Über Krakenarme in der Elbe und einen Gedankensprung über die Berliner Mauer, über Gespenster, einen eisigen Tropfen und den unsichtbaren Fremden im Türspalt
Ich weiß nicht, warum ich neulich an Susanne denken mußte. Oder an die „treue Susanne“, wie der Bauer sie nannte, dem sie gehörte. Es lag wohl an den Kühen, die wir auf unserem Weg an die Elbe sahen. Schwarzweiß gescheckt, die Köpfe zu uns erhoben, während sie mürrisch wiederkäuten, Grashalm um Grashalm. Kühe wie Susanne und ihre vier Gefährtinnen, die keine Namen haben in der Erzählung des Bauern.
Wieder einmal hatte ich in einem Antiquariat gestanden, ein paar Jahre ist es her, als mir ein dickes Buch ins Auge fiel. „Grenzgeschichten“ stand in roter Schrift auf seinem Rücken.
Mit der Grenze war die zwischen den beiden deutschen Staaten gemeint, was sofort mein Interesse weckte. Schließlich war ich, wenn ich die Sache von meinem gegenwärtigen Standpunkt (zwischen den vollgestopften Regalen eines Lüneburger Antiquariats) aus betrachtete – jenseits der Grenze aufgewachsen; und daß ich es einmal auf die andere, die hiesige Seite schaffen würde, hätte ich mir als Kind nicht träumen lassen.
Neugierig blätterte ich in dem Buch, las hier und da eine Geschichte an, und dabei spürte ich, wie die ganze Zeit ein kleiner Wurm durch meinen Hinterkopf kroch und zischelte: „Nimmst du es mit, oder läßt du es da?“ Noch war ich unentschlossen; der Stapel der Bücher, die ich bereits ausgesucht hatte, war schon viel zu hoch. Da stieß ich auf die Geschichte von Susanne – und prompt war es um mich geschehen.
Susanne war eins von fünf Rindern, die einem Bauern gehörten, der in Bayern ganz in der Nähe der Grenze lebte. Eines Tages Ende der siebziger Jahre brachen die Tiere aus und liefen geradewegs auf die Sperrzone zu. Der Bauer, drauf und dran, ihnen zu folgen, wurde von den Grenzbeamten zurückgehalten; das sei zu gefährlich.
Auf der anderen Seite war der Ausbruch nicht unbemerkt geblieben. Schon fuhren zwei Lastwagen vor, um die Kühe abzutransportieren. Die DDR-Grenzer mußten nur noch ein Tor im Zaun öffnen und sie in Empfang nehmen.
In diesem Augenblick fiel dem Bauern ein, daß unter den Ausbrechern ja Susanne war. Ein Rind, das seine Tochter „von frühester Jugend auf“ ausgeführt hatte. Rasch formte er seine Hände zu einem Trichter und rief laut: „Susanne!“ Er rief es immer wieder – bis sie aufsah und voller Begeisterung auf ihn zukam.
Da fing er an zu laufen: in die entgegengesetzte Richtung. Fort von der Grenze und den Lastwagen! Susanne folgte ihm, und auch die anderen vier Rinder kamen hinterher. Es muß so ausgesehen haben wie im Märchen von der Goldenen Gans.
Die Grenzbeamten, erinnerte sich der Bauer, hätten bloß den Kopf geschüttelt: Daß es so glimpflich ausgehen würde, hatten sie nicht erwartet. Die Flüche von drüben hörte er nicht.

Natürlich hatte ich damals das Buch gekauft, und so konnte ich die Geschichte jetzt noch einmal nachlesen. Ein gelber Zettel steckte zwischen den Seiten – und wurde Zeuge meiner Verwunderung. Denn daß Susanne in Bayern ausriß, hatte ich völlig vergessen. In meinem Kopf hatte ich sie in die niedersächsische Pampa verpflanzt, wo es mindestens so viele Kühe gab wie Wolken.
Freilich gab es hier auch die Elbe, und schon das hätte mir meinen Irrtum vor Augen führen müssen. Schließlich markierte sie auf einer Länge von fast hundert Kilometern die Grenze, und Susanne und ihre Gefährtinnen waren ja nicht übers Wasser getrabt.
Schon oft hatten wir in Bleckede oder ein Stück elbaufwärts in Hitzacker am Ufer gestanden und über den Fluß geblickt. Und jedesmal hatte ich daran denken müssen, wie ich als Kind an einem wolkenverhangenen Wintertag die Berliner Mauer angestarrt und mich gewundert hatte, daß die Bäume dahinter genauso kahl und zerzaust aussahen wie die bei uns.
