Zum Hauptinhalt springen

Politische Privatsachen

Spahn im Keller/Clarkson’s Farm/Einaudi Solo Piano/Was bisher geschah–Leni Riefenstahl/Chicken parm/Veggie dirty Rice

Die Bundesregierung gleicht jetzt schon, kaum ein Jahr im Amt, einem leicht vernachlässigten deutschen Fürstentum des späten 18. Jahrhunderts, irgendwo in den Tiefen der über 300 Kleinstaaten des alten Reichs. Der Fürst ist meistens unterwegs, hält seine Reden vor spärlichem Publikum oder tagträumt zu Pferde. In den Sälen und Flügeln wird gespielt, gedöst oder gegessen, draußen werden Hasen gejagt. Jeder macht sein Ding, die Weltgeschichte ist ganz weit weg. Ab und zu kommt Post –Revolution in Paris, aha, aha – und man rettet sich so über die Runden.

Das ist ein wenig inspirierendes Schauspiel und irgendwann kommt der Moment, wo man das ambitionslose Stück leid ist. So ein Moment war die Erklärung des CDU/CSU -Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn zur Novelle des Gebäudeenergiegesetzes: “Der Heizungskeller wird wieder zur Privatsache!” Ein Satz aus der Gedankenwelt des Donald Trump – gemacht, um bei der rechten Minderheit im Lande zu punkten.

Eine Heizung ist Privatsache, solange sie ausgeschaltet bleibt. Aber wenn Emissionen verursacht werden, betrifft das die Allgemeinheit, denn kein Mensch hat sein privates Klima. Jedes Kind lernt, dass der Beginn aller Gemeinschaft die Rücksichtsnahme aufeinander ist. Klimaschutz ist keine Laune von Robert Habeck, sondern eine vom Bundesverfassungsgericht festgestellte Pflicht gegenüber zukünftigen Generationen. Erneuerbare schützen übrigens auch die Verbraucher, denn Gas-und Ölheizungen werden schon bald zur Kostenfalle. Alles in die Dialektik von Staat und Privat zu zwängen ist das MAGA-Narrativ der Trumpisten. So kann man keinen Zigarettengenuss in der Bahn verbieten, keine Gurtpflicht durchsetzen und schon gar keine Steuern erheben. Was ist privater als mein Schlafzimmer und warum darf ich trotzdem keine Autoreifen verbrennen, wenn ich’s doch möchte? Sehr geehrtes Finanzamt, ihre Zahlungsaufforderung segelt direkto ins Altpapier, denn mein Geld ist meine Privatsache.

Ich kenne die CDU anders. Auch in kontroversen Fragen war es den Schwarzen wichtig, ihre Argumente nachvollziehbar zu begründen, am liebsten mit Rekurs auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Es war Helmut Kohl wichtig, einen Doktortitel erworben zu haben. Einige historische Christdemokraten waren anerkannte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Rita Süssmuth natürlich, aber auch Roman Herzog oder Kurt Biedenkopf.

Eine Partei, deren Fraktionschef so kommuniziert, dass Grundschulkinder ihn widerlegen können und der die Folgen des Klimawandels als eine Laune Habecks abtut, hat die Zukunft aufgegeben und ist erkennbar ohne intellektuelle Reserve unterwegs. Seit wann sind Sonnenenergie, Wind und Wasser links? Diese Kommunikation ist eine intellektuelle Beleidigung der deutschen Öffentlichkeit.

Ewig davon gehört, nie reingeschaut, aber seit einigen Tagen bin ich Fan der Doku-Soap Clarksons Farm. Schließlich war es eine Empfehlung meiner Schwester Laura, die da ein gutes Gespür hat. Der britische Automann Jeremy Clarkson, der als Host der Brumm-Brumm-Sendung Top Gear bekannt wurde, beschloss 2019, sein beträchtliches Anwesen in den englischen Cotswolds selbst zu bewirtschaften und dokumentiert das Projekt in einer ausführlichen Serie.

https://www.youtube.com/watch?v=99hO2nyoA2k (Öffnet in neuem Fenster)

Es geht schief, was nur schief gehen kann. Literaturfreunde werden sich direkt an Gustave Flauberts Meisterwerk Bouvard et Pécuchet erinnert fühlen: Zwei Freunde beschließen, Paris den Rücken zu kehren, sich auf dem Lande niederzulassen, ein Haus mit Garten zu kaufen und sich dem Gartenbau sowie privaten Studien hinzugeben und am Ende ist das Haus zugemüllt und der ganze schöne Garten ein stinkender, schwarzer Matsch.

Clarkson kauft den falschen Traktor, wird von Schafen ausgetrickst und liegt auch sonst zuverlässig daneben. Herrliche Gelegenheit zur Schadenfreude und Bewunderung für diese kluge, gnadenlose Selbstironie.

Nach einem Besuch in der Mailänder Wohnung von Ludovico Einaudi – oben im Bild die Katze des Maestros – fasste ich den Entschluss, mich selbstständig zu machen – dieser Newsletter ist eine Folge davon. Seitdem achte ich immer darauf, was der Maestro so treibt und seine Musik ist der Soundtrack meines Alltags. Jedenfalls in ruhigen Zeiten und wenn ich nicht den ganzen Tag France Info höre, weil die Welt alle paar Minuten in Schübe von Wahnsinn ausbricht.

https://ludovicoeinaudi.com/solo-piano/ (Öffnet in neuem Fenster)

Nun gibt es ein neues Album mit Solo-Stücken, kann er eh am besten. Als es ihm beim Fotografieren für meinen Artikel langweilig wurde, setzte er sich an den Babyflügel in seinem Musikzimmer, spielte Le Onde und im Haus gegenüber, in allen Nachbarhäusern öffneten die Leute ihre Fenster. Die ganze Straße, die ganze Stadt begannen zu schweben.

Das Besondere bei der Arbeit an einem Geschichtspodcast ist die Möglichkeit, sich den Themen und Figuren auf immer wieder neue Art und Weise zu nähern und dazu zu lernen. In dieser Woche gibt es unsere Folgen zu Leni Riefenstahl, deren Leben und Werk ich in etwa kannte, aber bei genauerer Beschäftigung sieht das alles eben noch mal ganz anders aus. Viele Fragen tun sich auf, aber sie bringen einen immer auch weiter in der moralischen Reflexion und Selbstreflexion.

https://www.youtube.com/watch?v=1hVygWHNSBM (Öffnet in neuem Fenster)

Viele Medienhäuser überlegen sich neue Angebote, um die Leserschaft zu binden und zu faszinieren. Davon haben nicht wenige mit Ernährung, Essen und Kochen zu tun, denn das geht schließlich alle etwas an. In unruhigen Zeiten trägt die Beschäftigung damit auch ungemein zur Ablenkung in quasi meditativer Versenkung bei. Nach meinem Empfinden macht es derzeit die New York Times am besten: Persönliche Ansprache, keine Übertreibungen und ein solides Amateurniveau, das viele hinbekommen. Man kann aber auch nur gemütlich zuschauen.

https://www.youtube.com/watch?v=WsGTCGZY_FI (Öffnet in neuem Fenster)

Eine vegane Alternative von Jenné Claiborne gibt es hier:

https://www.youtube.com/watch?v=lqBLpprDxfA (Öffnet in neuem Fenster)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

PS: Diese Ausgabe des siebten Tags ist die erste, die an über 10.000 Leserinnen und Leser ausgeht. Danke.

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Der siebte Tag und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden