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LebensSpuren #5: Erntezeit

Wenn Ordnung Ruhe schenkt – und das Leben selbst zur Ernte wird.

Für eine kurze Zeit ist ein wenig Alltag bei uns eingekehrt.
Oma kommt mehrmals die Woche bei ihrer Schwester Emi vorbei und genießt vor allem die Abwechslung und das Rauskommen.

Ein Tag zu Hause kann ganz schön lang sein.
Auch wenn morgens, mittags und abends jemand bei Oma vorbeischaut und hilft. Gleichaltrige sind rar geworden, viele Ältere aus der Nachbarschaft längst gegangen. Und die tägliche Gartenarbeit geht nicht mehr so leicht von der Hand wie noch mit Anfang oder Mitte neunzig.

Oma 2019 (94) und 2023 (98) bei der Gartenarbeit.

Dabei war in den letzten Wochen Erntezeit.
Tomaten, Gurken, Bohnen, Rote Bete – der Garten trägt dank der Töchter immer noch reichlich Früchte. Ein bisschen weniger als früher, aber genug, um stolz zu sein.

Und auch bei Emi war Erntezeit angesagt.
Elke hat zu ihrem nachmittäglichen „Emi-Dienst“ Trauben mitgebracht. Sie verbringt regelmäßig die Montagnachmittage mit Emi. Oma schließt sich gerne an. Diesmal kamen fünf Kisten roter Trauben aus Elkes Garten dazu – eine perfekte Nachmittagsbeschäftigung für drei Frauen und ein kleines Stück gelebtes Miteinander.

Gemeinsam bei der Arbeit.

Bei Emi hat die Demenz den Ordnungssinn geschärft.
Keine Küchenschranktür darf offenstehen, das Besteck muss gerade neben dem Teller liegen, die Weste ordentlich gefaltet auf dem Sessel. Die Decke auf dem Schoß – akkurat, ohne Falten. Das Bett gemacht, am besten direkt nach dem Aufstehen.

Nur beste Qualität dank ausgeprägtem Ordnungssin.

Wenn man versteht, was Ordnung für Emi bedeutet, sieht man plötzlich mit ihren Augen.


Man entdeckt kleine Dinge, die sie stören, die sie aber nicht in Worte fassen kann. Dann wird die vermeintliche Unordnung korrigiert – alles ist an seinem Platz. Während Emi mich aufmerksam beobachtet, folgt irgendwann der Blickkontakt. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, und dann sagt sie zufrieden:

„So isch’s recht.“

Zwei Lächeln, die sich begegnen – und ein Moment, der bleibt.
Alles in Ordnung. Und das sorgt für Ruhe und Entspannung.

Zurück zur Ernte.
Die Trauben werden einzeln abgezupft – die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Eine Arbeit, die Geduld braucht und Ruhe schenkt.

Elke und Oma plaudern, während Emi hochkonzentriert bei ihrer Aufgabe bleibt. Sie ist ganz im Moment, ganz in Ordnung. Alles hat seinen Platz, seinen Sinn.

Nach einer Weile ist das Werk getan.
Die guten Trauben landen in Eimern, um später zu Saft und Gelee zu werden. Diese Aufgabe übernimmt dann jemand anderes – diesmal Gerlinde, Omas ältere Tochter.

Emi konzentriert und Oma mit Freude beim plaudern.

Erntezeit ist ein schönes Bild. Nicht nur für Gärten, sondern auch fürs Leben.

Ich habe gerade ein Buch gelesen, das diesen Gedanken aufgreift:
„DIE WITH ZERO – So machst du das Beste aus deinem Geld und deinem Leben.“

Der Titel wirkt im ersten Moment befremdlich. Doch die Botschaft dahinter ist einfach: Es geht darum, bewusst zu leben und zu erkennen, wann der richtige Moment ist, bestimmte Erfahrungen zu machen und sie im Kopf zu sammeln, statt sie aufzuschieben.

Manches lässt sich nicht nachholen. Einige Erlebnisse gehören in bestimmte Lebensphasen. Und irgendwann kommt die Zeit, in der das Tun selbst zur Ernte wird: die Gespräche, das Lächeln, der Duft von Trauben in der Küche.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Erntezeit im Leben – wenn man erkennt, was man gesät hat.

Kategorie Leben im Alter