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Von Trani nach Dubrovnik: Die Schrecken der südlichen Adria

Wenn auch schon fast Mitte September, fühlte sich der Tag im Hafen der apulischen Stadt Trani für uns Mitteleuropäer nicht viel anders an als ein ordentlicher Sommertag in heimischen Gefilden. Angenehm warm unter wolkenlosem Himmel über dem Hafen und seiner romanisch-venezianischen Stadtkulisse.

Von der kantigen schnörkellos schönen romanischen Kathedrale San Nicola Pellegrino mit ihrem alles überragenden Kampanile geht der Blick in die Runde der Fassaden, von denen viele an die Vorherrschaft Venedigs erinnern. Eine fantastisch schöne Stadt, inspiriert vom Geist eines Friedrich II., dem mittelalterlichen Liebhaber und Beherrscher Apuliens und Siziliens. Vermutlich dem neugierigsten und aufgeklärtesten Kaiser Europas. Das Castello Normanno Svevo in Trani geht auf ihn zurück und wurde später massiv ausgebaut. Von hier aus führt auch der Weg zu seiner rätselhaftesten Hinterlassenschaft.

Morgens um sieben waren wir eingelaufen. Es ist immer ein besonderes Erlebnis, sich am frühen Morgen von Südosten dieser Küste zu nähern. Wenn du also die Sonne noch hinter dir hast, kannst du mit bloßem Auge dieses außergewöhnliche Schloss erkennen, das der Kaiser auf der höchsten Erhebung Apuliens errichten hat lassen: Castello del Monte. Mit einem Fernglas siehst du es natürlich noch besser im Sonnenlicht liegen. Als nächstes entdeckst du den Kampanile von Trani und dann weißt du, dass der Kurs stimmt.

Nach der Hafeneinfahrt, im Vorhafen ist Vorsicht geboten: Dort liegt meist ein Sandhaufen am Grund, über den du mit einem Tiefgang von 2,50 m nicht ohne Weiteres hinwegkommst. Also lieber bisschen steuerbord halten. Der ganze Hafen weist nicht viel mehr als drei Meter Tiefe auf. Es gibt für Yachten zwei Möglichkeiten festzumachen: Entweder an den Stegen der Darsegna Communale genau voraus oder an jenen der Lega Navale di Trani an backbord. Ich hatte schon beide ausprobiert. Preislich nehmen sie sich nichts, es kostete damals rund 75 Euro für meine 18 Meter lange DAISY hier wie dort. Bei der Lega haben sie die schöneren Sanitäranlagen und man kann ein hübsches T-Shirt mit dem aufgestickten Wappen des Clubs erwerben. 

Eineinhalb erlebnisreiche Tage hatten wir in der Stadt verbracht und nun ging es weiter nach Nordosten. Die DAISY war eine 25 Jahre alte Stahlketsch. Dreißig Tonnen etwas über achtzehn Meter lang und 4,70 Meter breit, als Unikat einer Swan 54 nachempfunden aber eben aus Stahl.

Wir waren eine siebenköpfige Crew. Außer unserem blonden Engel, der großen schlanken Elke, der einzigen Frau an Bord, und dem 31jährigen Fabio, hatten alle die Sechzig schon hinter sich. Vor fünf Tagen waren wir in Korfu losgesegelt, hatten in der Südbucht des kleinen Eilandes Erikoussa eine Nacht geankert und waren dann quer über die Straße von Otranto in die Adria teils gesegelt teils motort.

Nun zielten wir auf die andere Seite der südlichen Adria, auf die wundervolle Stadt Dubrovnik.

Etwa einhundertzehn Seemeilen quer über offene See. Im Wetterbericht war von Gewittern die Rede, aber das sollte uns auf der DAISY mit ihren 30 Tonnen Verdrängung nicht weiter stören. Damit musst du rechnen auf der Adria zu dieser Jahreszeit. Meist hängen sich die Gewitter über Land fest oder im küstennahen Bereich.  

