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Was geht mich San Francisco an?

Vor einiger Zeit habe ich mir einen verregneten Freitagvormittag mit einem Text von Rebecca Solnit zu San Francisco nicht gerade aufgehellt. Solnit kannte ich für ihren Essay Wenn Männer mir die Welt erklären.* Im Artikel Tod einer Stadt in der Zeitung Le Monde diplomatique beschreibt die Autorin, wie sich San Francisco durch die Ansiedlung von Tech Giganten wie Google oder Apple verändert hat. Sie schreibt über die Verödung der Innenstadt, über die Kriminalisierung von Armut, über Buchhandlungen, die aufgeben, weil sie dem Online-Handel nicht standhalten konnten, über Wohnviertel ohne Einheimische, weil urlaubende Kurzzeitmieter*innen mehr Geld generieren, und über Männer (ja, doch, leider), die undemokratische Polit-Kampagnen finanzieren – mit Tech-Milliarden, die sie in Unternehmen erwirtschaftet haben, deren Dienste auch ich nutze. Weil es bequem ist.

Als ich das las, spürte ich den Reflex, diese Dienste zu meiden und gleichzeitig Unbehagen, in meiner Ablehnung, naiv zu wirken.

Niemand möchte naiv sein.

Ich möchte nicht naiv wirken.

Schwarz-Weiß-Foto eines Spielplatzes mit zwei leeren Schaukeln.

Spielplatz, Köln Innenstadt, 2008 © Kristina Klecko

Der Duden hält fest, das Adjektiv “naiv“ werde oft abwertend gebraucht, seine Synonyme: arglos, einfach, einfältig, harmlos. Kindern gesteht man zu, naiv zu sein. Bei ihnen bewundern wir diese Eigenschaft gar, vielleicht mit dem heimlichen Wunsch, die Welt möge so sein, wie Kinder sie empfinden: Gut, gerecht, einfach? Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, Naivität mit der Zeit abzulegen und … na, wie eigentlich zu werden?

Was geht mich San Francisco an? Ich lebe in Köln.

„Ich weiß nicht, ob diese Milliardäre wissen, was eine Stadt ist. Aber ich weiß, dass sie ihren Reichtum genutzt haben, um die Vielfalt der Stadt, die seit 1980 mein Zuhause ist, zu zerstören: Sie haben das Wohnen unbezahlbar gemacht die Armen dämonisiert, Lokalpolitiker zu ihren Marionetten gemacht und einen politischen Rechtsruck finanziert.“ Rebecca Solnit, Tod einer Stadt

In Köln gibt man sich gegenseitig den Ratschlag, aus einer bezahlbaren Wohnung nicht auszuziehen. Im Magazin Stadtrevue vom Mai 2024 spricht ein Lokalpolitiker über eine „defensive Architektur“ in der Domstadt – eine Architektur, die Menschen das Verweilen im öffentlichen Raum (skaten, sich ausruhen, zusammen in Parks auf Bänken sitzen etc.) erschwert.

Nun, ich habe eine Wohnung, skate nicht und verweile lieber in Cafés als auf Parkbänken.

War das weniger naiv? War das erwachsen genug?

Im Essay „Über ein unpassendes Argument (Öffnet in neuem Fenster)“ schrieb ich bereits über ein Argument gegen fairen Handel, das mir in meinem bisherigen Arbeitsleben häufig begegnet ist. Ein anderes war der Einwand, nur Produkte aus fairem Handel zu konsumieren sei zu wenig, man müsse das System angehen. Auch dieses „Argument“ brachte die Diskussion in der Regel nicht voran. Sollte es auch nicht, es reichte zu signalisieren, das Gegenüber sei naiv und hätte es sich nicht so gut mit der großen komplexen Welt überlegt. Das Ziel ist Abwertung. (Im Übrigen ist mir in den fast zehn Jahren meiner Berufstätigkeit im Fairen Handel kein einziger Mensch begegnet, der um die Ungerechtigkeiten in der globalen Wirtschaft ernsthaft besorgt war, und trotzdem gesagt hätte, ich habe mir doch drei faire Shirts gekauft, bitte keine politischen Maßnahmen, keine Veränderungen im System mehr.)

Jemandem Naivität vorzuwerfen, ist nicht harmlos. Es blockiert. Und dann tut man lieber nichts.

Vielen Dank, dass du mitliest. Bis in zwei Wochen!

Kristina

*Und für das Buch Unziemliches Verhalten, das ich jedoch nicht ohne eine deutliche Triggerwarnung empfehlen kann. Es geht um Gewalt.

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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Kategorie Alltag & Politik

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