
Symbolbild für einen Venezianer. Erinnert mich an meinen Einsatz als Wahlkämpferin gegen Brugnaro: Die größte Herausforderung bestand darin, in dem vorbeiziehenden Menschenstrom die letzten Venezianer ausfindig zu machen. Meistens sind es die mit dem entschiedenen, energischen Schritt. Oder die mit Hunden. Oder mit Einkaufswägelchen. Die Alten sind fast immer Venezianer. Gut gekleidete, wohlfrisierte Damen mit Ansteckblumen in der gleichen Farbe wie ihr Schal. Oder Herren mit sorgfältig polierten Lederschuhen. Oft waren die Leute erstaunt, wenn ich sie mit »Sie sind doch sicher Venezianer« ansprach, und fühlten sich geschmeichelt, wenn ich sagte, dass ich sie an ihrem passo spedito erkannt hatte, an ihrem zügigen Schritt. Endlich war da jemand, der sich für sie interessierte, die ihr Leben eingeklemmt führen zwischen Airbnbs, bangladeschischen Wackelgondelläden und neu eröffneten Hotels.
So gesehen freue ich mich, dass auch CNN den Overtourism in Venedig entdeckt hat (Öffnet in neuem Fenster). Ich bin nur nicht ganz mit der darin enthaltenen Empfehlung von Fairbnb einverstanden, “a platform for vacation rentals owned strictly by local residents.“ Denn nichts ist in Venedig perfider als die Definition von “local residents”: als local resident gilt auch, wer in Chirignago oder Zelarino wohnt und seine Wohnung/en in Venedig an zahlende Gäste vermietet. Die einzige für mich akzeptable Art von BnB ist die, wenn der Besitzer, der local, tatsächlich auch in der Wohnung lebt und eben nur ein Zimmer untervermietet. Aber davon ist in Venedig keine Spur mehr.
Genau diese Haltung vertritt auch Fairvenice (Öffnet in neuem Fenster), ein Forum für bewusstes Reisen, das von einer einer Gruppe venezianischer Bürger, Experten für soziale Kommunikation und Tourismusfachleuten betrieben wird.
Und ich kann mich nur dem im CNN-Artikel zitierten Satz von Cesare Peris anschließen: „Wenn wir einen Weg finden, wie wir Touristen nach Venedig bringen können, ohne dass sie die Stadt kaputt machen, finden wir vielleicht auch eine Lösung für alle anderen Städte auf der Welt.“ Overtourism ist ja nicht allein Venedigs Problem, sondern das der ganzen Welt. Anstatt zu fördern, dass Venedig niedergetrampelt wird, wäre hier doch der Ort dafür, Lösungen zu erforschen. Venedig könnte, wie wir es in unserem Manifest “Free Venice” (Öffnet in neuem Fenster) einst gefordert haben, ein Labor für die Zukunft sein: Wie keine andere Stadt auf der Welt hat Venedig mit zwei großen globalen Herausforderungen zu kämpfen: der Klimakrise und dem Overtourism. Anstatt jedes Jahr unter den Füßen von 33 Millionen Touristen zu versinken, könnte Venedig der perfekte Ort für eine internationale Umweltagentur sein.
Die Forderungen, die wir mit “Free Venice” gestellt haben (Öffnet in neuem Fenster), sind, wenngleich sie bis heute unerfüllt geblieben sind, die Forderungen, die wir als Venezianer auch heute noch stellen. Zumal bald wieder Wahlkampf ist: Der Wahltermin steht noch nicht fest, vermutlich im Frühjahr 2026. Eigentlich wäre Brugnaros Amtszeit bereits im September dieses Jahres abgelaufen, aber unter dem Vorwand der Corona-Zeit wurde seine Amtszeit um sechs Monate verlängert. Inzwischen haben sich die Oppositionsgruppen Venedigs zusammengeschlossen. Leider tauchen da auch einige Wiedergänger auf, etwa der ehemalige Bürgermeister und spätere Chef der Hafenbehörde, Paolo Costa (Öffnet in neuem Fenster).

Er schaffte es neulich, bei diesem öffentlichen Treffen im schönen Saal der Ca’ Sagredo das Publikum in Geiselhaft zu nehmen und eine halbe Stunde lang ohne jede Unterbrechung über Venedig, die Welt und das Universum zu schwafeln, ohne auch nur eine Sekunde lang ein mea culpa, mea maxima culpa abzugeben. Zu bekennen, Gutes unterlassen und Böses getan zu haben, wäre ja schon mal ein erster Schritt gewesen.
