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Jule und Nuri über das Versuchen, Entscheiden und Erwachsenwerden

Es ist Dienstagnachmittag. In der Nähe von Köln steige ich aus der S-Bahn aus. Herchen heißt der kleine Ort, an dem mich Jule, Nuri und ihr Papa abholen. Voller Freude finden wir uns auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof. Es ist eine dieser Begegnungen, bei denen ich von Sekunde eins an weiß: Hier bin ich genau richtig. Jule und Nuri sind Schwestern und Singer-Songwriterinnen. Vor zwei Jahren sind sie in die Öffentlichkeit getreten und haben die Talentshow KiKa Dein Song gewonnen. Als Sängerinnen der 6kUnited!-Band waren sie anschließend auf Arenatour. Zu erzählen haben die beiden also heute ganz sicher mehr als genug.

Interview & Fotos Florian Saeling

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Starten wir mal mit einer ganz einfachen Frage: Wie war euer Tag?
JULE: Heute war ein sehr guter Tag. Ich hatte frei, konnte ein bisschen länger schlafen und Nuri konnte heute früher aus der Schule kommen.

NURI: Jule hat mich von der Schule abgeholt. Das war sehr cool. Dann habe ich einen Kuchen gebacken, wir haben zusammen gekocht und dann haben wir dich abgeholt.

Ach schön, dass ihr zusammen kocht! Aber noch schöner ist, dass ihr auch zusammen Musik macht. Könnt ihr euch daran erinnern, wann und wie ihr damit angefangen hat?
NURI: Das war auf jeden Fall im Grundschulalter, weil der erste Song, den wir geschrieben haben, war nämlich für die Abschlussfeier in der Grundschule, als ich in die weiterführende Schule gewechselt bin. Davor haben wir einzeln viel Musik gemacht, vor allem an unseren Instrumenten. Ich habe ganz früh Gitarrespielen und Jule Klavierspielen gelernt. Das Haus ist nicht so groß und unsere Zimmer direkt gegenüber – da haben wir uns schon öfter zusammengefunden und uns in den letzten Jahren das jeweils andere Instrument zusätzlich beigebracht.

Wann habt ihr gemerkt, dass das mehr sein soll als ein Hobby?
JULE: Dass wir diesen Weg zusammen gehen, war von Anfang an klar. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, dass es anders sein könnte. Aber es war anfangs nie die Intention oder unser Traum, dass wir das mal als Beruf machen wollen. Das kam erst, als wir gemerkt haben, dass es uns großen Spaß macht, Songs zu schreiben und dann auch in der Zeit bei Dein Song (KiKa/ZDF). Die war total inspirierend und hat uns klargemacht:

Das ist so ein toller Weg. Den wollen wir unbedingt gehen.


NURI: Wir hatten das Format jahrelang verfolgt und uns mehrmals beworben. Beim zweiten Mal wurden wir genommen. Das war ein riesengroßer Tag für uns!



Was würdet ihr anderen mitgeben, die sich für etwas bewerben und eine Absage bekommen?
JULE: Dass es gar nicht schlimm ist, eine Absage zu bekommen, weil manchmal brauchen Dinge einfach Zeit. Manchmal braucht man selber auch noch ein bisschen Zeit, um dann irgendwann an einem Punkt zu stehen und zu sagen „So, jetzt bin ich bereit dafür. Jetzt habe ich alles, was ich brauche“. Wir haben ja auch Kritik von der Jury bekommen und die hat uns so viel gegeben. Einfach immer versuchen, alles Positive daraus mitzunehmen und das auch gar nicht zu sehr als Abweisung zu sehen, sondern eher als Chance, darauf aufzubauen.

NURI: Mehrere Anläufe sind ja total normal. Mein Fußballtrainer hat auch immer gesagt „Manchmal musst du zehnmal umsonst laufen und beim elften Mal schießt du ein Tor“. Also, immer weitermachen. Es lohnt sich!

Manchmal gibt es Rückschläge, die sich später als wertvoll herausstellen. Gab es so etwas auch auf eurem Weg?
JULE: Ja, total. So ging die Dein Song Story dann weiter. Als wir das erste Mal dabei waren, sind wir im Halbfinale ausgeschieden und das war schon erstmal eine Enttäuschung für uns. Aber wir haben allein auf diesem Weg schon so viel mitgenommen. Es war das erste Mal, dass wir mit anderen Musikern in Kontakt waren. Das erste Mal, dass wir mit einer Band gespielt haben. Es waren ganz viele erste Erfahrungen für uns und dann haben wir auch gesagt: „Das war perfekt und genau so richtig, wie es war.“

Und dann hat KiKa das Castingformat Zurück im Wettbewerb gestartet, bei dem wir einen neuen Song schreiben durften. Da sind wir mit I Am Home in die nächste Staffel von Dein Song gekommen und die haben wir gewonnen.

