Artenvielfalt, Nachhaltigkeit, Klimawandel, Bio oder Biodiversität? Bei diesen Begriffen kann einem der Kopf schwirren.
Willkommen zur zweiten Ausgabe von Tierisch Vielfältig! Heute geht es um den Begriff Biodiversität und warum er nicht mit Artenvielfalt oder Nachhaltigkeit gleichzusetzen ist.

Fachbegriffe sind so eine Sache. Manchmal erleichtern sie die Kommunikation. Oft schaltet man auch einfach ab, sobald man sie hört. Wieder andere sind derart kompliziert, dass man sich fragt, wie viele Punkte sie wohl bei Scrabble bringen? Beispiele sind etwa der einachsige Dreiseitenkipper oder das Fahrzeugrückhaltesystem. Hinter beiden Worten stecken im Amtsdeutschen einfache Dinge wie (erstens) eine Schubkarre und (zweitens) eine Leitplanke.
Der Begriff Biodiversität hat ein anderes Problem. Er ist wohl irgendwie nicht „sexy“, scheint in der öffentlichen Wahrnehmung einen ähnlichen Charme zu versprühen wie das Fahrzeugrückhaltesystem (obwohl er wohl, mit „ae“ statt “ä” geschrieben, etwa 20 Scrabble-Punkte bringen würde). Vielleicht ein Grund, warum viele eher über die Themen Klimawandel (etwa im Wetterbericht) und Nachhaltigkeit sprechen. Bitte nicht falsch verstehen. Ich halte es für absolut richtig, den eigenen CO₂-Abdruck zu verbessern, Wärmepumpen einzubauen, torffreie Erde zu kaufen, Wurmcontainer in der Küche aufzustellen, saisonal einzukaufen und auch sonst sehr viel für den Schutz der Ressourcen zu tun.
Doch ohne die natürliche Vielfalt wird das alles verpuffen. Sie zu schützen, ist ein ebenso hehres Ziel. Vielleicht gestaltest Du Deinen Garten oder Balkon schon naturnah, bietest Bienen mit Wildstaudenbeeten Nahrung, zählst Vögel, integrierst Steinmauern für Eidechsen und legst Totholzhecken oder kleine Tümpel an? Je mehr Menschen bei solchen Aktionen mitmachen, desto hilfreicher sind sie. Jedes naturnahe Biotop ist ein Trittstein für die Tierwelt.
Doch hinter dem Begriff Biodiversität steckt weitaus mehr.
Der erste Teil des Wortes wird im Alltag häufig mit „ökologisch“ angebauten Lebensmitteln, „nachhaltiger“ Kleidung oder „natürlichen“ Rohstoffen gleichgesetzt. Damit verdient sich das kleine Wörtchen Bio einen Top-10-Platz im Ranking der umgedeuteten Begriffe. Im eigentlichen Wortsinn bezieht es sich aber nicht auf Produkte oder Herstellungsmethoden. „Bio“ stammt aus dem Altgriechischen und beschreibt das „Leben“ an sich. Bio-Diversität ist also die Vielfalt alles Lebendigen. Nicht mehr, weniger aber auch nicht.
Biodiversität ist nicht gleich Artenvielfalt
Es handelt sich eher um einen Überbegriff, der auf drei Beinen fußt. Bricht oder wackelt eines der Beine, bedroht dies die Stabilität des ganzen Systems.

Die Liste der weltweiten Ökosysteme ist sehr umfangreich. Dazu gehören Moore, Laubwälder, Mischwälder, Großstädte, Strände, Trockenrasen oder Gärten ebenso wie Trockenmauern, die Tiefsee, Tümpel, Flüsse, Korallenriffe, Höhlen, das Watt oder Balkonien. Jedes dieser Ökosysteme beherbergt einen besonderen Mix aus Pflanzen und Tieren.
Ein Netzwerk des Lebens, in dem jede Art in ihrer eigenen Nische lebt und eine ganz spezielle Rolle in diesem Ökosystem hat. Filmfans kennen den kleinen Clownfisch Nemo, der sein Zuhause in einer Anemone hat. Eine symbiotische Beziehung: Die Anemone bietet dem orange-roten Clownfisch Schutz und Überleben, er selbst dankt es ihr durch eifrige Säuberungsaktionen, bessere Sauerstoffzirkulation und natürliche Düngung.
Doch auch die genetische Vielfalt innerhalb einer Art ist wichtig. Je „bunter“ die Erbgut-Mischung ihrer Individuen, desto besser übersteht eine Art gewisse Veränderungen in ihrer Umwelt.