Aber es gibt auch Gutes, etwa Nietzsches bereits von mir empfohlener (Öffnet in neuem Fenster)Blick auf Venedig. Das Buch wurde hier im Deutschlandfunk sehr schön besprochen :
https://www.deutschlandfunkkultur.de/nietzsche-venedig-100.html (Öffnet in neuem Fenster)Gerade wurde in Venedig die Architekturbiennale eröffnet. Ich habe sie noch nicht gesehen. Weil ich ohnehin an einer Überdosis von Menschenmassen leide, warte ich ab, bis der erste Andrang vorbei ist. Interessant scheint mir der deutsche Pavillon zu sein, der in der Süddeutschen Zeitung besprochen wurde (Öffnet in neuem Fenster): “Auch das Riesenproblem des Klimawandels schien ja zuletzt ein bisschen nach hinten wegsortiert worden zu sein, obwohl es an drastischer Bußpredigerrhetorik nun wirklich nicht fehlte. Vielleicht auch genau deswegen. Der deutsche Pavillon verschärft nun die Didaktik durch Drastik noch einmal erheblich und ergänzt sie durch die Pädagogik sinnlichen Erlebens.”
Aber wie schon öfter in Reskis Republik erwähnt (Öffnet in neuem Fenster), neigt die Biennale dazu, Venedig zu verschlingen und allein als Ausstellungsraum zu betrachten: So wurde jetzt der Eingang zum Ospedale Civile von Venedig, die zur Scuola Grande di San Marco, gehört, für eine Installation der Biennale genutzt:

Dagegen protestierte der italienische Kulturschutzbund Italia Nostra (Öffnet in neuem Fenster) - und ich verstehe auch nicht, warum auch noch die letzten öffentlichen Räume, die Venezianern vorbehalten sind, in einen Showroom verhext werden müssen.
Das venezianische Krankenhaus befindet sich in den Gebäuden zweier ehemaliger Klöster und des Bruderschaftshauses der Scuola Grande di San Marco. Wenn man zur Blutabnahme muss, durchquert man die Frührenaissance. Überhaupt ist das venezianische Krankenhaus für uns einer der letzten Orte in Venedig, an dem wir uns noch wie in einer normalen Stadt fühlen können: Hier wird Venezianisch gesprochen, über die Flure laufen Familien, die ihre Verwandten besuchen und schwere Taschen mit sauberer Wäsche schleppen. Aber schon seitdem hier unweit ein Anleger für Ausflugsboote eingerichtet wurde, passiert es immer öfter, dass in den Gängen Touristen auftauchen. Lange wird es nicht mehr dauern, bis auch hier jemand auf den Boden sitzt und eine Pizza verspeist oder für ein Instagram-Video posiert, und sich da eine Selfiestange ins Bild schiebt, wo Venezianer am Tropf hängen.
Und wer auch keine Gelegenheit auslässt, sich ins Bild zu schieben, ist natürlich unser Bürgermeister, wie man hier sieht: Am liebsten hätte er sich selbst zum Papst ernannt, aber weil das nicht geht, versucht er zumindest etwas vom Glanz des Moments abzustauben, als in Rom weißer Rauch aufstieg.
https://x.com/LuigiBrugnaro/status/1920517222495043629 (Öffnet in neuem Fenster)Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten: Ich habe weder ein Wort über Trump verloren, noch über Merz’ Fehlstart und auch nicht über den neuen Papst. Sie werden es verkraften können. Stattdessen möchte ich Sie auf meine Lesung kommenden Donnerstag in München bei Literatur Moths (Öffnet in neuem Fenster)aufmerksam machen:
https://woche-der-meinungsfreiheit.de/events/allitaliana-wie-ich-versuchte-italienerin-zu-werden/ (Öffnet in neuem Fenster)Herzlichst grüßt Sie, Ihre Petra Reski
Wenn Ihnen mein Newsletter gefällt, freue ich mich sehr über Weiterempfehlungen (Öffnet in neuem Fenster) - und natürlich über neue Ehrenvenezianer!
Die Termine meiner bevorstehenden Lesungen finden Sie hier (Öffnet in neuem Fenster).
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