Die Brise, die jetzt durch den Hafen zog, entwickelte sich draußen zu einem ordentlichen Südost von bis zu 25 kn. Schon um des Reisekomforts willen pflege ich bei wahrem Wind ab zwanzig Knoten die Segel zu kürzen. So waren wir bald mit jeweils einfach gerefftem Lattengroß und Besan und einer auf zwei Drittel verkleinerten Genua unterwegs, und zwar ziemlich zügig. Klar: Halbwindkurs. Da lief die DAISY mit dieser Besegelung gern mal an die acht Knoten und mehr. Die Bugseen rauschten jedenfalls ordentlich und die weiße Gischt flog meterweit zu den Seiten über das tiefe Blau.

Am späteren Nachmittag tauchte Bewölkung am nordöstlichen Horizont auf und bald war abzusehen, dass wir es in den Abendstunden mit Gewittern zu tun bekämen. Mindestens ein Wolkenamboss war klar ausgeprägt. Wir durchsegelten Warmfronten und Kaltfronten, es regnete kurz schauerlich. Es blitzte und donnerte. Die Zeitspannen zwischen Blitz und Donner blieben beruhigend lang. Die Gewitterzellen waren einige Meilen entfernt. So wurden es wohl zwei oder drei Gewitter, deren Fronten wir streiften. Längst hatte sich der Tag im Westen verkrümelt und wir segelten in schwarzer Dunkelheit.

Eine Stunde nach Mitternacht war dann plötzlich der Wind weg. Komplett weg. Die Rollgenua wurde völlig gerefft. Wie üblich stellte ich die Baumsegel, Groß und Besan, in die Mitte, um sie als Stützen im Seegang zu nutzen. Beide waren einmal gerefft.  Der Ford-Sechszylinder sorgte nun brummend für den Vortrieb.

Um ein Uhr übernahm ich die Wache. Der Windindikator an der Armaturentafel im Achtercockpit wies in Fahrtrichtung und die Windgeschwindigkeit, die er anzeigte, entsprach ziemlich genau unserer Fahrt über Grund: Knapp sechs Knoten. Ergo: Null Wind. Der Simrad-Autopilot hielt die DAISY auf Kurs. Fünf Männer lagen schlummernd in ihren Kojen. Drei an Backbord, zwei an steuerbord. Alle in Einzelkojen aus massivem Mahagoni mit Leesegeln. Elke teilte mit mir die Wache und hielt sich unten in der Navigation auf. 

Der Himmel bedeckt, kein Stern zu sehen, die Nacht war dunkelschwarz. Vorn am Bug tauchten die Positionslampen die Bugseen immer mal wieder in grünes und rotes Licht. Die Hecklampe sorgte für Widerschein im Kielwasser. Ein paar Meter weiter in jede Richtung verschwammen die Wellen in der Schwärze der Nacht. Kaum ein Horizont auszumachen.

Das Automatische Identifikations-System (AIS) entdeckte kein Schiff in der Nähe. Ohnehin hätte ich gut daran getan, es auszuschalten in kroatischen Gewässern. Hätte, hätte. Laut GPS befanden wir uns exakt auf Zielkurs, noch zwölf Meilen bis Dubrovnik.

Es galt später nur den Greben auszuweichen. Dabei handelt es sich um gefährliche Klippen, eine unbeleuchtete Felsgruppe, die vor der Halbinsel Lapad ein paar Meter aus dem Wasser ragt. Lapad muss sowieso an steuerbord bleiben, während das Inselchen Daksa an backbord bleiben muss, bevor wir nach steuerbord in den Hafen Gruz von Dubrovnik einbiegen konnten. Im Achtercockpit verbreiteten die Instrumentenbeleuchtungen und das Kontrolllicht der Kupplung einen rötlichen Lichtschimmer.

In diese ruhige Motorfahrt krachte das Chaos.

Ich lehnte im Achtercockpit an der Steuersäule. Elkes Blondhaar tauchte im Niedergang auf. Da traf uns der Hammerschlag. Ein gewaltiger Windstoß von steuerbord krängte die Ketsch mit Wucht nach backbord. Sechzig, siebzig Grad oder mehr, was weiß ich. Ich war nah dran, aus dem Cockpit zu fallen, hatte schon die Backbordreling in der Hand. Es war nur noch weißes Wasser, weißer Schaum um mich, weiße Gischt dicht vor mir.  

