Zum Hauptinhalt springen

Kippen und Klima: Das Lobbyisten-Duo

Bei diesem Satz läuft uns zuverlässig ein Schauer über den Rücken: „Doubt is our product“ – der Zweifel ist unser Produkt. Dies hat der Marketingchef eines großen Tabakkonzerns in einem Gespräch erklärt, das in den „Cigarette-Papers“ dokumentiert ist (Öffnet in neuem Fenster). Diese Szene stammt aus dem Jahre 1969 – aber diese Strategie nutzte auch die Klimaschmutzlobby: Zweifel schüren, wo eigentlich wissenschaftlicher Konsens herrscht. Lobbyisten der Tabakindustrie arbeiten oft auch für fossile Konzerne - und umgekehrt. Und nicht zufällig gehören Klimawandelleugner und Tabaklobbyisten häufig derselben Bubble an.
Aus aktuellem Anlass geht es in unserem sechsten Newsletter deshalb um Kippen und Klima.

Ausgerechnet die SPD ging zuletzt gleich zwei, nennen wir es mal Kooperationen, mit der Tabakindustrie ein. Da ist ihr langjähriger schleswig-holsteinischer Ministerpräsident Torsten Albig, der heute für die europäische Zigarettenlobby arbeitet. Für sicherlich ein paar Mark mehr als den Mindestlohn, den die Partei mal durchsetzte. Und da ist der konservative Seeheimer Kreis, der seine Spargelfahrt in diesem Juni vom japanischen Japan Tobacco sponsern ließ, dem drittgrößten Tabakkonzern der Welt. Das Logo von JT lässt sich auf dem Bild (Öffnet in neuem Fenster) einer Immobilienwirtschafts-Lobbyistin erkennen, die ebenfalls zu Gast war. Zu den Marken von JT gehört Camel – die gelten als besonders stark und bei Annika im Ruhrpott ist es eine klassische Mutprobe unter Jugendlichen, so eine Fluppe zu rauchen. 

Leckere Spargelkippen für den Seeheimer Kreis
Foto aus einem Linkedin-Kommentar der Tabaklobby-Spezialistin Laura Graen (Öffnet in neuem Fenster)
Leckere Spargelfahrt für den Seeheimer Kreis der SPD. Foto aus einem Linkedin-Kommentar der Tabaklobby-Spezialistin Laura Graen

JT sponserte übrigens auch Veranstaltungen des marktradikalen „Prometheus-Instituts“ – den Thinktank von FDPler Frank Schäffler, wie eine Recherche von Annika und ihrer Kollegin Elena Kolb bei Correctiv (Öffnet in neuem Fenster) ergab. Das geschah offenbar nicht ohne Gegenleistung, denn „Prometheus“ lobbyiert offen für die Zigarettenindustrie, etwa mit einer Analyse, die Tabaksteuern und Werbeverbote für das Suchtmittel als „Lifestyle-Regulierungen“ verharmlost werden. Und JT sponserte auch weitere Veranstaltungen – etwa die Berliner Campaign Conference mit Organisatoren aus CSU und CDU. Dort lagen dann etwa Feuerzeuge mit JT-Schriftzug als „Fackel der Freiheit“ aus. JT investiert gezielt in Kreise, die marktradikale Positionen vertreten, und unterstützt auch den rechten Briten und Brexiter Nigel Farage. (Öffnet in neuem Fenster) Da vereinen sich wieder Klimawandelleugner mit der Tabakindustrie.

Screenshot aus der Tageszeitung „NZZ" vom 4.11.2025, Titel des Beitrags: „Nigel Farage – britischer Gentleman, Pub-Kumpel, Provokateur"
Screenshot aus der Tageszeitung „NZZ" vom 4.11.2025, Titel des Beitrags: „Nigel Farage – britischer Gentleman, Pub-Kumpel, Provokateur"

Schäffler traf sich auch mit dem Bundesverband der Zigarrenindustrie. Er taucht in diesem Zusammenhang in einem Bericht des Deutschen Krebsforschungszentrums im Jahr 2023 (Öffnet in neuem Fenster) auf. Wenn es bei diesem Namen bei Ihnen mehrfach klingelt, dann haben Sie aufmerksam unsere Newsletter gelesen: Das war jener Politiker, der gegen das Heizungsgesetz unter der Ampelregierung Stimmung machte und sich auch schonmal als „Klimaskeptiker“ in einem Interview zu erkennen gab. Und dessen Frau, auch das fanden wir mithilfe unseres Newsletters heraus, in der Gasindustrie arbeitet. (Öffnet in neuem Fenster)

Lukrative Zweifel am wissenschaftlichen Konsens

Es dauerte Jahrzehnte, bis Tabak als gesundheitsschädlich gelabelt wurde. Noch bis in die Neunzigerjahre schürte die Zigarettenindustrie erfolgreich Zweifel an medizinischen Fakten. Oder anders gesagt: Sie streute bewusst Zweifel, bezahlte Forscher für Falschaussagen, förderte gefügige Politiker, um die Risiken zu verharmlosen.

