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Der Juwelen-Fokus: Warum wir aufhören sollten, unsere Schwächen zu überbewerten

In meinen Coachings erlebe ich oft Menschen, die ein klares Ziel haben: Sie wollen an ihren Schwächen arbeiten. Es ist bewundernswert, mit welcher Klarheit sie benennen können, was ihnen schwerfällt, was ihnen Kopfzerbrechen bereitet, womit sie unzufrieden sind und was sie gerne verbessern würden.

Sie haben Vorbilder für das gewünschte Verhalten oder können spezifische Situationen aufzählen, in denen es ihnen bereits gelungen ist, sich "besser" oder "korrekter" zu verhalten und ein Erfolgserlebnis zu verbuchen.

Das ist absolut ehrenwert, wertvoll und macht auch Sinn. Fragen wie "Wo sind meine blinden Flecken?", "Wo sind meine Entwicklungsfelder?" und "Wie kann ich mich wirklich weiterentwickeln?" sind zentrale und bedeutende Fragen im Coaching-Prozess.

Und zugleich lenken wir mit all diesen Fragen unseren Fokus, wie mit einer Taschenlampe, sehr stark in die dunklen Ecken. In den Keller. Dahin, wo oft nur wenig Licht ist.

Das Schweregefühl der Defizit-Orientierung

Wenn wir die Taschenlampe nur auf unsere Unzulänglichkeiten richten, fühlt sich das oft schwer an. Es kann sogar angstvoll sein.

Wir machen uns unsere Defizite bewusst und malen uns zukünftige Situationen aus, in denen wir uns dann "richtiger" verhalten müssen. Fast augenblicklich melden sich Selbstzweifel: "Schaffe ich das wirklich?".

(Die gute Nachricht vorweg: Ich glaube fest an die positive Psychologie und daran, dass wir Menschen viel mehr schaffen können, als wir uns zutrauen – wir können uns sehr stark verändern, wenn wir das wollen).

Doch in meinen Coachings komme ich mit meinen Klienten oft an einen interessanten Wendepunkt. Er beginnt mit einer einfachen Frage: Wofür will ich meinen Fokus eigentlich so sehr auf meine Schwächen legen?

Die Wurzel des Fokus: Schmerzvermeidung

Wenn wir dieser Frage nachgehen, landen wir oft in der Vergangenheit, manchmal sogar in der frühkindlichen Prägung. Im Kern geht es fast immer darum, Schmerz zu vermeiden.

Wir wollen geliebt werden. Wir wollen dazugehören. Wir wollen Anerkennung bekommen. Und wir wollen Schmerz, Demütigung, Bestrafung oder Ausgrenzung unter allen Umständen verhindern.

Dieser Mechanismus ist zutiefst menschlich. Doch er führt uns zu einer weiteren, fundamentalen Frage:

Wie würde das Leben eines Menschen – oder eines ganzen Unternehmens – aussehen, wenn wir dieses defizitäre Denken weniger stark hätten?

Der Wendepunkt: Die Taschenlampe auf die Juwelen richten

Stellen Sie sich vor, wir würden den Lichtkegel unserer Aufmerksamkeit bewusst auf unsere Talente, Fähigkeiten, Begabungen und unsere naturgegebenen Verhaltensmuster richten.

Was, wenn wir bei uns selbst (und bei anderen) überlegen, wie wir genau diese Juwelen zum Leuchten bringen können? Wie wir diese Blütenknospen zum Blühen bringen, sichtbar machen – zur Freude von allen?

Wenn jeder Mensch sich auf seinen Kern besinnt – auf seine Stärken, auf das, was ihm schon als Kind Spaß gemacht hat, wofür er Anerkennung bekam, wo die Freude und die Motivation fließen – und wir genau das weiterentwickeln?

Persönlichkeitsentwicklung muss nicht heißen, dass ich permanent in meinen Schatten, meinen Keller schaue (auch wenn das phasenweise gut und wichtig ist). Ich glaube fest daran, dass es im Leben viel leichter, freudvoller und am Ende auch sinnstiftender vorangeht, wenn wir den Fokus auf unsere Talente und Stärken legen.

Die verborgene Falle: Warum wir unsere Stärken abwerten

Jetzt kommt die interessanteste Beobachtung aus meiner Coaching-Praxis: Ganz vielen Menschen sind genau diese Aspekte – ihre größten Stärken – nicht wirklich bewusst.

Das merkt man oft an einer ganz bestimmten Reaktion.

Ein konkretes Beispiel: Wenn man diesen Menschen Lob und Anerkennung für ihre Fähigkeiten ausspricht, können sie das nicht richtig annehmen. Sie reagieren mit Gedanken wie:

  • "Was? Na ja, aber dafür muss man doch nicht gelobt werden."

  • "So toll oder wichtig war das jetzt auch nicht."

  • "Diese andere Fähigkeit (eine Schwäche), die hätte ich gern, die würde meine Probleme lösen. Aber das, was ich da kann? Nein, nein, das gebührt dieser Anerkennung nicht."

Es ist ein faszinierender Mechanismus: Wir werten die eigenen Stärken aktiv ab und werten die eigenen Schwächen aktiv auf.

Genau diesen Mechanismus versuche ich in meinen Coachings gemeinsam mit meinen Klienten zu drehen. Und die Energie, die allein durch diesen Fokuswechsel freigesetzt wird, ist sofort und deutlich spürbar – im Präsenz-Coaching, aber auch virtuell. Das Charisma, das Leuchten in den Augen, die Lebendigkeit und die Energie in der Person steigen direkt messbar an.

Vertiefende Coaching-Fragen für Ihre Reflexion

Ich lade Sie ein, die Taschenlampe für einen Moment bewusst neu auszurichten. Nehmen Sie sich Zeit für diese Fragen:

  1. Die Keller-Inventur: Welche 2-3 "Schwächen" rauben Ihnen aktuell die meiste Energie? Welches Gefühl (z.B. Angst, Anspannung, Frust) ist mit der Arbeit an diesen Schwächen verbunden?

  2. Der Schmerz-Detektor: Wenn Sie an die Schwäche aus Frage 1 denken: Welchen "Schmerz" (z.B. Ablehnung, Ausgrenzung, Demütigung) versuchen Sie durch die Arbeit daran zu vermeiden?

  3. Der Kompliment-Test: Wie reagieren Sie innerlich, wenn Ihnen jemand ein ehrliches Kompliment für etwas macht, das Ihnen sehr leichtfällt? Neigen Sie dazu, es abzuwerten oder kleinzureden ("Das ist doch selbstverständlich")?

  4. Die Kindheits-Spur: Was hat Ihnen als Kind (oder Jugendlicher) wirklich Spaß gemacht? Bei welchen Tätigkeiten haben Sie die Zeit vergessen? Wofür haben Sie Anerkennung bekommen, die Sie heute als "nicht der Rede wert" abtun?

  5. Der Juwelen-Fokus: Wie würde Ihr Leben – oder konkret Ihr nächster Arbeitstag – aussehen, wenn Sie Ihre Energie konsequent darauf verwenden würden, eine dieser "Juwelen" (Ihre echten Stärken) noch weiterzuentwickeln, anstatt Ihre größte Schwäche zu korrigieren?

Kategorie Coaching

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