Diese Woche haben wir für alle Mitglieder eine Leseprobe aus »Gleichstellung: Sex zwischen Wunsch und Wirklichkeit« von Cleo Libro.
Es geht um den sagenumwobenen weiblichen Orgasmus und was passiert, wenn er verschwindet.
Als Mitglied kannst du außerdem eins von drei Exemplaren gewinnen. Schreib eine Mail an hallo@sodaklub.com (Öffnet in neuem Fenster) mit dem Betreff »Gleichstellung«. Und habe Glück 💙
SodaKlub Live
16. Mai in Dresden (Infos folgen)
9. August in München auf dem OAMN-Sommerkongress (Öffnet in neuem Fenster)
Mika Döring Live
3. April in Bielefeld, Vortrag im Rahmen des CRA-Kongress (Öffnet in neuem Fenster)
24. April Online Talk zu ADHS & Sucht (Infos folgen)
Mia Gatow Live
4. April 19:00 Lesung in München: Kultur im Trafo, 10 Euro
29. April 19:30 Lesung in Hamburg: Cantina Fux+Ganz, 14 Euro
Orgasmus, wieso hast du mich verlassen?
aus Gleichstellung von Cleo Libro
Enttäuscht ziehe ich die Hände unter der Decke hervor. Auch die Tränen kann ich nicht mehr zurückhalten. Ich weine Tränen der Frustration, weil es schon wieder nicht geklappt hat. Weil mein Versuch der Selbstbefriedigung mal wieder äußerst unbefriedigend abgelaufen ist. Schon seit Monaten geht das so, und ich kann mir nicht erklären, warum.
Verzweifelt schluchzend setzte ich mich auf die Bettkante. Was in den Augen anderer Menschen vielleicht eine etwas dramatische Reaktion ist, ist mein erstes wirkliches Ventil nach einer langen Zeit, in der ich eine schleichende und unaufhaltsame Verschlechterung in der Qualität meiner Solo-Orgasmen feststellen musste. Nach den ersten missglückten Versuchen, mich allein zu einem intensiven Höhepunkt zu bringen, hatte ich mir noch keine Sorgen gemacht. Die Orgasmusqualität oder sogar die Fähigkeit zu kommen sind bei mir nicht selten tagesformabhängig. Aber als auch nach mehreren Wochen des Probierens keine Besserung in Sicht war, wurde ich so langsam nervös.
Als ich eines Morgens nach einem weiteren gescheiterten Versuch unter der Dusche stand, begann ich, die Entwicklung meiner Selbst-Unbefriedigung bewusster zu reflektieren:
Ob allein oder während dem Sex mit anderen – die Freiheit, mich zu befriedigen, wann ich wollte, oder auch, mir die Langeweile, den Stress, die schlechte Laune oder einfach die Zeit zu vertreiben, hatte ich immer als etwas Selbstverständliches angesehen. Die Freiheit, mich nur nach meiner eigenen Lust richten zu können, meinem persönlichen Tempo, in dem Rhythmus, der es mir am besten bringt und mich zuverlässig Höhepunkte erleben lässt, war mir wichtig, ohne zu wissen, wie sehr. Mir war zwar bewusst, dass meine Freiheit zur Masturbation etwas Großartiges war, etwas, das mich unabhängig vom Vorhandensein etwaiger Sexpartner*innen agieren ließ. Aber ich hätte meine Masturbationspraxis wahrscheinlich mit ganz anderen Augen betrachtet, hätte ich geahnt, dass ich diese Freiheit einmal verlieren würde.
Was ich aber nicht verloren hatte, war meine physiologische Fähigkeit, einen intensiven Orgasmus zu erreichen. Das wusste ich sicher, weil die Ergebnisse meiner eigenen und auch fremder Stimulation beim Paarsex zur gleichen Zeit genauso befriedigend und intensiv waren, wie ich es gewohnt war. Da ich nur beim Solosex nicht mehr auf meine Kosten kam und ansonsten schon, schloss ich eine hormonelle oder anderweitig physiologische Schieflage bei mir als Grund für die Veränderung aus.
Allerdings war es auch nicht der Fall, dass ich keine Zeit mehr für mich und meine Solosexbeziehung gehabt hätte. Und es ging mir auch nicht um den häufig bei Frauen beobachteten und beklagten allgemeinen Libidoverlust. Ich hatte Bock. Ich hatte die Zeit für mich. Ich hatte das Wissen über meine Vorlieben. Aber ich hatte auch irgendwo im Jahr 2019 die Fähigkeit verloren, mich alleine zu einem befriedigenden Höhepunkt zu bringen.
Ich kam zwar zu einem Orgasmus, aber er war einfach nicht geil. Er war meistens nicht einmal gut, sondern fühlte sich eher wie eine leere Hülle seiner selbst an. Ein ausgestanzter Abklatsch von dem, was ich schon so oft als intensiv, erfüllend und schlichtweg mindblowing empfunden hatte. Und das Frustrierendste war, dass ich mir keinen Reim darauf machen konnte, weshalb meine Orgasmusqualität so gelitten hatte. Also begann ich noch am selben Tag, panisch das Internet nach Erfahrungsberichten oder Tipps anderer Betroffener zu durchsuchen. Aber auf was stieß ich, als ich die Stichworte »Masturbations-« oder »Orgasmusschwierigkeiten« recherchierte? Hier eine kurze Zusammenfassung:
In einschlägigen Frageforen war das Thema Masturbation ausschließlich von sehr jungen männlichen Fragestellern dominiert, die wissen wollten, ob ihr Verhalten »normal«, »schon krankhaft« oder schlicht »zu wenig« sei. Fragen zu Masturbation ohne Penis werden zwar von den führenden Online-»Frauenmagazinen« und Sexshop-Websites besprochen, aber augenscheinlich, ohne dass sie jemals von realen Personen gestellt wurden. Die initiale Ratsuche, die dem lohnenden Verfassen solcher Artikel vorausgegangen sein muss, wo findet sie statt? In privaten Briefen an die Redaktion? In den Online-Kontaktformularen ans Dr.-Sommer-Team? Warum die Heimlichtuerei? Traut sich keine weibliche oder weiblich gelesene Person, im Netz nach Selbstbefriedigung zu fragen, weil ihr vielleicht von allen Seiten suggeriert wird, dass Fragen dazu immer noch nur per Flüsterpost gestellt werden dürfen? Glaubst du nicht? Es gibt große Online-Magazine, die beim Stichwort Selbstbefriedigung immer noch von den »geheimsten Geheimfragen der Leserinnen« sprechen. Ja, so hab ich auch geguckt.
Tipps und Hinweise zur Selbstbefriedigung mit einer Klitoris, das will ich hier nicht unterschlagen, gibt es zuhauf. Allerdings richten sie sich größtenteils an Anfänger*innen auf dem Gebiet, die noch nie einen Höhepunkt mit sich selbst erlebt haben und ermutigt werden sollen, sich mit ihrem eigenen Geschlecht zu befassen. Diese Ermutigung finde ich toll, don’t get me wrong.Noch schöner wäre das alles aber, wenn nicht ein erdrückender Großteil dieser Tipps auf Konsum ausgerichtet wäre. Wüsste ich nicht aus eigener Erfahrung, dass ich die geilsten Momente mit viel Zeit und nichts als meinen beiden Händen erlebt habe, ich würde glauben, ohne ein Arsenal aus Dildos, Gleitgelen, Duftkerzen und Vibro-Eiern wäre an standesgemäße Stimulation nicht zu denken. Nicht zu vergessen, die richtigen erotischen Hörbücher und das unverzichtbare Schaumbad, um überhaupt in Stimmung zu kommen. Und generell habe ich gegen all diese Dinge tatsächlich nichts einzuwenden. Vieles davon hat sich über die Jahre auch in meiner Sockenschublade angesammelt. Und staubt dort vor sich hin, weil ich den in allen Varianten von Pink und Violett leuchtenden Nippes so, so selten nur heraushole, wenn mich die Lust überkommt. Aber Anfänger*innen auf diesem Terrain haben keinen Plan davon, dass der Schlüssel nicht im Werkzeug liegen muss, sondern dass die Reise erst einmal bei ihnen selbst beginnen sollte. Wie gut, dass sie im Netz nicht auf als Aufklärung maskierte Werbeanzeigen stoßen, sondern auf tatsächliche Hilfe.
Wer besteht auf ihr Vergnügen?
Es wird deutlich, bei der Suche nach Masturbationsanleitungen stieß ich nicht auf Quellen, die mir dabei halfen, mein Orgasmusgefühl wiederzubeleben. Also änderte ich meine Suchanfragen auf das Stichwort »Orgasmusstörung« ab: Der öffentliche Diskurs über Orgasmusstörungen bei Frauen dreht sich jedoch vornehmlich um das Ausbleiben des großen Ohs beim Paarsex, nicht bei der Selbstbefriedigung. Die Hauptaussagen, die sich online beispielsweise in einem Artikel der Women’s Health, aber auch an vielen anderen Stellen finden lassen, beschränken sich erstens auf zu viel Stress und zu hohen Erwartungsdruck als Faktoren, die den Höhepunkt verhindern können. Und zweitens auf die Bemerkung, dass Sex ja auch ohne Orgasmus schön wäre.
Da frage ich mich schon, ob man das auch Menschen mit Erektionsstörungen bereits im zweiten Satz sagen würde: »Schade für dich, aber du kannst ja auch Freude empfinden, wenn du einfach nur deinen*e Partner*in zum Höhepunkt kommen siehst.« Oder ob man diesen Leuten nicht einfach eines der vielen Präparate verschreiben würde, die bei erektiler Dysfunktion helfen können. Und die gibt es, weil es offenbar einen Markt, also einen Leidensdruck bei Menschen mit Penis gibt, die indirekt durch mangelnde Erektionsfähigkeit auch keine Orgasmen erleben.
Fühlen Menschen mit Klitoris einfach nicht denselben Leidensdruck, weil es ihnen schlicht nicht so wichtig ist, ob sie kommen? Eine sexualwissenschaftliche Untersuchung von Forscher*innen der Universitäten von Amsterdam und Vermont hat schon im Jahr 2011 herausgestellt, dass die von ihnen befragten Frauen weniger beunruhigt oder unzufrieden auf ausbleibende Orgasmen beim hetero Paarsex reagieren als die befragten Männer.9 Allerdings berichteten die weiblichen Teilnehmenden durchaus, dass es für ihre sexuelle Befriedigung sehr wichtig sei zu kommen. Sie waren schlichtweg im Gegensatz zu den männlichen Befragten viel stärker an den Umstand gewöhnt, dass heterosexuelle Interaktion kein Orgasmusgarant ist, und reagierten deswegen nicht mit so großer Enttäuschung wie die Männer.
Ein weiteres Missverständnis ist, dass die Häufigkeit der Höhepunkte vornehmlich von der körperlichen Fähigkeit der Frauen, einen Orgasmus zu bekommen, beeinflusst sei. Ganz anders ist es aber der Grad der »sexuellen Autonomie«, der bestimmt, wie oft eine Frau beim Paarsex die Klimax erreiche.
Selbstbestimmter Sex bringt also offenbar mehr Orgasmen? Na, wenn das kein Argument ist, dann weiß ich auch nicht weiter.
