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In der Klinik 

von Mika

Es ist der vierte Morgen an dem ich gerädert aufwache. Und das, obwohl ich für meine Fähigkeit bekannt bin, überall und immer einzuschlafen. Immerhin, ich schlafe ein, aber wache eben ständig auf, liege dann stundenlang sinnlos rum und frage mich, was das soll. 

Manchmal geht’s dann wieder, aber heute bin ich seit 3:30 (fast wie früher!) wach, sitze mit einem Automatenkaffee vom 1. Stock in meinem Bett und versuche das beste draus zu machen. Vielleicht ist es der diffuse Muskelkater des Wirbelsäulentrainings, vielleicht das Bett, vielleicht der Kopf. Oder es liegt daran, dass die Zeit hier einfach anders läuft. Sie ist zerstückelt durch Frühstück, Mittag, Abendessen, wird beendet durch die Nachtruhe und ab 5 Uhr morgens darf man den Aufzug wieder benutzen. Dazwischen ist ganz viel Nichts oder auch ganz viel Viel. Aber immer tickt die Uhr scheibchenweise, sodass ich meinen Gedanken, mit dem Rauchen aufzuhören, erst einmal wieder verwerfe, weil die Tätigkeit, die am besten in scheibchenweise Zeiteinheiten passt, leider das Rauchen ist. Ich glaube, es wurde dafür erfunden, 10 Minuten rumstehen zu können, bis die Wassergymnastik anfängt. Bei den Rauchern ist es außerdem ziemlich nett – Sie haben Plastikstühle mit Sitzkissen draußen, sie haben Meisenknödel aufgehängt und grüßen die Mäuse, die morgens und abends an den Plätzen vorbeilaufen. Als Nichtraucher sitzt man auf einer der Metallbänke, die genau so stehen, dass man sich nicht von einer zur nächsten unterhalten kann und an denen ein Schild hängt, dass man auf ihnen nicht rauchen darf. Wer würde auf einer dieser menschenunfreundlichen Metallstreben Rauchen wollen, wenn es das Meisenknödelparadies am oberen Parkplatzrand gibt?

Weil das hier eine psychosomatische Klinik ist, gibt es viel Sport. Weil das Gesundheitssystem heruntergewirtschaftet ist, gibt es wenig Psycho. Die ADHS-spezifische Gruppe, wegen der ich hier bin, ist gerade voll und man weiß noch nicht genau, wann dort wieder Platz frei ist – Vielleicht in zwei Wochen, vielleicht in drei. Das sagt meine Bezugstherapeutin, die ich eine halbe Stunde pro Woche sehe. Überhaupt scheinen sich alle ein bisschen zu schämen: Die Psychologin, die natürlich weiß, dass eine halbe Stunde zu wenig ist. Der Chefarzt, der innerhalb von 10 Minuten meine Reha-Fähigkeit attestieren muss. Die Ernährungsberaterin, die nach dem Kantinenessen gefragt wird. Der Hausdienst, der uns erklärt, dass wir klinikeigene Trinkflasche kaufen müssen, um die Wasserspender benutzen zu dürfen. Und schämen tun sich natürlich auch die Patient:innen, dass sie überhaupt hier sind und jetzt auch noch Wasserflaschen kaufen müssen.

Ich weiß nicht, ob es diese Scham ist, die sich bei vielen hier in der Art zu sprechen zeigt: Da ist zum einen die gut gelaunte übertriebe Freundlichkeit der Depressiven, das Sprüche klopfen und Witzchen machen, so als sei man hier aus Versehen reingestolpert und würde jetzt einfach mal eine gute Zeit haben wollen. Zum anderen ist da die aggressive Verteidigung, eine Empörung über Klinikpersonal, Extrakosten und Therapiepläne, ein ständiger Strom der Anklage, die im Grunde eine Anklage gegen das Leben ist. Irgendwo dazwischen sind wir alle und manche wechseln im Minutentakt.

Bei mir kickt auf jeden Fall das Training der letzten Jahre, mich um meinen Scheiß zu kümmern. 

