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Männer*, die auf Reichweite starren

Mein erstes soziales Netzwerk hieß WinMX. Die im Jahr 2000 veröffentlichte Software ermöglichte es, die Server des Filesharing-Schreckgespenstes Napster (und weitere, von Privatleuten betriebene) zu verwenden und dort nicht nur mit den User:innen zu chatten, von denen man gerade „Higher“ von Creed oder „Teenage Dirtbag“ von Wheatus herunterlud, sondern sich in großen Gruppen zu unterhalten. Im Gegensatz zu Napster fiel damit der Zufall weg, und man konnte sich einer festen Community zuordnen. Dort lernte ich eine Gruppe von Skatepunk-Freunden aus Zwickau kennen, zu denen sich ein drei Jahre anhaltender, mitunter sehr enger Kontakt entwickelte.

Als WinMX zwischenzeitlich von amerikanischen Rechteinhabern aus dem Internet geklagt worden war, wechselten wir zum IRC-Chat, eine Infrastruktur die bis heute zuverlässig funktioniert und im Prinzip noch genauso aussieht wie 1988. Von dort ging es zu MySpace, zu LiveJournal, zu Blogspot (das dann zu Blogger.com (Öffnet in neuem Fenster) wurde) und so weiter, bis irgendwann WordPress auch für Nicht-ganz-so-Experten für mich mit ein bisschen Mühe auf eigenem Webspace installierbar war.

Ich erzähle das hier so, weil sich vielleicht nur für eine relativ kleine Generationskohorte das soziale Internet so entwickelt hat, dass wir regelmäßig Plattformen und damit auch soziale Konstellationen wechselten, und diese Strukturen noch weitgehend vom Gedanken angetrieben wurden Dinge auszuprobieren, statt möglichst viel Geld und Macht daraus zu generieren. Für die Generation vor uns war das Internet eine Kommunikationsmöglichkeit einer digitalen Elite, für die danach schon ein Werkzeug des Kapitals.

Diese Generationenreihenfolgen haben aber wenig mit dem Geburtsjahr zu tun: Die, die uns nachfolgten waren natürlich diejenigen, die in den 90ern geboren wurden, aber auch jene aus den 60ern und frühen 70ern, die das Spektakel zuvor weitgehend von Ferne betrachtet hatten.

In der Geschichtswissenschaft geschah das alles naturgemäß später. 2010 wurde ich mit meinem ersten Smartphone (Motorola Milestone, mit ausfahrbarer Tastatur!) misstrauisch beäugt, 2013 das erstmals im analogen Raum auf mein Blog angesprochen, als ich 2014 eine Lehrveranstaltung über Geschichtsvermittlung im Netz gab war dort von den Studierenden, alle zwischen 20 und 35, keiner irgendwie über Freundesnetzwerke hinaus wirklich digital aktiv – von den Lehrstuhlinhaber:innen ganz abgesehen, bei denen man sich teils freuen musste, wenn sie ihre E-Mails selbst und unausgedruckt lasen.

Der Prozess, die Menschen ins Netz zu bekommen, brauchte eben seine Zeit, aber diese Zeit half auch dabei, diese Menschen in die funktionierenden Communities zu integrieren. Das Konzept ist nicht neu, sein Scheitern hatte sogar schon einen 20 Jahre alten Namen: „Eternal September“. Der September war in den 80ern und frühen 90ern nämlich der Monat gewesen, in dem Erstsemester an amerikanische Universitäten kamen, dort Zugang zum Internet und zum Usenet erlangten und entsprechend mit Online-Kommunikation begannen. Der September war damit der Monat, in dem es darum ging, ihnen die Gepflogenheiten der Community beizubringen, Regeln durchzusetzen und effektive Selbstmoderation sicherzustellen.

1993/94 begannen schließlich mehrere Internetanbieter damit, den Zugang zum Usenet auch für Privatanwender:innen deutlich zu vereinfachen, und der ewige September begann: Die lange gewachsenen und funktionierenden Communities wurden durch eine konstanten Zustrom an Neu-Nutzer:innen überlastet. Moderation und Integration funktionierten nicht mehr, und die Parallelgesellschaften des Usenet, die sich auf der Basis gemeinsamer Interessen gebildet hatten, wurden durch schiere Überwältigung zurück in die Realität mit ihren Machtverhältnissen und -dynamiken gebracht.

So ähnlich funktionierte das dann auch in unseren großen zentralisierten sozialen Netzwerken: Nachdem eine digitale Avantgarde die Spielwiesen ausgetestet, eigene Normen entwickelt und Kontroversen ausgefochten hatten, waren die leicht zugänglichen Angebote von Facebook, Twitter und irgendwann auch Instagram attraktiv für die Nachzügler:innen, die aber gleichzeitig ihre Ansprüche an Kommunikation aus der analogen Welt mitbrachten.