Da war nur ein Gedanke: Die Schoten! Schmeiß die Schoten los! Ich griff mit der freien Rechten zur großen Winsch der Großschot, riss das Tau aus der Rille, dann die kleinere Winsch die Besanschot. Die Bäume schwenkten sofort nach backbord. Ich denke, die Nocken tauchten ins Wasser.  Ich lag auf der Seitenwand des Cockpits. Irgendwo da unten mussten sich die Relingsstützen befinden. Ich nahm sie nicht wahr, nur weiße Gischt, die mit hohem Speed vorbeiflog.

Ein Blick zum Besan ließ mich Böses ahnen: Das Segel hatte sich schon selbst gefiert, die Latten bogen sich bereits um die Wanten, obgleich die Schot schon lose war. Ein Blick nach vorn bestürzte mich noch mehr: Der Großbaum hing zwar schon weit nach backbord aber das gereffte Tuch! Es war offenbar vom Baum gefallen, lag auf der Reling, auf dem Deck. Im schwachen Schimmer der Positionslampen sah das fatal aus. Jetzt richtete sich das Schiff wieder etwas auf, raste aber immer noch unter dem ungeheurem Druck dieses Sturmstoßes viel, viel schneller als die Maschine es hätte treiben können.

Das Besansegel knatterte böse in den harten Böen. Harte Böen? Nein, es handelte sich um mindestens Sturmstärke. Ich schätze 50 kn oder mehr. Und das Tuch glänzte nass, obgleich es seit Stunden nicht mehr geregnet hatte. Das gereffte und weit gefierte Groß stand nun einigermaßen. Aber ehe ich mich an die Situation gewöhnen konnte, war der ganze Spuk wieder verschwunden.

Kein Wind mehr. Wie abgeschnitten.

DAISY lief wieder aufrecht als wäre nichts gewesen. Pure Ruhe umgab das Brummen des Sechszylinders.

Der gereffte Teil des Lattengroßsegels hing aufs Deck herab. Ich holte die Schoten wieder dicht, die Bäume kamen wieder in Mittelstellung. Das Groß flappte im schwachen Seegang hin und her und das gereffte Tuch lag nun mit den Latten auf dem Kabinendach und auf der Sprayhood.

Nicht gut.

Das Besansegel hatte keine Spannung mehr. Da baumelte eine Leine aus der Baumnock: Die Reffleine, des Patentreffs, die als Unterliekstrecker das gereffte Segel auf Spannung halten sollte, sie war gerissen.

Was war das für eine Wettererscheinung?

Eine schnelle, vorläufige Analyse sagte mir, dass dieser Hammerwind von steuerbord schräg oben gekommen sein musste. Das schloss ich aus dem, was ich eben erlebt hatte und was ich nun im Lichtkegel der Taschenlampe sah: Die Lazyjacks des Großsegels auf der Backborseite waren nicht mehr an ihrem Platz. Sie sollten von der unteren Saling zum Großbaum herabführen, um das Segel auf dem Baum zu halten. Das taten sie nicht mehr.

Sie waren einfach weg.

Deshalb war das gereffte Tuch herabgefallen. Irgendwas muss also den Großbaum massiv nach unten gedrückt haben.

Die Lazyjacks bestehen aus einigermaßen flexiblen Leinen mit viel Reck. Was muss passieren, damit die überdehnt werden und brechen? Winddruck von oben oder von schräg oben! Jedenfalls von steuerbord oben. Die Dirk begrenzt den Spielraum des Großbaumes nach unten. Sie hat dem Druck standgehalten.

In dieser Nacht fand ich nur eine Erklärung: Ein Tornado, eine Windhose! Wir sind wohl genau mitten durchgefahren. Mit sechs Knoten Speed. Das war unser Glück.

Wir waren schnell durch. Ich habe sie in der Dunkelheit nicht wahrgenommen. Das soll mir nicht mehr passieren!  

In Dubrovnik und später noch einmal in Pula habe ich das Rigg kontrolliert. Die Reffleine des Großsegels zeigte klar Spuren von Überdehnung. Auf einer Länge von etwa vierzig Zentimetern war der Mantel weg: Sie war arg gestresst worden. Sie musste sogleich ausgewechselt werden. Auch das sprach für einen extremen Winddruck von oben. In Pula musste ich zudem feststellen, dass eine der Niro-Kardelen des zwölf Millimeter starken achterlichen Steuerbord-Unterwants am Großmast unter dem Terminal gebrochen war. Eine von zwölf Kardelen. Bei einem 16-fach verstagten Großmast nicht sofort ein unkalkulierbares Risiko, aber ein Schaden, der zügig behoben werden musste. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was da mit einer filigraneren Yacht passiert wäre.

