Ein Grund, weshalb ich insbesondere Science-Fiction so spannend finde, beschreibt auch Ștefana Iosif in Between the Non-Human and the New Human: “Sci-fi literature acted on numerous occasions as the harbinger of scientific newness and progress, and while we are reluctant to categorize it as Gospel truth, we cannot help but notice its oftentimes eerie accuracy.”[1] (Öffnet in neuem Fenster) Science-Fiction ist unser Labor der Zukunft, in dem wir völlig frei experimentieren und die Ideen in Geschichten übertragen können: Es ist ein Spiel der Rückkopplung und gegenseitigen Abhängigkeit, denn unsere Vorstellungen von Technik und damit auch unsere Haltung gegenüber technischen Systemen wird durch Science-Fiction beeinflusst.
In diesem ersten Newsletter von POPKULTURWISSENSCHAFT soll es also genau um dieses Thema gehen – und um die Episode Zima Blue[2] (Öffnet in neuem Fenster) aus der Anthologieserie Love, Death + Robots[3] (Öffnet in neuem Fenster) von 2019, die wiederum auf einer Kurzgeschichte von Alistair Reynolds aus dem Jahr 2006 basiert – und dabei Fragen aufwirft in Bezug auf künstliche Intelligenz, Kreativität, Posthumanismus … und Menschlichkeit lange vor generativer KI und ChatGPT.
![Eines der Gemälde von Zima, in dem ein hochformatiges, blaues Rechteckt zu sehen ist. Im Hintergrund ist ein Planet, interplanetare Nebel und Sterne. [Screenshot]](https://assets.steadyhq.com/production/post/4bbb8f8e-2df0-4fda-be7b-b5344e66d20d/uploads/images/hlu2b5j2gv/captured-one-of-the-painting-stills-from-zima-blue-anyone-v0-hr3hl3ltdq8d1.webp?auto=compress&w=800&fit=max&dpr=2&fm=webp)
Zima Blue – Kunst und die Farbe Blau
Ein zurückgezogener Künstler lädt, bevor er sein letztes Werk enthüllt, die Journalistin Claire Markham ein, um ihr von seiner Vergangenheit, seinem Erfolg und seinen Sehnsüchten zu erzählen. So schlicht sich die Handlung von Zima Blue zusammenfassen lässt, so komplex sind die Details, die sie erzählt, und die Implikationen, die sie aufwirft. Zima tritt als Künstler auf, den seine Kunst im wahrsten Sinne überlebensgroß gemacht hat und genau so wirkt er auch selbst – größer, stärker als alle anderen, aber auch in sich ruhend als das Geheimnis, das er seit Jahrhunderten sein möchte.
Zimas Kunst begann klein und wurde immer größer, raumfüllender, ehe geometrische Formen darin auftauchen, alle in der Farbe Blau, genau genommen Zimablau. Und auch dieses Blau nimmt immer mehr Raum ein, verdrängt alles andere. Dass die Farbe Blau das stilbildende Merkmal Zimas ist, ist auf mehreren Ebenen interessant. In der Kunstgeschichte steht Blau im Mittelalter nahe dem Göttlichen, wird aber auch zu diesem Zeitpunkt schon ambivalent wahrgenommen. In der neuzeitlichen Luftperspektive nimmt Blau einen größeren Raum ein, die auch zur Darstellung von Ferne genutzt wird bis hin zur sichtbar gemachten Transzendenzerfahrung und Symbol für Sehnsucht.[4] (Öffnet in neuem Fenster) Die blaue Blume des Novalis gilt als Motiv der Romantik, das ebenfalls als Metapher des Unerreichbaren verstanden werden kann.[5] (Öffnet in neuem Fenster)
Allein an diesen wenigen Beispielen zeigt sich, dass hinter der Farbe Blau ein Metakommentar versteckt ist, der sich für Zima zuletzt im hellen und leuchtenden Blau eines Swimming Pools auflöst, in den er zuletzt selbst eintaucht und – nun wieder zurück in seiner ursprünglichen Existenz – am Ende als Poolputzroboter wieder auftaucht und leise seine Bahnen zieht.
Der Kern der Dinge und des Daseins?