Und so kamen die Professoren in die Timeline und alles wurde auf eine völlig neue Art anstrengend.

Die „Digital Immigrants“ (im Gegensatz zu den „Digital Natives“) waren ja immer schon eine eher nervige Erscheinung gewesen, aber bei den Professor:innen kam dazu, dass sie aus der realen Welt gewohnt waren, dass ihnen dankbar zugehört wurde, wenn sie redeten. Und dass am Ende geklatscht oder geklopft wurde, dass man in Ehrfurcht erstarrte und dankbar für ihre Gedanken war. Eigentlich war das mit dem weitgehend egalitären Konzept des Ursprungs-Twitter nicht vereinbar, wo nichts zählte außer die 140 Zeichen und wo es anfangs nicht einmal das blaue Häkchen gegeben hatte, das Relevanz in der echten Welt signalisierte.

Dazu kam, dass diese Immigrant:innen noch viel mehr als diejenigen, die schon mit der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie aufgewachsen waren, deren Versuchungen erliegen konnten. Denn gerade bei den digitalen Kleinstformaten (Twitter, X, TikTok, Reels etc.) ist es ja vergleichsweise einfach, große Reichweiten und viel Beifall zu bekommen: Man sucht sich ein Thema, bei dem eine ausreichend große Kohorte der Meinung ist, ganz sicher auf der richtigen Seite zu stehen, dann betont man immer wieder die eigene Richtigkeit und sammelt empörende Beweise für die Falschheit der Anderen. Das funktioniert auf allen Seiten gleich, man sehe sich nur die Themenkomplexe „Radwege“, „Homöopathie“ oder „Rauchverbot“ an, wenn wir nicht gleich in die Weltgeschichte blicken wollen.

Man konnte das ab ca. 2014 immer wieder beobachten: Leute mit dem weltlichen Anspruch gehört zu werden kamen in die Netzwerke und brauchten dann ein paar Wochen, um diese Mechanismen zu fühlen und zu bedienen, sich an den Endorphinschub von Likes und Retweets zu gewöhnen und ihm schließlich ganz zu erliegen.

Eigentlich allen, denen das passierte, war und ist bis heute eins gemein: Sie haben diese Medien nie als Dialogformat wahrgenommen. Sie senden, aber sie empfangen wenig. Antworten auf Beiträge anderer gibt es nur als Reaktion auf den eigenen Post und in den meisten Fällen (bei X und Bluesky) nur als Quote-Retweet – dadurch ergibt sich allerdings kein Dialog, sondern eine Situation in der eine (meist mit kleinerer Reichweite ausgestattete Person) etwas sagt, und die Person mit der großen Reichweite allen ihren Follower:innen mitteilt: Das hier hat jemand mir gesagt, und ich sage euch nun, was ich davon halte.

In der nichtdigitalen Welt würden wir eine solche soziale Kommunikation niemals akzeptieren, in der einer ein Gespräch mehr Megafon einseitig den ihm wohlgesonnen Personen nacherzählt. Im Digitalen haben wir das lange akzeptiert, auch weil wir glücklich waren, dass unsere Netzwerke überhaupt solche Prominenz abbekamen (und einige von uns auch selbst diesen Unsitten verfielen, so ehrlich müssen wir uns machen).

Und damit kommen wir mal vom Allgemeinen ins Konkrete, dem Anlass dieses Textes: Ilko-Sascha Kowalczuk hat genau diesen Weg mitgemacht und ist jetzt am Ende des großen Kreises angekommen: Im „Spiegel“ durfte er seinen Abschied von Social Media (Öffnet in neuem Fenster) begründen, oder genauer: Von Social-Media-Debatten, denn für Werbung möchte er seine reichweitenstarken Kanäle ja weiter verwenden.

Der Artikel ist durchaus interessant und lesenswert, weil Kowalczuk nicht mit Selbst- und Fremdkritik spart. Ich folgte ihm seit seinem ersten Tag auf Twitter, irgendwann in dieser Anfangszeit kam eine Facebookverbindung dazu (von wem, kann ich heute nicht mehr sagen) und bin mir entsprechend sicher, dass er auch mit dieser Kritik leben können wird, denn: Am Ende des Spiegel-Artikels steht zumindest für mich die Erkenntnis, dass er, wie viele seiner Generation, das Wesen der Sozialen Medien schlicht nicht so verstanden hat, dass daraus noch Gewinn zu ziehen ist.

Natürlich müssen wir erstmal einsehen, dass der Traum der demokratisierenden Wirkung der Sozialen Medien (man denke nur an den Arabischen Frühling) vorbei ist, getötet von Milliardären, Medienkonglomeraten, überwachungsfreudigen Legislativen, übereifrigen Exekutiven und unser aller niedersten Instinkten.

