Es ist Montagmorgen. Du liest die Blaupause, den Newsletter, mit dem du Communitys besser verstehst und erfolgreich Mitgliedschaften anbietest. Heute: Stabile Münzen für Medien von KI-Agenten.
Hallo!
Medien verdienen Geld mit Werbung und Abos, das war schon immer so. Aber das Modell Paywall passt schlecht in eine Welt, die von AI-Agenten bevölkert ist – kleine KI-Helferlein, die dir und mir täglich die Informationen persönlich zusammenstellen. Kund:innen sind dann also möglicherweise keine Leser:innen mehr, sondern Maschinen.
Stell dir vor: Dein KI-Agent liest jeden Morgen hunderte Quellen, kauft für ein paar Cent genau die Artikel, die dich interessieren – und die Publisher verdienen an jedem Abruf mit. KI-Agenten könnten einzelne Artikel für Bruchteile eines Cents kaufen, hundertfach am Tag.
Klingt nach ferner Zukunft? In Deutschland läuft das erste Pilot-Projekt bereits. Wie das funktioniert, erklärt Peter Grosskopf, Technikchef des Frankfurter E-Geld-Startups AllUnity – und warum gerade kleine, spezialisierte Publisher jetzt experimentieren sollten. Übrigens: Als Blaupause-Leser:in kannst du das auch ausprobieren. Details am Ende dieses Interviews.
Peter, wie verdienen Medien in der KI-Zukunft Geld?
Ich bin selbst jemand, der viel Geld für Journalismus ausgibt – ich habe fünf Zeitungsabos, diverse Magazine, über 100 Euro im Monat. Ich kann mir eine Zukunft vorstellen, in der ich dieses Medienbudget einem persönlichen Nachrichten-Agenten gebe: Er kennt meine bevorzugten Quellen, Autorinnen und Autoren, holt sich die Inhalte über Schnittstellen und lizenziert und bezahlt sie automatisch aus meinem Budget.
Klingt wie der Pressespiegel, den zum Beispiel Ministerien jeden Morgen bekommen.
Genau. Früher hat jemand mit der Schere Artikel ausgeschnitten und eine Ausschnittmappe zusammengestellt. In Zukunft kuratiert eine KI aus lizenzierten Quellen ein persönliches Briefing zusammen. Habe ich Zeit zu lesen, wird es länger. Habe ich 14 Meetings, wird es kürzer. Die entscheidende Frage ist, wie diese Inhalte bezahlt, konsumiert und lizenziert werden.
SEO für Agenten
Inhalte hinter der Paywall sind für KI-Agenten heute unsichtbar. Wie findet ein Agent überhaupt, was er kaufen kann?
Das ist ein zentraler Baustein: eine Art Suchmaschinenoptimierung auf Agenten-Ebene. Publisher hinterlegen maschinenlesbare Metadaten zu ihren Inhalten – der Agent sieht dann: Hier gibt es einen Artikel zu meiner Frage, er kostet ein bis zwei Cent, das passt in mein Budget. Das wäre das Modell Pay-per-Use: Mich interessiert ein einzelner Artikel, eine Serie, ein Video oder ein Datensatz – und der wird bei Bedarf gekauft. Je nachdem, wie wertvoll, selten oder speziell die Information ist, kann der Preis unterschiedlich ausfallen.
Aber über Micropayments wird doch seit vielen Jahren diskutiert (Öffnet in neuem Fenster). Gescheitert ist das immer an den Mindestgebühren der Zahlungsanbieter. Warum soll es diesmal klappen?
Weil diesmal kein Mensch an der Paywall eine Kaufentscheidung über fünf Cent treffen muss. Der Zahlende ist eine Infrastruktur: Der Agent prüft sein Budget, bezahlt im Hintergrund und liefert das Ergebnis. Wenn ein digitales Gut nur 0,0001 Euro wert ist, kann die Gebühr nicht ein Vielfaches davon betragen. Der Begriff „Micropayment“ ist dahingehend irreführend, dass man damit immer nur kleine Zahlungen impliziert. Ein Microspayment kann auch mehrere Euro betragen oder noch höher. Die Höhe hängt vom Wert des Assets ab. Mit Stablecoins gibt es zum ersten Mal ein System, das Zahlungen unterhalb eines Cents wirtschaftlich möglich macht.
