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Wenn der Amtskurier kleiner wird als der Bürgerwille

Ausgabe vom Sonntag, 3. Mai 2026 – Heute frei lesbar, sofern die Datei mitspielt

Der Tag, an dem mein Bildschirm aufgab

Es begann, wie solche Dinge im Amt Tollense-Tüddel-Treff immer beginnen: mit einem Klick, einem Hoffnungsschimmer und dem leisen Knacken meiner inneren Gelassenheit. Ich saß am Küchentisch, Baron Tollensius lag unter demselben und sortierte seine Pfoten nach Zuständigkeit, als auf dem Bildschirm der neue Amtskurier erschien. Frisch, digital, modern, vermutlich mit Fördergeist gesegnet und irgendwo zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Augentraining angesiedelt.

„Baron“, sagte ich, „der neue Amtskurier ist da.“

Baron Tollensius hob ein Ohr. Nicht beide. Beide Ohren hebt er nur bei Leberwurst, Sirenen und Sitzungen mit öffentlichem Teil. Ich klickte auf das PDF. Es öffnete sich. Zumindest behauptete mein Gerät das. Was vor mir lag, war kein Amtskurier, sondern eine archäologische Fundstelle aus Buchstabenstaub. Die Überschrift bestand aus etwas, das früher einmal Schrift gewesen sein musste, bevor es durch einen digitalen Fleischwolf gedreht und anschließend mit einem Kartoffeldrucker wieder zusammengesetzt wurde.

Ich zog die Brille auf. Dann die zweite. Dann rückte ich näher an den Bildschirm. Noch näher. So nah, dass mein Kaffee erschrak und freiwillig einen Zentimeter nach hinten rutschte.

„Erna“, sagte ich zu mir selbst, „das ist kein Lesen. Das ist Spurensicherung.“

Baron Tollensius kam unter dem Tisch hervor, stellte sich neben mich und betrachtete den Bildschirm mit der Würde eines Hundes, der schon einiges gesehen hat: DHL-Fahrer, Wahlplakate, Menschen mit Laubbläsern. Aber dieses PDF ließ selbst ihn kurz innehalten.

„Wuff“, sagte er.

„Ja“, sagte ich. „Genau das meine ich.“

Bürgernähe in 72 dpi

Ich versuchte, die erste Seite zu vergrößern. Das Bild wurde größer, aber nicht lesbarer. Das ist ein feiner Unterschied, den man im Amt vermutlich noch nicht in einer Arbeitsgruppe behandelt hat. Es war wie bei einem schlecht erzogenen Hefeteig: mehr Volumen, aber keine Struktur.

Auf Seite zwei sah ich ein Foto. Jedenfalls nehme ich an, es war ein Foto. Es hätte auch ein Aquarell von Nebel auf Beton sein können. Darunter stand vermutlich eine Bildunterschrift. Oder ein Hilferuf. Oder der Beweis, dass Buchstaben bei zu starker Komprimierung irgendwann in den Ruhestand gehen.

Ich las laut vor: „Die Gemeinde… mmm… lädt… zum… Brösel… äh… Bürger… irgendwas… ein.“

Baron Tollensius setzte sich. Das macht er, wenn er den Inhalt für verwaltungsrechtlich bedenklich hält. Ich vergrößerte weiter. Der Bildschirm zeigte nun einzelne Pixel, die mich ansahen wie aufgebrachte Einwohner nach einer Straßenausbaubeitragssatzung.

„Da“, sagte ich, „das könnte ein E sein.“

„Wuff.“

„Oder ein umgefallener Gartenstuhl. Schwer zu sagen.“

Ich holte eine Lupe. Nicht, weil ich dachte, sie helfe, sondern weil man in solchen Momenten wenigstens so tun muss, als hätte die Zivilisation noch Werkzeuge. Die Lupe vergrößerte den Bildschirm. Die Pixel wurden statt klein nun groß und beleidigt. Aus der Überschrift entstand ein Mosaik aus kommunaler Unschärfe. Ich fühlte mich plötzlich wie eine alte Seefahrerin, die auf einer vergilbten Karte nach dem Hafen „Bürgerinformation“ sucht, aber nur die Insel „Datei zu stark verkleinert“ findet.

Draußen fuhr ein Auto vorbei. Drinnen kämpfte ich mit Seite drei. „Das“, murmelte ich, „ist moderne Öffentlichkeitsarbeit: Man veröffentlicht Informationen und schützt sie gleichzeitig vor dem Zugriff der Bevölkerung.“

Baron Tollensius legte den Kopf schief.