Das Deutsche Krebsforschungsinstitut gibt einen jährlichen Index zur Einflussnahme (Öffnet in neuem Fenster) der Tabakindustrie in Deutschland heraus. Die Liste an Treffen, Sponsoring, Kampagnen ist wahnsinnig lang. Und widerspricht damit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, sich vor dem Einfluss zu schützen (Öffnet in neuem Fenster). Schließlich ist Rauchen, und darum geht es letztlich, für sieben Millionen Tote (Öffnet in neuem Fenster) jährlich verantwortlich.

Ebenso dauerte es Jahrzehnte, bis der menschengemachte Klimawandel wissenschaftlicher Konsens wurde. Diese Kampagne läuft bekanntlich immer noch recht erfolgreich weiter. Klimaschutz ist im Gegensatz zum Gesundheitsschutz beim Rauchen jedoch in vielen Ländern noch keine Selbstverständlichkeit. Die Gesundheit des Planeten – und damit unsere – ist weiterhin gefährdet.

Die Fluppenlobby und die falschen Studien

Tabaklobbyisten und Klimawandelleugner haben erstaunlich viel gemeinsam. Beide stellen sich gegen den wissenschaftlichen Konsens, die Gründe dafür sind gleich: Tabakkonzerne und fossile Öl- und Gasriesen wollen weiter Geschäfte machen, die Politik soll sie dabei möglichst wenig mit Regeln und Gesetzen stören. In Lobbyverbänden und Thinktanks hingegen engagieren sich Klimaleugner und Fluppenförderer, weil sie von der Industrie Geld bekommen (vor allem in den USA) oder aus ideologischen Gründen (Marktliberale und Rechtspopulisten weltweit).

Die Methoden sind bis heute dieselben wie vor mehr als sechs Jahrzehnten – die Krakenarme der Tabakindustrie beschrieben wir schon in unserem Buch Die Klimaschmutzlobby (Öffnet in neuem Fenster): Der Studienverband für die Tabakindustrie, der Council for Tobacco Research (CTR), fand in seinen 6400 bestellten oder betreuten Studien nicht einen einzigen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Nikotin und Lungenkrebs. Tausende bezahlte Studien gibt es auch von Klimaleugnern, die darin die irrsten Theorien aufstellen. Etwa, warum sich die Welt nicht aufheizt oder auch, warum sie sich nicht durch CO₂, sondern etwa durch die Sonne aufheizt.

Und jetzt wird es spooky: Die Methode des Zweifel-Säens ist nicht zufällig bei Tabak und Klima deckungsgleich. Die Akteure sind oft dieselben.

Thinktanks wie das US-amerikanische Heartland-Institute etwa. In den Achtzigerjahren war es lange der Lobbyarm der Tabakindustrie, insbesondere für Philip Morris. Später starteten sie Kampagnen gegen die Politik zum Schutz vor Klimawandel oder gegen Obamacare. Und sind nach unseren Recherchen (Öffnet in neuem Fenster) auch in Europa zunehmend aktiv.

Ihre Dollars bekam die „Denkfabrik“ etwa von der Mercer Family Foundation, die wiederum einer der größten Spender von Trumps Wahlkampf war. Mehrere Leaks beweisen, dass Heartland sowohl von ExxonMobil als auch von den Stiftungen der Charles Koch Brothers finanziert wurde, um Anti-Klimaschutz-Kampagnen zu fahren.

Typischer Take von Klimawandel-Leugner Fred Singer: Menschen beeinflussen angeblich das Klima nicht – Zigaretten schaden Deiner Gesundheit nicht. 



credit: Quoteslyfe.com
Typischer Take von Klimawandel-Leugner Fred Singer - sowie die Tabaklobby sagte: Zigaretten beeinflussen nicht Deine Gesundheit credit: Quoteslyfe.com

Auch Einzelpersonen können für Tabak- und Ölkonzerne nützlich sein: Der langjährige Autor und US-Klimaleugner-Star Fred Singer etwa schrieb jahrelang „Alternative Klimaberichte“. Er war ebenfalls laut Medienberichten mutmaßlich enger Berater von Konzernen wie Exxon gewesen und bezog monatlich Geld vom Heartland Institute. Sein eigenes Institut SEPP (Science & Environmental Policy Project) gründete er 1990, um Tabakgenuss als unbedenklich darzustellen und seine gesundheitlichen Risiken zu verschleiern.