Echtes Geld, anders dargestellt
Moment: Was genau ist nochmal Stablecoin?
Ein Stablecoin (Öffnet in neuem Fenster) ist eine digitale Form von Geld, die auf sogenanntem E-Geld (Öffnet in neuem Fenster) basiert – einer Geldform, die seit Jahren auf EU-Ebene reguliert ist. Ein Stablecoin ist dieses E-Geld, ausgegeben auf einer Blockchain. Der Vorteil: Transaktionen vom Sender zum Empfänger funktionieren in kürzester Zeit und sehr günstig.
Viele Leute kriegen beim Thema Krypto sofort Kopfschmerzen. Ist das nicht das Geld, mit dem man im Netz Drogen kauft?
Nein. Kryptowährungen wie Bitcoin beziehen ihren Wert daraus, dass Menschen an sie glauben – sie sind spekulativ. Ein Stablecoin dagegen entspricht immer dem Wert der Währung dahinter: Ein Euro-Stablecoin ist ein Euro. Für jeden Stablecoin ist ein Euro auf einem Bankkonto eingezahlt und diese Gelder werden von einem E-Geld Institut sicher verwahrt. Es geht nicht um Spekulation, sondern um eine andere Darstellungsform von echtem Geld.
Nutzt das heute schon irgendjemand?
Viele Menschen nutzen E-Geld, ohne es zu wissen. Wer an der Supermarktkasse eine Guthabenkarte kauft oder ein Konto bei Revolut hat, interagiert mit E-Geld. Die wenigsten denken darüber nach, ob sie gerade Zentralbankgeld, Bankengeld oder E-Geld benutzen – und das ist auch in Ordnung.
Kurz erklärt: Wie zahlt ein Agent? Damit Software autonom bezahlen kann, braucht es einen technischen Standard. AllUnity setzt auf „Agentic Payments“ über den x402-Standard (Öffnet in neuem Fenster), bei dem ein Server dem Agenten per HTTP-Code 402 („Payment Required“) signalisiert, dass ein Inhalt gegen Bezahlung bereitsteht – der Agent begleicht den Betrag dann automatisch aus einem hinterlegten Stablecoin-Guthaben.
Bruchteile eines Cents
Was kostet eine Stablecoin-Transaktion?
Das hängt von der Blockchain ab. Auf modernen Systemen liegen die Gebühren im Bereich von 0,000… – Bruchteilen eines Cents, in normalen Währungseinheiten kaum messbar. Zum Vergleich: Bei Kartenzahlungen fallen Mindestgebühren und oft mehrere Prozent an.
Zurück zu „Microtransactions“: Bei diesem Begriff zucken große Verlage zusammen, denn sie wollen lieber Abos verkaufen. Und kleine Nischen-Publisher fragen sich, ob bei Kleinstbeträgen überhaupt relevante Umsätze zusammenkommen.
Möglicherweise funktioniert das in der Nische besser als für klassische Massenmedien. News sind überall ähnlich. Hochspezialisierte Inhalte, die es nirgendwo sonst gibt, sind für KI-Agenten aber besonders wertvoll. Dazu kommt Sichtbarkeit: Inhalte hinter der Paywall sind für KI-Agenten heute schlicht unsichtbar. Wer sie maschinenlesbar beschreibt, wird überhaupt erst gefunden – selbst wenn der Agent nicht kauft, kann daraus ein klassisches Abo werden. Und Sprache spielt keine Rolle mehr: Der Agent kauft den deutschen Artikel und liefert ihn seiner Nutzerin auf Englisch. Ein Nischenmedium bekommt theoretisch ein weltweites Publikum.
Lizenz nur für den eigenen Kontext
Wenn eine KI einen Artikel einmal gelesen hat, steckt er doch in ihrem Wissen – und sie kann ihn jedem weitergeben.
Das ist der Kern des Problems, und deshalb muss man Nutzungsrecht und Modell trennen: Das Nutzungsrecht gilt nur für den Kunden beziehungsweise die Leserin selbst – nicht für die Engine dahinter. Mein Agent lizenziert einen Inhalt so, dass er nur in meinem Kontext verfügbar ist. Ähnlich wie Unternehmen heute ihre internen Daten schützen, wenn sie mit KI arbeiten.