Über Zima sei wenig bekannt, begonnen habe er möglicherweise als Porträtmaler, sinniert Markham, als sie auf dem Weg zu ihm in einem Schnellboot das blaue Meer durchpflügt, dessen Horizont in einen noch blaueren Himmel übergeht. Die menschliche Form wäre Zima zu eindimensional geworden in ihrem Sein, denn Kunst ist für ihn die Suche nach Erkenntnis, dem tieferen Sinn und so verändert sich sein Malen.
Er beginnt mit Wandbildern, die immer größer werden, und versucht, das Geheimnis des Universum abzubilden. Und dann ist da plötzlich ein blaues Viereck in einem der Bilder – das in der Detailverliebtheit des Gemäldes fast wie ein falsches Pixel wirkt, ein Störelement, das den Blick auf sich zieht. Das Blau wird mehr, bis er schließlich ein Kunstwerk enthüllt, das vollkommen Zimablau ist – Zimas blaue Phase ist jene der Leinwände, die größer sind als alles, was man sich vorstellen kann.
Durch Zima wird Kunst zum Spektakel, das über die Kunstszene hinausreicht – und ihn selbst zum Kunstwerk macht, als er beginnt, seinen Körper zu verändern. Markham vermutet, dass er dies getan hätte, um extreme Lebenswelten aushalten zu können, doch tatsächlich ist für ihn die extreme Lebenswelt das Organische und so wird er zum hybriden Wesen zwischen Kunst, Kultur und KI.
Posthumanismus als Technologiekritik: Was bedeutet es, in der Welt zu sein – als Mensch, als Maschine, als denkendes oder denkend gemachtes Wesen?
Welche Voraussetzungen benötigt es, um das, was eine KI erschafft, als eigene (Form von) Kunst zu betrachten? In Zima Blue stellt sich die Frage zu Beginn nicht, denn Zima selbst ist so geheimnisvoll zeitlos und gleichzeitig alt, dass niemand von seiner wahren Identität zu wissen scheint und er als Künstler längst etabliert ist – ebenso wie seine Kunst. Die Welt, in der er lebt, ist eine Zukunft, die kaum umrissen ist.
Wir wissen nicht, was die technischen Möglichkeiten dieser Zeit sind, welche Veränderungen an Körper und Geist längst zum Alltag geworden sind und inwiefern eine Figur wie Zima gesellschaftlich wahrgenommen wird. Zima wirkt anfangs auch deswegen so menschlich, weil man ihn als Menschen sehen möchte – und weil Menschlichkeit mehr ist als ein organischer Körper. So glaubt Markham, Zima habe sich kybernetisch erweitern lassen, dabei ist das genaue Gegenteil der Fall: Zima ist kybernetisch, ja, aber hinein ins scheinbar Organische, nicht aus dem Körper hinaus ins Mechanische.[6] (Öffnet in neuem Fenster)
Bedeutet Posthumanismus immer die Erweiterung des menschlichen Körpers um technische Komponenten, die den menschlichen Anteil immer weiter zurückdrängen? Oder bedeutet es, dass künstliche Wesen eben doch auch menschliche Aspekte entwickeln können, wenn sie über einen gewissen Punkt intellektuell hinauswachsen können – und das ganz unabhängig von der Möglichkeit, sie für oder wider organisches Leben zu stellen? So stellt auch Ștefana Iosif im Paper Between the Non-Human and the New Human (2024) fest, dass wir in Zeiten der zunehmenden Androidisierung eine neue Richtung einschlagen müssen, um die Dichotomie zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-mehr-Menschlichen beziehungsweise dem Lebendigem und dem Unbelebten besser einordnen zu können, denn Menschlichkeit und Menschsein sind zwei grundsätzlich verschiedene Aspekte, die zwar aufeinandertreffen können, aber nicht müssen.[7] (Öffnet in neuem Fenster)
Der Weg zurück in die Zukunft?