Am meisten jedoch erstaunte mich (damals in Berlin und jetzt an der Elbe), wie nah die andere Seite war. Nicht gerade einen Steinwurf entfernt; auch Rufnähe traf es nicht. Aber für einen Spatz, ja selbst für einen Schmetterling war es doch eine leicht überbrückbare Distanz.
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Neulich, als wir in Bleckede mit der Fähre ans andere Ufer übersetzten, konnte ich es gar nicht fassen: Kaum hatten wir die Räder abgestellt und das Fährgeld entrichtet, waren wir auch schon da.
Während ich dann aus östlicher Richtung über das Wasser blickte, erinnerte ich mich an die Elbe meiner Kindheit. Und mir fiel der Sommertag ein, an dem ich an der Hand meines Vaters in Dresden auf der Brücke gestanden hatte: der Himmel blau, die Luft flirrend vor Hitze. Wie eine Schlangenhaut glitzerte der Fluß in der Sonne. Er kam mir riesenhaft vor: bestürzend breit, bedrohlich fast, und als ich mich über das Geländer beugte, spürte ich ein saugendes Gefühl in der Magengrube.
Da sah ich das Schiff. Ein prächtiger weißer Schaufelraddampfer, der genau auf mich zuhielt und der Brücke immer näher kam. Plötzlich hörte ich die Stimme meines Vaters: „Guck mal, der Schornstein!“ Und im selben Augenblick kippte das schwarze Ding langsam nach hinten, bis es fast waagerecht in der Luft stand und es so aussah, als liege auf dem Dach des schwanenweißen Dampfers eine qualmende Zigarre.

In Bleckede fuhr keine Zigarre über die Elbe. Kein Schiff brauchte den Schornstein einzuklappen; es gab ja auch keine Brücke, unter der es hindurch mußte. Überhaupt war der Fluß hier breiter als in Dresden. Was für den Spatz ein alltäglicher Ausflug war, dürfte einem Schwimmer, der zu DDR-Zeiten über die Elbe floh, einiges abverlangt haben.
Natürlich geisterten solche Gedankenspiele damals auch durch meinen Kopf. Was verboten ist, reizt nun mal die kindliche Phantasie. Immer wieder überlegte ich, wie ich es anstellen würde, diese Grenze zu überwinden. Nicht, daß ich davon eine realistische Vorstellung gehabt hätte. Ich wußte nur, daß die Elbe nach Hamburg floß und in die Nordsee mündete – daß sie also irgendwo hinter Magdeburg „nach drüben machte“. Was lag da näher als der Gedanke, ihr zu folgen?
Mit der Wirklichkeit des schmächtigen Jungen, der ich war, hatte das nichts zu tun. Ich war ein schlechter Schwimmer; im Hallenbad erschien mir schon der gegenüberliegende Beckenrand unerreichbar. Voller Entsetzen heftete sich mein Blick an die nackten Schenkel der Schwimmlehrerin, wenn sie mich mit einer hölzernen Stange ins Tiefe schob. Wie hätte ein solcher Wasserschlucker über die Elbe schwimmen sollen?
In meinen Tagträumen tat ich es trotzdem und kraulte beherzt ans andere Ufer – oder noch besser: einem weißen Dampfer hinterher, der nach Hamburg wollte. Irgendwann, der Traum war schon fortgeschritten, ging mir auf, daß man mich auf der Flucht ja nicht sehen durfte. Also preßte ich das Kinn auf die Brust, riß die Arme nach vorn und verschwand von der Oberfläche, um in jene Tiefen vorzustoßen, von deren bloßem Anblick mir im Hallenbad übel wurde.
Irgendwo hatte ich eine Zeile von Brecht aufgeschnappt, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging: „Am Grunde der Moldau wandern die Steine.“ Es war mir ein Rätsel, wie Steine wandern konnten; der Satz gefiel mir trotzdem. Wenn ich vom Schwimmen und Tauchen müde wäre, dachte ich, würde ich es so machen wie die Moldausteine und am Grund der Elbe zur Nordsee wandern.
Kopfzerbrechen bereitete mir nur die Grenze selbst. Ich konnte ja niemanden fragen, wie sie beschaffen war. Ob es eine Absperrung gab, die nur das Wasser hindurchließ, gelegentlich eine Flaschenpost und hin und wieder einen Fisch. Aber schwammen in jenem Chemiecocktail namens Elbe überhaupt noch Fische?
