Dass Menschen immer weniger ins Kino gehen, ist kein Geheimnis. Hochwertig produzierte Serien und Streamingservices wie Netflix liefen dem klassischen Blockbuster den Rang ab. Aber auch hier zeigen sich erste Risse im Lack: Stagnierende Abonnentenzahlen, Boykott-Aufrufe, Kündigungswellen. Bei den Streaminganbietern kriselt es. Vor allem Disney versucht verzweifelt, sich neu zu positionieren, oder zumindest an der eigenen Vormachtstellung festzuhalten. Dass dieses Vorhaben leichter gesagt als getan ist, muss wahrscheinlich nicht mehr extra erwähnt werden. Das MCU ist längst kein Selbstläufer mehr, die einzigen Filme, die überhaupt noch produziert werden, sind Real-Film Adaptionen von Disney-Klassikern, und die letzte Star Wars Trilogie wurde zumindest von den Fans größtenteils verrissen. Was also tun? Der erste Star Wars Film seit 7 Jahren soll die Antwort liefern. Es passt natürlich, dass eben dieser Film auf der erfolgreichsten Disney-Serie der Firmengeschichte basiert.
Regisseur Jon Favreau steht also vor einem Mammut-Projekt: Wir brauchen den Bombast eines Kinofilms aber die Sehgewohnheit einer Serie, wir brauchen Anknüpfungspunkte für Fans von Star Wars, der Mandalorian-Serie aber auch Kinogäste, die sich nicht mit der Materie auskennen. Wir müssen ein junges Publikum und ein altes vereinen. Kurzum: Wir müssen irgendwie die MCU-Formel auf das Star Wars Universum übertragen. Schließlich wollen wir die Eltern, die damals Kinder waren, mit ihren heutigen Kindern ins Kino locken.
Die Antwort könnte Roland Emmerich, der Meister der bombastischen Zerstörung auf der Leinwand, geben. Er sagte letztens im Interview: “Ich finde, es gibt eine feindliche Haltung gegenüber AI und ich finde es falsch. [AI] gibt mir die Freiheit einen großen Film zu machen für 30 - 40 Millionen.” Aber eins nach dem anderen.
Die Kunst und die KI
Immer häufiger bekommen wir mittlerweile KI-generierte Filmschnipsel in die Timeline gespült. Und auch immer lauter werden kritische Stimmen gegen diese Entwicklung. Vor allem im Bereich der Kunst ist spätestens seit der NFT-Blase, in der man für hunderttausende US Dollar hässliche Bilder von gelangweilten Affen kaufen konnte, die Debatte entbrannt, was Kunst ist und inwieweit man sich hier auf ein paar Prompts und Blockchains verlassen kann.
Star Wars ist in diesem Bereich ein hochinteressantes Phänomen. Einer der zentralen Kritik-Punkte an der zweiten Trilogie war das Aufkommen von CGI. Jar Jar Binks, als erster komplett am Computer generierter Charakter, sollte als eine der unbeliebtesten Figuren aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Mit Ankündigung der dritten Trilogie wurde hoch und heilig versprochen, dass man sich wieder auf praktische Effekte verlassen wird. Ein Gefühl von Authentizität sollte evoziert werden.
Wie hängt das jetzt alles mit The Mandalorian and Grogu zusammen? Was als erstes ins Auge sticht, sind tatsächlich die Effekte. Vor allem die Raumschiffe sehen aus, als wären es Miniaturen, die an Fäden hängen. Und genau dieser Effekt sollte auch erzielt werden. Die Vermutung liegt sogar nahe, dass die Effekte absichtlich künstlich verschlechtert wurden. Eine emotionale Brücke in die Sehgewohnheiten der 70er Jahre sollte geschlagen werden. Schluss mit halbgaren Zukunftsvisionen, wir brauchen handfeste, etablierte Werte. Eine Absage, also, an den zuvor zitierten Emmerich?