Aber das bedeutet ja nicht, dass wir damit nicht dennoch etwas anfangen können: Einige, vielleicht sogar die meisten meiner engen Freundinnen und Freunde habe ich über Wege kennengelernt, die wir als Soziale Medien bezeichnen könnten. Tatsächlich halte ich den Weg, Menschen über gemeinsame Interessen (oder auch „Bubbles“) kennen und schätzen zu lernen, dem früheren Weg des geografischen Zufalls für weit überlegen.

Aber auch darüber hinaus ist jede Möglichkeit für Dialog ja erst einmal zu begrüßen, denn damit schaffen wir Multiperspektivität und können unsere eigenen Standpunkte, je nach Güte der Argumente, überdenken, umwerfen, schärfen oder einfach nur stärken. Das kulturpessimistische Klagen über sich abgrenzende soziale Blasen teile ich nicht: Wer nur ein bisschen den Austausch sucht, wird in 24 Stunden mit mehr (auch halbwegs nachvollziehbaren) Standpunkten konfrontiert als er in den gesamten 1990er Jahren lesen konnte, als es schon revolutionär war, Hans-Christian Ströbele zum Kosovokrieg zwei ARD-Sendeminuten einzuräumen.

Aber zurück zu Kowalczuk: Der beklagt völlig zu Recht den „mentalen Verschleiß“, den seine Aktivitäten auf gleich vier Netzwerken förderten, und als jemand, der meist rein mitlesend dabei war, kann ich das sehr gut nachvollziehen – Kowalczuk hatte zu sehr vielen Themen sehr starke Meinungen, nicht immer fachlich begründet, sondern auch einfach als Bürger, als Zeitzeuge, als Fan oder schlicht als Vater (eines seiner Kinder spielt in der neuen Netflix-Serie „Kacken an der Havel“ mit, deren erste Folge ich recht gelungen fand). Auf diese starken Meinungen kamen stärkere Antworten, die weitere Reaktionen hervorriefen, die dann schließlich via Algorithmus Leute zum Historiker trieben, die mit Historiker:innen selten zu tun haben, aber überall Propaganda und Bevormundung sehen. Anstrengend, ich kenne das.

Bloß war das ganz abseits vom Inhalt bei Kowalczuk und vielen der anderen, ich sag’s mal flapsig, Twitterboomer, auch formal ein selbstgeschaffenes Problem: Diese Sorte User:in verstand die Netzwerke immer als eine Fortführung zentraler Medien mit Diskussionsfunktion: Sie selbst schrieben eine Botschaft in die Welt, und gegebenenfalls reagierten sie dann auf die Antworten. Fast nie habe ich diese Menschen schlicht auf Dinge eingehen sehen, die einfach in ihrer Timeline passierten, auf Einwürfe von außen ohne Bezug zu ihnen. Eine solche Form von sozialem Austausch ist aber natürlich sehr eng gefasst, und sie schadet auf zweierlei Weise:

Einmal erzeugt sie ein gezwungenermaßen egozentrisches Bild der Welt: Alles, mit dem man agiert, hat zwangsläufig mit einem selbst zu tun, also mit der eigenen Biografie, der eigenen Forschung, der eigenen Erfahrung. Wirklich randständige, überraschende Impulse über Themen, mit denen man sich vorher nie befasst hat, sind so überhaupt nicht zu erwarten.

Zum anderen lädt man sich die problematischen Geister natürlich ein, wenn man die eigene Internetpräsenz so versteht, dass man gewissermaßen „Hof hält“: Wer mit dem Historiker (und manchmal der Historikerin) in Austausch treten will, kann das nur, indem man auf die von ihm gesetzten Themen antwortet. Und die Reaktion bekommt man, das wissen wir alle vom Schulhof, am besten mit den knalligen Thesen.

Und so komme ich, der sich gerade in einem jahrelangen selbstkritischen Abnabelungsprozess von den Sozialen Netzwerken befindet, in die merkwürdige Lage, sie auch ein wenig verteidigen zu müssen: Weil sie eben funktionieren können, wenn man sie richtig bedient und sich ihre Kuratierung nicht von den Algorithmen der Eigentümer der Kommunikationsmittel abnehmen lässt. Der Schlüssel dazu ist vermutlich die Abkehr von der Idee eines Marktplatzes, auf dem möglichst alle Menschen der Erde gleichzeitig reden können, und die Rückkehr in die kleineren Räume. Denn dort, wo wir themen- und interessenbasiert kommunizieren können, bieten sich Chancen, wieder eigene Gepflogenheiten und Normen zu entwickeln. Und: Je kleiner unsere Community, desto uninteressanter ist sie für Elon Musk. Und das kann uns doch allen nur gefallen.

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