Wenn ich alles richtig verstanden habe, haben Männer jetzt so viel Angst vor Frauen – und vor Schwulen, vor Transmenschen, vor Unklarheit –, dass sie sich mit Hämmern die Kieferknochen zerschmettern.
Wie machen sie das, ganz praktisch? Allein vor dem Spiegel? Weinen oder schreien sie vor Schmerz? Macht ihr Schmerz sie nur noch wütender – reden sie sich im Augenblick der Selbstverletzung ein, dass es eigentlich der nicht-männliche Feind ist, der ihnen den Schmerz zufügt?
Tun sie es allein oder in Gruppen? Trösten sie einander? Nein, das wäre schon zu weibisch. Ich stelle mir vor, dass sie in Fünfergruppen auf sich selbst einhämmern und ihre Schmerzensschreie wie Wutgebrüll aussehen lassen. Schmerz muss Klarheit schaffen!
Ich befinde mich gerade an einem Ort in der Schwebe. Er besteht geradezu aus Unklarheiten. Vor meinem Fenster sieht es so aus:

Der Ort ist die Stadt Hongkong, eine Sonderverwaltungszone. Ich bin froh, in einer Sonderverwaltungszone zu sein, weil Normalverwaltung zur Zeit gerade Gewalt zu bedeuten scheint, Krieg der Männer gegen alles Lebendige.
Ich wohne in einer streichholzschachtelgroßen Kammer im zehnten Stock. Ich habe bestimmt über tausend Nachbar*innen, so groß ist das Haus. Von den fünf Fahrstühlen sind zwei außer Betrieb, in den anderen bleibt man regelmäßig stecken.
Als ich das erste Mal im Fahrstuhl steckenbleibe, bin ich allein mit einem alten Herrn. Ich quieke leise, mache hilflose Handbewegungen, will auf einen Notfallknopf drücken. Der alte Herr grunzt und bringt mich mit einer Geste zum Schweigen. Wieder quieke ich, wieder grunzt der alte Herr. Dann, nach präzise abgemessener Zeit, drückt er auf einen Knopf, und der Fahrstuhl setzt sich wieder in Bewegung.
Die Menschen drängeln sich schon in die horrorfilmartig ächzenden Eisenkammern, bevor die anderen ausgestiegen sind. Wenn man es bis nach oben geschafft hat, überlegt man sich gründlich, ob man noch einmal wieder hinunter will. Und wenn man im kleinen Park vor dem alten buddhistischen Tempel sitzt, wo alte Menschen auf keinen Falthockern für eine Armenspeisung Schlange sitzen und die Schwarzhalsstare Zweige für ihre Nester sammeln, unter den riesigen Bäumen mit ihren Luftwurzeln, überlegt man sich, ob man wieder hinauf will.
Ich sperre mich in meine Streichholzschachtel ein und sehe auf Instagram die Auftritte des US-amerikanischen Kriegsministers, der den totalen Krieg verkündet. Sie sind lächerlich und fürchterlich zugleich – schreckenerregend in der völligen Unfähigkeit, die eigene Lächerlichkeit zu erfassen, die mörderische Cartoonhaftigkeit dieses verbalen Looksmaxxings.
Ich lese vom US-Milliardär, der in Wien vor dem Antichrist warnen will, vor Kräften, die „zerstören, was vom Westen übrig geblieben ist“. Ich lese vom Chef eines US-Überwachungsunternehmens, der stolz erklärt hat, seine KI werde geisteswissenschaftlich gebildete Menschen schwächen, vor allem Frauen, die in den USA die Demokraten wählen. Ich lese davon, wie die CDU/CSU in Deutschland weiter auf alles einprügelt, was nicht unmittelbar Männern am Steuer von Autos mit Verbrennungsmotor nützt, mit zunehmender Brutalität.
Was hat Angela Merkel dieser Partei nur angetan, dass sie sich jetzt so an ihr rächen muss, an allen Frauen, an allem, was ihr und ihrem Allmachtswahn angeblich im Weg steht? Faktenfrei und ganz offensichtlich wahnhaft?
