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Meer-Montag #46 - Wasservogelzählung am Bodden

Es ist Herbst und ich bin erneut auf dem Weg in die Karrendorfer Wiesen bei Greifswald. Seit ich im Sommer an einer Führung durch dieses Vogelschutzgebiet mitgemacht habe, übt dieser Ort eine Art magische Anziehungskraft auf mich aus. Meine Faszination für Seevögel leistet hier einen großen Beitrag. Und genau das ist auch das Thema dieses Tages: die beiden Naturschutzwartinnen Johanna und Lara der Michael Succow Stiftung haben mich eingeladen, den Tag mit ihnen zu verbringen und bei der wöchentlichen Wasservogelzählung dabei zu sein. Wir werden heute also viele Stunden draußen unterwegs sein und sowohl auf der Insel Koos als auch auf den umliegenden Wiesen Vögel zählen.

Mit dem Erscheinen des Werkes “"Naturgeschichte der Land- und Wasservögel des nördlichen Deutschlands und angränzender Länder" von Johann Andreas Neumann zwischen 1797 und 1803 startete hier in Deutschland das Monitoring der Vogelwelt, auch avifaunistische Forschung genannt. Anfang des 20. Jahrhunderts bildeten sich immer mehr Netzwerke, die begannen, sich über ihre Beobachtungen auszutauschen. Mit der Gründung des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten (DDA) im Jahr 1970 ist eine zentrale Sammelstelle entstanden, die mehrere Erfassungsprogramme in Deutschland organisiert und koordiniert. Dazu gehören das Monitoring der häufigen Brutvögel, gefährdeten und geschützten Brutvögel sowie das Monitoring der rastenden Wasservögel. Auch das Portal ornitho, in das wir Hobby-Beobachtenden unsere Entdeckungen eintragen können, wird von diesem Verband betrieben. All diese Daten werden gesammelt, zusammengeführt und ausgewertet. Sie fließen beispielsweise in Berichte zur Roten Liste und in den Vogelindikator, der zeigt, wie es um die Natur in Deutschland steht. Während die Wasservögel im Sommer mit Paarung, Nestbau, Brüten und der Aufzucht ihrer Küken beschäftigt sind - oft versteckt im Schilf, in Höhlen oder ähnlichem - sammeln sie sich im Herbst und Winter an unseren Küsten. Dort sind sie gut zu beobachten und zu zählen. Ich bin gespannt, wen wir heute entdecken werden.

Als ich an der kurzen Brücke, die hinüber auf die Insel Koos führt, ankomme, sage ich Bescheid, dass ich da bin. Vor mir ist nämlich ein großes verschlossenes Tor, das verhindert, dass sowohl Menschen, als auch Raubtiere auf die Insel gelangen. Passenderweise wird es auch "Prädator" genannt. Die Insel Koos ist eine für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Vogelschutzinsel, auf der die Naturschutzwart*innen leben. Hier weiden außerdem Schafe und Rinder, die durch das Abfressen der Pflanzen die Landschaft offen halten und somit bessere Bedingungen für bodenbrütende Vogelarten schaffen. Nachdem ich einen kurzen Blick in das gemütliche Wohnhaus werfen darf, starten wir am Südhaken der Insel mit unserer Zählung. Hier steht ein hoher Beobachtungsturm, von dem aus wir einen guten Blick auf den Strand haben, an dem jede Menge Vögel rasten. Während ich mit Fernglas und dem Teleobjektiv meiner Kamera versuche, etwas zu erkennen, sind Johanna und Lara mit ihrem Spektiv geübte Beobachterinnen. Während eine von ihnen nach und nach den Strandabschnitt absucht, notiert die andere die Anzahl der Vögel. Hierfür nutzen sie zwei Handzähler, können also zwei bis drei Arten gleichzeitig zählen und kommen somit zügig voran. Ich sehe hier zum ersten Mal Sturmmöwen. Die verschiedenen Möwen zu unterscheiden fällt mir noch schwer, aber ich kann gut erkennen, dass diese kleiner sind im Vergleich zu den Silbermöwen, die man so häufig sieht. Auch unterscheidet sich ihre Augenfarbe: während die Silbermöwe helle Augen hat, sind die Sturmmöwe dunkelbraun und von einem roten Ring umgeben. Sie ist sehr anpassungsfähig, wenn es um den Lebensraum geht: Meist findet man ihre Brutgebiete an der Küster, aber sie kommt auch gelegentlich  an Binnengewässern, in Sümpfen oder Hochmooren vor. Die bisher älteste Sturmmöwe hieß Marta und wurde im Jahr 2015 bereits 34 Jahre alt. Sie lebte auf der Insel Kakrarahu in Estland, leider habe ich keine aktuellen Meldungen über ihren Verbleib finden können.

Der Südhaken der Insel Koos erscheint bei normalem Wasserstand als kleine Insel. Bei Niedrigwasser ist die schmale Verbindung zur Hauptinsel zu erkennen.



