Ausgabe vom Sonntag, 14. Juni 2026 – Heute für meine geschätzte Leserschaft und alle, die noch wissen, wierum man eine Harke hält. ♥️
Der Duft von Rasendünger und Kontrollwahn
Es gibt Gerüche, die vergisst man nicht. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, der Geruch von Omas Sonntagsbraten oder der strenge Duft von Bohnerwachs im Rathausflur. Und dann gibt es den Geruch von Altentreptower Sonntagsidyllen. Der riecht nach frisch gemähtem Rasen, feuchter Erde und einer gehörigen Prise preußischem Kontrollwahn.
Ich saß an diesem Sonntagmorgen auf meiner Hollywoodschaukel in der Kleingartenanlage „Zur frohen Gurke“. Ein Ort, an dem der Maschendrahtzaun die Grenze zwischen Zivilisation und absolutem Wahnsinn markiert. Der Baron Tollensius saß neben mir, den Kopf leicht schräg, und starrte mit einem Gesichtsausdruck über die Hecke, der deutlich sagte: „Wenn du erwartest, dass ich dieses Elend da drüben ignoriere, dann erwarte bitte auch meine Kündigung als Wachhund.“
Wir blickten auf das Nachbargrundstück, das die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel neulich im Amtsblatt noch als „Pilotprojekt für urbanes, klimaneutrales Gärtnern im Tollensetal“ angepriesen hatte.
„Siehst du das, Baron Tollensius?“, fragte ich und deutete auf eine Ansammlung von Designer-Gartengeräten, die aussahen, als hätte man sie direkt aus einer Berliner Boutique für Luxus-Naturheiler eingeflogen. „Das ist Fortschritt. Er ist teuer, er ist biologisch abbaubar, und er versteht die mecklenburgische Erde nicht.“
Der Baron gab ein Geräusch von sich, das wie ein trockenes Husten klang. Er hatte recht. In Altentreptow wird Gärtnern nicht in geernteten Radieschen gemessen, sondern in der Anzahl der Diskussionen, die man über die korrekte Höhe der Hecke führt.
Der Digital-Nachbar und das textile Gärtner-Grauen
Plötzlich vibrierte die Luft. Nein, es war kein Erdbeben und auch nicht der Trecker vom Bauern Schulz. Es war der neue Nachbar.
Er nähert sich seinem Hochbeet immer so, als gehöre ihm nicht nur die Parzelle, sondern die gesamte Schwerkraft der „Frohen Gurke“. Er trug heute – und ich warne zartbesaitete Gemüter vor diesem Bild – eine beige Leinenhose, die so fleckenfrei war, dass sie fast in den Augen wehtat, dazu Designer-Gummistiefel aus nachhaltigem Naturkautschuk und einen Strohhut, der so groß war, dass er der Tollense-Region dauerhaft Schatten spendete. In der Hand hielt er ein Gerät, das aussah wie eine Kreuzung aus einem Laserschwert und einer Heckenschere.
„Moin, Erna!“, dröhnte er herüber und klatschte sich auf die Schenkel. „Ich optimiere gerade das Mikro-Klima! Der Nutzrasen braucht Struktur!“
„Herr Nachbar“, sagte ich und versuchte, den Blick auf ein unschuldiges Unkraut am Wegrand zu richten, „die einzige Struktur, die Ihr Rasen gleich bekommt, ist ein kollektiver Streik der Regenwürmer. Der ist ja so kurz, da rutschen die Tiere beim Atmen aus. Was machen Sie eigentlich gegen die Schnellmenheit?“
Der Neue zog die Stirn in Falten. „Die… was?“
„Die Schnellmenheit“, wiederhole ich todernst. „Das ist dieses extrem rasant mutierte Unkraut, das sich sonntags heimlich durch die Zäune frisst, wenn man nicht pünktlich um zwölf die Mittagsruhe einhält. Der Baron hat gestern schon zwei Halme davon investigativ verbellt.“
Der Nachbar blinzelte panisch. Er griff sofort nach seinem funkelnden Smartphone, sucht vermutlich nach einer App gegen mecklenburgische Flora-Katastrophen, stellte dann aber fest: Wir sind hier im Funkloch. Kein Balken. Gar nix. Er stand da wie ein gestrandeter Weltenbummler, der merkt, dass man mit Quinoa keine Naturkatastrophen bekämpfen kann.
Das Insekten-Resort und die Etikette der Diplomatie
Während der Nachbar noch versuchte, den digitalen Empfang durch wildes Schwenken seines Telefons in der Luft zu erzwingen, deutete er stolz auf ein hölzernes Konstrukt an seiner Schuppenwand.
„Ich habe ein Insektenhotel gebaut!“, flötete er mit der Vorsicht eines Mannes, der die Natur bezwingen will. „Vollökologisch. Mit integrierter Hummel-Heizung und einer Moos-Lounge für die Wildbienen. Man will ja die Form wahren und der Fauna ein angemessenes Ambiente bieten.“
Der Baron trottete zum Zaun, hob kurz die Augenbraue, betrachtete das Designer-Insektenhotel, das aussah wie ein schwedisches Luxus-Regal, drehte sich dann demonstrativ um und setzte sich mit dem Hintern zum Nachbarn hin. Ein Affront gegen die guten Sitten der Kleingärtnerei, aber gestalterisch auf den Punkt gebracht.