Auf Bluesky hat mir der User sektordrei ein Psychogramm der Kohl-CDU von 1987 (Öffnet in neuem Fenster) in die Timeline gespült, aus dem SPIEGEL – einer dieser endlosen, knarzenden Riemen aus einer Zeit, als das Blatt noch nicht seinen eigenen rechtskonservativen Weltraumschrott produziert hat. Die CDU, die dort anschaulich beschrieben wird, will nach rechts, ganz nach rechts. Sie will den rechtsradikalen Rand nicht integrieren, um ihn unschädlich zu machen und die freiheitliche Ordnung zu schützen, sie will selbst dort sein, und sie will einfach die Macht. Getrieben wird sie von einer tiefen Kränkung:
„Der Stachel, jahrelang von der ‚geistigen Führung‘ (Kohl) ausgesperrt gewesen zu sein, sitzt tief. So tief, daß sich Bruno Hecks ‚Die politische Meinung‘ Mitte 1983 unter der Überschrift ‚Hitler, Bonn und die Wende‘ zu Sätzen verstieg wie: ‚Die Rebellion von 1968 hat mehr Werte zerstört als das Dritte Reich. Sie zu bewältigen ist daher wichtiger, als ein weiteres Mal Hitler zu überwinden.‘“
Hitler und der Holocaust waren keine Kränkung der Männlichkeit. Aber der Feminismus war es. Freie Liebe war es. Petra Kelly war es. Angela Merkel war es, allein schon weil sie daran festgehalten hat, dass man in einer Demokratie kompromissbereit sein und sich an Gesetze halten muss. Wenn man aber ganz fest glaubt, sich in einem Endkampf gegen Transmenschen zu befinden, gegen Geflüchtete, gegen Arme, gegen alles, was nicht hart wie Kruppstahl ist, kann Mutti endlich keine Kompromissbereitschaft mehr von einem verlangen!
Ich höre die Klopfgeräusche der Hämmer an den Kieferknochen der Männer. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass ich diesen Amoklauf der westlichen Männlichkeit irgendwie überleben werde, weil es schon nicht so schlimm werden wird. Wenn ich nicht direkt umgebracht werde, hat diese westliche Männlichkeit Mittel genug, mich verrecken zu lassen. Sie muss nur behaupten, ich sei medizinischer Hilfe nicht wert, weil ich auf unmännliche Weise schwach sei – sonst wäre ich ja nicht krank geworden! Die Krankenhausreform ist erst gelungen, wenn es nur noch Feldlazarette gibt, in denen verwundete Männer wieder für den Kampf zusammengeflickt werden; den lebensunwerten Rest lässt man verbluten.
Ist dieser Blutdurst etwas „Archaisches“? Aber das würde ja heißen, dass Raserei dieser Art früher, in Ernst Jüngers „Zeitalter der Titanen“ vielleicht, einmal okay gewesen sein muss, quasi „normal“.
Mir fällt keine Geste des Widerstands ein, mit der ich die Kriegsherren nicht gleichzeitig anfeuern würde. Männer, die die Welt verbrennen wollen, kann man nicht davon abbringen, indem man aufklärerische Bücher mit Titeln wie „Männer, die die Welt verbrennen“ schreibt. Sie fühlen sich dann einfach gesehen, anerkannt. Widerspruch ist zwecklos, sie setzen sich damit ein Denkmal. Sie sind im totalen Krieg.
Früher bin ich den stolzen Apologeten dieses Vibe Shifts in Berlin begegnet, auf Abendveranstaltungen. Sie haben sich dann zu dicht vor mir aufgebaut und in merkwürdig schnarrendem Tonfall ihre Überlegenheitsgesten abgeliefert. Aber ich bin ja zum Glück nicht in Berlin. Und ich muss ja nicht hingehen, zu diesen Abendveranstaltungen. So denke ich inzwischen manchmal über die ganze Welt: Ich muss ja nicht hingehen.
Ich muss aber in den Fahrstuhl, ich muss immer wieder in den zehnten Stock.