Unter Marktradikalen sind solche Pro-Tabak und Anti-Klimawandel-Kampagnen besonders verbreitet. So ist etwa das weltweit agierende Atlas-Netzwerk eng mit der Tabakindustrie verbandelt. Dahinter verbergen sich über 400 marktliberale Thinktanks, die in vielen Ländern Diskurse und die Gesetzgebung beeinflussen. Laut einer Recherche (Öffnet in neuem Fenster) leiteten die Koordinatoren von Atlas Spendengelder der Tabakindustrie an ihre Mitglieder weiter, damit diese pro-Tabak-PR machten. Über ein Drittel der Atlas-Mitglieder erhielten demnach solche Fördergelder. Im Atlas-Netzwerk sind auch zahlreiche Akteure, die seit Jahren gegen Klimaschutz-Gesetze agitieren. Das „Prometheus-Institut” von Schäffler ist übrigens auch im Atlas-Netzwerk. 

Das große Schweigen zu Matthes geheimen Gutachten

Zum Abschluss noch ein Update zu unserem letzten Newsletter zum Wasserstoffrat, nennen wir ihn „den Beratungsrat- des-Ministeriums-für-Milliardensubventionen”.  Wir hatten exklusiv über ihn berichtet – inzwischen ist er neu eingerichtet. Wer ihn leitet, steht bisher nicht fest. Dafür ist, so ist zu hören, auch unsere Recherche zum bis dato kommissarischen Leiter Felix Matthes verantwortlich: Wir hatten aufgedeckt, dass der Senior Researcher am Öko-Institut ein „internes” Gutachten für Thyssenkrupp geschrieben hatte, den bislang größten Subventionsempfänger der Bundesregierung. Für eine unbekannte Summe. Matthes will sich dazu offenbar nicht äußern – und schickte statt einer Antwort auf unsere Frage nur einen Brief der berühmten Kanzlei Schertz Bergmann. Das Bundeswirtschaftsministerium antwortete lediglich, dass es nichts wisse. Auch in dieser Woche lautete die Antwort: Man habe keine Kenntnis davon.

Das wollen wir so nicht stehen lassen – und stellen nun eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz, ein scharfes Schwert des Journalismus. 

War sonst noch was?

Bremser der Woche: Es ist vielleicht nicht allen bewusst, aber Frankreich könnte ab 2027 von Marine Le Pen oder ihrem Sprössling Jordan Bardella präsidiert werden. Also von der Partei, die Windräder wieder abbauen will und in Brüssel und Paris oft gegen Klimaschutzgesetze stimme. Nun herrscht gerade eine außergewöhnlich lange und harte Hitzewelle im Nachbarland. Und was ist Le Pens Antwort? Klimaanlagen für alle! Das ist so wie zur Bekämpfung der nächsten Grippewelle Aspirin auszuschenken. Aber so ist sie, die Rechtspopulistin. Bremst Gesetze, die für Isolierung und damit kühlere Gebäude gesorgt hätten, fördert Klimaanlagen, die dann wiederum die Umgebung aufheizen. Autsch.

Der Kassandra-Ruf: Heute mal eine positive Prophezeiung. US-Präsident Donald Trump droht nun damit, in der Straße von Hormus selbst eine Maut zu erheben. Das wollen auch die Iraner. Ob das eine oder das andere kommt, ist so unsicher wie der wackelige Friedensplan. Sicher ist nur: Die langen Transportwege für Gas und Erdöl werden künftig sicherlich teurer. Das wird den Aufschwung der erneuerbaren Energien weiter beschleunigen. Denn Windräder und Solarpaneele müssen nur ein einziges Mal transportiert werden.

Empfehlung der Woche: Dieses Mal ein Kartenspiel: vielleicht was für den Strand? Oder die Bergtour? Wer als Kind gern um PS-Zahlen oder Toren von Fußballstars wetteiferte, vergleicht beim Klima-Quartett den konsumbasierten Pro-Kopf-Ausstoß, den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix und glaubwürdige Umweltpolitik. 40 Karten mit vielen Fakten, genauso wie früher beim Auto-Quartett. Nur, dass diesmal nicht der schnellste Motor gewinnt, sondern wer am besten in der Klimapolitik ist. Hier geht’s zum Spiel: https://www.demokratiequartett.ch/klima/ (Öffnet in neuem Fenster) 

Bleibt heiter und stabil!

Eure Annika und Susanne