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Die Fenster der anderen

Tunnelzeit / Sußebach “Anna” / Dark Hearts 2 / Doku Hannah Arendt / Nigel Slater

Jede Saison hat ihre Vorzüge. In der dunklen Tunnelzeit zwischen Mitte November und der Wintersonnenwende gehört dazu die Möglichkeit, sich erleuchtete fremde Fenster anzuschauen.

Einen großen Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich mit dem Versuch, nachzuempfinden, wie das Land so tickt und wohin die Reise geht, aber auf abendlichen Spaziergängen durch eine Stadt kommt diese besondere Form der Anschauung hinzu. Während die digitale Welt immerzu mit der Zukunft beschäftigt ist, Politik und Medien ja auch, fällt mir dann etwas ganz anderes auf: Viele wohnen nicht in der Zukunft, nicht einmal in der Gegenwart, sondern in ihrer ganz eigenen Zeit. Manche Fenster sehen immer noch aus wie zu Zeiten meiner Jugend, mit beeindruckenden Zimmerpflanzen, Reispapierlampen, Postern und hellen Bücherregalen. Würden die bei der Sonntagsfrage eher Hans-Jochen Vogel oder Helmut Kohl wählen? Andere könnten die Wohnzimmer der Eltern von Schulfreunden sein: originalgetreu mit Wohnschrankwand, Sternen am Fenster und Kakteen auf der Fensterbank. Bücher, vermute ich, von Willy Brandt, Marcel Reich-Ranicki und womöglich auch Angela Merkel. Wenn dort viel Fernsehen geschaut wird, wäre RTL eine gute Wahl, wo seit Jahrzehnten allabendlich die Show mit Jauch, Gottschalk und Schöneberger läuft, nur die Titel changieren behutsam. Auch die freche Nachwuchskraft Stefan Raab ist hinlänglich vertraut.

Sich in seiner Wunschzeit einzurichten ist sogar gut für die mentale Gesundheit: Eine Studie hat belegt, dass es mental und körperlich frisch hält, sich ganz in der Umgebung seiner jungen Jahre zu bewegen. Probanden bleiben auch im hohen Alter wacher und fitter, wenn sie die Musik ihrer Jugend hören und unter Gleichaltrigen wohnen können.

Manchmal bewundere ich vom Bürgersteig aus regelrechte Bühnenbilder, wenn ein kleines Wohnzimmer ochsenblutrot leuchtet, mit einem Bildschirm so groß wie eine Kinoleinwand. Oder Räume, die ganz in tiefes Blau getaucht sind, in denen hohe Kerzen brennen, als würde dort allabendlich irgendein Kostümfilm gedreht, hoffentlich nicht Dracula.

Andere Interieurs geben mir unlösbare Rätsel auf: Warum lebt man unter einem harten, weißen Licht, das von der Decke knallt? Weißes Licht ist nach meiner Empfindung für die ganz ernsten Momente im Leben reserviert: In einer Notaufnahme, auf der Polizeiwache oder während der Mathearbeit sitzt man unter solch gnadenlosem Licht und freut sich, wenn man heil wieder wegkommt. Auch Zeugen von Nahtoderfahrungen berichten beseelt vom weißen Licht, das sie im Jenseits empfangen hat. Vielleicht haben sie auch deshalb den Rückweg angetreten? In diesem Leben jedenfalls scheint es mir eine Beleuchtung für ganz harte Fälle.

Nicht zu übersehen ist der Einfluss von Serien, Reality-TV und Instagram, denn in allen Quartieren, gerade auch dort, wo weniger begüterte Menschen wohnen, äußert sich ein wilder Wille zur Gestaltung, ja Inszenierung des Lebens. Die Wohnung wird zum Dreamhome mit Sofalandschaften, Animal-Print-Tapeten und weißem Laminat. Dubai für Normalverdiener, allerdings mit mehr Freiheit. Oder zu einer Höhle, die man sich mit der guten Gesellschaft großer Plüschtiere teilt. Als Katzenfreund bewundere ich es, wenn jemand den vierbeinigen Mitbewohnern bei engem eigenen Platz ganze Catscapes aus Holz, Sisal und Kunstfell zur Verfügung stellt, den Balkon mit Netzen absichert – die Katzen selbst halten das ja für normal, das Mindeste.

Logischerweise weiß man nicht, was die Leute hinter ihren Fenstern so veranstalten. Mein stets superhöflicher, alleinstehender Nachbar nutzt seine freien Abende für blitzableitermäßige Wutreden, meist gegen den Fernseher und Fußballspieler: Scheiße! brüllt er dann, und wenn es arg kommt: Doppel-Scheiße. Neulich hatte er technischen Huddel, da wetterte er gegen Digital-Scheiße. Es wirkt. Minuten später, im Aufzug, lächelt er wieder milde und geht, wohl parfümiert, in Anzug und Schlips zum Abendessen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, Herr Doktor Minkmar.

In der dunklen Jahreszeit kommt der ganze Eigensinn und Spleen im Lande erst so richtig zum Vorschein, es naht ja auch der Weihnachtsmann-Wahnsinn. Dann sehe ich das heutige Deutschland so, wie es im Vergleich mit früheren Jahrhunderten dasteht: ein Paradies mit Postleitzahl. Und in diesen privaten Traumlandschaften die beste Antwort auf die Machtphantasien und Untergangsprophezeiungen der extremen Rechten. Alice Weidel wohnt hier nicht.