Oft pfeift die Overload-Warnung, wenn der siebte Mensch zusteigt, und die rote Overload-Lampe blinkt.
Einmal steht vor den Fahrstühlen eine fünfzigköpfige Reisegruppe Schlange, mit einer Reiserleiterin, die ihnen mit einem kleinen Megafon Anweisungen gibt.
Als ich zum zweiten Mal steckenbleibe, versucht ein Großvater, der seine Enkelin beeindrucken will, die Fahrstuhltüren von innen mit den Händen aufzustemmen.
Manchmal steigt eine Sexarbeiterin mit einem Kunden ein. Einmal hat der Kunde vorfreudig mit der Sexarbeiterin gescherzt. Ein andermal hat er so getan, als hätte er nichts mit ihr zu tun, und würde nur zufällig im selben Stockwerk aussteigen.
Einmal erzählt mir ein Mann, auf dessen verschränkten Armen ein Pudel liegt, er sei früher Hausmeister an einer deutsch-schweizerischen Schule gewesen.
Einmal steht ein Bauarbeiter mit einer Schubkarre voller Mauerbruch vor der Fahrstuhltür und sieht uns flehentlich an, damit wir zur Seite rücken. Er schiebt die Schubkarre hinein, aber für ihn selbst ist kein Platz mehr. Er winkt uns, wir sollen die Betontrümmer einfach für ihn nach unten bringen.
Wenn ich den Fahrstuhl im Nordflügel des Hauses nehme, gehe ich oben durch den offenen Durchgang zu meiner Kammer im Südflügel, durch die frischgewaschene Bettwäsche, die dort trocknet und sich im Wind bauscht.

Auf der Straße begegne ich einmal einem Mann, der wütend und in klarem Deutsch in sein Smartphone ruft, hier sei ja überall Dreck, überall Staub, wirklich überall! Als hätte sein Reiseveranstalter ihn falsch informiert. Ich sehe ihn schon Truppen sammeln, Kreuzzügler, die in dieser ruppigen und unter ihrer Ruppigkeit sanften Stadt das deutsche Reinheitsgebot durchsetzen.
Viele Menschen würden hier nicht einmal wissen, wo Deutschland ist, wenn man sie fragt, so wie überall in Süd- oder Südostasien. Sie würden sich die Überlegenheitsgefühle dieses Mannes nicht erklären können. Das ganze winzige Westeuropa hat für sie keine Bedeutung, es hat mit ihrem Leben nichts zu tun. Ich finde das erleichternd, anderen Männern macht es Angst, und die Angst macht sie rasend, und sie greifen zum Hammer.
Weil meine Wohnung in Hongkong so winzig ist, habe ich mir in einem Hotel gegenüber einen Platz im Co-Working-Space gemietet. Den Wellnessbereich darf ich auch benutzen, dann fahre ich mit einem problemlos hinan rauschenden gläsernen Fahrstuhl in den 21. Stock und steige in den von Plastikflamingos bewachten Pool.
Von dort oben sehe ich die in die Stadt gefrästen Schnellstraßen, die Baustellen der Wolkenkratzer, die in atemberaubenden Tempo hochgezogen werden. Machtdemonstrationen überall, ohrenbetäubender Lärm, mitten in der alten Schönheit dieser Stadt. Alte Wohnviertel werden abgerissen, und mit ihnen werden soziale Zusammenhänge zerstört. Luxus-Malls schießen aus dem Boden, mit blankgewienerten Marmorböden, kalt und tot wie Mausoleen.
So viel zu meiner Phantasievorstellung, hier der von Männermacht und -gewalt bestimmten Welt entkommen zu können.
Weiter kann ich im Augenblick nicht sehen. Mehr weiß ich nicht, und auch das kommt mir schon zu viel vor.
Danke fürs Lesen, danke fürs Weitersagen, danke fürs Subscriben oder eine Bezahl-Mitgliedschaft abschließen, wenn das Geld reicht. Übrigens bin ich dafür, dass man das Patriarchat nicht mehr füttert, bis es verhungert ist.