Bei mir kickt auf jeden Fall das Training der letzten Jahre, mich um meinen Scheiß zu kümmern. Ich finde eine Handvoll exzellenter Leute, gründe direkt mit ein paar davon eine eigene ADHS-Selbsthilfegruppe und male am Nachmittag meine Gefühle mit den Aquarellfarben, die ich mitgenommen habe. Vorbeigehende zeigen sich völlig fasziniert von dieser Option und ich bin froh, dass ich zwei Kästen mitgenommen habe, sodass ich meine Farben mit allen teilen kann, die auch Gefühle malen wollen. Ich frage ziemlich viele Leute, ob sie Schach spielen und finde tatsächlich einen. Ich biete ihm an, dass er eine Revanche bekommt, wenn bei uns beiden die Medikamente richtig gut kicken.

Wir sind alle gleich

von Mia

Mein Ex-Ex-Freund (der Russe) ruft mich an und sagt: »Ich bin gerade in deiner Nähe, wollen wir spazieren gehen?« Ich habe gerade gute Laune, die Sonne scheint und wir haben uns seit einem Jahr nicht mehr gesehen, also treffe ich ihn draußen an der Ecke und wir kaufen uns Kombucha Limo im Späti.

Nachdem wir uns zwei Blöcke lang auf den neusten Stand gebracht haben – ich erzähle ihm, dass er ein ganzes Kapitel in meinem Buch bekommt und er ist total begeistert und versucht mich davon zu überzeugen, seinen echten Namen zu verwenden – sagt er: »Frag mich mal bitte, warum ich nicht trinke!« Ich frage ihn, warum er nicht trinkt. Und er erzählt mir, dass er schon seit mehreren Wochen (!) nicht mehr trinke, weil er bei seinen letzten Magenproblemen einen hypochondrischen Anfall hatte und da er immer noch chronisch ohne Krankenversicherung ist, sah er seine einzige Möglichkeit darin, das Trinken einzustellen.

Dann erzählt er mir all die tollen Sachen, die seither passiert sind – nicht nur seien die Schmerzen verschwunden! Er fühle sich außerdem wahnsinnig gut und es sei überraschend einfach, sogar auf Parties!

Ich hatte schon seit einiger Zeit das Gefühl, dass er sich heimlich über Alkoholabhängigkeit informiert. Ich habe mal »Dry« von Augusten Burroughs bei ihm liegen sehen.

»Das ist toll«, sage ich, und ich erinnere ihn daran, dass wir unsere erste Trinkpause damals gemeinsam gemacht haben. Eine kleine Insel kühlen Friedens in dem unkontrollierbaren Flächenbrand unserer Beziehung. »Trinkpausen sind eines der erste Anzeichen einer beginnenden Abhängigkeit«, sage ich. Abhängigkeit will er es aber noch nicht nennen, sagt er. Es sei schließlich so einfach gewesen, aufzuhören. »Ja, das Problem ist auch eher, dass man immer wieder anfängt«, sage ich gefühlt zum tausendsten Mal zu jemandem, der sich noch wer weiß wie lange auf der falschen Seite einer geduldig wartenden Kapitulaton herumdrückt. »Ach, von Zeit zu Zeit mal so ein Weinchen, das geht bestimmt«, sagt er leichthin.

Ich habe glücklicherweise keinerlei Bedürfnis mehr, Leute zu überzeugen oder ihnen etwas von meinen Erfahrungen zu mitzugeben. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich sehen kann, was sie nicht sehen und dass ich mich in diesem Thema niemals irre.

»Es sind nicht alle gleich«, sagte meine Freundin Paloma vor Jahren mal zu mir, als ich den Alkoholismus eines gemeinsamen Bekannten ansprach. »Nur weil du das erlebt hast, heißt das nicht, dass es für andere genauso laufen muss.«

Das stimmt, Menschen sind unterschiedlich. Aber Drogen sind grausame Gleichmacher. Sie unterwerfen uns ihren Regeln, begrenzen unsere Beweglichkeit, pressen uns in ihre Form. Und je enger die Umklammerung wird, desto weniger Individualität bleibt übrig. Je länger du mit ihnen tanzt, desto schneller werden sie gewinnen. Und sie gewinnen immer. 

Ich kann niemanden zu der Stelle führen, die ich gefunden habe, leider nicht, ich kann nur hoffen und daran glauben, dass jede, die sie sucht, sie letztendlich finden wird.

»Man kann sich ohnehin nur etwas zeigen lassen, was man schon weiß, schon braucht. Jemandem etwas zu zeigen, läuft darauf hinaus, den letzten dünnen Film zu entfernen, der ihn daran hindert, zu sehen, worauf er blickt.« — Denise Levertov

Bis nächste Woche 💙

Mia + Mika

Kategorie Bi-Weekly

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