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Über tote Katzen, das schwarze Herz Italiens und die Meeresbrise

Wahrscheinlich sehnen Sie sich - wie jeder Mensch in diesen Tagen - nach guten Nachrichten. Die bekommen Sie auch. Aber vorher müssen wir darüber sprechen, was - natürlich - mit dem orangenen Mann zu tun hat. Dem mit der toten Katze auf dem Kopf, “quello con il gatto morto in testa” - wie man ihn in Italien nennt. Der lässt hier gerade wieder Erinnerungen an das erwachen, was als die “Strategie der Spannung” (Öffnet in neuem Fenster)umschrieben wurde.

Wie ich auch in “All’italiana. Wie ich versuchte, Italienerin zu werden” (Öffnet in neuem Fenster)klarzumachen versucht habe, stand hinter den großen Mafia-Attentaten 1992/93 weniger die Mafia, als eine Gruppe aus Neofaschisten, Carabinieri, Geheimdienstlern und gewissen “transatlantischen Kreisen”, die Terror als politisches Instrument einsetzten. Eine Strategie, die sich bereits in den Jahren der Bleiernen Zeit bewährt hatte, in den Siebziger- und Achtzigerjahren, als scheinbar zusammenhanglose Attentate ein Klima der Angst erzeugten, das in dem Ruf nach einem starken Mann münden und vor allem den Historischen Kompromiss zwischen Kommunisten und Christdemokraten verhindern sollte - und 1994 zur Wahl von Silvio Berlusconi führte.

Die Attentate von 1992/93 bestimmen Italien bis heute. Und Report, die letzte verbliebene Investigativsendung des öffentlichen italienischen Fernsehens, zeigt weiterhin hartnäckig die Verbindungen zwischen Neofaschisten, Mafiosi, Anhängern der Geheimloge P2 und transatlantischen Kreisen auf, zuletzt letzten Sonntag:

https://www.rai.it/programmi/report/inchieste/La-banalita-del-nero---Report-04012026-6dd25194-d450-4142-a4dd-30eda64c89e5.html (Öffnet in neuem Fenster)

Der Erste, der diese Spur der “Neri”, der Rechtsterroristen, aufdeckte, war Giovanni Falcone. Bis kurz vor seinem Tod ermittelte er rund um die Ermordung von Piersanti Mattarella: Der Bruder des jetzigen Staatspräsidenten vertrat Aldo Moros Linie des Historischen Kompromisses (Öffnet in neuem Fenster), also der Zusammenarbeit zwischen der christdemokratischen und der kommunistischen Partei, und sollte Stellvertreter von Aldo Moro werden. Daher bestand die Notwendigkeit, Piersanti Mattarella zu beseitigen. Und damit auch alle, die davon wussten, also Giovanni Falcone und Paolo Borsellino - die überdies auch alles über die engen Verflechtungen zwischen Berlusconi und der Mafia wussten.

Die Ehefrau von Piersanti Mattarella, die bei dem Attentat neben ihm im Auto saß, gab als Augenzeugin an, den Rechtsterroristen Valerio Fioravanti (Öffnet in neuem Fenster) als einen der Mörder ihres Mannes erkannt zu haben. Bei dem Prozess wurde er freigesprochen.

Wer die Rolle der Rechten in der Strategie der Spannung und damit in der Zusammenarbeit mit der Mafia beleuchtet, macht sich in einem Italien, das von der Rechten regiert wird, natürlich nicht unbedingt beliebt. So versuchte die jetzige Chefin der parlamentarischen Antimafia-Kommission, Chiara Colosimo, die nicht nur zu Melonis rechten Brüdern Italiens gehört, zwei ehemalige Antimafia-Staatsanwälte aus der parlamentarischen Antimafia-Kommission auszuschließen: Roberto Scarpinato und Federico Cafiero De Raho. Und da ist ein Foto nicht uninteressant, das die Chefin der parlamentarischen Antimafia-Kommission Colosimo zeigt, als sie lächelnd einen der Täter des terroristischen Bombenattentats auf den Bahnhof von Bologna (Öffnet in neuem Fenster) umarmt, den Rechtsterroristen Luigi Ciavardini.

Report belegt in seinem Bericht nicht nur, dass der Rechtsterrorist Stefano Delle Chiaie (Öffnet in neuem Fenster)kurz vor dem Attentat auf Falcone die Stelle inspizierte (Öffnet in neuem Fenster), wo die Bombe später explodierte, sondern auch die bis heute ungeklärte Präsenz von sogenannten “Geheimagenten” kurz nach dem Attentat auf Borsellino vor dem Haus seiner Mutter.

Jetzt hat die Untersuchungsrichterin in Caltanissetta abgelehnt, wie zuvor von der Staatsanwaltschaft gefordert, die Ermittlungen einzustellen und sie aufgefordert, weiter zu ermitteln. Das ist auch ein Verdienst von Salvatore Borsellino, dem Bruder des ermordeten Staatsanwalts, der die unzureichenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Caltanissetta stets beklagt hat.