Rasch verwarf ich den Gedanken an Seeungeheuer, die mit ihren Krakenarmen nach jedem Flüchtling schnappten, um ihn unbarmherzig zu zerquetschen; die Vorstellung war einfach zu gruselig. Wahrscheinlicher erschien mir ein riesiges Fischernetz, aus dem es kein Entrinnen gab – es sei denn man schnitt ein Loch hinein: weshalb ich im Fall des Falles unbedingt an das Brotmesser aus unserer Küchenschublade denken mußte.
Erst Jahre später begriff ich, daß meine kindliche Phantasie nicht ausreichte, um mir die Schrecken der Grenze auch nur ansatzweise vorzustellen.

Auch an jenem Wintertag in Berlin verblüffte mich die Nähe der anderen Seite. Ich wußte, daß hinter der Mauer eine Welt lag, die nach völlig anderen Prinzipien funktionierte, die anders aussah, anders roch, anders schmeckte, ja anders sprach – die also der unseren geradezu entgegengesetzt war. Und trotzdem lag sie bloß einen Spatzenflug entfernt.
Ich weiß nicht mehr, ob es an diesem Nachmittag war, daß es anfing zu schneien: auf dem Rückweg zur Friedrichstraße unter einem betongrauen Himmel, oder erst am folgenden Tag irgendwo anders in der Stadt. Fast senkrecht, in großen, dicken Flocken, die an Perlenketten erinnerten, fiel der Schnee herab, schwerelos; blieb liegen auf Schultern und Mützen, Gehwegen, Mülltonnen, Dächern von Autos und Bussen. Er fiel – nein: er floß so dicht, daß man die entgegenkommenden Leute nicht sah. Alles war weiß, ein fließender weißer Vorhang ... ich hatte das Gefühl, unsichtbar zu sein.
Der Eindruck war noch frisch, den der Anblick der Grenze in dem Elfjährigen hinterlassen hatte. Und so war es kein großer Gedankensprung, als ich mir vorstellte, wie ich über diesen leeren Platz auf die Mauer zuging, vorbei an den wachehaltenden Straßenlaternen, durch das Tor mit den verwitterten Säulen – eingehüllt und vor Blicken geschützt von dem Weiß, das vor und neben und hinter mir niederging. Wie ich mich an der Mauer heraufzog, erst das eine Bein herüberschwang, dann das andere und beherzt die Seite wechselte.
Ach, was wußte ich schon von dem mörderischen Treiben an der Grenze! An jenem Nachmittag, als ich zu ihr hinüberspähte, war nicht mal die Höhe der Betonmauer erkennbar. Kein Wunder, daß ich mich in meinem Tagtraum an das hielt, was ich kannte: nämlich an das Mäuerchen hinter der Schule, über das wir jeden Nachmittag kletterten, um den Weg zur Bushaltestelle abzukürzen.
Aber um die Höhe ging es ja nicht. Es ging um das fließende Weiß, das mich wie unter einer Tarnkappe verschwinden ließ. Es ging darum, unsichtbar zu sein. Entrinnen zu können: allen Ungeheuern, allen Krakenarmen, der Stange der Schwimmlehrerin.

Es muß ein paar Monate später gewesen sein, als ich etwas sah, was mir lange nicht aus dem Kopf ging. Ich erinnere mich, daß eines Abends die Wohnzimmertür offen stand und der Fernseher sein Geflacker in den dunklen Korridor warf. Als ich meinen Kopf durch den Türspalt schob, erstarrte ich. Was auf dem schwarzweißen Bildschirm zu sehen war, hatte das Zeug, mich bis in meine Träume zu verfolgen.
Vor kurzem habe ich versucht herauszufinden, was das für ein Film gewesen ist, der damals lief. Es ging schneller als erwartet; zwei Sätze, auf die ich bei Wikipedia stieß, genügten: „In das Landgasthaus eines verschneiten englischen Dorfes kehrt ein seltsamer Mann ein. Er ist durch Bandagen komplett vermummt und trägt eine schwarze Brille.“
Sofort stand mir wieder der unheimliche Fremde vor Augen, sein von weißen Binden umwickeltes Gesicht. Noch Jahrzehnte später spürte ich den eisigen Tropfen, der langsam meine Wirbelsäule hinabrann.
Ich weiß nicht, wie lange ich da stand, den Kopf im Türspalt, und zusah, was auf dem grisseligen Bildschirm vor sich ging. Aber eine Szene hat sich mir eingeprägt, unauslöschlich. Das war, als der Mann unter hysterischem Gelächter und zum Entsetzen der ihn anstarrenden Leute die Bandage von seinem Kopf wickelte und die Leere darunter zum Vorschein kam.
