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Ein echter Geheimtipp und jede Menge Verrückte: Es weihnachtet sehr

Ich verrate Ihnen als treue Leser von Reskis Republik jetzt ausnahmsweise (Weihnachten!) mal einen echten Geheimtipp: Wenn Sie Touristenmassen nicht ertragen, bei dem Gedanken an Glühwein Magenkrämpfe kriegen und schon beim dritten Mal “Driving home for Christmas” anfangen zu schreien, sind Sie in Venedig am richtigen Ort. Okay, wir haben hier auch ein bißchen Weihnachtsdeko (muss bis Karneval halten), aber sonst ist die Stadt so leer wie nie. Die Museen: leer. Die Hotels: leer. Die Restaurants: leer. Und: Man hört seine eigenen Schritte!

Es muss überraschend für viele Leser in Deutschland gewesen sein, dass die stets als Faschistin mit Herz (Öffnet in neuem Fenster) verharmloste Giorgia Meloni jetzt plötzlich das Mercosur-Abkommen blockiert hat (die Freihandelszone zwischen der EU auf der einen und Argentinien, Brasilien, Bolivien, Paraguay und Uruguay auf der anderen Seite). Und das nicht etwa, weil Meloni (wie sie es darstellt) die italienischen Landwirte noch überzeugen müsste, sondern um ihrem Freund, dem orangenen Monster im Weißen Haus, nicht in die Parade zu fahren - der die Welt weiter mit seinen Zöllen in Schach halten will. Als Meloni es bei der Gelegenheit auch abgelehnt hat, die eingefrorenen russischen Gelder für die Verteidigung der Ukraine zu nutzen, zeigte sie ihr wahres Gesicht, das sonst im Ausland nur gelegentlich aufblitzt. Etwa, als sie in Washington mit den Augen rollte (Öffnet in neuem Fenster), nachdem ihr Merz in die Parade fuhr und Trump an den notwendigen Waffenstillstand in der Ukraine erinnerte.

Der Einzige, der hier noch einigermaßen die Nerven behält, ist der italienische Staatspräsident Mattarella. Er sagt Sätze wie „Wer Krieg führt, darf nicht vom Frieden sprechen”. Oder: „Allein schon die Androhung von Atomwaffen ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Oder: „Russland will die Grenzen Europas mit Gewalt neu ziehen.“ Oder: „Es läuft eine Aktion gegen den Westen, die die Demokratien von ihren Werten abbringen und die Schicksale der verschiedenen Nationen trennen will.“ Sätze, die nicht sonderlich aufrührerisch klingen. Eigentlich. Die Trumputinisten in der Regierung und in der Opposition (selten so viel Einigkeit in Italien gesehen) und all die leoni da tastiera (wörtlich “Tastaturlöwen” - die in den Socials die Weltpolitik erklären) kriegen aber Schnappatem und würden für den Staatspräsidenten am liebsten ein Amtsenthebungsverfahren anstreben . So wie es übrigens der “Weltpolitiker” und damalige Chef der Fünfsterne Luigi Di Maio (Öffnet in neuem Fenster) im Mai 2018 (auf Facebook!!) tatsächlich forderte, nachdem die Fünfsterne mit 33 Prozent gewählt worden waren und Mattarella die Ernennung des EU-kritischen Wirtschaftswissenschaftlers Paolo Savona (Öffnet in neuem Fenster), Verfasser einer “Praktischen Anleitung zum Austritt aus dem Euro” zum Wirtschaftsminister ablehnte. Natürlich sollte der wendige Di Maio seinen Angriff auf den Staatspräsidenten bald bereuen (Öffnet in neuem Fenster): "“Seit diesem Zwischenfall habe ich mein institutionelles Verantwortungsbewusstsein gestärkt und gelernt, immer stärker an die Rolle Mattarellas zu glauben.” - sonst hätte er nicht eine so glanzvolle Karriere hingelegt: erst Chef, dann Totengräber der Fünfsterne an der Seite von Mario Draghi bis hin zum “Sonderbeauftragten der Europäischen Union für die Golfregion”.

