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Die Gewalt, die man ausübt

Ich komme nicht drum herum, anderen zu schaden. Am stärksten wurde mir das bewusst als ich vor einigen Jahren tief in meiner eigenen Klimakrise hing, alles nur noch dunkel und aussichtslos schien. 

Theresa und ich waren für unser Buch auf der ganzen Welt unterwegs, und bei einem Spaziergang im Wald dachte ich: Ich kann keinen Schritt gehen, ohne dass ich irgendein Insekt zertrete.

Töten gehört zum Leben dazu. 

Und doch habe ich die Wahl: Priorisiere ich das Leben oder das Töten. 

Die Priorität unserer Gesellschaft ist klar: Sie hat das Töten perfektioniert. Ausgehend aus dem Westen umspannt dieses System mittlerweile den ganzen Globus, macht aus lebender Materie tote Produkte, die dann zu tödlichem Müll werden. 

Was Glück versprechen soll, ist einfach nur tragisch, denn jede Gewalt, die man ausübt, trifft einen auch selbst. Jedes Mal töten bedeutet auch jedes Mal ein bisschen sterben. 

Das ist global betrachtet so. James Lovelock hat das mit seiner Gaia-Hypothese so elegant beschrieben: die gesamte Erde ist ein großer Organismus. 

Mithilfe der Wälder, Ozeane, Flüsse und Wettersysteme schafft sie es, bestimmte Parameter immer stabil zu halten. Salzgehalt in den Meeren, Sauerstoffgehalt in der Luft – all diese Dinge sind sauber eingependelt, um Leben zu ermöglichen, so wie unser Körper mit hilfe seiner Organe die eigene Temperatur immer ungefähr gleich hält. 

Schade ich einem Teil dieser Erde, dann schade ich auch mir selbst. 

Das ist natürlich nicht gleich ein Problem. Wenn ich auf einem Spaziergang eine Ameise zertrete – passiert. Wenn ich mir beim Kochen die Finger verbrenne – passiert. 

Doch wenn ich systematisch den CO2-Gehalt in der Atmosphäre verändere, dann ist das so, wie Crystal Meth konsumieren – es zerstört das Gleichgewicht. Ich zerstöre mich selbst. 

Das spüren wir ja auch. Dafür sind unsere riesigen Gehirne angelegt: zu merken, wenn ich dem Netz um mich herum schade. Spiegelneuronen. Empathie. Schlechtes Gewissen. Aggressivität. Depression. Wenn ich anderen schade, schade ich mir auch selbst. 

Bei Sophie Strand habe ich letztens das Zitat gelesen: “Every time we look away from this violence, we all betray each other!”

Jedes Mal, wenn wir die Gewalt ignorieren, verraten wir einander. 

Ich musste daran denken, als ich mal wieder in der S-Bahn in Berlin saß, und eine scheinbar obdachlose Person reinkam und nach Geld fragte. 

Das passiert auf fast jeder S-Bahn-Fahrt zwei, drei Mal und kaum jemand schaut mehr auf, und noch weniger geben eine kleine Spende. 

Dabei hilft diese egoistische Haltung dem Ego nicht. Denn was wir uns alle in dieser S-Bahn damit gegenseitig signalisieren: Wenn du mal in der Scheisse sitzt, dann kannst du dich nicht darauf verlassen, dass dir irgendjemand hilft. Was wir uns gegenseitig signalisieren, ist: Du bist allein.

Ich habe mir dann vorgestellt, was passieren würde, wenn wir als Gesellschaft nicht den Tod und den Egoismus priorisieren würden. Ich habe mir vorgestellt, wie all die vielen Menschen in dieser S-Bahn aufstehen, zusammenkommen und gemeinsam überlegen, was diese obdachlose Person braucht, und wie wir sie dabei unterstützen können.   

Stellt euch das doch mal vor: Dreißig, vierzig Menschen, die zusammenkommen – das ist so viel Power, so viel Wissen, so viel Ressourcen. Natürlich könnte man einer obdachlosen Person auf diese Weise helfen. Natürlich könnte man jeder obdachlosen Person auf diese Weise helfen. 

Wahrscheinlich ginge es uns dadurch sogar selbst besser. Denn das zeigt sich ja auch immer wieder: Helfen macht fröhlich. Etwas Gutes tun erfüllt. Andere glücklich zu machen, macht glücklich. 

“Jemanden glücklich machen”, ist natürlich auch ein schwieriger Satz, vor allem, wenn man in die Geschichte des Patriarchats schaut, wo Frauen Männer “glücklich” machen sollten, und darunter litten. 

Aber das war ja auch nicht freiwillig. Das war aus Angst vor den gewalttätigen Konsequenzen und aus Angst entsteht keine Schönheit. Edvard Munchs “Der Schrei” ist ein unglaubliches Gemälde, aber schön ist es nicht. 

Sich aus dem System der Gewalt befreien, ist die Aufgabe. Manchmal denke ich: Frauen und Queers kämpfen seit Jahren für ihre Emanzipation vom Patriarchat. Es ist Zeit, dass die Männer das auch machen. Nicht nur einige, sondern alle. 

Warum schreibe ich das alles? Weil ich nach der letzten Mail das Gefühl hatte, da noch tiefer reingehen zu müssen in die Frage nach der Gewalt. 

Die friedliche Revolution habe ich deshalb nicht vergessen. Die vergesse ich in keinem Augenblick. 


Apropos Revolution: Neben Fossilkonzernen ist sind es die Big Tech-CEOs, die unsere Erde zerstören. Die Elon Musks und Mark Zuckerbergs, die jetzt ihre künstliche Intelligenz in die Welt bringen, um noch mehr Profit zu machen, dabei unermesslichen Schaden anrichten. Kinder in ihrem gesunden Großwerden gefährden, Arbeitsplätze vernichten, unsere Demokratie aushöhlen.

Am 28. Februar veranstalten wir deshalb eine Demo und einen Bürgerrat in Berlin. Sei dabei: Alle Infos zu FAIRNESS JETZT (Öffnet in neuem Fenster)

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