Das Paradoxe an der KI-Entwicklung ist allerdings, dass KI eben nur schon Existierendes wiederkäuen kann und niemals in der Lage sein wird, Neues zu erschaffen. Dementsprechend ist die Flucht in die KI-Zukunft zwangsläufig eine Flucht in die Vergangenheit. Das sieht man auch an den schon erwähnten Filmschnipseln, wenn Jackie Chan sich mit Bruce Lee im Supermarkt prügelt. Stellenweise sieht das fotorealistisch aus, aber nur, weil wir diese Szenen schon aus unzähligen Filmen kennen. Die KI gibt lediglich schon existierende Bewegungen und Mimiken wieder. Mit der KI können wir also tatsächlich die Effekte von an einer Schnur geführten Miniaturen sehr gut nachbilden, eben weil uns dieser Effekt so vertraut ist. Das soll hier natürlich nicht unterstellt werden, verdeutlicht aber, dass wir uns in der KI-Debatte oftmals im Kreis drehen und der Wunsch nach KI nicht zwangsläufig einem Wunsch nach Retro-Effekten zuwiderläuft.
Ähnlich verhält es sich mit den Schauspielern: Wie oft wurde gewarnt (oder heraufbeschworen - je nachdem, wen man fragt), dass KI in Zukunft auch die Schauspielerei obsolet machen würde. So auch Roland Emmerich, der für 30 Millionen einen Mega-Blockbuster realisieren will. Mit Schauspielgagen, die oft in 2-Stellige Millionenhöhen gehen, ist das natürlich nicht zu machen. Eine Figur, wie der Mandalorianer ist hier natürlich besonders prädestiniert für: komplett in seine glänzende Rüstung gehüllt, nur ein paar wenige Sätze raunend, wäre er ein leichtes, durch ein generiertes Bild ersetzt zu werden. Doch macht sich der Film die Mühe, diese Rolle dennoch von einem A-Lister (Pedro Pascal) verkörpern zu lassen. Allen großen Worten vertraut man hier aber seinem Publikum und seiner eigenen Integrität nicht, so muss der Din Djarin den Helm in einer Szene abziehen, wie um zu beweisen, dass er wahrhaftig ist (ähnlich wie Sandra Hüller in Rose die Hose runterlassen musste, um zu beweisen, dass sie ein Mann - und damit echt - ist). Authentizität wird hier zum Produkt.
Nostalgische Triggerpunkte
Doch dürfen wir uns nicht täuschen lassen, die KI beschränkt sich nicht nur auf Special-Effects. Auf formaler Ebene wird großer Wert auf Echtheit gelegt. Auf inhaltlicher Ebene sieht das alles aber ganz anders aus. Drei Personen werden in den Credits als Drehbuchautoren aufgelistet: Jon Favreau, Dave Filoni und Noah Kloor. Jedoch würde es schwerlich jemanden wundern, wenn ClaudeAI oder ChatGPT insgeheim auch noch aufgelistet werden müssten. Über 2 Stunden folgen wir dem Duo durch eine Geschichte, die an Banalität kaum zu überbieten ist. Man hetzt von Plot-Punkt zu Plot-Punkt, wobei die Drehbuchautoren sich noch nicht einmal die Mühe machten, diese irgendwie sinnvoll zusammenzubinden. Es geht lediglich darum, so viele nostalgische Anknüpfungspunkte wie irgend möglich zu schaffen. Es gibt Hutten, One-Liner aus der Serie, Aliens und Locations aus den ersten Filmen.