„Ja, das ist vermutlich Datenschutz“, erklärte ich. „Wenn keiner es lesen kann, kann auch keiner behaupten, er sei nicht informiert worden.“

Die Kaffeemaschine beantragt Lesbarkeit

In diesem Moment begann die Kaffeemaschine zu röcheln. Sie macht das immer, wenn irgendwo in der Stadt ein Vorgang in Richtung Absurdität kippt. Ich habe sie nie offiziell zur moralischen Kontrollinstanz ernannt, aber sie nimmt ihre Aufgabe ernst.

„Nicht du auch noch“, sagte ich.

Die Maschine blubberte.

„Ja, ich weiß. Öffentlichkeitsarbeit soll öffentlich sein. Das ist ein gewagter Gedanke, aber wir leben in schwierigen Zeiten.“

Ich stellte mir vor, wie der Amtskurier im Amt Tollense-Tüddel-Treff erstellt wurde. Ein heller Raum, drei Bildschirme, ein Topf mit künstlich fröhlichen Stiften und irgendwo ein Mensch, der sagte: „Wir müssen die Datei kleiner machen.“ Ein anderer Mensch sagte vermutlich: „Wie klein?“ Und der erste sagte: „So klein, dass sie noch existiert, aber niemand mehr Schaden durch Lesbarkeit nimmt.“

Dann wurde auf „Exportieren“ geklickt. Vielleicht gab es sogar eine Option namens „Für Bürger optimieren“. Und darunter stand in Klammern: „Schrift unlesbar, Bilder matschig, Dateigröße aber hübsch.“

Ich will niemandem zu nahe treten. Wirklich nicht. Ich bin nur eine ältere Frau mit Meinung, Hund und funktionierendem Bildschirm. Aber wenn ein Amtsblatt digital veröffentlicht wird, dann sollte man es auch digital lesen können. Das ist kein Luxus. Das ist keine übertriebene Forderung einer verwöhnten Leserschaft. Das ist ungefähr so grundlegend wie eine Tür an einem Rathaus, die nicht nur von innen aufgeht.

Baron Tollensius stupste meine Hand an.

„Du hast recht“, sagte ich. „Wir machen einen Test.“

Ich öffnete das PDF auf dem Handy. Dort wurde es noch schöner. Die Buchstaben schrumpften nicht einfach, sie lösten sich emotional von ihrer Aufgabe. Ich zoomte mit zwei Fingern. Der Text glitt nach links, sprang nach rechts, verschwand oben, kam unten als Schatten wieder und präsentierte mir schließlich einen halben Satz: „Die Einwohner werden gebeten, sich rechtzeitig…“

„Wozu?“, rief ich. „Sich rechtzeitig was? Zu bewaffnen? Zu melden? Zu erinnern, dass sie früher lesen konnten?“

Baron Tollensius bellte einmal kurz. Das war sein Protokollvermerk.

Der große Sehprüfungsversuch

Weil ich eine faire Frau bin, beschloss ich, dem Amtskurier eine zweite Chance zu geben. Ich druckte eine Seite aus. Der Drucker begann sofort zu jammern, als hätte ich ihn gebeten, die Haushaltslage persönlich zu erklären. Er zog das Papier ein, würgte, ratterte und spuckte schließlich ein Blatt aus, auf dem graue Flächen, schwarze Sprenkel und eine Bildunterschrift miteinander um Deutungshoheit rangen.

Ich hielt das Blatt hoch.

„Baron, was steht da?“

Baron Tollensius schnupperte.

„Nein, nicht riechen. Lesen.“

Er nieste.

„Das ist auch eine Antwort.“

Ich setzte mich ans Fenster, weil Tageslicht bekanntlich demokratische Prozesse unterstützt. Die Sonne fiel auf das Blatt und machte aus der grauen Fläche eine hellgraue Fläche. Das half wenig, sah aber freundlicher aus. Dann klingelte es in meiner Vorstellung an der Tür, und herein kam Fips Federkiel, der Mann, der Sätze so lange bürstet, bis sie sich selber entschuldigen.

„Erna“, sagte Fips, „das ist kein Amtskurier. Das ist ein kommunaler Rorschachtest.“

„Was siehst du?“, fragte ich.