„Der Unsichtbare“ hieß der Film aus dem Jahr 1933; er geht zurück auf einen Roman von H. G. Wells. Aber das weiß ich erst heute. Als Kind erschien mir das Ganze wie eine andere Version der Wirklichkeit. So wie meine Tagträume, in denen ich nach Belieben schwamm und tauchte und Grenzen überwand, als wäre es ein Kinderspiel.
Ob es tatsächlich Mittel und Wege gab, die einen unsichtbar machten? Die Frage stellte sich nicht. Schließlich war ich selbst schon auf ein solches Mittel verfallen, als ich, eingehüllt in einen Vorhang aus Schnee, über die Mauer geklettert war.
Immerhin, eine Erkenntnis hielt der Blick durch den Türspalt bereit: Es brauchte das Weiß nicht. Nach jenem Abend ließ ich es weg und war trotzdem allen Blicken entzogen.

Neulich an der Elbe mußte ich wieder an den unheimlichen Fremden denken, der nur wegen seiner Kleidung, der schwarzen Brille und der um den Kopf gewickelten Bandagen zu sehen war. Mir fiel ein, daß ich also, um wirklich unsichtbar zu sein, nackt über den Pariser Platz hätte laufen müssen. Gut, daß ich keine Zahnspange im Mund hatte wie ein paar Jungen aus meiner Klasse; die hätte mich womöglich verraten.
Natürlich wäre ich nicht an einem Tag mit Schnee und Eis geflohen, sondern im Sommer: unter einem strahlend blauen Himmel, an dem höchstens ein paar Schäfchenwolken weideten. So wie damals in Dresden, als ich auf der Brücke gestanden hatte und der Schaufelraddampfer mit der Zigarre genau auf mich zuhielt.
Auch neulich schien die Sonne und streute jede Menge Glitzer über das Wasser. Während wir flußaufwärts radelten, blickte ich immer wieder auf die Elbe und hinüber zu dem anderen, einst so unerreichbar fernen Ufer.
Vor mir auf ihrem kleinen grünen Fahrrad strampelte meine Tochter fröhlich vor sich hin. Als wir anhielten, um zu verschnaufen und ein Käsebrot zu essen, fragte sie mich, wohin ich die ganze Zeit schauen würde. Ich sagte ihr, daß hier die Grenze gewesen sei und mich das auch nach all den Jahren noch berühre. Mit großen Augen blickte sie mich an.
„Welche Grenze?“
„Früher“, erklärte ich ihr, „konnte man nicht über den Fluß. Das war verboten, und es gab auch keine Fähre. Als Kind habe ich mir vorgestellt, daß ich heimlich hinüberschwimme. Aber das ging nicht.“
„Warum nicht?“
Ich holte tief Luft, einmal, zweimal. Dann fing ich an zu erzählen.
Ich erzählte ihr von dem geteilten Land und von der Mauer, die mitten durch eine große Stadt ging. („Durch Berlin, weißt du? Da, wo Ada wohnt.“) Von dem Wintertag und dem Kind, das ein Tor mit verwitterten Säulen anstarrte; von den dicken Schneeflocken, die alles unsichtbar machten: in der Welt und in seinen Gedanken. Und ich sagte ihr, daß ich dieses Kind gewesen bin.
Ich überlegte, ob ich ihr auch von den Seeungeheuern erzählen sollte und den Krakenarmen. Von den Netzen im Wasser, dem Brotmesser, dem unsichtbaren Mann. Aber dann dachte ich: Ach, laß die Gespenster, wo sie sind! Soll sie ihre Kindheit genießen.
Und so hielt ich es auch mit all dem anderen, von dem ich selbst erst später erfahren hatte: mit dem Stacheldraht, den Minen, den Todesschüssen. Nur die Geschichte von Susanne konnte ich mir nicht verkneifen. Und als ich ihr den Bauern vorspielte, der nach ihr rief, da mußte sie lachen.
Als das Käsebrot gegessen war, sah ich ihr zu, wie sie wieder auf ihr grünes Fahrrad stieg und losfuhr und wie der Wind ihr durchs Haar strich, während sie fröhlich singend dahinfuhr – an irgendeinem Fluß entlang, an irgendwelchen Ufern, unter Wolken und Sonne, vorbei an dem verlassenen Grenzturm, der wie ein Findling am Weg stand.
Eines Tages würde ich ihr alles erzählen.

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