reden, das du meinst

Manche Worte schützen uns vor uns selbst

Je weniger die Menschen denken, desto mehr reden sie. 

Baron de Montesquieu, französischer Philosoph

Die meisten Menschen haben eine Version ihrer eigenen Geschichte, die sie auswendig kennen. Und die sie seit Jahren nicht mehr angefasst haben: Wir erzählen von der Mutter, die so launisch war, dass wir früh gelernt haben, Stimmungen zu lesen. Kein Wunder, dass wir so harmoniebedürftig geworden sind. Wir erzählen vom kleinen Bruder, der, solange wir denken können, mehr Geschenke und Aufmerksamkeit bekommen hat als wir. So kommt es eben, dass unsere Zielstrebigkeit uns heute gern als krankhafter Ehrgeiz ausgelegt wird. Solche durchaus korrekt erinnerten Erzählungen kommen automatisch und haben immer denselben Plot. Eine Änderung ist nicht nötig – und auch nicht erlaubt.

Erzählmuster: so eingefahren wie Gewohnheiten

Dass wir so funktionieren, liegt an unserem Gehirn: Es speichert Erzählmuster genauso ab wie Gewohnheiten. Was wir immer wieder erzählen, verfestigt sich neurologisch. Dieses automatische Erzählen ist wie das Abspielen einer alten Kassette.

Etwas anderes passiert, wenn wir nicht nur über unsere Gedanken reden, sondern auch Gefühle dazu zulassen – Gefühle zu Gedanken, Gedanken über Gefühle. Dann sind wir bei dem, was uns wirklich bewegt.

Eine Klientin hat mir kürzlich in der Sitzung aus ihrem Tagebuch vorgelesen, in dem sie nicht nur ihren Alltag und ihre Träume, sondern auch ihre Interpretation dazu notiert (häufig die Angst, finanziell ausgenutzt zu werden). Kurzfristig war das beruhigend für sie, denn sie hat mir oberflächlich reichlich Material angeboten, an dem wir eine Stunde lang hätten arbeiten können. Die Einsamkeit aber, die unter ihrem problematischen Trinkverhalten liegt, hat sie umschifft. Solche Klienten beschreiben sich durchaus als reflektiert, aber sie reden mit mir über etwas und vermeiden so das Fühlen von etwas. 

Warum Darüber-Reden nicht ausreicht

Die Kultur des „Darüber-Redens" gilt als heilsam. Podcasts, Therapie-Sprache im Alltag, Social Media – überall wird Erzählen mit Verarbeiten gleichgesetzt. Ja, Reden hilft, aber nicht jedes Reden. Der Unterschied ist entscheidend.

Solange die Klientin mir von ihrer Woche berichtete und ihre Analysen gleich mitlieferte, hat sich nichts verändert. Diese Erzählung war wie ein Airbag: blitzschnell aufgeblasen, um den harten Aufprall auf ihr Gefühl zu verhindern. Ein sicheres Polster aus Worten, das jede echte Erschütterung und damit jede echte Veränderung abfederte.

Als sie jedoch anfing, über das zu sprechen, was sie tatsächlich bewegt, war die innere Berührung sogar körperlich sichtbar: Ein schweigsames Zusammensinken, ein leises Flüstern, ein schweres Atmen - das allmählich aufrechter, lauter, entspannter wurde.

Vom Wiederkäuer der immergleichen Sätze zum Autor deines Lebens – mit allen Gefühlen, die dazugehören

Autor deines Lebens zu sein heißt nicht, die Fakten zu ändern oder nur noch positiv zu denken. Es heißt, zu entscheiden, welche Rolle diese Fakten spielen. Narrative sind keine Vergangenheit. Sie sind Gegenwart – und Gegenwart lässt sich editieren.

Indem du den Ereignissen von früher in deiner Geschichte von heute eine andere Bedeutung gibst, verändert sich ihre Wirkung auf dein heutiges Erleben. Was Drehbuchautoren und Therapeutinnen gleichermaßen wissen: Jede Geschichte, die wirklich bewegt, braucht eine Figur, die gegen Widerstand wächst. Nicht eine, die an ihm scheitert, und auch nicht eine, die ihn nie hatte. Die launische Mutter, der bevorzugte Bruder – das sind keine Beweise dafür, wer du bist. Das sind die Bedingungen, unter denen du gelernt hast, wer du sein willst. Ob sie weiter dein Drehbuch schreiben, ist deine Entscheidung.

