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World Forum - „New Rules: Identity and Gender"

Es gibt Gespräche, die man so schnell nicht vergisst. Das Panel „New Rules: Identity and Gender" beim World Forum in Berlin war im März 2025 für mich so ein Moment – nicht wegen des Formats oder wegen des Rahmens, sondern wegen der Menschen, die neben mir auf der Bühne saßen.

World Forum in Berlin - Wenn Queersein zur geopolitischen Waffe wird

Das World Forum (Öffnet in neuem Fenster) ist eine jährliche Konferenz, die von der Cinema for Peace Foundation ausgerichtet wird – einer Organisation, die seit zwei Jahrzehnten Dokumentarfilme als Werkzeug für Menschenrechtsdiskussionen nutzt. Das Forum versammelt Politiker*innen, Aktivist*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, um konkrete Antworten auf globale Krisen zu entwickeln. Das Besondere: Nach jeder Paneldiskussion gibt es legislative Workshops, in denen Teilnehmende Gesetzentwurfsentwürfe erarbeiten, die an Regierungen und politische Entscheidungsträger*innen weltweit weitergeleitet werden. Es geht also nicht nur ums Reden. Dem Beirat gehören unter anderem Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa (Öffnet in neuem Fenster), die ukrainische Menschenrechtsanwältin Oleksandra Matviichuk (Öffnet in neuem Fenster), der russische Oppositionspolitiker Vladimir Kara-Murza (Öffnet in neuem Fenster) und als Ehrenvorsitzende Hillary Clinton (Öffnet in neuem Fenster) an. Zu den Gästen zählen oft prominente Persönlichkeiten, wie z.B. Nelson Mandela, Mikhael Gorbatschow, Bill Clinton, . Als Location dient das berühmte Hotel Adlon, direkt am Brandenburger Tor.

Dass das World Forum 2025 ein Panel zu Geschlecht und Identität (Öffnet in neuem Fenster) veranstaltete war ein Meilenstein: Fragen von Gender und Sexualität haben eine symbolische Bedeutung erlangt, die weit über das Thema selbst hinausgeht. Sie dienen häufig als Code für tiefere geopolitische Spaltungen – das stellte der UN-Unabhängigexperte Graeme Reid gleich zu Beginn klar.

Neben mir auf dem Podium saßen Graeme Reid, UN-Sonderberichterstatter zum Schutz vor Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung (SO) und Geschlechtsidentität (GI), die Menschenrechtsaktivistin Lisa Samoylov sowie Masha Alyokhina, Lucy Shtein und Nika Nikulshina von Pussy Riot (Öffnet in neuem Fenster). Moderiert wurde das Gespräch von dem amerikanischen Dokumentarfilmer Nicholas Bruckman.

Was mich persönlich von Anfang an berührt hat: Ich kenne Deutschland. Ich kenne das Ringen um das Selbstbestimmungsgesetz, die Desinformationskampagnen, die trans* Personen als vermeintliche Bedrohung für Frauen und Kinder rahmen. Und ich halte das für eine sehr ernste Situation. Aber dann höre ich Lisa beschreiben, was in Russland geschieht – Menschen, die wegen Regenbogenohrringen verhaftet werden, die für Fotos eines Kusses mit Geldstrafen belegt werden, die in Untersuchungshaft Suizid begehen, weil staatliche Gewalt keinen Ausweg mehr lässt. Oder Lucy, die die systematischen Pogrome in Tschetschenien dokumentiert, die Folterlager, die Ehrenmorde auf Geheiß von Kadyrovs Vertrauensleuten. Seit 2017 hat ihre Hilfsorganisation North Caucasus SOS über 800 Menschen begleitet und mehr als 400 evakuiert.

In solchen Momenten wird mir bewusst, wie sehr wir alle Teil desselben Musters sind – nur auf unterschiedlichen Stufen einer Eskalationsskala.

