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Geld oder Liebe

von Mia

Als ich so um die neun war, gab es einige wenige Fernsehsendungen, die ich mit den Erwachsenen gucken durfte, eine davon war Geld oder Liebe, eine Single-Spielshow mit Jürgen von der Lippe in bunten Neunziger-Jahre-Glanzwesten – von der es heute noch eine original Episode von 1993 auf Youtube (Öffnet in neuem Fenster) zu sehen gibt, angesichts derer ich vollkommen schockiert war, wie antiquiert und lange her sie sich anfühlt und aussieht, man hat den Eindruck, 1993 sei nicht 30 Jahre her, sondern mindestens 50 – die Klamotten! Die Special Effects! Das dopaminarme Tempo! Dieter macht was mit Computern!

Jedenfalls lief die Show so ab, dass sechs freche Singles mit Karottenjeans und Dauerwellen in wechselnden Paar-Konstellationen gemeinsam Spiele machen, dabei Geld gewinnen und sich zum Schluss entscheiden müssen – entweder für ein Date miteinander (Liebe) oder für die Kohle (Geld). Es war eins der großen Rätsel meiner Kindheit, warum zur Hölle die nicht einfach das Geld nehmen und sich nach der Show heimlich treffen.

Nimm die Kohle, wer weiß, wanns das nächste Mal was gibt, die Liebe ist sowieso spannender, wenn sie ein bisschen verboten ist, so sah ich das mit Neun. Und neunzehn. Und neunundzwanzig.

Letzte Woche bekomme ich dann das erste Angebot für mein Buch. Ein Verlag will mir Geld für etwas geben, das ich liebe. Ziemlich viel Geld. Mehr Geld, als ich je auf einen Schlag verdient habe. Ungefähr doppelt so viel, wie für erste Bücher normalerweise bezahlt wird. Ungefähr so viel wie ein mittelgroßer CEO im Monat verdient. Also echt viel. Meine Agentin ist entzückt und sagt, mehr Geld werden wir wahrscheinlich nirgendwo sonst kriegen.

Das Problem: die Kohle wird von einem Verlag geboten, der nicht unbedingt mit Style punkten kann. Ein Verlag, der wahrscheinlich unter anderem deswegen groß wurde, weil er nicht besonders sexy ist.

Ich stelle mir die fragliche Summe als Plus auf meinem Konto vor. Ich müsste keine Angst mehr vor meinem Kontostand haben. Ich könnte mein restliches Bafög auf einen Schlag zurück zahlen und sogar Geld anlegen, beispielsweise um die knapp 400 Euro Rente, die es voraussichtlich in 30 Jahren gibt, ein bisschen aufzustocken.

Aber ich machte mir stattdessen Sorgen: Was, wenn die mir ein hässliches, deutsches Cover aufzwingen? Was, wenn mein Buch am Ende aussieht wie der Umschlag der Glamour? Was, wenn mich danach nie wieder jemand ernst nimmt?

Es ist das uralte Problem: Geld oder Liebe, Kunst oder Kommerz, High oder Low, U oder E, in Deutschland sind diese Sachen immer noch ziemlich stark getrennt, weil die Deutschen unglaublich auf ihre Regeln und Systeme abfahren. Das Klischee von der brotlosen Kunst trägt weiter dazu bei. Schon hundert Mal hatte ich mit Mat den Streit: Brot oder Kunst. Als ich letztes Jahr für den Playboy schrieb, kriegte Mat tagelang seine Augenbrauen nicht mehr runter. Er ist immer so sehr auf der Seite der reinen, von materiellen Interessen unbefleckten Kunst, dass er jede Aktivität, die in Richtung kreativer Dienstleistung geht, als »Opportunismus« bezeichnet und sogar in Kauf nimmt, tatsächlich phasenweise kein Geld für Essen zu haben – eine Konsequenz, die ich durchaus bewundere ­– während ich das billigste aller Totschlag-Argumente aus dem Ärmel ziehe und behaupte, er sei doch bloß neidisch.

Natürlich ist es das beste, wenn alles zusammen kommt. Wenn etwas, das richtig gut ist, gleichzeitig Geld macht. Wenn etwas leicht konsumierbar, tiefsinnig UND kommerziell erfolgreich ist und dabei auch noch geil aussieht.

Aber wenn ich mich unbedingt entscheiden muss, bin ich klar Team Kommerz. Ich mochte Lifestyle und Popkultur immer schon lieber als bildungsbürgerliche Status-Kunst, klassische Musik macht nichts mit mir, wenn ich die Wahl habe, mir Hamlet im Theater anzugucken oder Legally Blonde im Kino, fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Und wie privilegiert ist es eigentlich, Geld abzulehnen, weil man eine Vision von sich selbst wichtiger finden kann als Geld?

Eigentlich müsste ich also die Kohle nehmen und mich grün und blau freuen. Ich habe doch nur Angst vor dem Cover, sagte ich mir, was am Ende drin steht ist doch GENAU DAS GLEICHE. Aber ich kann es nicht. Ich kann mein Buch nicht raus in die Welt gehen lassen in einem (möglicherweise) unpassenden Outfit.

Meine Agentin versteht das alles sehr gut, erklärt mir die Vorteile und Nachteile eines großen vs. kleinen Verlages und sie sagt, sie macht alles, was ich will und werde also meinem Kindheits-Ich untreu und wähle Liebe statt Geld. Ich will mich erstmal noch ein wenig auf dem Markt umsehen, bevor ich vor den Altar trete, ich will erstmal noch eine Abfuhr von KiWi kassieren und ein haarsträubend niedriges Angebot von einem anderen, stylischen und avantgardistischen Verlag kriegen, der mir alle Freiheiten lässt. Meine Agentin sagt, alles klar, sie kümmert sich drum.

Ich danke ihr und sagte, dass es das beste Problem ist, das ich je hatte, woraufhin sie sehr lacht.

Kategorie Bi-Weekly

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