Wenn du merkst, welche Sätze du automatisch denkst und welche du ganz bewusst wählst, entsteht etwas Entscheidendes: Abstand. Das ist keine Gleichgültigkeit, sondern der Unterschied zwischen jemandem, der seine Geschichte ist, und jemandem, der sie hat. Der sie von außen betrachten kann. Und wer eine Geschichte von außen lesen kann, kann sie auch umschreiben.

Eine schöne Osterzeit wünscht dir

– Britta

SCHREIBIMPULS

Jetzt bist du dran: Der Schreibimpuls der Woche

An dieser Stelle erhältst du jede Woche einen Schreibimpuls, der dich ins Spüren, Wahrnehmen, Reflektieren bringt. Du brauchst dafür gar nicht lang Zeit, etwa 15 Minuten genügen.

Fühlst du dich als Autorin oder Autor deines Lebens? Hast du das Gefühl, das Narrativ deines Lebens entscheidend prägen zu können? Ob deine Antwort darauf nun Ja oder Nein oder irgendetwas dazwischen lautet – das Papier ist ein hervorragender Platz, um dieses Gefühl einmal auszuprobieren.

Setz dich an einen Ort, an dem du dich wohlfühlst – am besten mit einer schönen Aussicht. Ein Ort, der dich zum Träumen einlädt.

Stell dir einen Timer auf 15 Minuten.

Nimm dir Stift und Papier und schreibe – über einen Tag in deinem idealen Leben.

Wie sieht dieser Tag aus aus? Wo bist du? Mit wem verbringst du deine Zeit? Was tust du? Arbeitest du? Falls ja, woran? Wenn nein – womit verbringst du deine Zeit? Was trägst du? Wie fühlt sich dein Körper an? Was isst und trinkst du?

Lass die Gedanken und deine Phantasie einfach fließen. Schreib alles auf, was dir einfällt. Das muss nicht logisch sein und keinen Sinn ergeben.

Schreibe, wenn der Wecker klingelt, deinen Satz noch zu Ende.

Lies dann, wenn du Lust hast, deinen Text noch einmal durch. Was sagt er dir über dich, über deine Träume und Wünsche?

Gibt es etwas in dem Text, was du schon jetzt in deinem Alltag verändern könntest? Eine Kleinigkeit, in etwas abgewandelter Form? Notiere dir das als konkretes Vorhaben auf ein Post-It und nimm es dir als Aufgabe für die nächste Woche vor.

Auch von mir: Frohe Ostern – und gutes Schreiben! ✍️❤️

– Miriam

HINWEIS

Unsere Schreibübungen kommen in unterschiedlicher Intensität daher. Manche sind locker-leicht, andere gehen tiefer.

Wie auch immer es gerade für dich ist:

Wenn du merkst, dass beim Schreiben mehr hochkommt als du im Moment bewältigen kannst, dann sorge bitte gut für dich.

Brich Übungen ab, die dir zu intensiv sind, tu dir etwas Gutes und suche das Gespräch mit Freunden, deiner Familie, deinem Partner – oder hole dir professionelle Hilfe, wenn du sie brauchst. Du musst da nicht alleine durchgehen.

VORSCHAU

Das erwartet dich in der nächsten Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Inner Writing startet mit einem Impuls von Miriam. Es geht ums Schreiben als Weg zur Selbsterkenntnis – und was den Raum auf dem Papier für uns so wertvoll macht.

WER HIER SCHREIBT
Porträtfotos von Britta Bettendorf und Miriam Schaan

Hi, wir sind

Britta Bettendorf – Psychologin mit eigener Praxis – und Miriam Schaan – Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Schreibpädagogin.

Du möchtest uns näher kennenlernen?

Hier erfährst du mehr über Brittas Arbeit. (Öffnet in neuem Fenster)

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