Fips setzte seine Brille auf. „Ich sehe Bürgernähe, die im Export verloren ging. Ich sehe ein Foto, das früher vielleicht Menschen zeigte. Ich sehe eine Überschrift, die vermutlich motivierend gemeint war, aber jetzt aussieht wie ein nasser Maulwurf.“

„Und was schreibt man dazu?“

Fips dachte nach. „Vielleicht: Der Amtskurier erscheint ab sofort auch als Ratespiel. Wer drei Sätze erkennt, gewinnt eine Eingangsbestätigung.“

Da musste sogar Baron Tollensius kurz prusten. Hunde können prusten. Man muss nur lange genug mit Behörden zu tun haben.

Frau Nusseltrud erkennt einen Baum

Am Nachmittag traf ich Nusseltrud am Gartenzaun. Sie trug ihren gelben Neoprenanzug, obwohl es nicht regnete. Bei Nusseltrud ist Kleidung keine Wetterfrage, sondern eine Haltung gegenüber dem Leben.

„Erna“, sagte sie, „hast du den neuen Amtskurier gesehen?“

„Gesehen ja. Gelesen nein.“

„Ich dachte erst, meine Brille ist schmutzig“, sagte sie. „Dann habe ich sie geputzt. Dann dachte ich, mein Handy ist kaputt. Dann dachte ich, meine Augen sind alt. Dann habe ich meinen Enkel gefragt. Der sagte: Oma, das ist einfach schlecht komprimiert.“

„Ein Satz wie ein Gerichtsurteil“, sagte ich.

Nusseltrud nickte ernst. „Auf Seite fünf ist ein Foto. Ich glaube, da ist ein Baum drauf.“

„Sicher?“

„Nein. Es könnte auch der Bürgermeister eines anderen Landkreises sein.“

„Das Risiko besteht immer.“

Nusseltrud zog ein gefaltetes Blatt aus ihrer Tasche. Sie hatte sich Notizen gemacht. Das macht sie bei allem, was sie entweder begeistert oder innerlich auf eine kleine Leiter steigen lässt.

„Hier“, sagte sie. „Ich habe versucht, die Überschrift abzuschreiben. Aber ich kam nur bis: ‚Bekanntmachung über die…‘ Dann wurde es schwierig. Danach sah es aus wie Mehl.“

„Vielleicht soll man sich beteiligen“, sagte ich. „Bürgerbeteiligung durch Textergänzung.“

Nusseltrud hellte sich auf. „Ach so! Dann ist das modern.“

„Sehr modern. So modern, dass der Inhalt schon nicht mehr belastet.“

Öffentlichkeitsarbeit ist kein Versteckspiel

Und damit sind wir beim Punkt. Denn natürlich kann man darüber lachen. Man muss sogar. Wenn man nicht lacht, fängt man irgendwann an, digitale Amtsblätter mit der Nagelschere auszuschneiden und an die Fensterscheibe zu kleben, in der Hoffnung, der Mond könne die Schrift retten.

Aber im Kern ist es ernst. Ein Amtskurier ist kein Deko-PDF. Er ist kein gestalterisches Beistellmöbel für die Startseite. Er ist ein Informationsmedium. Menschen sollen darin Termine erkennen, Beschlüsse verstehen, Hinweise lesen, Einladungen wahrnehmen und sich ein Bild davon machen können, was in ihrer Gemeinde passiert.

Wenn ein solches Dokument digital kaum lesbar ist, dann ist das nicht nur ein technisches Detail. Es ist ein Kommunikationsproblem. Und zwar eines von der Sorte, die man nicht mit einem freundlichen Foto vom Frühlingsbeet überdecken kann. Bürgernähe beginnt nicht bei großen Worten. Sie beginnt bei so einfachen Dingen wie: Kann ich das lesen? Kann ich es öffnen? Kann ich es vergrößern, ohne dass der Text aussieht wie Streuselkuchen nach einem Verkehrsunfall?

Ich weiß, das klingt kleinlich. Aber Kleinigkeiten sind im Amt oft die Stellen, an denen der Bürger merkt, ob er mitgedacht wurde. Ein lesbares PDF sagt: Wir haben daran gedacht, dass Menschen dieses Dokument benutzen. Ein unlesbares PDF sagt: Wir haben es hochgeladen. Mehr war heute nicht drin.

Und ja, vielleicht ist es nur ein Exportfehler. Vielleicht ein falscher Haken. Vielleicht eine Datei, die zu groß war, ein System, das gezickt hat, ein Redaktionsschluss, der plötzlich wie ein Marder durch den Kabelkanal lief. Alles möglich. Aber wenn es wiederholt passiert, wird aus dem Fehler ein Muster. Und Muster sind der Ort, an dem Erna ihre Lesebrille poliert.

