
Tickets für den Sommersalon (Öffnet in neuem Fenster) am 22. August in Frankfurt
00:00:00 Vor dem Salon
Stefan und Wolfgang steigen mit der EU-Chatkontrolle ein und verbinden sie mit der Einschränkung des Informationsfreiheitsgesetzes und der Frage, ob Konzerne oder Politik regieren. Stefan fordert materielle Kritik statt Empörung in Feedback-Schleifen, Wolfgang hält Konsumboykotte für Pseudoaktivismus; daran schließt ein Schlagabtausch über den Überlebenskampf von OpenAI an. Stefan skizziert eine blockierte Republik, in der die Fixierung aller Parteien auf die Verhinderung der AfD scheitern werde, und verteidigt seine Presseclub-Aussage zur Kapitalmarktrendite von 3,5 Prozent. Das Kapitel endet mit Stefans These, Trumps Wahlerfolg 2016 sei durch das „Grab them by the pussy"-Video begünstigt worden — Wolfgang erklärt das mit Redeckers Phantombesitzverteidigung.
00:46:02 Salon für Juni 2026
Stefan und Wolfgang eröffnen den Salon mit den Büchern von Redecker und Nosthoff sowie Kurzlektüren von Bismarck bis zum Klaviertrio.
00:46:56 Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte
Einstieg ist die Eröffnungsszene auf dem Pferdemarkt von Havelberg: überklebte Nazi-Devotionalien neben Schildern wie „Wer plündert, wird erschossen". Redeckers Hauptthese: Faschismus als „liquidierende Phantombesitzverteidigung" — überlebte Verfügungsansprüche über Frauen, Nation und völkisches Blut werden analog zum Phantomschmerz verteidigt. Beide gehen die Grundbegriffe durch — Quasi-Eigentum, Phantombesitz, die „Verflixung" als Tyrannei des Niemands. Stefan verteidigt das Buch als heuristisch wertvoll und wendet den Begriff auf Migrationsdebatte, Bauernproteste und CDU-Politik an; Wolfgang hätte sich eine Reportage ohne den Ballast der Sekundärliteratur gewünscht, verweist mit Philipp Manow auf reale Verteilungskämpfe hinter dem Rechtsruck und nennt das Schweigen zur Wehrpflicht eine Feigheit der linken Theorieproduktion — Stefan hält dagegen, diese Vorhaltung lasse sich über das Sartre-Argument aus dem Buch ableiten. Zum Schluss referiert Stefan Redeckers vier Gegenstrategien und empfiehlt das Buch, während Wolfgang bei seiner Kritik bleibt.
02:33:24 Anna-Verena Nosthoff: Kybernetik und Kritik
Nosthoffs Dissertation erzählt Geschichte und Theorie der digitalen Regierungskunst; die These: Die Kybernetik — Regieren über Feedback-Schleifen statt über Befehl — ist allgegenwärtig und gerade deshalb unsichtbar. Wolfgang steigt mit seiner Autofahrt ein, bei der er die Navi-Empfehlung ignorierte; Stefan wendet ein, er sei trotzdem Teil der Rückkopplungsschleife geblieben. Zentrale Denkfigur ist die paradoxe Einheit von Freiheit und Kontrolle: Wolfgang referiert die Nudging-Theorie von Sunstein und Thaler, Stefan betont, Nudging sei reiner Behaviorismus, der das Subjekt nur als Feedback-Quelle erfasse. Weitere Stationen: die ideologische Indifferenz der frühen Kybernetik, die Rechtswende der Tech-Elite mit Musks X als „kybernetischer Superintelligenz", Parag Khannas Technokratie-Vision. Stefan lobt die Frage, ob Kritik möglich ist, ohne selbst nur Signal im System zu sein, kritisiert aber Empirieferne und Dissertationsstil — das Buch müsse als Essay von 150 Seiten neu geschrieben werden. Wolfgang verteidigt das Werk als Dissertation mit Vollständigkeitsanspruch.
