Schon der Name hatte für mich immer etwas Abenteuerliches. Man könnte an einen Kapitän Frederico Silba denken, der als Freibeuter einst zwischen den dalmatinischen Inseln und bis nach Griechenland hinunter sein Unwesen trieb. Vielleicht kam es daher, dass diese wunderschöne Insel südlich von Losinj in der kroatischen Adria Rückzugsort des geheimnisumwitterten Oberst Bogdan Gerlan wurde, der in dem Thriller »Tod auf der Adria« so manche Fäden zieht. Spannende Story.
Zwar habe ich seine hübsche Villa am Meer nie wirklich gefunden, obgleich ich dieses Eiland viele Male von beiden Seiten angelaufen habe. Dieses eine Mal aber werde ich nie vergessen. Es wurde mir ein Ankerlehrstück der schauerlichen Art.
Silba! Es gibt einen Westhafen und einen Osthafen und nur der Osthafen bietet eine größere Anzahl halbwegs sicherer Liegeplätze hinter einer hohen Hafenmauer. Im Sommer sind diese meist schon um vier Uhr nachmittags heillos überfüllt. Zwar hatte ich die schnellste Slup unter den Füßen, die ich je gechartert habe, die SUNMANU, eine Bavaria 46 aus der Charterflotte von Wolfgang Stecher, aber wir kamen dennoch zu spät an diesem heißen Frühsommertag. Von Vrsar in Istrien mit Übernachtung in Pula, quer über die Kvarner Bucht an Unje und Losinj vorbei waren wir gegen halb sechs nachmittags vor dem Osthafen von Silba angekommen.
Im milden rosigen Abendlicht war schon von weitem ein gutes Dutzend Masten von Jachten auszumachen, die vor dem Hafen ankerten. Ich fand noch einen Platz am östlichen Rand des Ankerfeldes, auf sechs Meter Wasser. Anker runter fünfundzwanzig Meter Kette raus, einfahren, hält. Ankerball hoch, Ankerlicht an, Dinghi ins Wasser, Motor dran und in den Hafen kurven. Wir waren acht Segelfreunde und -freundinnen und alle freuten sich auf ein leckeres Pleskavica, ein Thunfischsteak oder sowas in der Konoba mitten im Dorf. Ich musste zweimal fahren, weil jeweils nur vier Personen im Schlauchboot Platz fanden.
Im Osten hatten sich ein paar wuchtige Wolken aufgetürmt. Könnte sein, dass sich die Schwüle in einem Gewitter entlädt, vielleicht da drüben über der langgezogenen Insel Pag. Immerhin gut zwölf Seemeilen entfernt. Sah schon nach einem ausgeprägten Amboss aus.
Der Osthafen auf Silba zeigte sich erfüllt vom Seglerfeierabend. Dicht an dicht lagen Yachten vertäut, die Pier fröhlich bunt bevölkert. Gegenüber im kleinen Hafenbecken eine Ansammlung von Schlauchbooten. Wir klemmten das unsere noch dazwischen.
Für mich gehört es dazu, nie den Kontakt zu dem Schiff zu verlieren, das mich beherbergt und für das ich Verantwortung trage. So sah ich mich auch diesmal gründlich um. Da draußen über der Hafenmauer identifizierte ich das Ankerlicht »meines« Schiffes. Der Mast der 46er gehörte mit seinen rund einundzwanzig Metern zu den höheren in seiner Umgebung.
In der Konoba fand sich noch ein Tisch für alle acht. Bald standen acht Karlovac auf dem Tisch. Wir stießen auf einen sonnigen Segeltag an. Der Ober kam, um unsere Bestellung aufzunehmen. Kaum war er weg, fauchte eine Bö über die Dächer und durch die Gasse. Die Geräuschkulisse in der Konoba brach abrupt ab. Alle lauschten dem Pfeifen und ich bekam ein mulmiges Gefühl. Und dann waren sie auch schon da, die Wolken.