Elke stand bleich im Niedergang, hielt sich immer noch etwas verkrampft fest am Handlauf.

»Was war denn das?«

»Ein Wirbelsturm, eine Windhose, denke ich.«

»Du wärst beinah rausgefallen.«

»Ja, aber nur beinah. Wir sind gleich da.«

Nach diesem Schreckensereignis steuerten wir weiter in der schwarzen Nacht auf Dubrovnik zu. Nicht ahnend, dass uns dort eine weitere Turbulenz erwarten würde. Allerdings keine meteorologische.

Bald spiegelten sich die Lichter der Hafenstadt im schwarzen Wasser. Die Einfahrtslampen wiesen uns den Weg, rot und grün.

Gegen vier Uhr früh erreichten wir den Hafen Gruz. Er war mir gut bekannt von einigen früheren Aufenthalten. Dies sollte mein erster Besuch mit meinem eigenen Schiff werden. Bei Claudia in Trani hätte ich eine kroatische Gastlandsflagge besorgen können. Hätte.

Da ich diesmal aus Italien, aus dem Ausland anreiste, setzte ich mangels kroatischer Flagge die gelbe Flagge »Q« und legte das Schiff an die Zollpier. Jedenfalls dorthin, wo ich bisher die Zollpier wusste. Wir machten im Licht der Hafenbeleuchtung backbords längsseits fest. Das neue Zollbüro lag finster gegenüber. Offenbar geschlossen. Wir tuchten die Segel ordentlich auf, stellten die Schäden fest und legten uns schlafen.

Gegen sieben Uhr weckte mich eine Männerstimme von draußen »Hallo Daisy!«

Ein blonder Mensch in Zivil etwa Mitte Dreißig stand auf dem Kai, eine Ausweiskarte um den Hals. Ich sagte: »Good morning!«

»What do you want here?«

So eine Begrüßung nach langer Fahrt habe ich in noch keinem Hafen gehört. Okay. Wir sind in Kroatien.

»We like to visit Croatia. We want check in.«

»You have to berth at the toll-pier.«

»I thought, this is the toll-pier. I have been here before.«

»No. The toll-pier is there.«

Er deutete auf den Platz achteraus der DAISY, etwa eine Schiffslänge entfernt. Der Platz war nicht gekennzeichnet, nicht abgetrennt. Er lag einfach nur rund zwanzig Meter weiter zurück.

»Okay, we move.«

»And afterwords you have to go to the police, with your documents.« Er wies auf den Eingang des weißgrauen Zollgebäudes.

Inzwischen war die Crew auch aufgestanden. Wir verholten das Schiff die zwanzig Meter achteraus. Ich sammelte die Pässe ein, packte das Schiffsdokument dazu in den Rucksack und machte mich auf den Weg. Die Halle wurde von einer Reihe Abfertigungsschalter in der Mitte geteilt. An einem saß eine Polizistin in dunkelgrüner Uniform. Bisschen rundlich, dunkle Locken unter dem Militärschiffchen, vielleicht ende Vierzig, der übliche strenge Blick.

»You come from the Daisy?«

»Yes Mam. I am the owner and captain.«

»Okay. Now you have to pay hundred Euro.«

Ich musste schlucken.

»What? Why? Hundred Euros for what?«

»That’s what the harbour-authority said. You did not announce your arrival by VHF.«

Schon wieder musste ich schlucken. Das war lächerlich. Noch nie war es in diesem Hafen erforderlich gewesen, sich per Funk anzumelden.

»They registered you in the night and you come in without an announcing.«

Natürlich revoltierte alles in mir. Das war absoluter Humbug. Wenn sie mich schon kommen sahen in der Nacht, hätten sie mich ja anfunken können, um zu fragen, wo ich hinwollte. So habe ich das in England oder in Kuba erlebt. Ich war drauf und dran gleich wieder abzulegen. Es half alles Argumentieren nichts. Hundert Euro hatte ich nicht bei mir.

Kategorie Albtraum Tornado

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