03:51:40 Christoph Nonn: Bismarck. Ein Preuße und sein Jahrhundert
Wolfgang stellt die Bismarck-Biographie des Historikers Christoph Nonn vor, der das Bild vom „großen Mann" negiert: Bismarck als Taktierer in einem Netz zahlreicher Akteure. Er liest Passagen vor, wonach die Reichsgründung weniger revolutionär war als die Einigung Italiens; die Agrarzölle liefern die Parallele zu Trump. Stefan wünscht sich ähnliche protagonistenferne Biographien über Erhard, Kohl und Merkel.
04:05:49 Valerie Schönian: AfD in Sachsen-Anhalt: Lohnt sich das Reden?
Stefan referiert die ZEIT-Reportage: Schönian besucht vor der Landtagswahl ihre Familie in Sachsen-Anhalt — 40 Prozent AfD-Umfeld, schließende Firmen. Die Verwandten wählen „blau", weil die Politiker Druck bräuchten und es schon nicht so weit kommen werde; Stefan diagnostiziert Fatalismus und ein ostdeutsches Urvertrauen in den Staat. Wolfgang zitiert Harald Martenstein: AfD-Wähler wollten keinen neuen Hitler, sondern einen neuen Helmut Schmidt.
04:19:04 Norbert Gstrein: Im ersten Licht
Wolfgang empfiehlt den Roman über Adrian, Jahrgang 1901, den sein Vater 1917 absichtlich so schwer verletzt, dass er beiden Weltkriegen entgeht. Die passive Hauptfigur sucht zeitlebens die Nähe derer, die im Krieg waren. Wolfgang liest die Episode von der weißen Feder der Suffragetten vor und zieht die Verbindung zur heutigen Wehrhaftigkeitsrhetorik mit feministischem Anstrich.
04:28:29 TC Sottek: The world's first trillionaire is a killer
Stefan referiert den Verge-Text, der Musk zurechnet, mit der Zerschlagung von USAID wissentlich den Tod Hunderttausender verursacht zu haben — ein Tracker der Boston University zählt 780.000 Tote. Wolfgang meint, Musk müsse nach Den Haag. Gespart hat Doge laut Cato Institute kaum; die Plünderung staatlicher Expertise macht das Projekt zu einem der teuersten aller Zeiten.
04:36:13 Jan Schlemermeyer: Links, demokratisch, wehrhaft
Wolfgang referiert den Blätter-Text, der eine antifaschistische Sicherheitspolitik der Linken fordert: Antimilitarismus-Dogmen aufgeben, Institutionen wehrhaft verteidigen, die EU als Rahmen linker Politik begreifen. Er fragt, welcher Faschismus jeweils gemeint sei, und hält der Kernthese von der liberalen Demokratie als Gerüst des Sozialismus entgegen, sie sei gerade so gebaut, dass Enteignungen verhindert würden. Geschrieben sei der Text, so Wolfgang, für die eigene Partei, damit sie bei der Zeitenwende „auf Spur" komme.
04:49:45 Jan Schwenkenbecher: Hitzetote: Hitze – die unterschätzte Gefahr
Stefan referiert den ZEIT-Artikel zur Hitzewelle Ende Juni: Der Artikel zählt 5.200 Übersterbliche, rund 4.000 davon am 40-Grad-Wochenende; der Frankfurter Feuerwehrchef schildert den Ausnahmezustand im Rettungsdienst. Stefan hält fest, dass diese Zahlen kaum politischen Widerhall finden.
04:56:01 Trio E.T.A.: un///known
Wolfgang stellt das zweite Album des nach E.T.A. Hoffmann benannten Klaviertrios vor, mit einem Andante von Grieg und einem lange Brahms zugeschriebenen A-Dur-Trio. Seine Entdeckung ist César Francks erstes Klaviertrio in fis-Moll, das der 17-Jährige begann: Das Klavier eröffnet fast wie ein Totentanz, dann setzen Cello und singende Geige ein.