Nicht nur das, sondern auch Referenzen zu alten Genres, dass sich Papa und Mama auch direkt in die Kindheit zurückversetzt fühlen. Die Opening-Szene vor der Title-Card ist ein Bond-Film, die tobende Anführerin (Sigourney Weaver) ist der cholerische Polizeichef aus den Cop-Filmen der 90er und 2000er, der Planet mit der Arena könnte mit seinem Neo-Noir Flair direkt aus Blade Runner stammen. Das wäre ja alles nicht schlimm, im Gegenteil, es bietet ja Raum für Neu-Interpretationen, aber der Film macht leider nichts damit. Alles verpufft, ohne den geringsten Mehrwert. Wie in einem billigen Spukhaus auf dem Jahrmarkt stolpert der Film an den Kulissen vorbei, nur um so schnell wie möglich den Ausgang zu finden.
Die Splitter des Imperiums verspricht ihren Anhängern Schutz und Stabilität, herrscht aber mit Schutzgelderpressungen wie ein erbarmungsloser Mafiaboss. Coin - der Carmin Falcone Abklatsch - erlangte Reichtum durch den Handel mit Salz, einer Ware, die vom Staat künstlich verknappt wurde. Für Din Djarin ist es wertlos, weil ihn die Verknappung nicht betrifft. Der junge Hutt, Rotta, verweigert das Erbe seines Vater Jabba und will lieber in Freiheit leben. Story-Plots wie diese böten so viel Potential für interessante Überlegungen über unsere Welt und unsere Gesellschaft. Sie führen aber ins Nichts und verschwinden so schnell wieder von der Leinwand, wie sie gekommen sind.
Es ist klar, dass bei Disney andere Compliance-Regeln herrschen, als bei einem kleinen Indi-Studio. Aber dass eine Story wie diese nicht nur von drei Writern geschrieben wurde, sondern auch über unzählige weitere Schreibtische wandern musste, ist lachhaft. Eine KI hätte hier wahrlich nichts Schlechteres produziert.
Generation TikTok
Selbstredend badet der Film nicht nur in Nostalgie. Schließlich muss er auch einen Zugang zu dem jüngeren Publikum finden. Hier finden wir Parallelen zu dem Mario Galaxy und dem Dungeons and Dragons Film, die beide sehr erfolgreich waren. Wie ein Videospiel - oder eben ein Pen and Paper Abenteuer - fühlt sich das alles an. Nebencharaktere, die bisschen drollig, bisschen nett sind tauchen auf, die Handlung hangelt sich von MacGuffin zu MacGuffin, nichts hat irgendwie Relevanz, hauptsache dem Endboss kann man irgendwann aufs Maul hauen.
Der Film geht zwar über 2 Stunden, das macht aber nichts. Die Szenen haben sowieso nichts miteinander zu tun, da kann man zwischendurch problemlos aufs Handy schauen - man verpasst schon nichts. Hauptsache man wird aufmerksam auf die süßen Charaktere, damit man sich im Anschluss vielleicht ein Grogu-LaBuBu kauft.
Fazit
The Mandalorian and Grogu ist durch und durch eine Frechheit. Die Dialoge sind nicht der Rede wert (“The old protect the young - and then the young protect the old. This is the way”), die Action ist unspektakulär und die Story nicht vorhanden. Das Erschreckendste aber war wohl schon im Vorspann. Dort sehen wir, dass Martin Scorsese einen Cameo-Auftritt hat. Eben jener Scorsese, der 2019 für einen kleinen Skandal sorgte, als er meinte, Marvel Filme seien kein Kino. Jetzt spielt er selbst in einem mit. Nachdem Netflix bekannt gab, dass ein Projekt wie The Irishman nie wieder auf der Plattform stattfinden wird und auch sonst der Trend in eine Richtung geht, in der kein Platz mehr für Taxi Driver oder Goodfellas ist, kann man diesen Schritt eigentlich nur als ein Einknicken einer Legende gesehen werden. Vielleicht bekommt er ja dann doch nochmal von Disney einen Auftrag. The old educate the young - and then the old suck up to the young. This is the way.
Für mich gab's hier jedenfalls nur einen Weg, und zwar so schnell wie möglich wieder aus dem Kinosaal.