Was Zima Blue als Idee so bemerkenswert macht, ist, wie alt die Idee der Kurzgeschichte inzwischen ist – und wie weit entfernt ChatGPT und künstliche Intelligenz zum Entstehungszeitpunkt der Kurzgeschichte gewesen ist. Selbst als sie in Love, Death + Robots umgesetzt worden ist, war der heutige Gebrauch von generativer KI noch nicht absehbar. Die Frage, wie Kreativität und künstliche Intelligenz sich verbinden lassen, existiert schon wesentlich länger, ist nun aber auch in unserem Alltag angekommen. Während Large-Language-Modelle und generative KI für uns Texte verfassen und Grafiken entwerfen können, müssen wir unsere Spülmaschinen immer noch selbst ein- und ausräumen. Aber wollten wir nicht selbst mehr Zeit für Kreativität und ausgerechnet das, wofür wir im Alltag gerne mehr Raum hätten, täuschen nun diese Programme vor, könnten sie uns abnehmen?
Und das bringt mich zu den eigentlichen Gedanken hinter Zima Blue: Ab wann kann eine künstliche Intelligenz tatsächlich kreativ sein? Für Zima ist Kunst zunächst der Weg in die scheinbare Eigenständigkeit, aber am Ende sehnt er sich zurück in sein einfacheres Leben, das keine komplexen Entscheidungen beinhaltet und dessen einziger Zweck es ist, dafür zu sorgen, dass die Farbe des Swimming Pools erhalten bleibt. Als künstlicher Künstler hat er sich emanzipiert und gleichzeitig doch nie vollständig gelöst von seiner ursprünglichen Programmierung. Soweit er sich auch entwickelt haben mag, im Kern ist er stets er selbst geblieben. Doch was ist das Selbst einer künstlichen Intelligenz, die einzig darauf programmiert war, das Wasser zu reinigen – und weshalb sehnt sie sich nach all der Weiterentwicklung bis hin zum Bewusstsein zu dieser dekonstruierten Form von Einfachheit zurück?
Bleibt neugierig!
Rebecca
PS: Alle Gedankenstriche in diesem Text sind handgesetzt von mir persönlich. Aber vielleicht wäre es ein interessantes Experiment gewesen, dieselben Fragen, mit denen ich mich für diesen Essay beschäftigt habe, auch einem Large-Language-Modell zu stellen. Sehr wahrscheinlich hätte dieser Text dann anders ausgesehen.
PPS: Natürlich gäbe Zima Blue noch deutlich mehr her, das es zu besprechen gilt. Wenn Dir dieser Essay also gefallen habt und Du gerne mehr zu diesem Thema lesen möchtet, freue ich mich über Rückmeldungen.
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[1] (Öffnet in neuem Fenster) Ștefana Iosif: Between the Non-Human and the New Human. A Posthumanist Investigation of Shattered Patterns in Alastair Reynolds’ Zime Blue. In: Hermeneia, Nr. 32/2024, S. 49-63.
[2] (Öffnet in neuem Fenster) Alastair Reynolds: Zima Blue. In: Love, Death + Robots. The Official Anthology. Volume 1. Beechworth: Mayday Hills Asylum 2019. S. 215-238.
[3] (Öffnet in neuem Fenster) Robert Valley: Zima Blue. In: Love, Death + Robots. Staffel 1, Folge 14. Passion Animation Studios. USA 2019.
[4] (Öffnet in neuem Fenster) Vgl. Dietmar Schuth: Die Farbe Blau. Versuch einer Charakteristik. Münster: Lit Verlag 1995, S. 13-15.
[5] (Öffnet in neuem Fenster) Vgl. ebd., S. 133.
[6] (Öffnet in neuem Fenster) Zima Blue, so stellt sich heraus, ist nicht nur sein scheinbar selbstgewählter Name, sondern tatsächlich die Farbe des Blaus der kleinen Plättchen, die den Pool auskleiden, den für sein letztes Kunstwerk neu bauen lässt. Genau dies verleiht ihm eine eigene Form der Authentizität als Maschine in Menschenform, die Suche nach sich selbst, der eigenen Identität, die sich zwar in der Farbgebung widerspiegelt, ihm aber einen wirklich individuellen Namen verweigert hat.
[7] (Öffnet in neuem Fenster) Ein Beispiel aus Star Trek wäre unter anderem der Android Data, da sich immer wieder mit dem Menschlichsein auseinandersetzt, aber gleichzeitig auch Menschsein thematisiert. Als künstliche Existenzform mag er zwar Menschlichkeit erreichen können, aber niemals das Menschsein im organischen Kontext, sondern maximal in posthumanistischer Betrachtungsweise.