04:59:56 Sommersalon
Wolfgang weist auf den Live-Salon am 22. August in Frankfurt hin, Tickets bei neuezwanziger.de (Öffnet in neuem Fenster).
Literatur
Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus (S. Fischer) Die Philosophin Eva von Redecker analysiert in ihrem neuen Buch die Gegenwart anhand der realen und imaginierten Eigentumsordnung. https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240 (Öffnet in neuem Fenster)
Anna-Verena Nosthoff: Kybernetik und Kritik (Suhrkamp) Anna-Verena Nosthoff, Juniorprofessorin für Ethik der Digitalisierung, legt eine Geschichte und Theorie der digitalen Regierungskunst vor. https://www.suhrkamp.de/buch/anna-verena-nosthoff-kybernetik-und-kritik-t-9783518300794 (Öffnet in neuem Fenster)
Christoph Nonn: Bismarck. Ein Preuße und sein Jahrhundert (C.H.Beck) Wer macht Geschichte? Zumindest bei Bismarck waren sich doch fast alle einig: Eine große Persönlichkeit ist entscheidend. Der Historiker Christoph Nonn relativiert diese Annahme jedoch kühn und stichhaltig. https://www.chbeck.de/nonn-bismarck/product/14347915 (Öffnet in neuem Fenster)
Valerie Schönian: AfD in Sachsen-Anhalt: Lohnt sich das Reden? (DIE ZEIT) Lohnt sich das Reden mit AfD-Wählern? Valerie Schönian besucht ihre Familie in Sachsen-Anhalt und findet Fatalismus mit Urvertrauen. https://www.zeit.de/2026/28/afd-sachsen-anhalt-landtagswahl-gardelegen-verwandschaft/komplettansicht (Öffnet in neuem Fenster)
Norbert Gstrein: Im ersten Licht (Hanser) Anti-Kriegsliteratur: Der in Tirol geborene Autor Norbert Gstrein erzählt in seinem mitreißenden Roman von einem Mann, der von seinem Vater kriegsuntauglich geschlagen wird und deshalb in den beiden Weltkriegen nicht kämpfen muss. https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/norbert-gstrein-im-ersten-licht-9783446282971-t-5846 (Öffnet in neuem Fenster)
TC Sottek: The world's first trillionaire is a killer (The Verge) Der erste Trillionär der Geschichte — und was sein Reichtum gekostet hat. TC Sottek rechnet nach: Gespart hat Doge fast nichts. https://www.theverge.com/tech/949259/the-worlds-first-trillionaire-is-a-killer (Öffnet in neuem Fenster)
Jan Schlemermeyer: Links, demokratisch, wehrhaft (Blätter 7/2026) Jan Schlemermeyer von der Linkspartei plädiert in den „Blättern" für Aufrüstung zwecks antifaschistischer Außenpolitik. https://www.blaetter.de/ausgabe/2026/juli/links-demokratisch-wehrhaft (Öffnet in neuem Fenster)
Jan Schwenkenbecher: Hitzetote: Hitze – die unterschätzte Gefahr (DIE ZEIT) 5.200 Übersterbliche in zwei Juni-Wochen — warum ist die tödlichste Wetterlage des Landes kein politisches Thema? https://www.zeit.de/wissenschaft/2026-07/hitzetote-hitzewelle-gefahr-europa-extremwetter/komplettansicht (Öffnet in neuem Fenster)
Trio E.T.A.: un///known (Album) Das aufstrebende Klaviertrio E.T.A. veröffentlicht sein zweites Album unter dem Titel „un///known". Es ist unbekannteren Kompositionen gewidmet, die es dringend zu entdecken gilt. https://trio-e-t-a.com/diskographie/unknown (Öffnet in neuem Fenster)