„Schick“, sagte ich. „Aber glauben Sie mir, die Altentreptower Schmeißfliege setzt eher auf Bodenständigkeit als auf eine Moos-Lounge.“
Zwei Stunden später. Die Hitze stand wie eine Wand im Garten. Plötzlich klopft es an meinem Gartentor. Der Nachbar stand da, sichtlich gezeichnet von der mecklenburgischen Sonne. Sein Strohhut saß schief, die Leinenhose hatte die ersten grünen Flecken – ein herber Rückschlag für die Berliner Modewelt. In den Händen hielt er eine Schale mit einer giftgrünen Masse.
„Ich dachte… zur Beruhigung und als Geste der guten Nachbarschaft. Ich habe Matcha-Eis selbstgemacht. Mit Agavendicksaft.“
Ich schaute hinein. Es war … grün. Der Baron kam im Schneckentempo angelaufen, schnuppert kurz an der Schale, schaut den Nachbarn an, schaut mich an und geht wortwörtlich wieder in seine Holzhütte.
„Wissen Sie was“, sagte ich und nahm die Schale entgegen. „Ich tausche das gegen ein ehrliches Stück Blechkuchen von gestern und eine Tasse echten Kaffee. Und wegen der Schnellmenheit: Machen Sie sich keine Sorgen. Solange der Baron ruhig bleibt, ist der Garten sicher.“
Dora 3000 – Der zynische Kaffeesatz des Tages
Da wir direkt neben meiner kleinen Gartenlaube standen, in der ich für Notfälle ein altes, elektronisches Ungetüm namens Dora 3000 geparkt hatte, hörte man plötzlich ein vertrautes, bösartiges Zischen aus dem Fenster.
Das Display der alten Kaffeemaschine leuchtete giftgrün auf.
„Getränkewunsch registriert“, krächzte die Maschine durch das gekippte Fenster. „Wählen Sie zwischen:
‚Trübe Tasse Kleingartenglück‘
‚Matcha-Schock mit Agaven-Trauma‘
‚Verdunstetes Budget für Gartengeräte‘.
Hinweis: Da die biologische Kompetenz auf dieser Parzelle genauso existent ist wie das Mobilfunknetz, serviere ich heute ausschließlich Staub mit Kaffeearoma. Wohl bekomm’s, ihr Landratten.“
Der Nachbar trat erschrocken einen Schritt zurück. „Was ist das denn?“
„Das ist Dora“, sagte ich trocken. „Die einzige Kaffeemaschine, die ihre Bohnen nach politischer Relevanz mahlt.“
Dora gab ein Geräusch von sich, das klang wie eine sterbende Kreissäge. „Grün ist aus, Herr Nachbar. Genau wie das Datenvolumen. Ich kann Ihnen ein Bild von einer Kaffeebohne auf das Display projizieren. Das ist ‚imaginäres Trinken‘. Passt doch hervorragend zum Konzept Ihres englischen Nutzrasens. Trinken Sie die Vision! Vielleicht schmeckt sie ja nach einem Design-Preis.“
Ein Strahl aus braunem Dampf schoss aus der Maschine und vernebelte die Brille des Nachbarn komplett.
„Systemfehler“, blinkte Dora hämisch. „Bitte wenden Sie sich an jemanden, der nicht so verzweifelt versucht, eine Biene zu siezen.“
Die Moral von der Geschicht'
Ich sah mir das Spektakel an. Der Nachbar wischte sich die Brille am Leinenhemd ab, während Baron Tollensius sich den imaginären Staub aus dem Fell schüttelte.
Was lernen wir daraus?
In Altentreptow braucht man kein High-Tech-Sensen-Gerät, um den Rasen auf Linie zu bringen. Es reicht ein bisschen Geduld, ein trockener Blechkuchen und ein Hund, der die Welt versteht, ohne jemals eine App installiert zu haben. Das Insektenhotel bleibt uns erhalten – als Mahnmal dafür, dass die Natur am Ende meistens doch den längeren Atem und die besseren Witze hat.
Und während die Sonne langsam hinter der Tollense versank, hörte ich aus der Laube noch einmal das hämische Lachen der Dora 3000: „Spülgang beendet. Bitte entnehmen Sie die Reste Ihres Agavendicksafts am Ausgang.“
Ihre Meinung ist gefragt
Warten Sie in Ihrer Kleingartenanlage auch noch auf den Tag, an dem der Nachbar seinen Rasen mit der Nagelschere schneidet? Haben Sie auch ein Insektenhotel in der Nähe, das luxuriöser eingerichtet ist als Ihre eigene Laube? Schreiben Sie mir. (Öffnet in neuem Fenster) Ich sammle diese botanischen Fehlentscheidungen.
Ausblick
Am Mittwoch wird es verkehrspolitisch und gewichtig: „Magnus Breitbein und die SUV-Steuer – Sein Kampf gegen die Parkplatzvernunft.“ Wenn Magnus versucht, seinen fahrbaren Untersatz auf zwei normalen Parkflächen gleichzeitig zu deklarieren, weil „der Gerät schließlich atmen muss“, versteht das Ordnungsamt keinen Spaß mehr. Und der Baron schaut sich das Ganze schon mal mit gezücktem Bußgeld-Blick an.
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Damit ich mir zum Frühstück mal wieder ein ordentliches Butterbrot mit dickem Belag leisten kann, statt immer nur an den faden Möhren der kommunalen Sparpolitik zu knabbern! 😉
Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.
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