Baron Tollensius gründet die Kommission für erkennbare Buchstaben

Am Abend saßen Baron Tollensius und ich wieder am Küchentisch. Vor uns: Laptop, Handy, Ausdruck, Lupe und eine Schale Tomaten, die immerhin ohne Zoom lesbar waren. Ich beschloss, eine Kommission zu gründen. Nicht offiziell. Offizielle Kommissionen brauchen Tagesordnung, Protokoll und jemanden, der am Ende sagt, man müsse das „noch einmal mitnehmen“.

Unsere Kommission bestand aus mir, Baron Tollensius und der Kaffeemaschine.

„Tagesordnungspunkt eins“, sagte ich. „Ist der Amtskurier lesbar?“

Baron Tollensius legte sich hin.

„Enthaltung notiert.“

Die Kaffeemaschine knackte.

„Gegenstimme notiert.“

Ich hob die Hand. „Ich stimme ebenfalls gegen die Lesbarkeit.“

Damit war der Beschluss einstimmig, bis auf den Hund, der sich aus Gründen der inneren Hygiene nicht weiter beteiligen wollte.

„Tagesordnungspunkt zwei: Was folgt daraus?“

Baron Tollensius stand auf, nahm das ausgedruckte Blatt vorsichtig mit den Zähnen und trug es zu seinem Körbchen. Dort legte er es ab, sah mich an und setzte sich darauf.

„Interessanter Vorschlag“, sagte ich. „Du möchtest also, dass der Amtskurier künftig als Unterlage verwendet wird?“

Er wedelte einmal.

„Das ist hart, aber nachvollziehbar.“

Ich nahm ihm das Blatt wieder weg, denn bei aller Satire sollte man amtliche Veröffentlichungen nicht zu früh der Hundepädagogik überlassen.

Eine Bitte mit Brille

Also, liebes Amt Tollense-Tüddel-Treff, falls diese Zeilen durch irgendeinen glücklichen Zufall bei Ihnen ankommen und nicht vorher von einem Komprimierungsfilter in Rosinen verwandelt werden: Niemand verlangt Wunder. Niemand verlangt ein digitales Meisterwerk mit eingebautem Bürgerdialog, Vorlesefunktion und musikalischer Begleitung durch das Blasorchester der Zweckmäßigkeit.

Wir möchten nur lesen können, was Sie veröffentlichen. Das ist alles.

Ein Amtskurier darf ruhig schlicht sein. Er muss nicht glänzen wie ein Prospekt für Wellnessferien in einer Mehrzweckhalle. Er muss nicht aussehen, als hätte ein Designbüro drei Wochen lang Pastellfarben mit Verwaltungsvokabular verheiratet. Aber er sollte lesbar sein. Auf dem Bildschirm. Auf dem Handy. Im Ausdruck. Für Menschen mit Brille, ohne Brille, mit älteren Augen, mit wenig Geduld und mit dem berechtigten Wunsch, nicht erst eine optische Ausbildung absolvieren zu müssen.

Denn wenn Bürger erst raten müssen, was die Verwaltung mitteilen will, entsteht keine Nähe. Dann entsteht Nebel. Und Nebel haben wir hier schon genug, besonders morgens, wenn die Hunde schnuppern und die Zuständigkeiten noch schlafen.

Ihre Meinung ist gefragt

Konnten Sie den Amtskurier gut lesen? Oder haben Sie auch gezoomt, geblinzelt, gedruckt, geraten und am Ende den Hund gefragt? Schreiben Sie es gern in die Kommentare. Vielleicht gründen wir gemeinsam den ersten Lesekreis für unlesbare Amtsblätter. Eintritt frei, Lupe bitte mitbringen.

Danke fürs Lesen – und fürs Nicht-Weckgucken, wenn’s wieder pixelig wird. Werden Sie Clubmitglied, damit Erna weiterhin dort hinschaut, wo andere nur „PDF geöffnet“ sagen. Und am Mittwoch geht’s weiter mit: „Nusseltruds Kastanienmonopol”

Mit Amtswitz und Aufpassblick

Ihre Erna Schippel

Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

Altentreptow, Sonntag, 3. Mai 2026

© Erna Schippel 2026 – Alle Texte/Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.

Kategorie Satire aus Altentreptow

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