Tja, Avantgarde war Italien schon immer: Hier kam es zu vielen politischen Entwicklungen, die woanders erst später stattfanden. Das war mit Mussolini so und später mit Berlusconi - einem Ministerpräsidenten, der keine Gesetze respektierte, mit der Mafia zusammenarbeitete und sein Amt dafür nutzte, seinen persönlichen Reichtum zu vergrößern. Er stellte damit eine Blaupause für die "demokratisch gewählten" Autokraten der jüngsten Zeit vor. Giorgia Meloni unterscheidet sich von Berlusconi nicht in den Zielen, lediglich in der Methode - wie sich nicht zuletzt in der geplanten Verfassungsreform zeigt:

Inzwischen wurde der wahrscheinliche Termin für die Volksabstimmung für die geplante Verfassungsreform bekannt gegeben, sie soll am 22. März stattfinden. Wie ich bereits in Reskis Republik schrieb (Öffnet in neuem Fenster), verbirgt sich hinter dieser “Reform” vor allem der Versuch, die bislang unabhängigen - und nicht weisungsgebundenen - italienischen Staatsanwälte unter die Kontrolle der Regierung zu bringen: In jedem Rechtssystem, in dem die Karriere des Staatsanwalts von der des Richters getrennt ist, hängt der Staatsanwalt von der Exekutive ab (außer in Portugal). Auch in Deutschland sind Staatsanwälte weisungsgebunden (Öffnet in neuem Fenster), und ich erinnere mich an deutsche Staatsanwälte, die mir vertraulich davon erzählten, wie sie ein Innenminister bei bestimmten, politisch heiklen Ermittlungen zurückgepfiffen hat. Berlusconi hat bereits in den Jahren 2001, 2006 und 2008 vergeblich versucht, diese "Justizreform” durchzusetzen, Meloni will jetzt seinen Traum wahrmachen. Der im Übrigen auch das Vorhaben der P2 war, der Geheimloge Propaganda Due (Öffnet in neuem Fenster), in der Militärs, Geheimdienstler, Mafiabosse und andere Spitzen der Gesellschaft einen Rechtsputsch planten: Ziele der P2 waren ein vom Volk direkt gewählter, mit erheblich mehr Macht ausgestatteter Staatspräsident an der Spitze des Landes, ein schwaches Parlament und eine ihrer Befugnisse beraubte Justiz. Die von Giorgia Meloni geplante Verfassungsreform ist ein entscheidender Schritt in diese Richtung.

Und ich muss wieder an meine Anfänge in Italien denken, als ich in Sizilien war und mitkriegte, wie mein Freund, der Polizist Saverio Montalbano, einst dafür gesorgt hatte, dass ein bekannter Rechtsextremist nicht weiter in seinem Kommissariat ein und aus ging. Ich denke daran, wie die von meinen sizilianischen Journalistenfreunden genannten „neri“ gemeinsame Sache machten mit Mafiosi, Geheimagenten, Politikern und Freimaurern.

Klar, dass man sich das nicht von staatsanwaltlichen Ermittlungen vermasseln lassen will. Und wenn Sie jetzt denken: Ach Italien, dann möchte ich an das Oktoberfestattentat (Öffnet in neuem Fenster) erinnern. Und daran, dass der Mann mit der toten Katze auf dem Kopf versucht, die AfD an die Macht zu katapultieren.

Die Brandkatastrophe in Crans-Montana (Öffnet in neuem Fenster) bewegt die Italiener sehr - unter den Opfern sind viele junge Italiener - jetzt wurde der Betreiber des Lokals wegen Fluchtgefahr verhaftet und seine Frau unter Hausarrest gesetzt. Und da wird ein Blick auf den Hintergrund dieses korsischen Paars interessant, wie hier (Öffnet in neuem Fenster) unter dem schönen Titel “Meeresbrise” (Öffnet in neuem Fenster) nachzulesen ist: “Die Betreiber erscheinen in Crans-Montana, erwerben innerhalb weniger Jahre Immobilien für fünf Millionen Franken, bezahlen zuerst die höchstmöglichen Mieten, machen dann unwiderstehliche Kaufangebote, verfügen über eine Flotte von Luxusfahrzeugen. Sogar von einem neuen Bentley für 300’000 Franken wird berichtet. Obwohl andere Nachtclub- und Restaurant-Betreiber der Gegend eher überleben, als wirtschaftlich florieren. Die Verwandtschaft des in Frankreich vorbestraften Betreibers ist eng mit der sogenannten „Unabhängigkeitsbewegung“ Korsikas involviert, ein Onkel amtet sogar als Bürgermeister im Namen einer Separatistenpartei. Der Betreiber der Katastrophen-Bar ist kein unbeschriebenes Blatt, selbstverständlich gilt jedoch die Unschuldsvermutung, so wie sie für jeden Bürger dieses unseren schönen Landes gilt.” Hintergründe der korsischen Mafia auch hier (Öffnet in neuem Fenster).

Und jetzt die gute Nachricht. Also zumindest für alle, die Venedig wirklich lieben. Venedig gehört in diesen Tagen wieder sich selbst, genauer gesagt, den verbliebenen 47 652 Einwohnern. Im vergangenen Jahr hat Venedig 780 Einwohner verloren, in den letzten zwei Jahren sind es 1516 Einwohner weniger geworden. Und in dieser Jahreszeit wird die Venedig-Maschine kurz angehalten, genauer gesagt, sie wird neu justiert: Die einzigen Trupps, die jetzt hier durch die Gassen ziehen, sind Bauarbeiter in der Mittagspause.

Diese Ruhepause dauert nicht lange. Kurz vor Karneval ist der Zauber wieder vorbei. Die Weihnachtsbeleuchtung bleibt uns bis dahin aber noch erhalten.

Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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