Heute sieht das noch anders aus: KI-Firmen saugen Verlagsinhalte massenhaft ab, ohne zu zahlen.
Es gibt aktuell keine wirksame technische Hürde. Und die großen Medien-Deals – etwa zwischen Axel Springer und OpenAI (Öffnet in neuem Fenster) – sind aus meiner Sicht noch keine nachhaltigen Erlösmodelle. Irgendwann rechnen die KI-Firmen nach, und dann fällt für den Verlag dieser Umsatzstrom weg. Langfristig braucht es ein Modell, bei dem Nutzer Inhalte für ihren eigenen Kontext lizenzieren – und die Inhalte nicht in den großen gemeinsamen KI-Pools landen.
Der Pilot läuft
Ist das noch Zukunftsmusik, oder gibt es das schon?
Das läuft bereits. Mit BTC Echo (Öffnet in neuem Fenster), einem der größten deutschsprachigen Krypto-Medien, setzen wir gerade einen ersten Live-Piloten um: Der Agent findet über maschinenlesbare Metadaten die passenden Artikel, sieht den Preis – etwa ein bis zwei Cent –, bezahlt per Wallet und liefert den Inhalt aus. Es sind aber auch schon ein paar weitere Piloten mit Medien und Datenlieferanten aus anderen Branchen in Umsetzung.
Du suchst gerade Publisher, die das ausprobieren. Können auch Blaupause-Leser:innen teilnehmen?
Sehr gern. Besonders spannend sind Publikationen mit privater und geschäftlicher Leserschaft oder mit Forschungsbezug. Wir sprechen etwa mit einer großen Forschungseinrichtung aus Deutschland und einer auf Finanzen spezialisierten Zeitung, aber auch mit reinen Newsletter-Publishern. Mindestgrößen gibt es nicht. Wir übernehmen derzeit die Setup-Kosten für Pilotpartner komplett und richten alles individuell ein – jedes Projekt hat andere Lizenzmodelle, Mengen und Gebühren. Wer früh dabei ist, kann sich als Pionier der KI-nativen Inhalte-Distribution positionieren. ◼️
Peter Grosskopf hat die Solarisbank mitgegründet, die Digitalbörse der Börse Stuttgart als CTO aufgebaut und ist heute CTO/COO von AllUnity, einem Joint Venture von DWS, Flow Traders und Galaxy, das als von der BaFin lizenziertes E-Geld-Institut den ersten deutschen, regulierten Euro-Stablecoin (EURAU) herausgibt.
Lust, das selbst auszuprobieren? Trag dich ins Formular (Öffnet in neuem Fenster) ein, wenn du beim Piloten dabei sein willst – wir melden uns dann mit allen Details. Der Aufwand für dich ist minimal, und die Setup-Kosten übernimmt aktuell AllUnity.
Die Blaupause macht Sommerpause im Blauen. IDanke für’s Lesen, und ich wünsche dir einen entspannten August.
Bis September!
👋 Sebastian
PS:
Du kannst was gewinnen: Abo-Experte Lennart Schneider (Blaupause-Leser:innen kennen Lennart gut) hat ein sehr empfehlenswertes Buch über Abos geschrieben, es ist soeben erschienen und Pflichtlektüre für alle, die Abos verkaufen wollen. Ich verlose ein Exemplar – antworte mir einfach auf dieser Mail, um an der Verlosung teilzunehmen (Rechtsweg ausgeschlossen).

Der Journalist über Newsletter: Kira Brück beschreibt, wie Newsletter freien Journalist:innen, Reichweite aufzubauen – und manchmal sogar zu lukrativen Geschäftsmodellen. Ich darf auch etwas sagen.
Spannende Geschichte beim Wall Street Journal (Öffnet in neuem Fenster) (kostet Geld): Große Verlage wie Politico, The Economist und Reuters erwägen ernsthaft, Google auszusperren. Denn Googles ausgeweitete KI-Suchfunktionen saugen Traffic ab und hebeln die Geschäftsmodelle der Verlage zunehmend aus. Kern des Problems: Google trennt seinen Crawler nicht. Wer Google die KI-Nutzung verbietet, fliegt zugleich aus dem Suchindex. Was Monopolisten halt so machen.

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