Wendige Politiker sind eben immer gefragt.

Aber ich will mich nicht weiter aufregen und deshalb bin ich ins Kino gegangen und habe mir den Film Nürnberg (Öffnet in neuem Fenster) mit Russel Crowe als Göring angesehen. Mal abgesehen davon, dass ich nie Göring, sondern immer nur Russel Crowe gesehen habe, besonders wenn er mit hartem Akzent versucht, ein paar Sätze Deutsch zu sprechen, fand ich den Film - nicht schlecht. (Eine umfangreiche Besprechung auch hier nachzulesen (Öffnet in neuem Fenster)) Das Drehbuch basiert auf dem 2014 erschienen Sachbuch (Öffnet in neuem Fenster) The Nazi and the Psychiatrist. Hermann Göring, Dr. Douglas M. Kelley, and a Fatal Meeting of Minds at the End of WW II des US-amerikanischen Schriftstellers Jack El-Hai (Öffnet in neuem Fenster).

Okay, ist vielleicht nicht unbedingt die beste Idee, sich einen Film über die Nürnberger Prozesse anzusehen, um sich von der politischen Weltlage abzulenken. Aber andererseits auch wieder sehr interessant - wenn man danach liest, wie die New York Times (Öffnet in neuem Fenster)das 1947 erschienene Buch des Psychiaters Dr. Douglas M. Kelley "22 Cells in Nuremberg" (auf Deutsch: 22 Zellen in Nürnberg) bespricht, das er kurz nach seinem Einsatz bei dem Nürnberger Prozess schrieb. Und man darin liest: “… zieht der Psychiater Douglas Kelley den Schluss, dass die vor Gericht stehenden Nazis, darunter Hermann Göring, gewöhnliche Männer waren - vielleicht ehrgeizige und grausame Narzissten, aber keine Psychopathen. Er warnte, dass die Fähigkeit zu solch narzisstischer Bosheit nicht nur in Deutschland vorhanden sei, sondern in jeder Gesellschaft, einschließlich der amerikanischen.” Kelley wird mit dem Satz zitiert: “Ich bin überzeugt, dass es im heutigen Amerika kaum etwas gibt, was die Errichtung eines naziähnlichen Staates verhindern könnte” und habe hervorgehoben, dass es in den USA Leute gebe, die über die Leichen der Hälfte der amerikanischen Bevölkerung gehen würden, um die andere Hälfte unter ihre Kontrolle zu bringen. Bisher redeten diese Personen nur, aber sie setzten schon heute ihre demokratischen Rechte antidemokratisch ein.

Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?

In Fellbach, einer kleinen Stadt, die in meinen Mafiabüchern großen Raum einnimmt, herrscht Aufregung, seitdem sich ein 47 Jahre alter Polizist aus Fellbach vor dem Landgericht Stuttgart wegen der Anstiftung zum Totschlag verantworten muss. Huch. Überraschung! Keine 15 Jahre nach “Von Kamen nach Corleone.Die Mafia in Deutschland”, keine 17 Jahre nach “Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern” wird die Mafia in Deutschland entdeckt (Öffnet in neuem Fenster), sogar in Stuttgart! Und ein deutscher (!) Polizist wird als Spitzel (Öffnet in neuem Fenster)der 'Ndrangheta enttarnt! Die Mafia auch im Remstal (Öffnet in neuem Fenster). Wer hätte das erwartet!

Okay, ja, ich hatte es schon erwartet (Öffnet in neuem Fenster). “Empörung: Remstal will kein Mafia-Zentrum sein” schrieben damals die Stuttgarter Nachrichten über mich.

https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.empoerung-remstal-will-kein-mafia-zentrum-sein.369cc3e6-2afe-4253-9e38-324d58333fa8.html (Öffnet in neuem Fenster)

