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Venedig und sein Delfin

Mein persönliches Highlight dieser Woche war, als ich an der Salutespitze vorbeifuhr, gerade noch zwei Freunden von dem Delfin im Markusbecken erzählt hatte und IHN dann - den Delfin - tatsächlich gesehen habe! Das Foto hier ist nicht von mir, ich bin mir auch nicht sicher, ob es sich dabei nicht am Ende um eine Fotomontage handelt.

Ich habe erst nur einen Schatten und dann die Rückenflosse gesehen - und war im Grunde genauso aus dem Häuschen wie diese Kinder, die vor Begeisterung kreischen, als der Delfin neben ihrem Vaporetto auftaucht (Öffnet in neuem Fenster). Danach erzählte ich allen, wirklich allen, vom Zeitungshändler bis zur Supermarktkassiererin: ICH! HABE! IHN! GESEHEN! DEN DELFIN! Natürlich war ich nicht schnell genug, um ein Foto zu machen, es reichte nur für die Schaulustigen, die sich an der Salutespitze angesammelt haben:

Angeblich soll der Delfin hier bereits vor fünf Monaten das erste Mal gesichtet worden sein und hat sich inzwischen, wie in Venedig nicht anders möglich, zur Touristenattraktion (Öffnet in neuem Fenster) entwickelt: Es soll schon Bootstouren geben, gewissermaßen Dolphin-Watching, die versuchen, den Delfin mit Fischen anzulocken - was die Biologen des Cert (Öffnet in neuem Fenster), der Forschungsgruppe für Meerestiere der Universität Padua, aufs Schärfste kritisieren. Auf jeden Fall hat es der Delfin, (es handelt sich um einen Großen Tümmler (Öffnet in neuem Fenster)) bis in die Hauptnachrichten von RAI uno geschafft.

https://www.rainews.it/video/2025/11/venezia-delfino-nuota-in-bacino-san-marco-tra-continuo-via-vai-barche-8fa8a1ae-02ff-487e-85df-542f42995299.html (Öffnet in neuem Fenster)

Gestern kam es sogar zu einem Flashmob auf dem Markusplatz, der sich dafür einsetzt, den Delfin wieder ins Meer zurückzubringen, weil er im Markusbecken so gefährdet ist “wie ein Kind, das auf einer Autobahn spielt”.

Den Delfin zurück ins Meer zu bringen, ist allerdings kompliziert, weil man dafür eine Schallmauer errichten muss, um ihn hinauszutreiben, was wiederum für den Delfin stressig ist - zumal nicht gesagt ist, dass es funktioniert. Denn wenn er seit fünf Monaten im Becken reichlich Nahrung findet, könnte er wieder zurückkommen - auch weil das Wasser der Lagune inzwischen sehr salzhaltig ist und damit dem Meerwasser ähnelt, sodass er reichlich Nahrung findet.

In der Adria gibt es Hunderte von Delfinen, die an der Küste leben, und besonders junge männliche Delfine neigten dabei zum Einzelgängertum. Während der Pandemie, im März 2021 wurden zwei Delfine (Öffnet in neuem Fenster) mehr oder weniger an der gleichen Stelle des Markusbeckens gesichtet. Damals tauchte auch noch ein einzelgängerischer Rochen im Canal Grande (Öffnet in neuem Fenster) auf, direkt vor dem Bahnhof und ein Oktopus schaffte es bis zum Piazzale Roma.

Aber so schön es ist, hier den Delfin zu sehen, so schlecht ist es für die venezianische Lagune, denn der hohe Salzgehalt beweist nur, dass sich die Lagune wegen der Vertiefung der Kanäle in einen Meeresarm verwandelt hat. Was nicht nur Auswirkungen auf die Substanz der Gebäude hat, die vom Salz aufgefressen werden: Wenn der Grund tiefer ist, entstehen mehr Wellen. In der Lagune mit ihren ursprünglichen vierzig bis siebzig Zentimetern Tiefe konnten keine Wellen entstehen, anders ist es heute mit der durchschnittlichen Tiefe von anderthalb Metern. Die Strömung nimmt zu und damit auch die Erosion.

Dessen ungeachtet plant die Hafenbehörde auch noch den Kanal Vittorio Emanuele tiefer zu graben, damit die Kreuzfahrtschiffe, die jetzt an den Industriehäfen in Marghera und Fusina anlegen müssen, wieder am eigentlichen Kreuzfahrthafen in Venedig anlegen können. Mit dem dabei anfallenden giftigen Schlamm soll eine weitere künstliche Insel von der Größe von siebzig Fußballfeldern geschaffen werden. So weit der irrsinnige, von Gier getriebene Plan. (Öffnet in neuem Fenster) Seitens der zuständigen Behörden: Schweigen.

Noch ein Nachtrag zum Delfin: Inzwischen wurde er medienwirksam auf den Namen “Mimmo” getauft. Was auf den Socials sofort eine lokalpatriotische Diskussion entfachte: Wenn schon ein Spitzname, warum dann einer, der neapolitanisch klingt? (Von den Neapolitanern wurde das sofort abgestritten, ein neapolitanischer Spitzname wäre vielleicht “Ciro” und nicht Mimmo). Verbreitete Kosenamen des Veneto seien vielmehr “Bepi” oder “Toni”, einige Traditionalisten schlugen auch “Alvise” vor, hat sich aber nicht durchsetzen können.

Der Protest des Fenice-Orchesters gegen die Ernennung von Beatrice Venezi (Öffnet in neuem Fenster) geht weiter: Für morgen ist in Venedig ein Protestmarsch (Öffnet in neuem Fenster) geplant, an der sowohl die Orchester der Mailänder Scala und der Arena von Verona, als auch die der Opernhäuser der Stadt Bologna, Turin und Triest teilnehmen werden. Und natürlich auch Sympathisanten wie ich, die fassungslos sehen, wie hier ohne Not der Ruf der Fenice ruiniert wird - eines Opernhauses, in dem, wenn es nach den Wünschen des Bürgermeisters, des Intendanten und des Kulturministers geht, nicht mehr die Kunst zählen soll, sondern der Kommerz. Vertreten durch eine Musikdirektorin, die bislang nicht durch Engagements an legendären Opernhäusern aufgefallen ist, sondern als Marketingexpertin (Öffnet in neuem Fenster) für sich selbst und für Haarwuchsmittel: Am internationalen Frauentag rief Venezi - ganzseitig im rechtskonservativen Giornale - dazu auf, die “Rückseite zu zeigen”, den lato B, im italienischen Sprachgebrauch den Hintern.

Kulturminister, Intendant und Bürgermeister stellten sich wie ein Mann hinter sie.

In diesem Sinne grüßt Sie aus Venedig (ich fahre gleich mit dem Boot zum Essen, natürlich sehr, sehr langsam und vorsichtig) Ihre Petra Reski

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