Schneckenhäuschen mit vielfältigem Bauplan
Ein sehr unauffälliges Beispiel dafür ist die Garten-Bänderschnecke Cepaea hortensis mit ihrem kugelförmigen, teils geringelten Haus. Bei dieser Art kann das Häuschen gelb, braun oder rosa gefärbt sein, sie ist also polymorph. Welche Farbe oder wie viele Bänder die Behausung hat, wird durch den genetischen Bauplan der jeweiligen Schnecke bestimmt. Doch die variable Färbung ist nicht zufällig. Ob ein Schneckenhaus eher heller oder dunkler ist, hängt beispielsweise vom Lebensraum ab. Im Wald würden gelbliche Behausungen auffallen und die Schnecken fielen Fressfeinden wie der Singdrossel eher zum Opfer. Daher sind sie dort vornehmlich dunkel gefärbt. In der Wiese kehrt sich dieses Prinzip um, dunkelgefärbte Häuser kommen dort seltener vor.
Die genetische Vielfalt ist also wichtig, damit eine Tierart überleben kann. Und Biodiversität ist eine gelungene Mischung aus diversen Lebensräumen und ihren vielfältigen Bewohnern.

Wir Menschen nehmen uns da nicht aus.
Beim nächsten Mal geht es vor allem um den Artenschwund (Öffnet in neuem Fenster)hierzulande und was dies mit Spezialisten zu tun hat.
Wir lesen uns!
Kerstin
Gut zu wissen!
Natura 2000: Verschiedene Lebensraumtypen in Deutschland. (Öffnet in neuem Fenster)
Schnelle Evolution bei Schnecken (Öffnet in neuem Fenster). UFZ, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.
SRF for KIDS (Youtube): Die Vielfalt des Lebens auf der Erde – einfach erklärt (Öffnet in neuem Fenster).
Ein kleiner Nachklapp zur ersten Ausgabe
Das Y-P-S Känguru feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Dieses Jubiläum erinnerte mich an einen fast vergessenen Teil meiner Kindheit. Jede Woche wurde die neue Ausgabe erwartet und das Gimmick ausprobiert (viereckige Eier schmecken übrigens nicht anders, als ovale 😉). Im Teenageralter sprang die Begeisterung direkt über auf ein bekanntes Comic-Heft, in dem eine leicht überreizbare Ente und eine kluge Maus mit großen Ohren die wahren Helden sind (hatte im Jahr 2021 seinen 70. Geburtstag). Auch hier waren Beilagen ein Teil jeder Ausgabe. Skelette wurden zusammen gefriemelt, Papp-Ferngläser gebaut, ein Kompass beim Spaziergang ausprobiert und Sammelkarten zu Dinosauriern und Pfadfinder-Abenteuern gesammelt.
Neugierde und Forschergeist waren also doch schon irgendwie da.
Habt Ihr ebenfalls Plastik-Knochen ausgegraben, Dino-Eier „ausgebrütet“ oder Urzeitkrebse aus dem Y-P-S gehalten (ich weiß, heute ein absolutes No-Go)? An welche Forschungsabenteuer aus Kindheit und Jugend erinnert Ihr Euch?
Ich freue mich schon auf Eure Rückmeldungen.
Transparenzhinweis: Y-P-S habe ich so geschrieben, um zu verhindern, dass dieser Post von Suchmaschinen als Werbung für das entsprechende Heft verarbeitet wird.
Ich freue mich, wenn wir uns vernetzen! Du findest mich auf:
Und neu: Bluesky (Öffnet in neuem Fenster)
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