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Nachdem alle Vögel am Südhaken erfasst sind (neben den Sturmmöwen gibt es Mantelmöwen, Zwergseeschwalben und Schnatterenten), gehen wir weiter zur nächsten Station auf der Brücke vor der Insel. Die Orte, an denen die Vögel alle zwei Wochen gezählt werden, bleiben immer gleich, um vergleichbare Daten zu erheben. Auch die Uhrzeit wird notiert und möglichst gleichbleibend eingehalten. Doch warum werden die Vögel gezählt? Die Bestandszahlen verraten uns viel über den Zustand unserer Umwelt. Ziel ist es, herauszufinden, wie sich die Populationen verschiedener Arten über die Jahre entwickeln, um bei ungewöhnlichen Veränderungen möglichst schnell zu reagieren oder nach Ursachen zu suchen. So könnte ein plötzlicher Rückgang einer Population auf ein Pestizidproblem oder andere Umweltgifte hinweisen. Außerdem kann die erfasste Anzahl der Vögel dazu führen, dass Gebiete als wichtig für die Population (z.B. als Brut- oder Rastgebiet) angesehen und somit unter Schutz gestellt werden.

Von der Brücke zählen die Naturschutzwartinnen Wasservögel auf dem schmalen Strom zwischen der Insel Koos (rechts) und dem Festland (links).

Wir gehen weiter von Station zu Station durch die Karrendorfer Wiesen und sind insgesamt über drei Stunden unterwegs. Manchmal glaube ich, auf dem Wasser, das durch die Sonne glitzert und funkelt, keinen einzigen Vogel zu sehen. Aber Johanna schaut durch ihr Spektiv und meldet “124 Pfeifenten und 3 Haubentaucher”. Seit einem Jahr gehört diese Zählung zu ihren wiederkehrenden Aufgaben und sie wirkt sehr routiniert in ihrer Arbeit. Trotzdem sind da noch jede Menge Begeisterung und Faszination und hier und da schlagen wir im Buch nach, wenn wir uns unsicher sind, um welche Vogelart es sich handelt. Und wie wunderschön ist es, immer wieder Neues dazuzulernen? Am Ende unserer Zählung mache ich sogar noch eine Entdeckung: im flachen Wasser stehen zwei Pfuhlschnepfen und suchen nach Futter.Der Unterschied zur Uferschnepfe ist manchmal schwer zu sehen, aber ihr Schnabel ist ein wenig nach oben gebogen. Wir waren nicht weit entfernt und als die Tiere ihren Kopf aus dem Wasser heben, können wir sie gut bestimmen. Während diese Tiere bereits im Schlichtkleid sind und beide hellbraunes, mit vielen kleinen hellen Tupfen versehenes Gefieder tragen, sind die Männchen im Prachtkleid intensiv rostrot. Sie sind hier Durchzügler und kommen aus ihren Brutgebieten in der arktischen Tundra und der moorigen Taiga. Sie sind Langstreckenzieher und überwintern in Westeuropa, an der Atlantikküste Afrikas oder sogar in Neuseeland. 2015 wurde die Art als weltweit bestandsgefährdet in die Internationale Rote Liste aufgenommen. Der Klimawandel und das damit einhergehende Verschwinden der für sie geeigneten Lebensräume setzt diese Vogelart unter großen Druck. Umso mehr Bedeutung erhält unsere Beobachtung an diesem Tag und ich hoffe, sie finden im nächsten Frühjahr einen perfekten Brutplatz im kalten Norden.

Zwei Pfuhlschnepfen suchen im flachen Wasser nach Nahrung.

Mit dieser letzten Entdeckung geht es für uns die 2 km zurück zur Insel Koos. Unterwegs erfahre ich ein bisschen mehr über den Bundesfreiwilligendienst (BFD), über den Johanna und Lara bei der Michael Succow Stiftung angestellt sind. Der Bundesfreiwilligendienst wurde 2011 als Ersatz für den Zivildienst eingeführt und steht Menschen aller Altersgruppen offen. Hierin unterscheidet sich das Angebot vom Freiwilligen Ökologischen Jahr, das sich vor allem an junge Menschen bis 27 Jahre richtet und sich auf den Natur- und Umweltschutz fokussiert. Im Bundesfreiwilligendienst können die umgangssprachlich genannten BufDis sich in ganz unterschiedlichen Bereichen, wie sozialen Einrichtungen, kulturellen Projekten oder im Natur- und Umweltschutz engagieren. Organisiert wird der BFD vom Bund. Er bietet eine Möglichkeit, sich gesellschaftlich einzubringen und gleichzeitig neue Erfahrungen zu sammeln. Gleichzeitig gibt es durch solche Programme immer wieder junge Menschen, die sich um Naturschutzgebiete wie die Insel Koos kümmern, Aufgaben im Monitoring übernehmen und direkt lernen, wie Umweltschutz konkret aussehen kann. Seit 2019 bietet die Michael Succow Stiftung zwei solcher Plätze auf der Insel Koos an. Während ihrer Zeit auf der Insel übernehmen die Freiwilligen ein breites Spektrum an Aufgaben. So mähen sie z.B. das Schilf an einigen Stellen der Karrendorfer Wiesen, sodass die jungen Austriebe wieder von den Rindern gefressen und somit die seltene Salzwiesenvegetation gefördert wird. Neben der Zählung verschiedener Wasservögel werden Brutkästen kontrolliert, 360°-Fotos an festgelegten Orten gemacht und öffentliche Führungen angeboten. Genau über diese Führung habe ich die Karrendorfer Wiesen kennengelernt und bin dankbar für all die Einblicke des heutigen Tages. Ich werde auch in naher Zukunft häufiger hierherkommen und freue mich bereits auf die Kraniche, die hier im späten Herbst übernachten während sie sich für ihre Reise in den Süden sammeln. 

Eine männliche Pfuhlschnepfe im Prachtkleid


Kategorie Meer-Montag

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