Jedenfalls möchte ich, egal, ob im Kontext von Paar- oder Solosexualität, nicht mehr hören, dass es Frauen ja auch nicht so wichtig sei, ob sie kommen. Daune Stein, eine befreundete Autorin, hat ihre Anspruchshaltung zum Höhepunkt, die auch ich teile, in einem Artikel für den Playboy sehr treffend folgendermaßen beschrieben: »[…] die Behauptung, ein Orgasmus ›sei gar nicht so wichtig‹, war mir schon immer zutiefst suspekt. […] Ich kann nur für mich sprechen, aber wenn ich Hunger hab, dann esse ich auch gerne, bis ich satt bin.«10 Besser hätte ich nicht in Worte fassen können, was ich hinsichtlich der Priorität von Orgasmen fühle – insbesondere beim hetero Paarsex. Doch dabei findet in mir ein ständiges Abwägen statt: Wie sehr bestehe ich heute auf mein Vergnügen? Wie viel Zeit und Kommunikationsversuche stecke ich in das gerade stattfindende Schäferstündchen und ab wann behelfe ich mir lieber schnell selbst? Oder lasse es einfach ohne Oh gut sein?
In den Quellen, die ich auf der Suche nach einer Lösung meines Orgasmusproblems konsultierte, beschränkte sich der Kontext dieser Schwierigkeiten ausschließlich auf heterosexuellen Paarsex und die Suche nach der Wurzel des Problems extrem stark auf die Psyche oder den Körper der Frau, die besagtes Problem hat. Nur in einem Nebensatz wurde erwähnt, dass auch die Möglichkeit bestünde, dass der*die Partner*in schlicht unbegabt oder wenig einfühlsam sein könnte und es deshalb beim Sex nicht bringe. Jedenfalls wird als Maßnahme bei Schwierigkeiten, einen Höhepunkt beim Paarsex zu erreichen, Trommelwirbel, Training in Form von Selbstbefriedigung empfohlen! Also entpuppte sich meine Recherche auch an dieser Stelle als Sackgasse für mich, da die Problemstellung andersherum – Frau kommt beim Paarsex, aber nicht während der Masturbation – nicht öffentlich zu existieren schien.
Also ging ich noch einen Schritt weiter und wandte mich der Medizin zu: Um den Verlust des Orgasmusgefühls beziehungsweise dessen Intensität drehen sich wiederum nur kurze Artikel aus sexualmedizinischen Quellen. Die sprechenden Namen der Websites dieser Quellen kennzeichnen sie unmissverständlich als Spezialquellen für »Männergesundheit«11. Die beschriebenen Symptomatiken von Anorgasmie bzw. PDOD (»Abnahme des Orgasmusgefühls«) klingen tatsächlich speziell, und obwohl sie meinen Erfahrungen ähneln, treffen sie den Nagel nicht auf den Kopf.
Bedeutet das, dass mein Problem zu selten auftritt? Haben sonst nur Menschen mit Penis und auch von denen nur ein kleiner Prozentsatz mit einem unbefriedigenden Orgasmusgefühl zu kämpfen?
Schwierig zu leugnen ist im Zuge meiner Nachforschungen allerdings der Eindruck, dass »weibliches« Vergnügen beim Solo- oder Paarsex einfach keine besonders große Rolle spielt. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso Problematiken wie Orgasmusstörungen bei Personen mit Klitoris kein Thema eines öffentlichen Austauschs sind. Stattdessen wird man überschwemmt mit Artikeln, Ratgebertexten und Kommentaren, sobald man nach Problemen mit oder Lösungen für »weibliche« Unlust auf Sex mit ihrem Partner sucht.
Wenn ich im Nachgang eines verstanden habe, dann, dass es allein das Problem der heterosexuell aktiven Frau ist, wenn sie nicht kommt. Es muss laut Internet an ihrem Körper oder ihrer Psyche liegen, auch wenn die gering bestehende Forschungslage etwas anderes vermuten lässt (nämlich ein Problem mit der allgemeinen Anspruchshaltung an ihr Vergnügen). Offenbar müssen wir alle einfach nur ein bisschen mehr über unsere Bedürfnisse reden und weiter masturbieren, um wenigstens selbst für unser Vergnügen zu sorgen. Und wenn das auch nicht hilft, ja, dann schließen wir halt beim Sex wieder die Augen und denken an England.
Gleichstellung: Sex zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ein feministischer Selbstversuch ist erschienen bei Knaur (Öffnet in neuem Fenster).