NURI: Ich weiß noch, ich habe zu dir gesagt „Zum Glück sind wir letztes Jahr rausgeflogen, weil sonst wären wir jetzt nicht da, wo wir gerade sind“. Die Staffel hat sich so unfassbar gut angefühlt.

JULE: Ich glaube, wir haben die Zeit einfach noch gebraucht. Wir haben uns so viel weiterentwickelt in diesem Jahr.

Das ist stark! Ihr hättet auch nach der ersten Absage denken können: “Okay, dann ist es nicht das richtige Format”. Aber ihr habt nicht aufgegeben und am Ende sogar die Show gewonnen.
JULE: Ja, das stimmt. Wenn man zurückblickt, waren das gute Entscheidungen.

Was ist für euch eine gute Entscheidung?

NURI:

Eine gute Entscheidung ist, wenn es sich gut anfühlt.


JULE: Ja, manchmal ist es wirklich das Bauchgefühl, das einem die richtige Richtung zeigt.

NURI: Für mich ist es manchmal nicht einfach, eine Entscheidung zu treffen, weil ich so viel nachdenke. Da ist Jule ein bisschen klarer. Aber deshalb ist es super, dass wir uns immer gegenseitig unsere Meinungen oder auch unsere Bedenken offen sagen können.

JULE: Eine gute Entscheidung ist auch nicht immer eine leichte Entscheidung. Manchmal bringt sie ein großes Risiko mit sich, aber wenn ich für mich weiß, dass alles andere nicht zu 100% das ist, was sich gerade richtig anfühlt, dann muss man sich einfach trauen. Und manchmal weiß man auch direkt so:

Okay, da will mein Herz hin. Da gehe ich mit.


Gerade als Musikerinnen müsst ihr oft die für euch richtigen Wege ausloten und Entscheidungen treffen. Was habt ihr dabei über euch selbst gelernt?
NURI: Bei uns selbst zu bleiben. Weil es gibt immer Leute, die dich in eine bestimmte Richtung drängen wollen, aber das bringt dir im Endeffekt gar nichts. Du willst ja das machen, was du cool findest und ich denke, in der Musik kann es auch nur funktionieren, wenn du du selbst bist. Nur so kannst du echt sein und wahre Gefühle zeigen.

JULE: Das war auf jeden Fall etwas, was wir über die letzte Zeit gelernt haben oder lernen mussten: Auch mal einer Autoritätsperson zu sagen „Super cool, aber wir sehen das ganz anders“ oder „Wir fühlen das anders“. Damit haben
wir uns viel auseinandergesetzt: Was ist cool für uns und was nicht? Und das dann auch genau so zu kommunizieren.

Es ist in dieser Branche ganz wichtig, dass man es schafft, bei sich selbst zu bleiben. Aber das ist auch total schwer.

Ihr schreibt auf eurer Website, dass eure Texte von den emotionalen und sozialen Herausforderungen des Lebens handeln. Gibt es dabei Themen, die beim Schreiben immer mal wieder aufkommen?
NURI: Also, wir beide erfahren ja total viel, auch mit Menschen, Beziehungen, Freundschaften und all das, was uns verletzt hat, aber auch all das, was uns glücklich gemacht hat. Das erzählen wir in unseren Songs. Zudem sind uns Themen wie der Klimawandel auch super wichtig. Songs bieten einfach diesen Platz, um Botschaften reinzupacken, sodass sie viele Menschen hören können und sich Gedanken darüber machen. Das kann vielleicht etwas bewegen.

JULE: Wir haben gestern eine Dropbox angelegt mit Handyaufnahmen von Songs, die wir geschrieben haben. Das sind jetzt fünfzig Songs und wir haben erst drei davon veröffentlicht. Da gibt es also noch viel mehr, was wir erzählen wollen.

Aber die Musik macht ja auch mit uns selber ganz, ganz viel. Sie gibt mir ganz viel Freude, auch manchmal ganz viel Melancholie oder ganz viel Nostalgie oder Traurigkeit. Deswegen ist Musik auch so besonders für mich und es ist schon mein Ziel, dass unsere Musik so etwas auch für andere Leute sein kann.