In jeder Familiengeschichte gibt es eine unsichtbare Grenze. Irgendwann endet die Periode, aus der noch persönliche Zeugnisse überliefert sind. Ich weiß noch ein bisschen etwas über meine französischen Urgroßeltern, habe sogar noch eine spezifische Erinnerung daran, wie ich meinem Urgroßvater eine halbe Grapefruit an sein Bett bringe. Er war nicht krank, blieb nur gern im Bett. Aber darüber hinaus müsste man Nachforschungen anstellen, denn dann ist man schon in der tiefen Geschichte. So, wie man irgendwann vom Nichtschwimmerbecken ins tiefe Becken gleitet. Der Autor Henning Sußebach hat sich hinausbegeben, um das Leben seiner Urgroßmutter Anna zu rekonstruieren. Sie wurde 1867 geboren und starb 1932. Sie arbeitete als Lehrerin und lebte nach dem Tod ihres ersten Mannes in einer Patchworkfamilie, die damals noch nicht so hieß. Das Buch verfolgt kein kriminalistisches Interesse, es geht nicht um Enthüllungen, sondern um die Spurensuche selbst: Was wissen wir von denen, die vor uns dieses Land bewohnten?

Sußebach bringt dazu sehr viele spannende Anregungen, etwa die Frage, was die Vorfahren so von uns halten würden, die wir gerade durch die zwanziger Jahre des neuen Jahrhunderts schlingern. Auch der historische Kontext ist interessant: In der Jugend Annas hat das Deutsche Reich nur 48 Millionen Einwohner, und nur fünf Prozent der Bevölkerung sind älter als sechzig. So gelingt ihm ein ansprechendes, inspirierendes und ganz und gar singuläres Buch, das sich übrigens auch sehr gut verschenken lässt. Anna ist eine Pionierin, denn auch uns geht es einmal so wie ihr heute.

Eines Tages werden neue Menschen unsere Wohnungen, Straßen und Städte bewohnen, vielleicht nachforschen, was wir in all den Mails eigentlich sagen wollten, und sich wundern, wie merkwürdig wir waren. So mit der Zukunft beschäftigt, dass wir gar nicht auf den Gedanken kamen, dass wir auch ferne Vergangenheit sein werden.

Eine solche Serie wäre aus Deutschland nicht vorstellbar. In Dark Hearts geht es um französische Spezialkräfte im Daesh-Gebiet. Jede Menge Action-Szenen, Explosionen und Schusswechsel, aber auch ihre privaten Sorgen und politischen Probleme kommen zur Sprache. Es ist keine Serie der allerersten Güte, manchmal zieht sich die Sache, dann folgt man sehr lange einer Autofahrt oder schaut einem Einsatzhund beim Einsatz zu. Das ist besonders lustig, wenn man das Programm mit Katzen schaut: Sie scheinen heimlich zu lachen über so einen Hund in Stiefeln, der sich für Menschen abrackert.

https://www.amazon.de/gp/video/detail/B0B6H2H6MG/ref=atv_dp_season_select_s2 (Öffnet in neuem Fenster)

Kein Vergleich mit Le Bureau des Légendes oder Fauda, obwohl hier von beiden Meisterserien freimütig, sagen wir: zitiert wird. Dennoch gelingt es der ganzen Sache irgendwann, Fahrt aufzunehmen, und dann fällt es schwer, die Episoden zu beenden, obwohl es schon so spät ist. Andererseits ist es draußen ja eh dunkel.

Dafür, dass sie ein so bewegtes Leben hatte, so oft angefeindet wurde, erfreut sich Hannah Arendt eines erstaunlich versöhnten, universellen Nachruhms. Den einen war sie nicht links genug, den anderen zu kritisch gegenüber Israel – aus meiner Jugend kenne ich eigentlich nur die Kritik oder sagen wir ruhig das Gemecker an Arendt. Heute hat es sich geändert: Wenn sie zitiert wird, fällt die Klappe. Aber ihre Bücher werden nicht mehr so richtig studiert, allenfalls das Gespräch mit Günter Gaus ist noch leicht auf YouTube verfügbar. Wer also mehr von ihr wissen möchte, als auf den Zitatkacheln so steht, kann sich nun den langen und gründlichen Dokumentarfilm von Chana Gazit und Jeff Bieber ansehen:

https://www.ardmediathek.de/video/dokumentation-und-reportage/hannah-arendt-denken-ist-gefaehrlich/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyODM0NzI (Öffnet in neuem Fenster)

Bekanntlich ist die Welt verrückt geworden, aber es gibt auch noch gute Nachrichten: In der französischen Gastronomie geht der Trend zurück zu langen Spießen, auf denen Hühner und andere Tiere gegart werden. Sehr festlich.

https://www.lemonde.fr/m-styles/article/2025/12/04/rotir-a-la-broche-une-cuisson-a-la-mode_6656016_4497319.html (Öffnet in neuem Fenster)

Wer fleischlos glücklich wird, kann sich folgenden Vorschlag widmen, eine sonnige Sache mitten in der Tunnelzeit.

https://www.theguardian.com/food/2023/feb/12/nigel-slaters-recipes-for-aubergine-lemon-and-parsley-couscous-and-for-pear-walnuts-and-gorgonzola (Öffnet in neuem Fenster)

Kopf hoch,

ihr
Nils Minkmar

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