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Trumps TACO-Falle (Gastbeitrag Jonas Stephan)

Erst die angedrohte Vernichtung, dann die plötzliche Kehrtwende. Trump ist ein Großmeister leerer Drohungen. Was das für die Weltpolitik bedeutet und woher wir es aus der Geschichte kennen, verrät uns Historiker Jonas Stephan in diesem Gastbeitrag.

Die Geschichten, die wir uns über die Mächtigen erzählen, bestimmen, wie wir auf sie reagieren. Im Fall von US-Präsident Trump hat eine Story besonders Konjunktur: das Taco-Meme. TACO: Trump Always Chickens Out (Öffnet in neuem Fenster). Trump kneift immer. Das Meme entstand im Mai 2025, als der US-Präsident massive Zölle ankündigte, dann ein ums andere Mal zurückruderte und die Wall Street daraus eine Handelsstrategie machte. Trump eskaliert, Trump pokert hoch, Trump zieht zurück. Rinse and Repeat. Was viele übersehen: TACO funktioniert gut als Witz, aber schlecht als politische Analyse. Im heutigen Beitrag möchte ich einen kurzen Blick darauf werfen, warum – und woher wir diese Taktik aus der Geschichte kennen.

Zunächst ein Blick auf die jüngere Geschichte. Seit dem 28. Februar führen die USA und Israel Krieg gegen den Iran. Die Straße von Hormuz ist seit über fünf Wochen dicht. Der Ölpreis explodiert. Die Welt steckt (schon wieder) in einer massiven Versorgungs- und Energiekrise, vielleicht der größten fossilen Energiekrise (Öffnet in neuem Fenster) jemals. Trump reagiert „erratisch”, höflich ausgedrückt. An dem einen Tag redet er vom Rückzug, am nächsten droht er, das Land in die Steinzeit zurück zu bomben. Die Ankündigung „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben.“ ist am Tag drauf wiederum Schnee von gestern, statt totaler Auslöschung gibt es eine zweiwöchige Waffenruhe (Öffnet in neuem Fenster).

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Das Pendel schwingt wild hin und her zwischen Kriegsverbrechen und Waffenruhe. CNN-Analyst Stephen Collinson hat jüngst eine wichtige Frage in den Raum geworfen: Nicht ob Trump wieder kneift, sondern ob er überhaupt noch kneifen kann (Öffnet in neuem Fenster).

 

Der militärische Bluff hat Tradition

Als Historiker kommt mir das alles bekannt vor. 1936 marschiert die Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland. Ein Triumph für das NS-Regime, der erste von vielen außenpolitischen „Erfolgen” Hitlers. Was damals die wenigsten wissen: Die Naziführung ist extrem nervös. Jahre später gibt Hitler selbst zu: „Wären die Franzosen damals ins Rheinland eingerückt, hätten wir uns mit Schimpf und Schande wieder zurückziehen müssen.“ (nach Paul Schmidt: Statist auf diplomatischer Bühne 1923–1945. Erlebnisse des Chefdolmetschers im Auswärtigen Amt mit den Staatsmännern Europas, 3. Aufl. 1964, S. 320).

Das ist ein braunes Muster. Von Anfang an geht Hitler außenpolitisch enorme Risiken ein: Austritt aus dem Völkerbund, Wiedereinführung der Wehrpflicht, Rheinlandbesetzung, Legion Condor in Spanien, Anschluss Österreichs, Sudetenkrise, Zerschlagung der Tschechoslowakei. Niemand callt Hitlers Bluff. Jedes Mal pokert die Naziführung hoch, jedes Mal steht sie am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Aber auf den Westen ist Verlass. Großbritannien und Frankreich knicken immer rechtzeitig ein. So kommt Hitler in den Ruf eines machtpolitischen Genies, obwohl er mehr als einmal kurz davor ist, zu kneifen.

Trump hat den gegenteiligen Ruf. Jeder erwartet den Rückzieher, niemand einen kohärenten Kriegsplan. Denn bei Trump gibt es nie einen. Was es gibt: ein improvisiertes Lavieren durch Krisen, die er oft genug selbst heraufbeschworen hat. Angetrieben von einer unberechenbaren Gier nach Mehr. Am Ende inszeniert er sich als der große Löser von Problemen, die es ohne ihn gar nicht gäbe. Das kennt man aus seinem Geschäftsleben, aus Gerichtsverfahren, aus seiner ersten Amtszeit. Der Mann sitzt die Konsequenzen aus, und was wie Strategie aussieht, ist meistens das Gegenteil davon.

Darin unterscheidet sich der US-Präsident vom Naziführer. Hitler hatte klare Ziele vor Augen: Vernichtung der Juden, Zerstörung des Bolschewismus, Eroberung von „Lebensraum” in Osteuropa. Als er 1939 seinen letzten Bluff versuchte, Danzig oder Krieg, versperrte diese Logik ihm den Rückzug. Und Trump? Der braucht keinen Hitler-Plan, um in eine Hitler-Falle zu laufen.