Graeme Reid hat das auf den Punkt gebracht, was ich intuitiv schon lange wahrnehme: Der Angriff auf queere Rechte ist kein Selbstzweck. Er ist ein Mittel zur Erreichung autoritärer Ziele. Während die Öffentlichkeit mit Angriffen auf queere Rechte beschäftigt war, wurden gleichzeitig Judikative, freie Presse und Zivilgesellschaft ausgehöhlt. Das ist ein politischer Trick – im Dienst eines größeren Projekts. Und er ergänzte: Das ist nicht nur eine Minderheitenfrage. Das ist ein Frühwarnsystem für den Abbau von Menschenrechten insgesamt. In meinen Vorträgen spreche ich immer von einem Gradmesser für den Zustand einer Demokratie und ich freue mich und bin erschüttert zugleich, dass der UN-Sonderberichterstatter es ähnlich einschätzt.

Graeme Reid UN Sonderexperte für SOGI (Sexuelle Orientierung und Geschlechtliche Identität)

Als Nicholas mich bat, die Lage in Deutschland einzuordnen, habe ich versucht, ehrlich zu sein – auch wenn mir meine eigenen Worte im Vergleich zu dem, was ich gerade gehört hatte, klein vorkamen. Das Selbstbestimmungsgesetz war ein historischer Fortschritt. Aber die Angst, dass die neue Regierung es wieder rückgängig macht, dass psychiatrische Gutachten zurückkehren, ist real. Die Desinformationskampagnen gegen das SBGG nutzten denselben Playbook wie anderswo: trans* Frauen als angebliche Bedrohung für cis Frauen, der Mythos vom Eindringen in Frauenräume – obwohl das Gesetz nichts anderes regelt als den Geschlechtseintrag im Personenstandsregister und einen neuen Namen.

Auf die Frage, wie man Populismus entgegentritt, habe ich gesagt, was ich wirklich glaube: Fakten reichen nicht. Populismus arbeitet mit Emotionen – mit Wut, mit Angst. Und man kann das nicht mit Fakten kontern. Das funktioniert nicht im Journalismus. Das funktioniert nicht in der Politik. Was funktioniert, ist Empathie. Die eigene Realität zeigbar machen. Einen Kontakt herzustellen, der Menschen verstehen lässt, in welcher Situation wir leben.

Julia Monro - Erläuterungen zur Situation in Deutschland

Ein Moment aus dem Plenum bleibt mir besonders im Gedächtnis. Eine Person aus Indien erinnerte daran, dass trans* Menschen in Südasien vor der Kolonialzeit geehrt wurden – dass Queerfeindlichkeit ein importiertes Produkt ist, kein kulturelles Erbe. Dazu passt eine Geschichte, die ich dann geteilt habe: Ein Mann indischer Herkunft kam nach einem meiner Workshops auf mich zu und fragte, ob er mir die Hand schütteln dürfe. Der Grund: In seiner Tradition ist der Handschlag mit einem trans* Menschen ein Segen. Das ist sieben, acht Jahre her. Ich werde diesen Moment nie vergessen.

Das World Forum ist eines der wenigen Formate, in denen Aktivist*innen aus Russland, Deutschland, dem globalen Süden und den USA tatsächlich gemeinsam auf einer Bühne sitzen – nicht um Konsens zu simulieren, sondern um gemeinsam zu benennen, was gerade auf dem Spiel steht. Queere Rechte sind heute ein symbolisches Schlachtfeld in einem größeren Kampf zwischen Autoritarismus und demokratischen Freiheiten. Wer das noch nicht erkannt hat, sollte aufmerksam zuhören – und zwar jetzt.

Gemeinsames Abschlussfoto nach der Veranstaltung
Links
https://www.theworldforum.eu/futureofhumankind2025 (Öffnet in neuem Fenster)https://www.youtube.com/watch?v=r8SqKK9HW04 (Öffnet in neuem Fenster)

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