Ich denke auch und wünsche mir, dass sich junge Menschen darin wiederfinden, dass sie sich dadurch verstanden fühlen und eure Songs beim Erwachsenwerden helfen können.

Was bedeutet es denn für euch, erwachsen zu werden?
JULE: Darüber habe ich tatsächlich in letzter Zeit Songs geschrieben, weil ich bin jetzt 19, also offiziell erwachsen und merke auch, ich werde selbstständiger und eigenständiger. Aber ich frage mich immer „Bin ich wirklich angekommen?“ Ich glaube, das ist ein Prozess und ich bin mir nicht sicher, ob man wirklich irgendwann das Gefühl hat, erwachsen zu sein.

NURI: Ich bin noch nicht erwachsen, aber sehe es auch so, dass mit jedem Jahr mehr Erfahrung dazukommt und man vielleicht irgendwann checkt: So langsam fühle ich mich angekommen, weil ich weiß, was ich will und wer ich bin.

Man ist nie angekommen, aber ich fühle mich auf dem richtigen Weg.

Was beschäftigt euch gerade?
JULE: Also bei mir ist es tatsächlich das Erwachsenwerden, weil in der Schulzeit war alles super durchstrukturiert und jetzt habe ich mein Abitur und denke: Das ganze Leben liegt vor mir und es liegt an mir, zu wissen, was ich möchte und was ich machen will. Das ist zu 100% die Musik, aber es ist noch nicht so, dass wir von der Musik leben können. Das wird noch ein langer Weg sein.

Deswegen war es mir wichtig, ein Studium anzufangen und es ist gerade eine Challenge für die nächste Zeit, dass ich herausfinde, wie ich jetzt alles unter einen Hut bringe – das Studium, meinen Job, Hobbys und natürlich die Musik mit Nuri zusammen. Ich bin da sehr zuversichtlich, aber das ist auf jeden Fall etwas, worüber ich mir Gedanken mache.

NURI: Ich bin ein totaler Overthinker und habe viel zu viele Gedanken in meinem Kopf. Mein Ziel ist es gerade, Ruhe und inneren Frieden zu finden, nicht immer so perfektionistisch zu sein, mir nicht wegen kleinen Dingen ständig den Kopf zu zerbrechen und mich verrückt zu machen. Fehler zuzulassen ist eigentlich immer gut, weil du lernst daraus.

Worauf möchtet ihr mal stolz sein?
JULE: Darauf, dass wir wirklich bei uns geblieben sind und Entscheidungen getroffen haben, auch wenn sie schwer waren. Dass wir gesagt haben, wir machen das trotzdem, weil sich das richtig anfühlt für uns. Dass wir wirklich alles Mögliche mitnehmen und miterleben konnten und dass wir dann am Ende dastehen und sagen können: Wir haben alles irgendwie genutzt und das Leben so gut es geht gelebt, auch wenn mal etwas schief geht.

NURI: Du hast mir gerade alle Worte geklaut. Ich denke auch, dass wir stolz sein können, wenn wir zurückblicken und sehen: Wir haben alles versucht. Träume scheinen immer so weit weg, aber man hat eben nur dieses eine Leben und umso stolzer kann man darauf sein, wenn man es dann wirklich geschafft hat und immer daran festgehalten hat.

Was gebt ihr anderen jungen Menschen mit auf den Weg?

JULE:

Es ist immer gut, Träume zu haben und es ist nie falsch, daran zu glauben und irgendwie zu versuchen, diesen Traum zu erreichen.

Wir haben es selbst erlebt: Dein Song war, als wir klein waren, ein riesiger Traum von uns. Und selbst, wenn es dreimal nicht funktioniert, das ist völlig in Ordnung. Aber wenn man dranbleibt, dann kann es funktionieren. Das darf man nicht vergessen!

NURI: Auch, wenn andere Leute sagen „Ey, mach das mal lieber nicht“, es ist dein Leben und du kannst alles machen. Du kannst wirklich alles machen und es könnte ja auch alles klappen. Deswegen: Go for it! Versuch es zumindest.

Das ist ein voll schöner Schlusssatz und ich fand auch das ganze Gespräch sehr, sehr schön. Danke euch!
NURI: Das war es auch für uns. Ich habe selber sehr viel reflektiert.

JULE: Ich auch. Das ist total verrückt gewesen.

NURI: Danke dir dafür!

Ein Leben, aber so viele Träume, also: GO FOR IT!

– Jule & Nuri

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Kategorie Interview

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