 

Die Welt ist längst eine andere

Selbst wenn der Iran und die USA heute die Angriffe einstellen, sind die geopolitischen Fakten längst geschaffen, wie ich an anderer Stelle ausführe (Öffnet in neuem Fenster). Die Welt wird für Monate, wenn nicht Jahre, mit den ökonomischen Nachbeben des Krieges leben müssen. Während die Trump’schen Drohkulissen rhetorisch kaum mehr von denen Russlands oder Nordkoreas zu unterscheiden sind, gilt China vielen Nationen mittlerweile als der verlässlichere Handelspartner. Derweil schielt dessen „Großer Vorsitzende“ Xi Jinping immer gieriger auf Taiwan. Eine stabile Weltordnung sieht anders aus. Zumal Putin seine Kriegskasse aufgefüllt hat, der Aufhebung der Sanktionen sei Dank. Und das Mullah Regime im Iran? Das wird jetzt erst recht Atomwaffen bauen. Trump hat ihnen ja gerade vor Augen geführt, dass sie dazu das geeignete Faustpfand besitzen: die Straße von Hormus.

Ob wir einen Machtmenschen fürchten oder wegen ihm die Haare raufen, hängt von der Geschichte ab, die über ihn kursiert. Und genau diese Geschichte kann uns blind machen für das, was im Hintergrund wirklich passiert.

Im europäischen Mächtepoker der 1930er Jahren gab es kein HACO, „Hitler Always Chickens Out”, weil niemand die außenpolitischen Bluffs der Nazis gecallt hat. Hitler kam mit seinem High-Risk-Game durch, und jede gewonnene Runde machte Deutschland stärker. Was wiederum dazu führte, dass die Westmächte das Risiko einer Eskalation immer höher einschätzten und Nazideutschland noch dreister wurde. Die massive Aufrüstung der Wehrmacht war dabei auch ein Faktor, zugegeben. Aber die Geschichte, die man sich über Hitlers Genie erzählte, wirkte auf die Entscheider in London und Paris mindestens ebenso stark wie die wachsende Zahl deutscher Kampfpanzer und Jagdflugzeuge.

Das Taco-Meme ist die Gegenerzählung zu Hitlers Legende. Damals unterschätzte niemand Hitler, also riskierte niemand, ihm in den Weg zu treten. Heute unterschätzt jeder Trump, also riskiert niemand, ihm früh genug Grenzen zu setzen. Auch der deutsche Bundeskanzler schwieg dazu in letzter Zeit auffällig. Donalds TACO bezahlen andere: Europäer, und vor allem die Schwellenländer, durch steigende Energie- und Lebensmittelpreise; das ukrainische Volk und die iranische Opposition durch immer neues Kriegsleid; vielleicht bald auch die Menschen in Taiwan.

Die Geschichten, die wir uns über die Mächtigen erzählen, haben immer Konsequenzen. Statt den Klimawandel zu bewältigen (Öffnet in neuem Fenster) oder zu den Sternen zu greifen (Öffnet in neuem Fenster), leben wir nun in einer Welt, in der Auslöschungsdrohungen zum regulären Mittel politischer Kommunikation werden; einer Welt, in der wir geopolitische Stabilität eintauschen müssen gegen den Treibsand politischer Willkür.

Text: Jonas Stephan; Mitarbeit: Jan Skudlarek

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Jonas Stephan

Jonas Stephan ist Podcaster und promovierter Historiker. In seinem Podcast „Deutschland 33/45 (Öffnet in neuem Fenster)“ präsentiert er chronologisch die Geschichte des Nationalsozialismus. Nicht als Moralpredigt, sondern als Erzählung mit echten Menschen, echten Entscheidungen und echten Konsequenzen. Denn diese Epoche ist kein abgeschlossenes Kapitel unserer Geschichte, sondern eine offene Frage an jede Generation.

Alle Infos zum Podcast und weiteren Projekten finden sich hier:

https://linktr.ee/deutschland33_45pod (Öffnet in neuem Fenster)

weiterführendes

Vor fast genau einem Jahr sprach ich mit Jonas ebenfalls über die ganz großen Themen, über Krieg und Frieden, in meinem Podcast. Der Anlass war der 8. Mai, der auch nächsten Monat wieder bevorsteht. Die Folge „Der 8. Mai. Historische Parallelen & heutige Verantwortung (Öffnet in neuem Fenster)”, in der wir uns einige Gedanken machen über Geschichte, Gegenwart und Zukunft, ist nach wie vor – bzw. wieder mal – aktuell, und auf allen Streaming-Plattformen verfügbar:

https://steady.page/de/janskudlarek/posts/2323e6cf-9bee-491a-9239-9fae136897d6 (Öffnet in neuem Fenster)

Auf Jonas’ YouTube-Kanal könnt ihr ihn nicht nur hören, sondern auch sehen. Zum Beispiel im Beitrag: „Trumps Iran-Krieg schwächt seine eigenen Verbündeten. Was Europa jetzt lernen muss.” (Öffnet in neuem Fenster)

https://www.youtube.com/watch?v=9g2P0HJ2aJs (Öffnet in neuem Fenster)

Falls euch interessiert, wie ich mit einem Historikerkollegen von Jonas auf das erste Jahr der zweiten Amtszeit Trumps blicke, hört euch mein Gespräch mit Thomas Zimmer an, das ich im Januar geführt habe. Die Podcastfolge (Öffnet in neuem Fenster)Ein Jahr Trump. Ein Jahr Gewalt, Lügen & Widerstand (Öffnet in neuem Fenster)” ist überall abzurufen.

https://steady.page/de/janskudlarek/posts/f7d76a75-b070-45c1-a3b1-ac4108296952 (Öffnet in neuem Fenster)

Abgesehen davon liefert Thomas nach wie vor sehr lesenswerte Analysen zur politischen Sachlage der USA ab, hier auf Steady:

https://steady.page/en/democracyamericana/posts (Öffnet in neuem Fenster)

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