Und heute lesen wir in der FAZ (Öffnet in neuem Fenster): “Der beschuldigte Polizist ließ am ersten Verhandlungstag eine Erklärung seines Anwalts vorlesen. Demnach habe er bei einem „italienischen Freund“ tatsächlich eine „Abreibung“ für den Leiter des Fellbacher Polizeireviers bestellt. Bei dem italienischen Freund handelte es sich offenbar um einen Angehörigen der ’Ndrangheta. Der Angeklagte soll in einem Telefongespräch verlangt haben, dem Revierleiter „richtig was auf die Schnauze“ zu geben, worauf der Italiener gesagt haben soll, dass er viele Leute kenne, die sich darauf freuen würden. (…) Gründe für das Verhalten des Polizisten sind offenbar die Enttäuschung über eine nicht erfolgte Beförderung und eine psychische Erkrankung: Während des aufgezeichneten Telefonats Anfang 2022 soll er sich in einer manischen Phase befunden haben. In der Hauptverhandlung bedauerte der Angeklagte in einer von seinem Anwalt verlesenen Erklärung sein Verhalten. Er habe so etwas nie gewollt, und er schäme sich auch. Der Revierleiter hat noch nicht ausgesagt. Anfang des kommenden Jahres beginnt das zweite Verfahren wegen des Verrats von Dienstgeheimnissen. Der Beschuldigte soll interne Daten aus den Datenbanken der Polizei weitergegeben haben. Nach Darstellung der Polizei waren die Unzuverlässigkeit und die psychischen Probleme des Beamten schon im Jahr 2021 aufgefallen, was zu seiner Versetzung geführt hatte. In welchem Umfang der Beschuldigte an die ’Ndrangheta Geheimnisverrat begangen haben könnte, dürfte sich erst im Laufe des zweiten Verfahrens zeigen.”

Das ist schon sehr, sehr lustig. Ein deutscher Polizist arbeitet nur mit der Mafia zusammen, wenn er verrückt ist.

Aber wir befinden uns ja kurz vor Weihnachten.

Und deshalb möchte ich Ihnen ein Buch ans Herz legen: “Der Gärtner und der Tod” (Öffnet in neuem Fenster) des preisgekrönten bulgarischen Schriftstellers Georgi Gospodinow (Öffnet in neuem Fenster). Ich habe ihn 2007 in Bulgarien kennengelernt, bei einem internationalen Autorentreffen zum Thema „Heimat – brüchiges Ufer“, zu dem mich das Goetheinstitut nach Bulgarien eingeladen hatte: Elf Schriftsteller und Dichter aus Mazedonien, Rumänien, Bulgarien und Deutschland, darunter Nora Iuga (Öffnet in neuem Fenster), Diana Ivanova (Öffnet in neuem Fenster), Ute-Christine Krupp (Öffnet in neuem Fenster) oder Mirela Ivanow (Öffnet in neuem Fenster)a - sprachen darüber, was für sie Heimat bedeutet. Über die Jahre habe ich Georgi Gospodinows erfolgreiche Karriere verfolgt und freue mich jetzt über sein wunderbares Buch über seinen Vater. Ich konnte es allerdings nur lesen, wenn ich genügend Taschentücher in Reichweite hatte. Es ist so warmherzig, so voller Liebe und so klug.

Zu Weihnachten können Sie natürlich auch die Ehrenvenezianerschaft in Reskis Republik verschenken! Dazu mehr hier (Öffnet in neuem Fenster).

Und zum Schluss der Geschenktipps noch ein Interview (bitte beachten Sie den glanzvollen Hintergrund, mit dem ich mich unverdienterweise schmücke, aber ich wollte nicht wieder vor einer Bücherwand sitzen), das Clara Mavellia (Öffnet in neuem Fenster)vom Cultural Entrepreneurship Institute Berlin (Öffnet in neuem Fenster) mit mir geführt hat: einem Institut, das sich für “Ethik als innovativen und wirtschaftlichen Faktor in Industrie, Handel und Unternehmen” einsetzt. Ein Interview, in dem es natürlich um Deutschland und Italien geht.

https://www.youtube.com/watch?v=RE6N8B9SBHs (Öffnet in neuem Fenster)

Einen schönen vierten Advent und wunderbare Weihnachten wünscht Ihnen, Ihre Petra Reski

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