Ein Raunen ging durch die Reihen der Tische. Es waren wohl alles Segler und Seglerinnen. Bange Blicke zum Himmel. Der Ober balancierte die Teller voll saftiger Leckereien an den Tisch. Urplötzlich prasselte es. Es schüttete wie aus Kübeln auf das Dach. Die Gasse wurde zum Bach, Blitze zuckten und mächtige Böen pfiffen über die Dächer. Ich zählte automatisch die Sekunden bis zum Donner. Ich kam bis zwölf, aber es hielt mich nichts mehr, ich musste nach »meinem« Schiff sehen.
Nur um eine Ecke und ich konnte die Ankerlichter über der Hafenmauer erkennen. Dort der hohe Mast, das musste die SANMANU sein. Klar das war sie. Beruhigend. Aber dann sah ich nochmal hin. Bewegte sich das Licht? Da war noch ein anderes Licht, und das war deutlich unterwegs in Windrichtung. Und meins?
Klatschnass zum Tisch zurück. »Ich muss zum Schiff!« Hartmut ließ das Besteck fallen und sprang auf: »Ich komm mit.«
___STEADY_PAYWALL___Durch prasselnden Regen rannten wir zum inneren Hafenbecken. Rein ins Schlauchboot, anlassen und los. Die hübsche Abendstimmung, längst weggeblasen. Der Himmel dunkelblau. Blitze erhellten die finstere Szenerie. Ich kam immer noch bis zehn. Zehn mal 343 ergibt etwa dreitausendvierhundert und dreißig. Die Gewitterzelle ist ungefähr noch dreieinhalb Kilometer entfernt. Keine unmittelbare Blitzschlaggefahr.
In der Hafenbucht draußen flog uns Gischt entgegen. Nur kleiner Seegang aber die Böen peitschten das Wasser, Regen prasselte drauf. Da lag sie, die SUNMANU. Sie hatte ihren Platz verlassen. Es waren etwa drei Schiffslängen. Ich fuhr die Heckplattform an, Motor aus, kletterte an Bord. Hartmut kümmerte sich um das Dinghi. Ich stürmte in den Salon. Licht an.
Genau dieser Moment beeindruckte mich schwer: Die Stille im Schiff. Der hell erleuchtete Salon, der saubere Holzriemenboden, der Navitisch, die Pantry. Die SUNMANU lag still obgleich draußen Weltuntergang gespielt wurde. Diese Gelassenheit wirkte ansteckend. Ölzeugjacke raus und reinschlüpfen.
»Hartmut, wir holen den Anker und ankern neu!« Decksscheinwerfer an. Er ging zum Bug. Ich startete im Cockpit draußen die Maschine und fuhr langsam gegen die Kette. Dann hörte ich die Ankerwinsch singen. Die fünfundzwanzig Meter waren rasch aufgeholt. Er gab mir das Zeichen und ich fuhr einen neuen Ankerplatz an. Wieder auf sechs Meter und diesmal mit vierzig Metern Kette. Ich fuhr den Anker heftig ein. Maschine aus.
In der Navi trug ich die Koordinaten des neuen Platzes ins Logbuch ein. Sie unterschieden sich nur um ein paar Meter zum alten. An meinem GPS beobachtete ich die Schiffsbewegung. Die SUNMANU schwoite lediglich etwas zu Seite. Nicht nach achteraus. Der Anker hielt sie nun fest. Wir blieben noch etwa fünfzehn Minuten an Bord, schlüpften in trockene Klamotten. Der Regen hörte auf, das Gewitter zog nach Südosten Richtung Küste ab. Mit dem Schlauchboot zurück in den Hafen. Dinner Teil zwei. Es wurde noch sehr gemütlich.
Seit dieser Reise, die uns noch weit nach Dalmatien hinein führte, setze ich immer die maximal mögliche Kettenlänge ein. Der Anker muss möglichst in jeder Wettersituation horizontal über den Grund geschleppt werden. Eine zu kurze Kette führt unweigerlich zum Ausbrechen, sobald der Wind entsprechend auffrischt.
Deine Reaktion auf diese Geschichte würde mich interessieren und sehr freuen. Vielen Dank!
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